Autor: Norman Kietzmann
Das Interesse am Weltraum ist wieder erwacht. Neue Satelliten senden Bilder vom Mars und weit entfernten Galaxien, während Unternehmen wie Virgin Galactic bereits Tickets für die ersten kommerziellen Flüge ins All anbieten. Können Ausflüge in die Schwerelosigkeit dabei auch zu neuen Perspektiven für das Leben auf der Erde führen? Dieser Frage gehen Greg Lynn, Michael Maltzan und Alessandro Poli in einer gemeinsamen Ausstellung nach, die derzeit im Kanadischen Architekturzentrum in Montréal zu sehen ist. Vierzig Jahre nach der Mondlandung führen ihre „Andere Odysseen im Weltraum“, so der Titel der Schau, zu einem beruhigenden Ergebnis: Der Blick auf die Erde wird durch die neuen Höhenflüge sogar geschärft.
Es war das größte Medienereignis des 20. Jahrhunderts. Und doch ereignete sich die eigentliche Sensation bereits sieben Monate, bevor die Astronauten von Apollo 11 am 21. Juli 1969 den Mond betraten. An Bord der Vorgängermission Apollo 8 umkreisten die Astronauten William Anders, Frank Borman und Jim Lovell als erste die dunkle Rückseite des Erdtrabanten und stellten zunächst nur eines fest: „Der Mond ist durchweg grau. Keine Farben. Er sieht aus wie die Fassaden von Paris – wie ein gräulicher Sandstrand“. Auf spektakuläre Bilder mussten sie aber dennoch nicht verzichten, wenngleich diese eher unerwartet ins Bild gerieten. Es war die Erde selbst, die plötzlich am Horizont des Mondes auftauchte und aus dieser Entfernung als Ganzes zu sehen war. Zum allerersten Mal.
Die eigenen Grenzen
Die Bilder, die von William Anders am 24. Dezember 1968 zur Erde übermittelt wurden, waren nicht nur faszinierend für die Wissenschaft. Sie veränderten das Denken einer ganzen Generation. Denn keine der früheren Missionen – angefangen beim ersten Weltraumflug des sowjetischen Kosmonauten Yuri Gagarin 1961 bis hin zu den ersten Flügen des amerikanischen Apollo-Programms ab Mitte der sechziger Jahre – vermochte ähnlich wirkungsvolle Bilder einzufangen. Die Krümmung der Erde war zwar bislang am Verlauf des Horizonts erkennbar gewesen. Doch wurde sie in ihrer Ganzheit und Fragilität bisher nie vor Augen geführt wie durch die Bilder von Apollo 8. Der Ausflug zum Mond entwickelte sich zu einer Reise zu uns selbst, die nicht nur den Umweltbewegungen der siebziger Jahre den Weg bereitete, sondern auch für die Gestaltung nicht ohne Folgen blieb.
Fußballfelder auf dem Mond
„Nach der Landung auf dem Mond kann die Architektur nicht länger sein, wie wir sie zuvor gedacht, dargestellt und gebaut haben ... keine Wolken, kein Wind, keine Schwerkraft, keine Konflikte, keine Geräusche und dann diese schmerzhafte Erkenntnis, wie klein wir sind, wenn selbst große Monumente und Gebäude so weit entfernt erscheinen, dass sie verschwinden,“ schrieb Alessandro Poli an Adolfo Natalini, mit dem er drei Jahre zuvor in Florenz die Avantgarde-Gruppe Superstudio gegründet hatte. Die Bilder, die die Astronauten von Apollo 11 von ihren Spaziergängen auf der Oberfläche des Mondes an die Erde gesendet haben, verfremdeten sie durch Collagen und platzierten Fußball-Felder, Seen, Schlauchboote oder ein Zirkuskarussell inmitten der kargen Umgebung, die auf diese Weise seltsam vertraut erscheint.
Das Interessante an Polis Arbeit ist, dass er nicht nach einer neuen architektonischen Sprache für das Bauen im Weltall sucht, sondern die bekannten Formen von der Erde gebraucht, um andere Planeten und Lebensformen zu entdecken. Die Architektur gewinnt enorm an Größe und verbindet Mond und Erde zu einer gigantischen, interplanetarischen Autobahn. Der 1972 von Superstudio produzierte Film „Architettura interplanetaria“ wird zu einem Spiegel unserer eigenen gebauten Umgebung, in der die Dimensionen nicht selten auf ähnliche Weise aus dem Ruder laufen. Der Witz und Charme, den Alessandro Polis Zeichnungen, Collagen und Filme auch nach vierzig Jahren noch entfalten, ist beeindruckend. Zu sehen sind in der Ausstellung neben diesen zahlreiche Briefe und Notizbücher, die die Gründung und die ersten gemeinsamen Arbeiten von Superstudio im Florenz der späten sechziger Jahre dokumentieren.
