Autor: Norman Kietzmann
Ganz und gar nicht auf den Mund gefallen: „Talk to me“ verkündet die neue Ausstellung im Museum of Modern Art in New York und stellt die Interaktion zwischen Menschen und Produkten in den Mittelpunkt. Statt der „Berühren verboten“-Schilder klassischer Produktpräsentationen wird die Distanz zu den Besuchern durch zahlreiche Filme, Klangproben und interaktive Displays bewusst aufgehoben. Worum es geht, ist weniger die Form als das, was die Dinge zu sagen haben.
So viel Andrang herrscht selten. Nicht, dass sich die Besucher an diesem Freitagnachmittag auf die dritte Etage des MoMA verirrt hätten, weil die übrigen Säle weitaus voller wären. Während bei Picasso, Warhol und Co. normale Betriebssamkeit herrscht, nehmen sich die Besucher der Designabteilung diesmal etwas länger Zeit. Das dem so ist, erklärt nicht nur der auffordernde Titel „Talk to me“, den MoMA-Chefkuratorin Paola Antonelli ihrer aktuellen Ausstellung gegeben hat. Es ist vor allem die Interaktion zwischen Menschen und Produkten, die sich auf die Besucher und die gezeigten Exponate überträgt.
Immaterielle Kommunikation
Möbel finden sich unter den 200 ausgewählten Objekten keine, dafür zahlreiche Bedienelemente, Webseiten, Videospiele, Spielzeuge, Werkzeuge oder Informationssysteme, wie sie auf Geld-, Fahrkartenautomaten oder Notfallsäulen zu finden sind. Dinge, die sich im Vorbeigehen nicht erschließen, sondern von den Besuchern ausprobiert und erkundet werden wollen. Dass viele der Arbeiten von Jungdesignern oder Studenten gestaltet wurden, liegt für Paola Antonelli vor allem daran, dass sie einen offenen Umgang mit digitalen Technologien pflegen. Dass deren Wirkung mitunter auch analoge Qualitäten hat, zeigt der Film The Things We keep des dänischen Designers Christian Kolding im Vorraum der Ausstellung.
Langsam fährt eine Kamera an einem Regal entlang, auf dem sich Bücher, Vasen und kleine Objekte scheinbar endlos aneinanderreihen. Nichts Ungewöhnliches auf den ersten Blick, würden nicht Name, Herkunft und Umstände des Erwerbs zu jedem Objekt eingeblendet werden. Man erfährt, von wo die einzelnen Dinge stammen, ob sie eigenhändig gekauft oder Geschenke von Freunden waren. Informationen, die man den Dingen nicht ansieht und die dennoch eine schlichte, bisher unscheinbare Vase plötzlich zum Reden bringen.
Mut zur Hässlichkeit
Verläuft die Interaktion hierbei auf einer persönlichen Ebene, die sich für Außenstehende nicht erschließt, gehen die zahlreichen Maschinen und Automaten dieser Ausstellung umso direkter auf den Menschen zu. Dass weniger Schönheit als vielmehr Effizienz ein Merkmal von Gestaltung sein kann, unterstreicht der ausgestellte Fahrkartenautomat der New Yorker U-Bahn, der 1999 von der Firma Cubic Transportation Systems entwickelt wurde. Eine hässliche, unförmige Kiste mit klobigen Tasten, könnte man meinen, über die die Kuratoren jedoch regelrecht ins Schwärmen geraten. Selten, so ihre Begründung, wurde der Ticketkauf so schnell und verständlich für junge und ältere Menschen gleichermaßen gemacht.
Einen bewussten Austausch mit der Öffentlichkeit suchen unterdessen die City Ticket -Serviceautomaten, die 2010 vom jungen deutschen Designer Mayo Nissen für das Dänische Institut für Interaction Design entwickelt wurden. Anstelle bisheriger Parkscheinautomaten spucken diese nicht nur Tickets aus, sondern können von den Bürgern genutzt werden, um die Behörden über Straßenschäden, kaputte Ampeln oder Laternen zu informieren sowie Verbesserungsvorschläge oder weitere Kritik einzureichen. Die Daten werden an einer zentralen Stelle gesammelt und schließlich auf Karten übertragen. Während die Stadt auf diese Weise Missstände schneller beheben kann, werden die Bürger aktiv eingebunden. Über eine Referenznummer können sie den aktuellen Stand in der Behandlung des von ihnen gemeldeten Falls im Internet verfolgen.
