Autor: Norman Kietzmann
Es liegt was in der Luft: Gleich zwei Ausstellungen widmen sich derzeit den Skizzen, die Designer und Architekten während ihrer Arbeit entwickeln. Unter dem Titel „dessiner le design“ gewährt das Pariser Musée des Arts Décoratifs einen Einblick in die Skizzenbücher von Jasper Morrison, Konstantin Grcic, Pierre Paulin und anderen, während an der Londoner Royal Academy die Archive des Architekten Nicholas Grimshaw geöffnet werden. So unterschiedlich die Zeichensprache der Einzelnen auch sein mag, bestätigen sie eine alte Bar-Regel umso mehr: Eine Idee, die nicht auf einen Bierdeckel passt, ist auch nicht der Rede wert.
Was kommt nach den Limited Editions? Wurde der Frage, ob das Design nun Kunst sei oder nicht, in den vergangenen Jahren beinahe etwas zu oft nachgegangen – und nebenbei gesagt noch immer kein Friede zwischen kunstaffiner Designfraktion und eher bedingt designaffiner Kunstfraktion hergestellt – tut sich derzeit eine weitere Entwicklung auf. So finden plötzlich nicht mehr nur limitierte Einzelstücke den Weg in die Museen und Galerien, sondern auch jene flüchtigen Zeichnungen, die während des Designprozesses entstehen.
Wiederentdeckter Klassiker
Das Interesse an der guten, alten Skizze kommt durchaus im passenden Moment. Wurde sie seit den neunziger Jahren, als der Computer und damit das Rendering plötzlich den Ton angaben, als hoffnungslos altmodisch gesehen, ist sie der Technik heute wieder ein Stück voraus. Warum? Ganz klar: In Zeiten, in denen fast jeder die Grundlagen von Photoshop beherrscht und selbst 3D-Programme weit mehr als nur ein Werkzeug für Experten sind, kann man sie einfach nicht mehr sehen, die glatten, hochglanzpolierten Bilder, die heute im Design und der Architektur Kreativität und nicht zuletzt auch Professionalität vermitteln sollen. Hinzu kommt noch ein anderer Aspekt: Suchen die Designer durch limitierte Editionen eher bemüht die Nähe zur Kunst, ist ihre Arbeit über den Umweg der Skizzen sogar auf ganz natürliche Weise mit ihr verbunden. Als von Hand angefertigte Zeichnungen erhalten sie zudem den Status des Unikats, den selbst die meisten hochpreisig-limitierten „Kunst-Möbel“ nicht erfüllen können.
Spiegel der Persönlichkeit
Die Skizze, so heißt es, sagt viel über die Persönlichkeit ihres Urhebers aus. Wenn dem so ist, dann können wir zumindest beruhigt sein, dass hinter den stillen Designdenkern Jasper Morrison und Naoto Fukasawa nicht doch zwei böse Jungs stecken, die alle zeitlebens an der Nase herumführen. Ihre Skizzen, die derzeit in der Ausstellung „dessiner le design“ im Pariser Musée des Arts Décoratifs zu sehen sind, sind ebenso reduziert und sachlich wie ihre fertigen Produkte. Von wilden Krizzeleien oder gar wüsten Ausflügen in die Welt der Farben keine Spur. Sauber, beinahe akribisch genau, zeichnen sie die Umrisse ihrer Entwürfe – anders als sich vielleicht vermuten ließe – bei weitem nicht nur auf fleckenfreie, weiße Din-A4-Bögen. Selbst Lieferscheine, alte Briefhüllen oder Notizblöcke aus Hotels dienen als Schreibunterlagen und zeigen, dass auch die Introvertierten unter den Gestaltern durchaus spontan und intuitiv zu Werk gehen und eben das zur Hand nehmen, was gerade in Reichweite ist.
