Autor: Norman Kietzmann
Gegen den Strom: Während die Moderne ab den 1920er Jahren in weiten Teilen Europas die Gestaltung bestimmte, entwickelte sich in Wien ein gänzlich eigenständiger Stil. Anstatt die Ästhetik des Industriellen zu feiern, entwarfen die jungen Wiener Avantgardisten die Wohnung als gediegenen Rückzugsort. An der Zeit vorbei? Nicht ganz, interpretierten sie die Reduktion der Moderne zunächst auf betont handwerkliche Weise und schufen sogar erschwingliche Objekte für den Massenmarkt. Eine Ausstellung im Wiener Hofmobiliendepot wirft derzeit einen Blick auf die Jahre zwischen den beiden Weltkriegen zurück.
Je schwieriger die Zeiten, desto größer die Bereitschaft für Veränderungen. Nicht ohne Grund waren es die turbulenten 20er Jahre, in denen die Moderne inmitten politischer Neuordnungen, steigender Inflation und Weltwirtschaftskrise ihren Anfang fand. Die alte Ordnung schien obsolet, während die veränderte Situation nach einem neuen, ästhetischen Pendant verlangte. Wurde diese Entwicklung mit dem Bauhaus in Deutschland sogar von staatlicher Seite getragen, reagierte man in Österreich auf umgekehrte Weise.
Rückzug ins Private
Weitermachen wie immer, könnte das Credo in den Jahren nach Ende des Ersten Weltkrieges gelautet haben. Dabei hat der Vertrag von St. Germain das einstige Kaiserreich umso empfindlicher getroffen, musste es zur Republikgründung von 1919 weit über die Hälfe seines Territoriums an das nun unabhängige Ungarn sowie das serbisch-kroatisch-slowenische Königreich abtreten. Ließ sich der politische Verlust kaum wegreden, wurde dagegen in den Künsten umso mehr auf Kontinuität gesetzt. Den eingeschlagenen Weg fortzusetzen, muss jedoch nicht automatisch als reaktionär betrachtet werden. Schließlich hat mit der „Secession“ und „Neuen Wiener Werkstätte“ die Gestaltung der Moderne an der Donau ihren Ursprung gefunden.
Die Kontinuität der Avantgarde
Die Wirkung von Otto Wagner, Josef Hoffmann und Adolf Loos war weiterhin ungebrochen. Beschrieb Wagner als Erster den Wohnraum als gestalterisches Gesamtkunstwerk, vermochten ihn Loos und Hoffmann – wenn auch auf unterschiedlichem Weg – von überflüssigem Plüsch zu befreien. Das Handwerk, das am Bauhaus als Überbleibsel aus dem 19. Jahrhundert abgewertet wurde, war für sie kein Feindbild. Sie wussten es stattdessen gezielt zu nutzen. Die Generation, die nach dem Ersten Weltkrieg in ihre Fußstapfen treten sollte, darunter Gestalter wie Felix Augenstein, Josef Frank, Wilhelm Foltrin, Ernst Plischke, Walter Loos, Otto Prutscher, Margarete Schütte-Lihotzky oder Oskar Strnad, verführ ähnlich.
Historische Spannungen
Die Ausstellung „Wohnen zwischen den Kriegen“, die derzeit im Wiener Hofmobiliendepot zu sehen ist, vereint viele ihrer Arbeiten erstmals in einer gemeinsamen Schau und zeigt neben einzelnen Möbeln auch ganze Wohnungseinrichtungen in ihren originalen Grundrissen. Während die Möbel in chronologischer Ordnung sortiert sind, informieren Tafeln über das Leben der Architekten und ihrer Auftraggeber. Den Auftakt im Ausstellungsrundgang machen unterdessen als Leihgabe des Vitra-Design-Museum die Klassiker der Bauhaus-Moderne von Le Corbusiers „B 302“-Sessel über Breuers „B 32“-Freischwinger bis hin zu Alvar Aaltos Stuhl „N°41“. Entwürfe, die oft zeitgleich zu den Arbeiten der Wiener Gestalter entstanden.
