Autor: Norman Kietzmann
Er hat Designgeschichte geschrieben, obwohl er kein Designer war. Schlange standen sie bei ihm alle: Mario Bellini, Ettore Sottsass, Richard Sapper, Achille Castiglioni, Aldo Rossi, Bruno Munari und viele andere mehr vertrauten dem Gespür von Giovanni Sacchi (1907-1998). Er war mehr als ein Modellbauer. Er hat die Entwürfe, die ihm nicht selten nur als flüchtige Skizzen auf den Tisch gelegt wurden, in die Designklassiker des 20. Jahrhunderts übersetzt. Im Oktober 2009 eröffnete im Mailänder Vorort Sesto San Giovanni sein Archiv.
Auch die Großen mussten bei ihm erst einmal warten – vor einer hölzernen Flügeltür, die aussah wie die Pforte eines Saloon aus einem Westernfilm. Doch die Verzögerung hatte ihren Grund: In der Zwischenzeit, nachdem die Designer geklingelt hatten, warfen die Handwerker in Sacchis Werkstatt weiße Tücher über die Dinge, an denen sie gerade gearbeitet hatten. Auch ein Mario Bellini konnte auf diese Weise nicht erahnen, womit sich Kollegen wie Richard Sapper gerade beschäftigten. Gewusst hat es jedoch einer: der Meister selbst, dessen Mailänder Atelier in der Via Sirtori kaum weniger als das Designlabor der Nachkriegszeit beherbergte.
Der Formfinder
Seine zuverlässige Diskretion mag einer der Gründe gewesen sein, warum Sacchi seit den fünfziger Jahren eine solche Rolle einnehmen konnte. Doch die Verschwiegenheit erklärt es nicht allein. Denn er hat die Zeichnungen, die ihm auf den Tisch gelegt wurden, nicht einfach nur ausgeführt. Er hat sie interpretiert und sein Empfinden für Proportionen und Details mit einfließen lassen. Vorab wurde in einem geschlossenen Raum, der bis an den Rand mit Postern, Figuren, Detailstudien und Arbeitsmodellen vollgestopft war, über das Projekt gesprochen, debattiert und nicht selten auch gelacht. Auch wenn Sacchi es selbst nicht gesagt hätte, steckte immer auch ein Teil von ihm in den Entwürfen, mit denen seine Kunden weltberühmt wurden.
Die Übersetzung ins Plastische
Mit seiner Arbeitsweise steht Sacchi zugleich für eine vergangene Epoche, bei der er zur richtigen Zeit am richtigen Ort war. Nicht nur, dass das italienische Design ab den späten fünfziger Jahren seine Hochphase erlebte und Sacchi plötzlich mittendrin in dieser Entwicklung stand. Auch war die Beziehung zwischen Gestalter und Modellbauer eine andere, als sie es heute ist. In einer Zeit, in der der Computer noch keine Rolle spielte, waren die Designer auf jemanden wie ihn angewiesen, der eine zweidimensionale Zeichnung in eine plastische Form bringen konnte. Denn erst in diesem Moment wurden Mängel in Form und Ergonomie sichtbar. Mit dem Siegeszug der CAD-Programme steht den Designern heute ein Werkzeug zur Verfügung, mit dem sie selbst dreidimensionale Darstellungen erzeugen können. Und zwar unendlich viele.
Auge der alten Schule
Bei Sacchi ging es dagegen um Präzision, schließlich hatte er nicht unzählige Versuche zur Verfügung. Seine Modelle, die allesamt von Hand aus Holz gefertigt wurden und später – mit einer Farbschicht überzogen – den fertigen Produkten zum Verwechseln ähnlich sahen, waren nicht nur zeitaufwändig, sondern auch kostspielig. Eine Form musste wohl überlegt sein, bevor sie zur Ausführung kam. Ein Umstand, der auch auf Seiten der Designer zu weitaus präziseren Projekten geführt hat, als es mitunter heute der Fall ist.
Vergleichen lässt sich dies mit der Entwicklung der Fotografie. Gelang es professionellen Fotografen früher, aus einem 36-Bilder-Film gleich ein ganzes Dutzend guter Aufnahmen zu filtern, liegt die Quote bei der digitalen Fotografie nicht selten bei 1 zu 1.000. In der Fülle der Möglichkeiten ist es ungleich schwieriger, den Blick für den richtigen Augenblick zu bewahren. Die Modelle Giovanni Sacchis waren dagegen so klar auf den Punkt gebracht wie die Filmrollen eines Cartier-Bresson. Für den Müll wurde nichts produziert. Und weggeworfen schon gar nicht.
Umfassendes Designarchiv
Über 400 Modelle, darunter 366 Prototypen von Produkten und 67 Architekturmodelle, 8.000 Zeichnungen, 10.000 Fotos und Dias sowie über 50 Filme umfasst das Archiv, das Sacchi 1999 – zwei Jahre nach der Schließung seiner Werkstatt – der Gemeinde Sesto San Giovanni vermachte. Der Vorort von Mailand ist nicht nur die Geburtsstadt Sacchis, sondern zugleich ein bedeutendes Industriedenkmal. „Stadt der Fabriken“ wurde Sesto früher genannt, und in einem ehemaligen Werkzeuglager der heute geschlossenen Metallfabrik „Breda“ hat Sacchis Archiv im Oktober 2009 seinen endgültigen Standort gefunden. Zu sehen sind dort nicht nur zahlreiche Exponate, sondern ebenso ein Nachbau von Sacchis Mailänder Werkstatt. Von dem charmanten Chaos, das das Original mit seinen bis an Decke mit Modellen und Zeichnungen vollgestopften Wänden vermittelte, ist der leicht sterile Raum jedoch weit entfernt. Doch die Rettungsversuche konnten nicht gelingen: Solch ein Raum lässt sich nicht reproduzieren.
Verdiente Anerkennung
Welche Erinnerungen die Designer an ihre Zusammenarbeit mit Giovanni Sacchi haben, wurde in den vergangenen fünf Jahren in zahlreichen Videointerviews dokumentiert, die in der Ausstellung zu sehen sind. Seine Bedeutung für die Designwelt zeigt auch eine Geste, die bisher einmalig ist: Nachdem Sacchi 1997 seine Werkstatt geschlossen hatte, wurde ihm ein Ehrenpreis des italienischen Designoscars „Compasso d‘oro“ verliehen – als bisher einzigem Nicht-Designer. Das Archiv von Sacchi dokumentiert unterdessen nicht nur eine Epoche, in der das italienische Design seine Rolle gefunden hat. Es zeigt zudem, dass auch hochindustrielle Objekte kaum realisierbar gewesen wären ohne einen Handwerker wie ihn, der sich zeitlebens weigerte, mit einem anderen Material als Holz zu arbeiten.
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