Autor: Myrta Köhler
Die Erfindung des Feuers war womöglich das bedeutendste Ereignis in der Geschichte der Menschheit. Kein Wunder also, dass die Flamme seit jeher als vielfältiges Symbol verwendet wird: Sie repräsentiert die Idee von Freiheit und Solidarität ebenso wie den Protest, der zur Erreichung dieser Ziele eingesetzt wird. Politische Aktivisten und Künstler aller Epochen verwenden die Flamme als bewusstes Symbol, um auf gesellschaftliche Missstände aufmerksam zu machen.
Die Flamme wird oft mit einem lebenden Wesen gleichgesetzt. Ihre Bewegungen und ihre Veränderbarkeit wecken vielfältige Assoziationen und hinterlassen auch in der Sprache ihre Spuren in Form bildlicher Ausdrücke: Die Flamme tanzt und züngelt, oder leckt am Haus empor... Umgekehrt bedient sich die deutsche Sprache auch des Bildes vom Feuer, um menschliche Bewegungen zu beschreiben: Zorn flammt auf, man brennt vor Begierde, Hass verbrennt einem die Eingeweide...
Flammender Protest
Ein lebendiges Symbol wie die Flamme, in welchem immer auch die latent präsente Gefahr mitschwingt, ist prädestiniert als Zeichen für den leidenschaftlichen Protest: So verbrannten beispielsweise Frauen in den 1960er Jahren ihre Büstenhalter, um für mehr Rechte zu kämpfen. Die kanadische Künstlerin Isabelle Hayeur verwendete die Flamme ebenfalls als Zeichen der Sozialkritik. Ihre Videoinstallation Fire with Fire zeigte sie in Vancouver anlässlich der Olympischen Winterspiele im Jahr 2010. Schauplatz war das W2 Media Arts building in der West Hastings Street, Vancouver.
Das Konzept von Fire with Fire basierte auf einem "faux fire", einem vorgetäuschten Feuer: Mit Hilfe einer Videoprojektion wurde der Eindruck erweckt, dass in einem Häuserblock in Downtown-Vancouver ein Feuer ausgebrochen sei. Dafür verdeckte die Künstlerin alle Fenster mit durchscheinendem Papier und montierte in jeder Etage einen Video-Beamer und einen Blu-ray-Player. In drei Videos wurde gezeigt, wie das Feuer entsteht, sich ausbreitet, und schließlich von selbst verlischt – die 15-minütigen Sequenzen wurden in einer Endlosschleife gezeigt, von Einbruch der Dunkelheit bis zur Morgendämmerung. Ziel der Künstlerin war dabei nicht, Passanten oder Anwohner hinters Licht zu führen – sie beabsichtigte vielmehr, die Gegend ins Zentrum der allgemeinen Aufmerksamkeit zu rücken: Vancouvers Downtown Eastside ist der Bezirk, welcher am stärksten von Armut und Obdachlosigkeit geprägt ist. Einen ganzen Monat lang war die Installation hier als subtile Form des Protestes gegen Gentrifizierung und die Olympischen Winterspiele zu sehen.
Schweigender Protest
In Form von Kerzen oder Fackeln eignet sich das Feuer auch für großflächige Protestkundgebungen organisierter Massen: Lichterketten oder Lichtermeere sind mittlerweile populäre Formen der Protestkultur. Anders als Demonstrationen verlaufen solche Lichtermeere meist als Schweigemärsche. Ziel ist es, Solidarität zu bekunden. Das Licht wird zum allgemeinen Symbol des Friedens.
Designer im Streik
Auch das Licht selbst kann zum Objekt des Protestes werden. Das gilt beispielsweise für Menschen, die ihren Lebensunterhalt mit dem Gestalten von Leuchtmitteln bestreiten: Das EU-Verbot für herkömmliche Glühbirnen rief deshalb umgehend deren Verteidiger auf den Plan. Als im Jahr 2009 das Verbot gegen matte Glühlampen erlassen wurde, waren viele Leuchtendesigner indigniert: Schließlich ist das Aussehen der Birne für den Gestaltungsprozess nicht unerheblich. Eine eigene Form des Protestes demonstrierte der deutsche Designer Ingo Maurer auf der Mailänder Messe: Sein Euro Condom in Form eines hitzefesten Silikon-Überziehers verwandelt im Handumdrehen eine klare Glühbirne in eine matte. Deren Licht empfinden die meisten Leute als angenehmer und wärmer als das der klaren Glühbirne. „Das Licht einer Glühbirne ist Wärme und Feuer“ betont Ingo Maurer sein leidenschaftliches Verhältnis zu diesem Leuchtmittel. Es sei unmöglich, das herkömmliche Produkt willkürlich durch ein anderes zu ersetzen. Mit Euro Condom gelingt es einerseits, die von vielen geschätzte Lichtqualität beizubehalten. Zum Anderen ist der Überzieher ein ironischer Kommentar der Regulierungsbestrebungen in Brüssel.
Recycling
Viele Designer protestieren mit ihren Leuchten allerdings auch gegen Umweltverschmutzung: Der Recyclinggedanke ist definitiv im Bereich des Leuchtendesigns angekommen. So fertigt der ehemalige Fotograf Stuart Haygarth aus Fragmenten, die er auf der Straße oder am Strand aufliest, aufwendige Lüster: Verarbeitet werden PET-Flaschen ebenso wie Brillen-Fragmente und Party-Popper. Gebilde mit Namen wie Millennium oder Tide können mittlerweile in Museen oder auf Design Messen rund um die Welt bewundert werden.
Auch die Designerkombo Propellor aus Vancouver protestiert gegen die Wegwerfgesellschaft. Aus alten grauen und braunen Wassergläsern schufen sie ihre Leuchte Dram, die wie ein Mobile aus Bernsteintropfen wirkt. Eines biegsameren Materials bedienen sich hingegen Uroborodesign: Ihre Leuchte Bye Bye Shanghai besteht ausschließlich aus recyceltem Papier und setzt sich aus einer Vielzahl von Papierringen zusammen, die sich nach Belieben formen lassen.
Light is right?
Licht ist in fast allen Kulturen ein Sinnbild für das Gute, für eine positive Kraft. Wer von der Richtigkeit und Wichtigkeit seines Anliegens überzeugt ist, wählt oftmals das Licht, um seinem Engagement Nachdruck zu verleihen – seien es politische oder allgemein menschliche Anliegen. Dahinter mag auch die Hoffnung auf eine positive Meinungsübertragung stehen – vergleichbar einem Flächenbrand, der schnell um sich greift. Das Symbol der Flamme findet sich in Kampagnen gegen AIDS ebenso wie bei Anti-Atom-Protesten. Mittlerweile ist sogar eine digitale Protest-Beteiligung möglich: Auf der Homepage von Amnesty International konnte man anlässlich des 50-jährigen Jubiläums eine virtuelle Kerze anstecken als Zeichen seines humanitären Engagements.
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