Begegnung auf Augenhöhe
Dass Produkte ebenso das Verhalten von Menschen verändern können, zeigen die Arbeiten der israelischen Designerin Adi Marom sowie des deutschen Künstlers Hans Hemmert. Entwarf Marom den elektronisch steuerbaren Fußuntersatz Short++ (2010), mit dem kleine Menschen den Größenunterschied zu ihrem Gegenüber ausgleichen können, unternahm Hans Hemmert ein ähnliches Experiment. Für eine Ausstellung in der Berliner Galerie Gebauer fertigte er 1997 verlängerte Schuhsohlen aus Polystyrol und Gummi in unterschiedlichen Höhen an. Die Besucher der Vernissage wurden angewiesen, diese zu tragen und wurden – angepasst an ihre jeweilige Körpergröße – auf eine einheitliche Körperhöhe von zwei Metern „verlängert“. Die Begegnung auf Augenhöhe wurde zu einer ungewöhnlichen Erfahrung, die auch das Auftreten der Personen unmittelbar veränderte.
Ein Werkzeug, um die zwischenmenschliche Kommunikation zu erleichtern, nahm auch der junge deutsche Designer Sascha Nordmeyer in Angriff. Seine Kommunikationsprothese (2010) ist ein Ring aus leuchtend rotem Harz, der zwischen Zähne und Lippen eingespannt wird. Das Gesicht wird durch diesen Eingriff zu einer grotesken Maske verzerrt, die die Zähne wie bei einem angriffslustigen Tier offen zur Schau stellt. Unsichere Menschen sollen auf diese Weise ihre sozialen Fähigkeiten austesten, können sie sich der Reaktion sämtlicher Mitmenschen schließlich mehr als sicher sein.
Austausch mit der Welt
Um auch in geschlossenen Mauern den Kontakt zur Außenwelt nicht zu verlieren, hat das Interaction Research Studio der Universität von London ein Kommunikationsapparat für Nonnen entwickelt. Im Auftrag des Klosters Poor Clare Sisters in York entstand ein schlichter Fuß mitsamt einem schmalen Leuchtband, über das aktuelle Nachrichten aus aller Welt übertragen werden – gemischt mit den Gefühlsäußerungen von Personen, die diese auf einer Webseite anonym abgeben und dabei zuweilen um geistigen Beistand bitten. Der Alltag der Nonnen, deren Kommunikation noch immer weitestgehend über die Katholische Zeitung, Briefe und wenige Anrufe erfolgt, wird so der Geschwindigkeit heutiger Datenübertragung angepasst, ohne die klösterlichen Räume mit übertriebenem Technikwirrwar aufzurüsten
Auch wenn sich mitunter recht fragwürdige Dinge unter den Exponaten finden – darunter eine Wünschelrute des britischen Designers Mike Thompson, die nicht versteckte Wasseradern, sondern offene WLAN-Netze aufspüren soll – liegt der Charme der Ausstellung in ihrem wilden Mix aus kuriosen Dingen. Die Zukunft – sei sie digital wie eines der zahlreichen Videospiele oder analog wie eine aus Kunststoff gefertigte Ohrprothese, mit der das Hören besser gelingen soll – wirkt nicht bedrohlich, sondern so verlockend hilfreich wie eine neue App. Das mag mitunter naiv anmuten und doch liegt darin die Zukunft des Designs: Weg von schweren, dreidimensionalen Formen in Richtung frei bespielbarer Interfaces. Das iPhone hat schließlich vorgemacht, wie unzählige Produkte in einer schlichten schwarzen Scheibe aufgehen können.
Digitale Durchstarter
Dass immaterielle Entwürfe ebenso den Weg in die ständige Sammlung des MoMA finden, zeigt eine aufschlussreiche Neuerwerbung, die nur wenige Schritte außerhalb der Ausstellung präsentiert wird: insgesamt 19 digitale Schriften, die eigenes für den Einsatz im Internet entwickelt wurden und aus der Netzwelt längst auch den Sprung in Zeitschriften und Bücher geschafft haben. Nicht Form und Funktion sind mehr die Schlüssel für die Gestaltung von morgen. Es ist die Kommunikation.
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