Die Umkehrung der Welt
Ging es für sie darum, den Mond mit architektonischen Interventionen an die Erde anzunähern und nicht umgekehrt, lässt Greg Lynn – mit einem zeitlichen Abstand von vierzig Jahren – die Grenzen der Schwerkraft bewusst hinter sich. Zusammen mit Studenten der University of California in Los Angeles (UCLA) sowie der Hochschule für Angewandte Kunst in Wien schuf er mit seinem Film „Divide“ neue Lebenswelten im All. Als Vorbild dienten ihm dabei Studien für Raumkapseln, die der amerikanische Physiker Gerhard O‘Neill mit seinen Studenten an der Princeton University 1969 entwickelt hatte. Konzipiert für 10.000 Bewohner glichen sie übergroßen Zylindern, die durch die Rotation um die eigene Achse Gravitation erzeugen. Das Leben findet hier nicht auf der Oberfläche, sondern auf der Innenseite der gigantischen Raumkörper statt. Lynn übertrug dieses Prinzip und formte daraus vier im Raum schwebende „N.O.A.H.“ (New Outer Atmosphere Habitat), die als künstliche Lebenswelten sowohl von ihrer Innen- und Außenseite bewohnt werden können.
Ist diese Arbeit bereits 2004 entstanden, entwickelte er mit „New City“ eine weitere virtuelle Welt, die er zusammen mit dem Hollywood-Produzenten Peter Frankfurt ebenfalls in einen animierten Film übersetzte. „Wir wollten eine Welt simulieren, deren Inhalt aus der realen Welt stammt, während ihre Parameter rein virtuell sind“, erklärt Greg Lynn sein Konzept. Die Kontinente der Erde versetzte er dafür am Rechner in den Zustand der Schwerelosigkeit und ließ sie frei im Raum bewegen, sich gegenseitig überlagern, überschneiden oder untereinander wegtauchen. Das Ergebnis: eine komplexe, in sich verwobene Geometrie, die die Flachheit einer Scheibe mit der Dreidimensionalität eines Globus durchmischt. Die Ergebnisse der Untersuchungen wurden sowohl als Film als auch in raumfüllenden Modellen in der Ausstellung präsentiert.
Distanz der Wahrnehmung
Während Lynn mit dieser Arbeit die Regeln des Bauens auf der Erde in Frage stellt, musste sich der kalifornische Architekt Michael Maltzan einer umso konkreteren Aufgabe stellen. Bei seinem Beitrag zur Ausstellung handelt es sich um den 2006 entstandenen Entwurf für ein Forschungszentrum des „Jet Propulsion Laboratory“ (JPL) in Pasadena, Kalifornien. Das NASA-Labor, das 1958 den ersten amerikanischen Satelliten „Explorer 1“ entwickelte und mit zahlreichen weiteren Sonden und Raumschiffen an der Erkundung des Weltalls beteiligt war, hat bisher weder einen Menschen noch ein anderes Lebewesen ins All befördert. Der Kontakt zur „Welt da draußen“ fand für die Wissenschaftler des JPL auf rein virtuelle Weise statt – in der Zusammenfassung und Auswertung immenser Datenströme. Wie also kann ein Gebäude für Forscher aussehen, die Phänomene beobachten, die Millionen von Lichtjahren entfernt liegen, während sie selbst auf der Erde bleiben?
Die Antwort von Michael Maltzan liegt in einer flexiblen Organisation im Inneren des Forschungszentrums, die hierarchische Strukturen und sterile Korridore vermeidet. Verbindungen zwischen den Etagen des fünfeckigen Gebäudes werden durch zahlreiche Atrien und räumliche Einschnitte erzielt, die zugleich die Interaktion zwischen den einzelnen Arbeitsgruppen erleichtern. Die Fassade gleicht mit ihren unregelmäßigen, quadratischen Öffnungen einem übergroßen Bildschirm, auf dem sich die Umgebung in einer grob gepixelten Auflösung abzeichnet. Die Natur werden die Forscher des JPL auf diese Weise nicht aus den Augen verlieren. Auch dann nicht, wenn sie die Erde gedanklich schon längst verlassen haben.
Other Space Odysseys: Greg Lynn, Michael Maltzan, Alessandro Poli
Canadian Centre for Architecture, Montréal / noch bis zum 19. September 2010
Den Katalog zur Ausstellung sowie weitere Buchtitel finden Sie in unserer Bücherrubrik
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