Autor: Myrta Köhler
Beim Betreten der Kathedrale von Chartres muss sich das Auge erst an das Dämmerdunkel gewöhnen. Dann aber fällt der Blick auf die kunstvollen Glasscheiben, und man taucht ein in eine andere Welt. Das bunte Glas verwandelt das Tageslicht in eine strahlende Farbenpracht, die nicht nur Gläubige verzaubert.
Wie eine Erscheinung kamen die gotischen Kathedralen über das Mittelalter: Innerhalb von nur 26 Jahren formte sich in der Region der Île-de-France im Norden Frankreichs ein gänzlich neuer Baustil, der während der kommenden drei Jahrhunderte den Formenkanon europäischer Baukunst bestimmen sollte: 1194 erfolgte die Grundsteinlegung der Kathedrale in Chartres, wenig später begann man mit dem Bau der Krönungskirche der französischen Könige in Reims, 1220 mit dem Bau der Kathedrale in Amiens.
Rätselhafte Gotik
Die „Gottesburgen“ thronten über den Städten des Mittelalters: Schon von Weitem sah man die Kathedralen, die sich durch ihre Formensprache von allem vorher Dagewesenen unterschieden. Nicht nur waren sie höher als frühere Kirchen, sie waren auch üppiger dekoriert. Die vielen architektonischen Einzelglieder und Schnörkel wirkten allerdings auf manche Betrachter als Geschmacksverirrung: Als absolut „barbarisch“ bezeichnet Giorgio Vasari, der „Vater der Kunstgeschichte“, im 16. Jahrhundert den Stil, den er fälschlicherweise auf die Goten zurückführt: „Die Goten waren es auch, die die spitzbogigen Wölbungen eingeführt und ganz Italien mit ihren verfluchten Machwerken erfüllt haben. Um ihren Scheußlichkeiten zu entgehen, meidet man [heute] jeden Anklang an die gotische Manier.“ Der Begriff gotisch war also ursprünglich ein Schimpfwort. Goethe nahm derart kritische Urteile zunächst für bare Münze und hatte regelrecht Angst vor dem Besuch im Straßburger Münster, ihm graute vorm Anblick eines „mißgeformten krausborstigen Ungeheuers“. Umso mehr überwältigte ihn der Eindruck vor Ort: Angesichts des Bauwerks empfand er eine „himmlisch-irdische Freude“.
Streben nach Höherem
Die starken, trutzigen Mauern der romanischen Kirchen waren durch neue technische und handwerkliche Fähigkeiten überflüssig geworden. Pfeiler und Säulen übernahmen deren Stützfunktion, die Kathedralen wuchsen immer weiter in die Höhe. Die räumliche Wirkung im Inneren war von zweifacher Ausrichtung: Das langgezogene Kirchenschiff zog den Blick der Eintretenden sofort nach vorne zum Chor – gleichzeitig aber bewirkten die stark vertikal akzentuierten Bauglieder einen „Sog“ nach oben. Spitzbogen und hohe Räume sollte den Menschen im wahrsten Sinne des Wortes aufrichten: Ein neuer Mensch sollte entstehen, ein mündiger Mensch.
Die „Auflösung der Wand“ macht zwischen den tragenden Elemente Platz für Transparenz: Die Fenster, in bunten Farben gestaltet, entwickelten einen eigenen Stellenwert und tauchten den Raum in mystisches Licht: Mit dem Eintritt in die Kathedrale betrat man eine andere Welt. Das Licht diente nicht nur der kultischen Verzauberung, sondern auch der Verwandlung der Menschen.
Das „Gotische Licht“
Die Glasmalerei war in ihrer Perfektion eine Errungenschaft der Gotik. Farbiges Glas wurde zu Bildern und Mustern zusammengefügt, die Motive stammten aus Altem und Neuem Testament. Rot und Blau dominierten, aber auch Grün und Gelb wurden verwendet, während Weiß (Schwarzlot) und Schwarz (dunkle Bleistege) als graphisch gliedernde Elemente dienten. Die Buntglasfenster der Kathedralen schufen eine eigene magische Stimmung und wurden Bedeutungsträger für die Idee des Göttlichen. Das steinerne Maßwerk, welches so typisch für die Gotik ist, zog sich über die ganze Wand und ließ die Fenster optisch mit dieser verschmelzen.
