Autor: Myrta Köhler
Am Himmel über der Wüste sieht man die meisten Sterne, so sagt man. Las Vegas aber holte sich das Funkeln auf die Erde: Die Stadt in Nevada gilt als Reich der Leuchtreklame, Schilder wie der Silver Slipper oder Binion’s Horseshoe wurden zu Stars. Spätestens seit der Wirtschaftskrise von 2008 erlöschen jedoch immer mehr Lichter...
Tatsächlich war eine Weltwirtschaftkrise erst der Grund für den kometenhaften Aufstieg Las Vegas’. Seit der offiziellen Gründung im Jahr 1905 fristete die Stadt im „Wilden Westen“ ihr Dasein als kleiner Eisenbahnknotenpunkt, der Börsencrash von 1929 zeichnete eine finstere Zukunft in den Wüstensand. Aber die Not machte erfinderisch: Nevada lockerte im Jahr 1931 kurzerhand die gesetzlichen Restriktionen für das Glücksspiel und verkürzte die Wartezeit im Scheidungsverfahren. Als die Aufhebung des Volstead Acts 1933 gar die Prohibition in den Vereinigten Staaten beendete, konnte das staatlich legitimierte Lotterleben beginnen.
Si(g)n City
Las Vegas bedeutet auf Spanisch „die Auen, die Ebenen“. Doch statt üppiger Vegetation blühten hier alsbald Glückspiel, Prostitution und organisiertes Verbrechen. Mit einer kurzen Unterbrechung während des Zweiten Weltkriegs führte der Weg der Wüstenstadt dennoch – oder gerade deswegen – steil nach oben, die blinkenden Lichter morsten ihren Aufschwung in den nächtlichen Himmel. Die verschwenderische Beleuchtung sollte aber nicht etwa Licht in die Angelegenheiten bringen – vielmehr ist sie Blendwerk und Ablenkung. Denn was die Sonne hier an 320 Tagen im Jahr bescheint, ist eine amerikanische Großstadt mit schnell hochgezogenen Häusern und ärmlichen Stadtvierteln, die sich immer weiter in die Wüste hineinfressen. Brachen und Baulücken stören die makellose Scheinwelt entlang des legendären „Strip“ – hier sollten weitere Megaprojekte entstehen, viele davon wurden jedoch mittlerweile auf Eis gelegt. Vor dem Cesar’s Palace steht ein Obdachloser mit schlichtem Pappschild: „Why lie? Need beer“. Autofahrer werden schon an der Ausfahrt der Interstate 15 von Menschen begrüßt, die ihre Habe in Einkaufswagen vor sich herschieben und um einen Quarter für die Slot Machine bitten: „I feel lucky today“.
Welcome to Fabulous Las Vegas
Der „offizielle“ Empfang findet ein kleines Stückchen weiter statt: „Welcome to Fabulous Las Vegas“ verkündet das Schild vor der südlichen Stadtgrenze. Entworfen hat es im Jahr 1959 Betty Whitehead Willis, eine der wenigen weiblichen Neon-Designerinnen jener Zeit. Von ihr stammen auch die Schilder des Blue Angel Motels oder des Moulin Rouge Hotels. Nach dem Krieg errichteten viele amerikanische Städte Schilder an den Einfallstraßen, um die Autofahrer willkommen zu heißen. Es war die Zeit der Autokultur und der Werbung – und das Design von Betty WiIlis traf den Geschmack der Zeit. Das Schild hat die Form eines Diamanten, der von innen heraus leuchtet. Sein Rand ist von gelben Glühbirnen gesäumt, sieben weiße Neonkreise auf der Vorderseite erinnern an Silberdollars. Das Schild hat mittlerweile weltweite Berühmtheit erlangt – es ist eines der wenigen erhaltenen Beispiele der Exaggerate Modern oder Googie Architecture, die bis in die 1960er Jahre hinein den Südwesten der USA prägte.
Sign Wars
Als in den 1950er Jahren Atombombentests auf der Nevada Test Site durchgeführt wurden, strömten Touristen in die Stadt, um die Show aus der ersten Reihe mitzuverfolgen. „Bloß keine Langeweile“ – dieses Credo bildete auch den Nährboden für den erbitterten Konkurrenzkampf der Hotels, die mit ungezählten, ständig wechselnden Leuchtschildern die Aufmerksamkeit der Besucher zu fesseln versuchten. Die Zeit der Saloons und der Indianerkriege mochte vorüber sein, doch in den Schluchten des gleißenden Molochs tobte immer noch der Wilde Westen. Das Recht des Stärkeren annektierte nicht nur die Casino-Erträge, sondern auch den Markt der Reklame, im diesem Fall: die Vertikale. Die Sign Wars hinterließen ihre Zeichen an den Wänden und Fassaden von Sin City, und die alles beherrschende Frage lautete: „Wer hat das größte?“.
