Autor: Myrta Köhler
Ein kleines Örtchen am Teutoburger Wald erhellt die dunkle Jahreszeit mit einem besonderen Spektakel: Zum dritten Mal findet in diesem Jahr die lichtsicht Projektions-Biennale in Bad Rothenfelde statt. Hauptschauplatz ist das Gradierwerk: eine Salzgewinnungsanlage, dessen zwei Mauern den Ortskern dominieren. Nach Einbruch der Dunkelheit wird dieses lokale Wahrzeichen zur Projektionsfläche – und zur wahrscheinlich längsten Leinwand der Welt.
Sole schrieb die Geschichte des Ortes Bad Rothenfelde bei Osnabrück. In den Jahren 1778 und 1824 entstanden hier zwei Gradierwände mit 13 bzw. 10 Metern Höhe und insgesamt 1.048 Metern Breite: ein Wahrzeichen aus Schwarzdornzweigen, Wasser und Salz. Die Anlage diente ursprünglich der Salzgewinnung. Salzhaltiges Wasser aus 3.000 Metern Tiefe rieselt über die Außenfläche ab, durch Verdunstung erhöht sich der Salzgehalt. Mittlerweile werden die Gradierwerke zur Freiluft-Inhalation genutzt: Das Einatmen der solehaltigen Luft soll Körper und Geist beleben.
Die womöglich längste Leinwand der Welt
Als Schauplatz der lichtsicht – Projektions-Biennale appelliert das Wahrzeichen des Ortes seit 2007 auch an andere Sinne. Alle zwei Jahre wird die riesige Salzhecke zur Projektionsfläche, phantastische Bilderwelten ziehen allabendlich durch den Ort. Veranstalter der Biennale ist Manfred Schneckenburger, ehemaliger Leiter der Documenta; die Projektleitung hat der Initiator Paul Anczykowski. Zehn nationale und internationale Künstler präsentieren in diesem Jahr ihre Werke – bespielt werden beide Gradierwände, sowie zwei Teiche und das Kurmittelhaus.
Die Gradierwände erzielen durch ihre typische Oberflächenstruktur einen ganz besonderen Effekt: Unterschiedlich starke Ablagerungen von Kalk, Eisen und Gips hinterlassen abstrakte Muster in verschiedenen Farbtönen. Bei Nacht erzeugt diese unregelmäßige Maserung in Verbindung mit dem Salzwassernebel ganz eigene Reflektionseffekte, welche den Projektionen einen besonderen Zauber verleihen.
Von der Salzwand zur Leinwand
Das Gradierwerk besticht durch ein einzigartiges Breitwandformat: Auf insgesamt 11.000 Quadratmetern besteht hier die Möglichkeit, mehrere Lichtkunstwerke nebeneinander zu zeigen, zudem können Vorder- und Rückseite gleichzeitig bespielt werden. Kernstück der Biennale ist das 412 Meter lange „Neue Gradierwerk“. Nicht weniger als 47 synchronisierte Hochleistungs-Beamer ermöglichen hier besondere Effekte, darunter großformatige Motive, die sich über die gesamte Länge der Wand bewegen. Der österreichische Medienkünstler Rainer Gamsjäger nutzt diese Möglichkeit eindrucksvoll für sein Projekt „State of Flux – Wave#1, Wave#2, Wave#3“: Eine endlose Brandungswelle scheint sich durch den Ort zu wälzen.
Auch die israelische Künstlerin Sigalit Landau macht das Meer zum Thema ihrer Arbeit. Im Jahr 2008 hatte sie mit einer Ausstellung im MoMA in New York ihren Durchbruch als Videokünstlerin, in diesem Jahr vertrat sie Israel auf der 54. Biennale in Venedig. Für ihr Projekt „Dead Sea“ filmte sie eine Spirale aus 500 aufgefädelten Wassermelonen, die auf der Oberfläche des Toten Meeres treibt. Blickfang sind einige aufgeschnittene, tiefrote Melonenhälften, und ihr eigener Körper, der zwischen den Früchten schwimmt.
Sigrid Sandmanns Projekt „Ursprung“ offenbart ebenfalls eine thematische Entsprechung zum Soleheilbad. Auf die kleinere Wand, das „Alte Gradierwerk“, projiziert sie typografisch gesetzte Begriffe mit Bezug zum Wort „Salz“. Die entstehende, kubisch gegliederte Sprach-Architektur wurde eigens für die Wandmaße des Alten Gradierwerks geschaffen.
Menschen im Rampenlicht
Die genannten Projekte interpretieren auf unterschiedliche Art den Genius loci. Das Thema war in diesem Jahr jedoch erstmals völlig frei wählbar. Mehrere Künstler machten deshalb den Menschen zum Mittelpunkt ihrer Arbeit. Ein beklemmender Anblick bietet sich im Kurteich hinter dem neuen Gradierwerk: Ein weißer Pickup scheint von der Straße abgekommen zu sein, durch die Windschutzscheibe sieht man die Insassen verzweifelt gegen das steigende Wasser kämpfen: Ausschnitt aus einem Fernsehkrimi. Claudia Wissmann inszenierte mit „Prime Time“ eine beunruhigende Mischung aus Realität und Fiktion, aus Katastrophe und Unterhaltung.
Wenige Meter weiter zeigt die Rückwand des Neuen Gradierwerks ein hoffnungsvolleres Szenario. Das südkoreanische Künstlerpaar Mioon – im Jahr 2008 bereits zu Gast bei der Documenta 12 – bildet mit „With or Without You“ das nächtliche Leben im städtischen Apartmenthaus ab. Der stilisierte Querschnitt eines Wohnblocks zeigt die separaten Wohneinheiten, darin gehen die Silhouetten der Menschen ihren Tätigkeiten nach: Arbeit, Fernsehen, Gymnastik. Plötzlich gerät das Bild in Bewegung, die Menschen gehen durch Wände, treten in Kontakt mit den Nachbarn: Im beinahe realen Maßstab zeigt Mioon den Übergang von der Anonymität zur Kommunikation.
Kino für alle
Als das Gradierwerk errichtet wurde, hätte sich wohl niemand träumen lassen, dass es einst von digitalen Bilderwelten überflutet werden würde. Nicht nur Wasser läuft nun über die haushohen Wände: Mit Einbruch der Dunkelheit wird das Wahrzeichen des Ortes zur Projektionsfläche für Phantasien und traumartige Gebilde. Bunte Gestalten erwachen hier Nacht für Nacht zum Leben - ganz großes Kino.
Weitere Informationen:
3. Projektions-Biennale
Zeit: 1. Oktober 2011 bis 8. Januar 2012, jeweils ab Dämmerungsbeginn
Ort: Kurpark, Bad Rothenfelde (Niedersachsen)
www.lichtsicht-biennale.de
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