Autor: Katja Neumann
Dass das Baden mehr ist als die bloße Reinigung des Körpers, zeigt zurzeit anschaulich das Kunstmuseum Ahlen in einer großen Sonderausstellung zum Thema „Baden in der Kunst“. „Intimacy!“ beleuchtet anhand von 140 historischen und zeitgenössischen Arbeiten nicht nur die historische Entwicklung des Badens, sondern bietet auch einen eindrucksvollen Überblick über die kulturell geprägten Vorstellungen von Hygiene und Sauberkeit, Schönheit, Sexualität und Religion und wie sie sich im Laufe der Jahrhunderte veränderten.
Kunst als Spiegel der Gesellschaft: Diese Perspektive nimmt auch die Ahlener Ausstellung ein, in der in einer einmaligen Auswahl nahezu alle Facetten des Badens gezeigt werden. Wer sich einen ebenso informativen wie anregenden Überblick über die Geschichte des Badens verschaffen möchte, dem sei die Ausstellung empfohlen. Zu sehen ist beispielsweise das Bad als besonderer Ort in Gerard an Honthorsts Gemälde aus dem 17. Jahrhundert: Der Philosoph Seneca lässt sich während eines Fußbades die Adern öffnen und geht damit bewusst an diesem Ort dem Tod entgegen. Die Erotik der berühmten „Susanna im Bade“ wird ebenso vermittelt wie die sich wandelnden Rituale der Körperreinigung im Laufe mehrerer Jahrhunderte. Ausgestellt werden neben Gemälden, Skulpturen und Zeichnungen auch Installationen und Fotografien, unter anderem aus dem Budapester Bad oder aus den Badezimmern anderer Leute in der gleichnamigen Fotoserie von Alevine Chanel.
Von Spiritualität bis zu anatomischen Studien
Das Baden als menschliches Urbedürfnis bot bereits in der Antike ein reizvolles Motiv für bildliche Darstellungen. Auch in der Mythologie stößt man immer wieder sowohl auf die rituelle „Reinwaschung“ des Körpers – und im spirituellen Sinne gar der Seele – wie auch auf den heimlichen Beobachter, der in einem verbotenen Moment in die Intimität einer badenden Person einbricht. So ließ die römische Jagdgöttin Diana beispielsweise den Jäger Aktaion in einen Hirsch verwandeln und von seiner eigenen Hundemeute töten, nachdem er sie nackt im Bade gesehen hat. Von diesem Schicksal verschont blieben glücklicherweise Künstler wie Albrecht Dürer, der eine Fülle von Badeszenen schuf und damit die Darstellung des nackten Menschen bei der Tätigkeit der Selbstreinigung im 15. Jahrhundert maßgeblich begründete. Auftakt für die Darstellungsform bildete Dürers berühmte Zeichnung „Frauenbad“ aus dem Jahr 1496. Die Figuren sind so positioniert, dass der Betrachter die weibliche Anatomie umfasssend studieren kann.
Das „krank machende“ Bad
Gebadet wurde zu dieser Zeit zum großen Teil in sogenannten Badestuben – öffentliche Badeorten, die außer für die Reinigung auch gern für andere körperliche Freuden genutzt wurden. Erst im 16. Jahrhundert, mit dem Einzug von Epidemien wie Pest und Blattern, wandelte sich die allgemeine Einstellung zum Baden: Es galt als krank machend. Basierend auf der Vorstellung, dass Erreger durch das Wasser in die Poren der Haut dringen könnten, galt es als gesund, die Haut quasi zu verschließen – für die höheren Stände durch Puder und Kleidung, für die arme Bevölkerung einfach durch Schmutz. Gebadet wurde für rund zwei Jahrhunderte lediglich unter ärztlicher Aufsicht.
Im 18. Jahrhundert begann der Adel, das Baden wiederzuentdecken. Dennoch sollte es noch mehr als hundert Jahre dauern, bis sich die Vorstellung des „krank machenden“ Bades auch in der breiten Bevölkerung zerstreuen sollte. Der freie Umgang mit dem eigenen Körper war im 19. Jahrhundert verlernt, Sexualität in den privaten Bereich verlagert. Der Reiz des Verbotenen beim Abbilden des Intimen führte so bei den Impressionisten zu einer wahren Flut an Bildern von Badeszenen. Hier war es besonders Edgar Degas, der den Vorgang des Waschens und Reinigens an sich als abbildungswürdigen Akt entdeckte, indem er seine Modellen beim Waschen zeichnete – wobei sie aufgrund ihrer Tätigkeit natürlich nackt waren.
Der Blick durchs Schlüsselloch
Das Gefühl der mit Scham belegten Nacktheit und Sexualität reichte bis ins 20. Jahrhundert hinein und war ausschlaggebend für die weitere Verlagerung des Bades ins Private. Sanitäre Standards hielten in den 1920er Jahren Einzug in die Wohnungen, und die bis dahin zur Reinigung dienenden „Volksbadeanstalten“ wandelten sich zusehends zu Orten für das persönliche Freizeitvergnügen. Mit dem eigenen Bad vollzog sich schließlich der nahezu vollständige Rückzug des Badens in den privaten Bereich. Künstler beschäftigten sich nun vermehrt mit dem „Blick durchs Schlüsselloch“ und damit einher gehend mit Schönheits- und Moralvorstellungen. Hygiene und Sauberkeit, das tägliche Bad oder die Dusche sind heute ein gesellschaftlicher Standard. Über die reine Körperwaschung hinaus dient das Baden vor allem dem eigenen Wohlbefinden, der Gesundheit, der Schönheit und Entspannung. Dass hinter der Fassade der blütenreinen Sauberkeit jedoch auch Abgründe lauern können, zeigt zum Beispiel Gregory Crewdson in seinen Fotografien: Ein sauberes, aufgeräumtes Badezimmer, in dem ein Junge in ein Loch im Boden greift, wo unsichtbar Schmutz und Dunkelheit lauern – eine andere Realität.
Die Ausstellung
Vom späten Mittelalter bis in die Gegenwart reichen die Werke der 90 Künstlerinnen und Künstlern, unter anderem Edgar Degas, Albrecht Dürer, Edouard Manet, David Hockney, Joseph Beuys, Bettina Rheims oder Bill Viola, die bis zum 25. April in Ahlen zu sehen sind. Die Exponate kommen aus Museen in Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Finnland und den USA sowie aus großen privaten und öffentlichen Sammlungen. Ermöglicht wird die Ausstellung „Intimacy! Baden in der Kunst“ durch das Engagement der Ahlener Firma Kaldewei. Parallel wird sie durch die Theodor F- Leitfeld-Stiftung unterstützt. Zur Ausstellung erscheint ein umfangreicher Katalog auf Deutsch und Englisch mit ebenso interessanten wie unterhaltsamen Beiträgen zur Kultur- und Kunstgeschichte, zur Badekultur in Japan und im Orient, zum Bad als Tatort im Film sowie zur Wellness-Kultur.
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