Am 28. September 1928 veröffentlichte die Las Vegas Review eine Hymne auf das moderne Neon-Schild, welches das Overland Hotel soeben montiert hatte. Kurz darauf brachten sowohl der Boulder Club als auch der Big Four Club Leuchtschilder in Form riesiger, schäumender Bierkrüge an, den Pioneer Club an der Freemont Street zierte alsbald das größte Schild Nevadas: der Kopf des Cowboys Vegas Vic, der Windstärken von über 160 km/h widerstand. 1951 wurde er durch eine Ganzkörper-Version von über 18 Metern Höhe ersetzt. Glitter Gulch – „Glitzerschlucht“ – lautete treffenderweise der Spitzname der Freemont Street. Unter ihren vielen blinkenden Etablissements waren Berühmtheiten wie The Horseshoe oder The Golden Nugget. Erst mit der Gründung des Flaming Hotel and Casino im Jahr 1946 begann der Aufschwung des legendären „Strip“: Bald machte der Las Vegas Boulevard dem alten Zentrum Konkurrenz. Unternehmen wie die Las Vegas Neon Electric Sign Company oder die Young Electric Sign Company (YESCO) profitierten von dem Wettkampf ums Neon-Leuchten, der immer gewaltigere Dimensionen annahm: Die 1950er und 1960er Jahre gingen als „Golden Age of Neon Signs“ in die Geschichte ein.
Das Leben nach Neon
Seit Mitte der 70er wurden die Neon-Schilder weniger. Die modernen Reklametafeln sind nicht mehr von Hand, sondern am Computer entworfen und beruhen fast ausnahmslos auf LED-Technologie, Werbespots flackern über riesige digitale Anzeigetafeln. Altmodische Glühbirnen sind kaum noch zu sehen, die Lichtspektakel sind jetzt anderer Natur: So sendet die Pyramide des Luxor-Hotels einen Lichtstrahl von 42,3 Milliarden Candela in den Himmel, der selbst aus dem All noch zu sehen ist. Ein Schild der alten Generation allerdings konnte sich all die Zeit hindurch behaupten: „Welcome to Fabulous Las Vegas“ lesen die Autofahrer nach wie vor. Im Jahr 1993 sollte das altgediente Schild ersetzt werden, doch ein öffentlicher Aufschrei verhinderte das Vorhaben. Kaum ein anderes Schild bleibt so lange in Verwendung – was aber geschieht mit den ausrangierten Leuchtschildern?
Friedhof der Leuchtreklame
Die Reklametafeln waren meist nur geleast – hatten sie ausgedient, wurden sie verschrottet oder ausgeweidet. Seit 1996 finden einige dieser alten Riesen eine neue Heimat im Neon Museum am nördlichen Ende des Las Vegas Boulevard. Ein Komitee entscheidet darüber, welche Schilder mit Hilfe von Spendengeldern erworben oder sogar restauriert werden. Mehr als 150 Exponate befinden sich hier, der größte Teil davon im „Boneyard“, dem Friedhof. Das Areal wirkt wie ein überdimensioniertes Ersatzteillager. Besucher können die riesigen Installationen aus nächster Nähe betrachten – die Lichter allerdings bleiben aus.
Einige Klassiker werden jedoch restauriert und beleuchten nun wieder den Las Vegas Boulevard: Zu ihnen gehören das Pferd-und-Reiter-Schild des Hacienda, die originale Aladdin’s Lamp, Andy Anderson, Binion’s Horseshoe oder der Silver Slipper. Das Revival der Neon-Schilder wird entsprechend gewürdigt: Im Jahr 2009 wurde der betreffende Abschnitt der Las Vegas Boulevard zum National Scenic Byway erklärt – im ganzen Land erfuhren bisher nur drei innerstädtische Routen diese Auszeichnung. Haben Glühbirnen und Neonschilder etwa doch mehr Charme als Bildschirme?
Dunkel ward’s...
Das Schicksal der Reklametafeln ist jedenfalls eng an das der Stadt geknüpft. Noch 2005 war Las Vegas eine der am schnellsten wachsenden Städte der USA – seit der Krise im Jahr 2008 jedoch gehen viele Hotels den Weg der alten Neon-Schilder, plötzlich häufen sich Berichte von Insolvenzen und Zwangsversteigerungen. Das The Echelon Resort Projekt wurde eingefroren, das erst teilweise fertiggestellte Fontainebleu Resort musste seine Inneneinrichtung versteigern, und mit dem Sahara verschwand eines der traditionsreichsten Häuser in Las Vegas: Knapp sechzig Jahre lang hatte das Hotel seinen Platz am Strip behauptet, zu Weltruhm gelangte es durch den Film Ocean’s Eleven (1960) mit Dean Martin, Frank Sinatra und Sammy Davis Jr. Im Mai 2011 schloss das letzte Rat Pack Hotel endgültig seine Tore.
Damit erlöschen auch die Zeichen einer ganz bestimmten Epoche, die allenfalls noch in nostalgischen Erinnerungen nachklingt. Stars verschwinden und dennoch: „The Show must go on.“ Vielleicht entsteht aufgrund der jetzigen Krise eine neue Stadt, irgendwo auf dieser Erde, der für einige Jahrzehnte eine glänzende Zukunft beschieden ist. Womöglich kehren die Sterne von Las Vegas dann wieder an den Himmel zurück?
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