Autor: Claudia Simone Hoff
Max Beckmann, Paul Cézanne, Jean Siméon Chardin, Willem Claesz Heda, Paula Modersohn-Becker, Pablo Picasso, Daniel Spoerri, Vincent van Gogh oder Andy Warhol – fast jeder Künstler hat sich an ihm versucht: dem Stillleben. Eine Ausstellung im Bank Forum Austria in Wien nähert sich nun anhand von 90 exemplarischen Werken der Geschichte des Essens im Stillleben. Das Stillleben als sich wandelndes Bedeutungssystem reflektiert nicht nur philosophische und sozialhistorische Zusammenhänge über die Jahrhunderte, sondern oftmals auch die Malerei an sich. Was gibt es da nicht alles zu entdecken an Köstlichem und manchmal Degoutantem, auf den Gemälden bisweilen als Trompe l’Œil gestaltet: buttriges Waffelkonfekt, erlegte flauschige Hasen, kostspieliges Meeresgetier, saure Zitronen, aufgebrochene Brotlaibe, perfekte Pfirsiche oder doppeldeutige Granatäpfel.
Doch das, was den kunstaffinen Betrachter heute so ins Schwärmen und Schwelgen geraten lässt, war nicht immer so geschätzt, stand das Genre Stillleben doch auf der akademischen Gattungshierarchie ganz unten. So wurde es aufgrund der abgebildeten lapidaren Gegenstände und Esswaren als minderwertige Form künstlerischen Ausdrucks abgetan. Das barg allerdings auch etwas Gutes, war es in der Geschichte der Kunst doch schon immer so, dass gerade in der Nische das Besondere, das künstlerisch Revolutionäre entstehen konnte. Denn in der Nische wohnt die Freiheit, dort kann experimentiert werden, wie viele Stillleben beweisen.
„Mit einem Apfel werde ich Paris in Staunen versetzen“ (Paul Cézanne)
Cézanne steht wie kaum ein anderer Maler für das Experimentelle, das Neue in der Kunst seiner Zeit – mit enormen Auswirkungen auf darauffolgende Künstlergenerationen. Und nicht selten drücken sich seine formidablen Ideen bezüglich Perspektive, Pinselstrich, Lichteinfall oder Farbwahl in Form von Äpfeln, Birnen oder Orangen aus. Sie werden von Cézanne mal mit einem schlichten Holztisch kombiniert oder mit einem Porzellanteller wie auf dem Gemälde „Äpfel und Biskuits“ (um 1880; Musée national de l’Orangerie, Paris, Collection Jean Walter et Paul Guillaume) oder mit einer blauen Tischdecke und einem steinernen Krug wie auf dem Gemälde „Steingutkrug“ (1893/ 94; Fondation Beyeler, Riehen/ Basel).
„Die Kunst verhält sich zur Natur wie der Wein zur Traube“ (Franz Grillparzer)
Das Stillleben – die Darstellung lebloser, natürlicher Dinge, natura morta – fasziniert heute besonders durch die ihm innewohnende Sinnlichkeit. Das hat zum einem damit zu tun, dass der Betrachter fast jedes Objekt des Gemäldes kennt, es vielleicht schon selbst in den Händen gehalten oder gar gekostet hat, zum anderen, weil die getreue Naturnachahmung seit jeher fasziniert. Denn wer würde nicht erstaunt und entzückt vor einem Gemälde wie dem „Stillleben mit Quitte, Kohl, Melone und Gurke“ von Juan Sánchez Cotán (um 1602; San Diego Museum of Art) stehen, auf dem die saure Gurke fast aus dem Bild herauszufallen scheint? Ähnlich ergeht es dem Betrachter mit dem „Waffeldessert“ von Lubin Baugin (um 1630-35; Musée du Louvre, Paris), das einem ob der realistischen Darstellung der zuckrigen Dinge das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt.
„Das Stillleben ist der Prüfstein des Malers“ (Édouard Manet)
Das Stillleben ist neben der bloßen Naturnachahmung, der Darstellung der jeweiligen Alltagskultur jedoch fast immer – zumindest bis in das 19. Jahrhundert hinein – symbolischer Bedeutungsträger: Es steckt etwas hinter der ersten, augenfälligen Bedeutungsebene. Hier werden essentielle Themen des Menschseins abgehandelt, sind Speisen und Nahrungsmittel quasi Mittel zum Zweck: Es geht um nichts weniger als um das Verhältnis von Kunst und Realität, Schein und Sein, Geist und Materie, Leben und Tod.