Die bunten Fenster der gotischen Kathedralen waren eine Weiterentwicklung der Gestaltung in romanischen Kirchen: Der Obergaden war hier als Bildträger angelegt und mit Wandbemalung dekoriert. In gotischen Kathedralen aber diente diese Zone der Beleuchtung. Die Fensterbemalung führte also die Tradition der Romanik mit neuen Mitteln fort – nun leuchteten die Bilder aus sich selbst heraus, waren zugleich Bild und Lichtquelle: Das Licht per se wurde zunehmend inhaltlich aufgeladen. Die Fenster wurden, korrespondierend zum Baufortgang, Fenster um Fenster hergestellt und montiert. In dem Maße, wie sie mehr und mehr Raum einnahmen, verloren sie ihre Funktion als einzelne Akzente: Die Wände wurden zu hinterleuchteten Transparenten, die auch eine mediale Funktion innehatten.
Fenster als Werbung
Die Kunst der Fenstermalerei wurde als ebenso „würdige“ Kunst empfunden wie die der Bildhauerei, viele wohlhabende Bürger waren stolz darauf, Fenster zur Kathedrale beisteuern zu können: In Chartres finden sich einzelne Stifter namentlich oder bildlich in den unteren Fensterreihen, darunter der Graf von Chartres, Blanche von Kastilien, König Ludwig der Heilige von Frankreich, ebenso aber Angehörige des Kleinadels, des Klerus oder einzelner Zünfte – Gewürzkrämer, Bäcker und Tuchhändler. Der Hochadel verewigte sich in den Rosen und Lanzettfenstern der Querhausgaden und der Westseite, Hochschiff- und Hochchorfenster waren den reichen Zünften vorbehalten.
Farben satt
Die bunten Fenster der Kathedralen korrespondierten mit der Bemalung im Inneren – der Effekt war genau berechnet. So waren die Farben der Nordwand meist weniger strahlend als die der Südwand, da das von Süden einfallende Licht sie erst richtig zum Leuchten brachte. Je nach Tönung der Glassscheiben ergaben sich magische Farbenspiele auf der Wand der Kapellen. Zu beobachten ist dieser Effekt beispielsweise noch heute in Kathedralen wie Notre-Dame von Paris oder Saint-Denis. Eine ganz besondere Tönung des Glases schufen die Künstler in Chartres – die spezielle Blaufärbung der Scheiben konnte bis heute nicht rekonstruiert, geschweige denn kopiert werden.
Chartres
Nie wieder erreichten die Fenster eine solche Strahlkraft wie zu Beginn des 13. Jahrhunderts, der gotischen Klassik. „Chartreser Halbjahrhundert“ wird die Zeit von 1190 bis 1240 auch genannt, in der durch das fast körperhafte Licht die Kathedrale selbst zum „Lichtraum “ wird. Auf dramatische Weise verändert sich das Licht mit jeder Änderung des Wetters und der Tageszeit – insbesondere in der Abenddämmerung ergießt sich ein mystisches Leuchten in den Innenraum. Von einigen Forschern wird behauptet, dass der Effekt zu intensiv gewesen sei – in seiner Dichte sei das Licht nicht lange zu ertragen gewesen, weshalb die leuchtend bunten Fenster ab Mitte des Jahrhunderts abnahmen. Finanzelle Hintergründe mögen dabei aber ebenso eine Rolle gespielt haben.
Noch eine Besonderheit weist die Kathedrale von Chartres auf. Im Fenster Saint-Apollinaire in der Westmauer des Querschiffs befindet sich eine kleine Aussparung: Durch dieses Loch fällt genau am Tag der Sommersonnenwende, am 21. Juni, bei Sonnenhöchststand ein Lichtstrahl auf einen Messingknopf im Boden des Südquerschiffs. Das Licht wird somit auch zum Kalender.
Gotische Renaissance
Die Epoche der Gotik hinterließ Gesamtkunstwerke, welche die Künste einer neuen Zeit wie ein Brennglas bündelten: Architektur, Bildhauerkunst und Glasmalerei verbanden sich in den Kathedralen zu einer neuen Art von Transzendenz.
Während Vasari sich nur abfällig über die Gotik äußerte, zeigten sich Auguste Rodin oder auch Victor Hugo schlichtweg berauscht. Hugos Roman Notre-Dame von Paris setzte der Kathedrale ein nachhaltiges Denkmal und war ausschlaggebend für ihre Wiederinstandsetzung durch Eugene Viollet-Le-Duc. Der Maler hatte sich besonders um die Restauration gotischer Gebäude in Frankreich verdient gemacht und war eine der prominentesten Stimmen der gotischen Renaissance im 19. Jahrhundert.
Man muss nicht religiös sein, um die Wirkung der Fenster in gotischen Kathedralen zu würdigen und zu empfinden. Der originale Eindruck vermittelt sich heute allerdings kaum noch: Die meisten Fenster wurden durch weiße Scheiben oder neue Verglasungen ersetzt. Nahezu vollständig erhalten sind die Fenster nur noch im Chor von Bourges – und in Chartres. Ein Besuch am 21. Juni ist ein ganz besonderes Erlebnis.
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