Autor: Norman Kietzmann
Welche Form hat die Zeit? Fernab der traditionellen Uhrenmanufakturen haben immer mehr Designer die Zeit als Gestaltungsthema für sich entdeckt. Die Mailänder Triennale widmet diesen Arbeiten, die bewusst die Grenze zur Kunst überschreiten, derzeit die Ausstellung O‘Clock Time Design, Design Time. Zu sehen sind keineswegs nur Uhren, die präzise die Zeit wiedergeben, sondern ebenso ihren Lauf manipulieren oder sie sogar bewusst außer Kraft setzen. Das Ausstellungsdesign von Patricia Urquiola folgt dieser Idee und bietet einen Parcours in doppelter Geschwindigkeit.
Die Zeit ist ein flatterhaftes Wesen. Sie rennt, sie steht, macht einfach, was sie will und lässt dennoch keine andere Wahl, als sich mit ihr zu arrangieren. Doch bei aller Genauigkeit, die die Uhr tagtäglich vorschreibt: Die Zeit bleibt eine abstrakte Größe, deren Takt allein der Umdrehungsdauer unseres Planeten folgt und an jedem anderen Ort im Universum gänzlich anders definiert werden könnte. Wenn die Zeit also eine Erfindung ist, die nicht als absolut, sondern relativ gilt, liegt ihre Wahrnehmung im Auge des Betrachters.
Viele Zeitmesser, die in der von Silvana Annicchiarico und Jan van Rossem kuratierten Ausstellung zu sehen sind, spielen mit diesem Maß an Subjektivität. Sie messen die Zeit durch das Zeichnen von Kreisen, das Herabrollen von Fäden oder das Auslassen von Klängen. Trotzdem eine verbindliche Skala häufig fehlt – die die Zeit in Sekunden, Minuten und Stunden unterteilt – haben diese Uhren ihre Wirkung dennoch nicht verloren. Im Gegenteil: Sie messen die Zeit in den Maßstäben des Betrachters und setzten die vermeintlich reale Zeit, die die Uhr am Bahnhof verrät, ein Stück weit außer Kraft. Denn hat nicht jeder das Anrecht auf eine eigene Auszeit?
Die Lust auf Verlust
„Time you enjoy wasting is not wasted time“, brachte es John Lennon treffend auf den Punkt. Der Lauf der Zeit ist schließlich nicht an reine Effizienz gebunden, sondern darf ebenso Umwege nehmen. Dass hierbei bereits ein einfacher Knick genügt, zeigt die Uhr On Time (2009) des Designerduos Diamantini & Domenicioni für Fabrica. Äußerlich kaum zu unterscheiden von den minimalistischen Zeitmessern Max Bills oder Dieter Rams', verfügt der lange Minutenzeiger über einen ungewöhnlichen Knick. Dieser ist keineswegs prätentiös, sondern dient notorischen Zuspätkommern als praktischer Wink mit dem Zaunpfahl. Die Uhrzeit am äußeren Ende des Zeigers läuft fünf Minuten vor der tatsächlichen Zeit, die auf dem Abschnitt vor dem Knick ebenfalls zu lesen ist.
Dass zur Messung der Zeit lediglich zwei Punkte genügen, haben die Designer Leonardo Fortino und Andrea Bartolucci mit ihrer Uhr Revo für Spigoli Vivi Lab (2011) gezeigt. Auf einem spartanischen, weißen Ziffernblatt sind lediglich zwei Punkte aus feinem Eisenstaub zu erkennen, die von Magneten im Inneren der Uhr gehalten und bewegt werden. Die Designer animieren zur Kollaboration: Denn natürlich ergänzt unser Gedächtnis den fehlenden Mittelpunkt des Kreises und vervollständigt die beiden Punkte zu Zeigern und somit präzisen Instrumenten. Dennoch bringt der Eisenstaub die Fragilität der Zeit zum Ausdruck: Ein Fingerwisch über das Ziffernblatt würde genügen, damit die Zeiger ihren magnetischen Gegenpart verlören und am Boden tatsächlich zu Staub zerfielen.
Das große Schweigen
Wie die Wahrnehmung der Zeit beinahe schmerzhafte Züge annehmen kann, hat John Cage mit seinem vier Minuten und 33 Sekunden währenden Schweigen 4‘33“ deutlich gemacht, dessen Partitur in der Ausstellung zu sehen ist. Das Orchester sitzt bei diesem immer wieder aufgeführten Klassiker in voller Montur im Saal, der Dirigent erscheint und öffnet das Notenblatt und für eine gefühlte Stunde passiert nichts, außer dass lautes Atmen und Hustern die Stille unterbricht. Die Zeit scheint plötzlich stillzustehen, bis das Ende der Vorführung und die erleichterte Bewegung aller Beteiligten sie wieder in Gang setzt.