Das Layout als Arbeitsprinzip
Die Bandbreite der Pariser Ausstellung reicht von ersten Produktkonzepten über das Definieren von technischen Details bis hin zu Darstellungen, die speziell für die Kommunikation mit den Unternehmen entstanden sind. Aufschlussreich ist nicht nur die Strichführung, sondern ebenso das Layout. So arbeitet Marc Newson auf seinen Zeichenblättern stets mit visuellen Referenzen zu seinen anderen Produkte, bei denen er formelle Elemente wie beispielsweise eine Aneinanderreihung von Kreisen von einem Gegenstand auf den nächsten überträgt. Seine Arbeiten entstehen auf diese Weise aus einer verbindenden, wiedererkennbaren Sprache heraus, die sich bewusst weniger Zutaten bedient. Ganz anders dagegen Konstantin Grcic, der seine Projekte unabhängig voneinander behandelt und auf seinen Zeichnungen stets verschiedene Ansichten, Details und Versionen neben- und übereinander setzt, bis das Blatt beinahe überquillt.
Grimshaw in London
Dass sich die Skizze besonders eignet, um komplexe Zusammenhänge schnell und einfach zusammenzufassen, wird unterdessen in der Ausstellung an der Londoner Royal Academy deutlich. In den Skizzenbüchern von Nicholas Grimshaw finden sich erstaunlich präzise Darstellungen, die die konstruktive Gestalt ganzer Gebäude auf den Punkt bringen. Die Reduzierung auf wenige Striche macht deutlich, was in den mit sämtlichen Materialien, Oberflächen und Schattenwürfen ausgestatteten Renderings oft untergeht. Gleichzeitig beginnen die Zeichnungen zu leben, da die Linienführung nicht geradlinig dem Lineal entsprang, sondern sichtlich frei von Hand gezeichnet wurde. Dass Fehler gemacht und wieder korrigiert wurden, lässt nicht zuletzt auch technisch-konstruktive Details als Resultat eines Entwurfsprozesses erscheinen, bei dem ebenso die Intuition eine Rolle spielt. Schließlich hat Grimshaw die Proportionen der gezeichneten Elemente nicht berechnet, sondern aus seinen Erfahrungen heraus entwickelt. Sie sollten seinen Ingenieuren lediglich als grobe Vorlage dienen.
Gezielter Werbeträger
Ist es in der Architektur noch immer üblich, dass die großen Namen die Werbebroschüren ihrer Gebäude mit einer möglichst spontan dahin geworfenen Skizze signieren – um somit zugleich ihren erhofften Status als Künstler-Genie zu unterstreichen – ist die Handzeichnung im Design erstaunlich selten zu sehen. Lediglich im Automobilbereich werden immer wieder dynamisch verwischte Zeichnungen aus Filzstift in Umlauf gebracht – vielleicht auch um zu zeigen, dass selbst hinter einem auf gefällig getrimmten Familienwagen einmal aufregende Ideen standen. Ist die Bedeutung der Skizze an dieser Stelle merklich geschrumpft, wird ihr im Möbeldesign dagegen wieder mehr Aufmerksamkeit gewidmet.
Kommunikation aus einer Hand
Vorreiter sind hierbei die Brüder Erwan und Ronan Bouroullec, die für die Kommunikation ihrer Entwürfe nicht nur Auszüge aus ihren Skizzenbüchern verwenden – auch sie Teil der Pariser Ausstellung. Für ihren Stuhl Végetal haben sie diese sogar zu einem selbst produzierten Animationsfilm weiterentwickelt, der die Produktidee und spätere Entwicklungsphase spielerisch erfahrbar macht. Das industriell gefertigte Möbel lässt auf diese Weise den kreativen Prozess dahinter transparent erscheinen und bekommt beinahe den Charakter eines von Hand gefertigten Einzelstücks. Wer behaupte da noch, die Skizze sei für die ewig Gestrigen.
„Dessiner le design“
Noch bis 10. Januar 2010 im Musée des Arts Décoratifs, 107, rue de Rivoli, Paris
„Capturing the concept: The Sketchbooks of Sir Nicholas Grimshaw“
Noch bis 31. Januar 2010 in der Royal Academy of Arts, The Tennant Room, Burlington House, Piccadilly, London
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Musée des Arts Décoratifs
Dessiner le Design www.lesartsdecoratifs.fr
Royal Academy of Arts
The Sketchbooks of Sir Nicholas Grimshaw 1982-2007 www.royalacademy.org.uk