In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts wandelt sich das Stillleben von einem Beiwerk der (religiösen) Bilderzählung in eine autonome Bildgattung. Einen Höhenflug erlebt das Genre im 17. Jahrhundert. Das „goldene Zeitalter“ in Holland und Flandern bringt nicht nur einen Bilderboom, sondern auch einige der schönsten Stillleben überhaupt hervor. Die, die den gedeckten Tisch in fast hyper-realistischer Weise feiern, sind vor allem Willem Claesz Heda, Frans Snyders und Willem Kalf. Die Stillleben des Barock können heute vom unkundigen Leser fast nicht dechiffriert werden. Denn in oftmals verschwenderischer Pracht werden zuhauf Vanitas- oder christliche Symbole verwendet: So stehen beispielsweise Brot und Wein für die Eucharistie – den Leib und das Blut Cristi –, Blumen, weil sie schnell verwelken, für die Vergänglichkeit, genau wie bereits geschälte Zitronen, Muscheln und Totenköpfe. Halbierte oder angebissene Früchte symbolisieren den Sündenfall, Genussmittel wie Tabak oder Konfekt Völlerei, Laster oder Verschwendungssucht. Das Vanitas-Stillleben oszilliert zwischen den Polen von „Maß und Überfluss, Pracht und Vergänglichkeit, Lebensfreude und Todesmahnung“, wie Kuratorin Heike Eipeldauer im Ausstellungskatalog festhält.
„Die Kunst ist zwar nicht das Brot, aber der Wein des Lebens“ (Jean Paul)
Das Stillleben – die häusliche Sphäre, das Materiell-Konkrete, das Kreatürliche und damit einhergehend das Stillleben als niedrigste Gattungsstufe der Kunst – wurde traditionell der Frau und dem Weiblichen zugerechnet. Im Gegensatz dazu stand das vermeintlich Maskuline mit seiner Neigung zur „Großen Erzählung“, zur Historienmalerei – ganz oben in der Hierarchie der Gattungen und war deshalb auch kein geeignetes Sujet für die malenden Frauen, die auch schon mal als „Malweiber“ verspottet wurden.
Ihnen blieben bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts die „hohen“ Themen verschlossen, gerade auch, weil sie keinen Zugang zu den staatlichen Akademien hatten. Was aber bei Paula Modersohn-Becker ein idyllisches „Stillleben mit Milchsatte“ (1905; Kunstsammlungen Böttcherstraße, Paula Moderspohn-Becker Museum, Bremen) ist, ist beileibe nicht so harmlos, wie es auf den ersten Blick auf Milchsuppe, Brotlaib und Eierbecher erscheinen mag: Keiner der Männer aus der Worpsweder Künstlerkolonie konnte künstlerisch mithalten mit der Frau, die heute fast kultisch verehrt wird. Stark inspiriert von Cézanne, malt sie einen verflachten, diskontinuierlich gestalteten Bildraum mit Tisch, Teller und Lebensmitteln und ist bereits 1905 in der Moderne angelangt.
Noch gut 50 Jahre später verstecken sich sogar sexuelle Konnotationen im gemalten Stillleben und das bei einer Künstlerin! In der linken Ecke von Maria Lassnigs „Stillleben mit rotem Selbstporträt“ (1969; Universalmuseum Joanneum, Neue Galerie Graz) findet sich das verschlüsselte Selbstporträt der österreichischen Künstlerin, ein stilisiertes rotes Lippenpaar. Und diese Lippen stehen eben nicht nur für die Nahrungsaufnahme, sondern werden auch mit sinnlicher Lust und Erotik assoziiert – und was würde besser zum Stillleben passen als dieser Dreiklang?
Weitere Informationen
Zur Ausstellung, die noch bis zum 30. Mai 2010 in Wien zu sehen ist, ist ein reich bebilderter Katalog mit verschiedenen wissenschaftlichen Aufsätzen erschienen:
Ingried Brugger und Heike Eipeldauer (Hrsg.):
Augenschmaus. Vom Essen im Stillleben.
München/ Berlin/ London/ New York (Prestel) 2010.
248 Seiten, 39,95 Euro.
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Augenschmaus – Vom Essen im Stillleben
Bank Austria Kunstforum, Wien www.bankaustria-kunstforum.at
Eating the Universe – Vom Essen in der Kunst