Das Fließen der Sekunden und Minuten sichtbar zu machen, ist der Sanduhr schon per Definition gegeben. Eine ungewöhnliche Neuinterpretation zeigte hierbei der Designer Carlo Bach mit seiner Arbeit Senza Titolo (2011). Der Sand fließt nicht wie üblich zwischen zwei gläsernen Kolben, sondern tritt aus dem Schlüsselloch eines verschlossenen Schranks heraus. Welche Zeit der Haufen Sand, der sich vor dem Schrank gesammelt hat, anzeigt, bleibt ebenso unklar wie die Dauer, in der diese Uhr noch funktionieren soll. Die Zeit scheint sämtliche Bezüge verloren zu haben und wirkt wie ein hilfloses Wesen, das sich im Nirgendwo verlaufen hat.
Auch die britische Künstlerin Corinne Quin führt mit ihrer Grandmother Clock (2004) einen archetypischen Zeitmesser ad absurdum. In einer schmalen, hölzernen Box ist lediglich das schwingende Pendel einer Wanduhr zu sehen, während die Zeiger vollends fehlen. Der Fluss der Zeit wird dennoch gemessen: in Form eines roten Fadens, der sich langsam aus dem Inneren der Uhr abrollt und ein wirres Knäuel zu Füßen des Pendels hinterlässt. Die verstrichene Zeit ist für den außenstehenden Betrachter nicht eindeutig ablesbar. Lediglich eine Person, die weiß, wie viele Millimeter sich der Faden am Tag herabrollt, wird den roten Fadenhaufen in Wochen, Monaten oder Jahren deuten konnten.
Analog statt digital
Maarten Baas' Serie Real Time Clock (2009) ist gleich mit zwei Arbeiten in der Ausstellung vertreten: die aufrecht stehende Grandfather‘s Clock, in deren voluminösen Korpus eine Person zu stecken scheint und den Zeiger mit einem Filzstift zur jeweils passenden Uhrzeit nachzeichnet. Entpuppt sich die Arbeit beim genauen Hinsehen als ein versteckter Bildschirm, wird die Sleepers Clock ganz ohne Täuschungsmanöver an die Wand projiziert. Das Prinzip ist auch hierbei dasselbe: Die Minuten- und Stundenzeiger werden von Menschenhand bewegt, wenngleich der Maßstab hierbei weitaus größer ausfällt. Baas ließ den Film in einem Industriegebiet bei Eindhoven aufnehmen, wo ein monotoner Boden aus Beton als Ziffernblatt der Uhr dient. Die beiden Zeiger bestehen aus Bergen von Erde und Abfällen und werden von zwei Personen in Echtzeit mit einem Besen weitergekehrt. Aufgenommen wurde die Arbeit von einer Kamera, die an einem Kran hoch über der menschlich gesteuerten Uhr schwebt.
Einen Zeitmesser, der weder Uhrwerk oder Zeiger benötigt, hat der Pariser Designer Mathieu Lehanneur mit seiner Serie Age du Monde entwickelt. Dieser übertrug das Alter der Bevölkerung von Brasilien, Russland und Frankreich in kegelförmige Behälter aus Keramik. Während bei Frankreich und Russland die Einschnitte der beiden Weltkriege sowie ein deutlicher Geburtenrückgang während der vergangenen 20 Jahre klar erkennbar sind, lässt sich das rasante Bevölkerungswachstum Brasiliens als konisch zulaufende Spitze ablesen. Das Ergebnis: Die Kegel bringen die demografische Entwicklung eines gesamten Jahrhunderts anschaulich auf den Punkt und lassen so Rückschlüsse auf politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Umbrüche zu.
Zwei Wege, zwei Geschwindigkeiten
Auch das Ausstellungsdesign von Patricia Urquiola folgt der Relativität der Zeit und unterteilt den Rundgang in zwei Geschwindigkeiten: einen „Fast Track“ wie am Flughafen, mit dem sich der Parcours durch die großformatige Ausstellung in Windeseile absolvieren lässt, und die eigentliche Ausstellung, die mit ihren verwinkelt positionierten Exponaten bewusst die Geschwindigkeit zu drosseln versucht. Grüngelbe Neonbänder führen vom Boden über die Sockel und Podeste hinauf zur Decke und erinnern an verzerrte Displays digitaler Uhren. Ganz am Ende des Rundgangs kommt, was kommen musste: eine futuristische Zeitmaschine, die Urquiola zusammen mit Moroso als eine Kreuzung aus Käfer und Raumkapsel gestaltete.
„Viele Künstler, Designer und Architekten, die ich bewundere, haben zu weit voraus gesehen, als dass sie von ihrer eigenen Zeit verstanden wurden. Aber dies muss kein Makel sein. Andere, weit weniger Glückliche, kamen einfach zu spät, mitunter auch nur eine Sekunde. Es ist nicht ihr Fehler, sondern geschah aufgrund eines Fehlers, einer Verspätung, eines unvorhersehbaren Ereignisses, der Tücke der Natur“, erklärt Urquiola den Anstoß zu ihrer Arbeit. Auch diese macht einen wichtigen Aspekt deutlich: Der Wunsch, die eigene Zeit hinter sich zu lassen, ist so alt wie die Wahrnehmung der Zeit an sich.
O‘Clock Time Design, Design Time
Triennale di Milano, noch bis zum 8. Januar 2012
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