Autor: Katharina Horstmann
Sportsmänner und Sportsfrauen, Tänzer und Turner, Schwimmer und Sonnenbadende – es gibt etliche Fotografien von jungen Bauhausstudenten aus den 1920er und 1930er Jahren, die sich mit Enthusiasmus sportlich betätigen und dabei oftmals das weit verbreitete Bild der bewegungsablehnenden Bohème widerlegen: Modernes Leben, modernes Bauen und Gestalten begannen eine Symbiose mit einer gesunden, körperorientierten Lebensweise einzugehen und dieses Lebensgefühl fand am Bauhaus, vor allem in Dessauer Zeiten, eine weite Verbreitung.
Der Beginn dieser, von einer Bewegungslust und einem neuen Körperbewusstsein geprägten Entwicklung, war Gertrude Grunows Arbeit am Weimarer Bauhaus. Bereits im Herbst 1919, kurz vor Aufnahme des eigentlichen Betriebes, wandte sich die Musikpädagogin an den künstlerischen Leiter Johannes Itten, um einen Vortrag über „Die Erziehung des Menschen durch Auge und Ohr“ zu halten. Da der theoretische Kern seiner Vorlehre auch den Zusammenhang von körperlicher und geistiger Harmonie als Grundlage schöpferischen Potentials beinhaltete, ermunterte Itten seine Schüler nach dem Vortrag, einen Kurs bei ihr zu besuchen, an dem er auch selbst teilnahm. So wurde für die meisten Bauhäusler ein gesunder Körper zu einem integralen Teil ihres neuen Lebensstils, und sie fingen an, Strukturen und Räume, Geräte und Möbel, Kunst und Design zu gestalten, die diesem dienten, ihn widerspiegelten und symbolisierten. Als der Bauhauslehrer László Moholy-Nagy in einem Text über die Typografie und Fotografie wenig später schrieb: „Langsam sickert die Hygiene des Optischen, das Gesunde des Gesehenen durch,“ wurde der Ausmaß, den die Gesundheit für die zeitgenössischen Kultur bekommen hatte, deutlich.
Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper
Das heißt jedoch nicht, dass alle, die sich damals für Gesundheit und Bewegung interessierten, Bauhäusler beziehungsweise Avantgardisten waren. Wie viele Ideen, die Anfang des 20. Jahrhunderts im Zusammenhang mit Reformbewegungen und Strömungen der Moderne entwickelt worden waren, wurde die Hygiene und das körperliche Wohlergehen ein erstrebenswerte Ziel der Allgemeinheit. So wurde auch das öffentliche Gesundheitswesen in Deutschland durch Wanderausstellungen mit den Themen Alkoholismus, Kleinkindbetreuung und Geschlechtskrankheiten gefördert, wie zum Beispiel mit der zweiten Internationalen Hygiene-Ausstellung in Dresden 1930. „Ein ‚gesunder Geist’ in einem gesunden Körper war das Ideal der späten 1920er Jahre, das sich wenig später in ‚hart wie Krupp-Stahl, schnell wie Windhunde und zäh wie Leder’ als monströses, blond-blauäugiges Idol deutschen Heldentums ins Europa erheben sollte,“ schreibt die Kunstwissenschaftlerin Ute Ackermann.
Abstraktion des Körpers
Natürlich erfand sich die gesunde Körperkultur nicht in den Zwischenkriegsjahren; ihre direkten Ursprünge finden sich im 19.Jahrhundert und äußerten sich schon damals in physischen Leibesübungen, modernen Sportarten, gesundheitsfördernden Ernährungsplänen – auch Vegetarismus – und Medizin, alternativen Gesundheitstherapien, als auch Sonnen- und Luftbaden in vielen europäischen Ländern und in den Vereinigten Staaten. Jedoch trug der Körper während der frühen Jahre des 20. Jahrhunderts das Gewicht der Geschichte – insbesondere der Antike – und sowohl Bauhäusler als auch Avantgardisten befassten sich weniger mit seiner Repräsentation, als mit seiner Abstraktion, um diesen neu zu erfinden und sich von der Idee des klassischen Körpers wegzubewegen. Daher wurde im Bauhaus viel über die Gesundheit diskutiert und geschrieben, im wortwörtlichen Sinne – man sprach als Metapher von Räumen, gefüllt mit Licht und frischer Luft wie die strahlende, utopische Zukunft – oder als Ideologie, wie dem sozialen Wohnungsbau.
Wunsch nach Licht, Luft und Sonne
Die Schaffung von preiswertem Wohnraum war in Deutschland eines der Hauptziele der avantgardistischen Architektur in der Zwischenkriegszeit und formte die Erscheinung des sozialen Wohnungsbaus, aber auch teurer Privathäuser oder öffentlicher Gebäudetypen wie Sanatorien, Krankenhäusern und Gesundheitszentren sowie Sportanlagen, Schwimmbädern und Schulen. Eine neue Aufgabe war das Hochhaus als städtisches Wohnhaus, mit Gemeinschaftsräumen wie Schwimmbad, Café-Bar und Gymnastikraum. So argumentierte der Gründer des Bauhauses Walter Gropius 1928, dass das Hochhaus die biologisch maßgeblichen Vorteile von Sonne und Licht besitze und er forderte kategorisch: „Vergrößert die Fenster, verkleinert die Räume.“
Das Interesse war insbesondere durch die katastrophalen Wohnungsbedingungen und damit oftmals verbundenen gesundheitlichen Probleme entstanden, welche Anfang des 20. Jahrhunderts – speziell in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg – einen großen Teil der Bevölkerung betraf und den Wunsch nach Licht, Luft und Sonne formulierte. Viele Arbeiterfamilien lebten in kleinen Wohnungen auf engstem Raum, welche weder über Toiletten noch über Bäder verfügten. Die Arbeiter wuschen sich im Anschluss an die tägliche Arbeit in der Fabrik, die Frauen, wenn sie nicht arbeiteten, gingen – im positivsten Fall – einmal wöchentlich mit den Kindern in eine öffentliche Badeanstalt.
Hygiene und körperliches Wohlergehen
„Der Glaube an die Wichtigkeit des Lichtes im Alltagsleben wurde durch Architekten in Designtermini übersetzt. Gebäude zu entwerfen, die dem Licht ermöglichen, in das Innere einzudringen, wurde zu einem der fundamentalen Grundsätze der Architektur der Moderne,“ schreibt der Londoner Kurator Christopher Wilk. Das neue häusliche Interieur spiegelte den Wunsch wider in gut beleuchteten, leicht zu säubernden Räumen zu wohnen und dies mit den aktuellsten Möbeln, Apparaturen, Technologien und Bequemlichkeiten, die das persönliche und gemeinschaftliche Wohlergehen steigern sollten, was letztendlich in einer Zeit, in der Hygiene und körperliches Wohlbefinden im Vordergrund standen, die demokratischen Verbreitung eines Standardbadezimmers mit sich brachte.
Auch wenn die Wurzeln der gesunden Körperkultur mit einer Blütezeit im 19. Jahrhundert bis zur Aufklärung nachverfolgt werden können, adressierte sie ein größeres Publikum in den 1920er und 1930er Jahren. „Die Moderne beeinflusste die Entwicklung und Verbreitung eines neuen Körperbewusstseins," so Wilk, „genauso wie dieses sich auf die Entwicklung der Moderne auswirkte."
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