Spiegel ihrer Zeit
Sieht man ihnen ihre Entstehungszeit vor nun schon über 80 Jahren kaum an, wirken die Wiener Möbel erstaunlich schwer. Ihren Anfang nimmt die Ausstellung mit einer Anrichte aus der Wohnung von Willy und Daisy Hellmann, die 1914 von Oskar Strnad (1879-1935) mit zahlreichen Intarsienarbeiten und Bemalungen mit ländlich-bäuerlichen Motiven entworfen wurde. Im Vergleich zu Breuers Freischwinger mutet sie wie ein Relikt aus einer anderen Zeit an. Ähnlich zeigt sich auch die elegante Schlafzimmer-Einrichtung, die Wilhelm Foltrin (1890-1970) 1922 für seine Frau entwarf und mit besonders aufwändig gestalteten Füßen aufwartet.
Die von Otto Prutscher (1880-1924) entworfene Speisezimmer-Einrichtung für die Jubiläumsausstellung des Kunstgewerbemuseums in Wien 1924 kombiniert schwere hölzerne Volumina mit filigranen, beinahe zerbrechlich wirkenden Schmuckleisten. Betont farbenfroh zeigen sich die Stoffe, die Josef Frank (1885-1967) für die Wohnung von Hugo und Malvine Blitz 1928 entwarf, und selbst heute auf den Originalexponaten in der Ausstellung beeindruckend frisch wirken. Im Obergeschoss, das in die ständige Sammlung des Hofmobiliendepots führt, ist neben den Arbeiten von Adolf Loos und Josef Hoffmann ein weiteres Schlüsselwerk der 20er Jahre zu sehen: das Originalschlafzimmer der Wohnung von Lucie Rie, das von Ernst Plischke 1928 entworfen wurde und komplett aus bündig eingelassenen Wandschränken besteht.
Das Rote Wien
Der internationalen Moderne zeigen sich die Wiener dagegen an anderer Stelle verbunden: den im Erdgeschoss der Ausstellung präsentierten Arbeiten zum Thema des sozialen Wohnens im „Roten Wien“. Auch wenn es die zuvor gezeigten, bürgerlichen Interieurs nicht unbedingt nahe legen, haben viele ihrer Architekten zugleich Entwürfe für die neuen Arbeitersiedlungen angefertigt, darunter Josef Frank, Oskar Strnad oder Margarete Schütte-Lihotzky. Von der späteren Erfinderin der Frankfurter Küche ist in der Ausstellung der Entwurf für eine „Wohnküche im Kernhaus Typ 7“ von 1923 zu sehen, wenn gleich diese nur auf Originalfotos und frühen Entwurfszeichnungen erhalten ist. Mit ihrer Umsetzung als passgenaue Einbauküche – ein Novum zu jener Zeit – entsprach sie zugleich der Maxime von Adolf Loos, der 1924 durch den Einbau von Möbeln in die Architektur eine „Abschaffung der Möbel“ forderte, um Platz in den oft zugestellten Wohnungen zu schaffen.
Die leisen Vorreiter
Auch wenn viele der Entwürfe, die in der Ausstellung zu sehen sind, im Vergleich zu den Bauhaus-Klassikern geradezu altmodisch wirken, gingen sie damals am Zeitgeist nicht vorbei. Die Reduktion als eines der Gestaltungsprinzipien der Moderne ist auch hier zu finden, wenngleich auf überaus dezente Weise. Mit ihren verspielten Details und Referenzen an einen ländlichen, heimatgebundenen Stil entsprechen die Möbel zugleich dem Wunsch nach einem Rückzug ins Private. Während draußen eine neue Weltordnung Formen annahm, wurde in den eigenen vier Wänden auf Geborgenheit gesetzt.
Eines haben die Wiener Gestalter damit zugleich vorweggenommen: Denn auch nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges folgte das Design noch lange nicht dem technisch-modernistischen Stil des Bauhauses, sondern fand über die Nierentische zur Gemütlichkeit handwerklicher Möbel zurück. Und selbst heute ist es kein Zufall, dass nach der Krise der New Economy von 2001 auf einmal schwere Möbel aus Holz wieder hoch im Kurs standen. Ein Phänomen, das in der gegenwärtigen Lage sogar weiter andauert. Manchmal, und das macht diese Ausstellung deutlich, kommt es in unsicheren Zeiten vor allem auf eines an: das beruhigende Gefühl von Vertrautheit.
"Wohnen zwischen den Kriegen"
im Hofmobiliendepot Wien
noch bis zum 14.02.2010
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