Autor: Norman Kietzmann
Was wächst und fliegt und kann sich ständig neu verwandeln? Es ist das Design, das seine körperliche Hülle längst hinter sich gelassen hat und in digitalen Welten ganz ohne die Zwänge von Fabrikation und Material nach neuen Wegen sucht. Decode: Digital Design Sensations lautet der Titel einer Ausstellung im Designmuseum Holon, das die digitale Gestaltung des Alltags unter die Lupe nimmt. Das Ergebnis: Eine Schau voll spielerischer Reize, die dennoch hinter die Oberfläche zu blicken vermag.
Möbel haben derzeit einen schwierigen Stand. Zumindest, wenn es nach den Direktoren der wichtigen Designmuseen geht. Nahm erst kürzlich das New Yorker MoMA eine Gruppe digitaler Schriften in seine ständige Sammlung auf, avancierte die von Paola Antonelli kuratierte Ausstellung Talk to me zum Publikumshit dieses Herbstes. Dass Möbel in dieser Schau, die sich ganz der Interaktion zwischen Mensch und Produkt widmete, bewusst außen vor gelassen wurden, überrascht kaum. Schließlich sind es heute weniger Sessel und Sofas, die den Alltag verändern, als vielmehr die Software auf unseren Mobiltelefonen, Computern oder Anwendungen im Internet.
Auch sie sind zweifelsohne gestaltet, doch fehlt es ihnen an physischer Präsenz. Sie entstehen, agieren und verschwinden im virtuellen Raum und bleiben dennoch nicht ohne Spuren für die reale Welt um uns herum. Es sind eben jene Freiräume und Auswirkungen des Digitalen, die das Design Museum Holon mit seiner Ausstellung Decode: Digital Design Sensations thematisiert. Kuratiert von Louise Shannon, Leiterin für zeitgenössische Themen am Londoner Victoria & Albert Museum, sowie Shane Walter, Direktor der ebenfalls in London ansässigen Organisation für digitale Kunst Onedotzero, wird eine quer gefasste Bandbreite von Projekten aufgegriffen, die mal humorvoll, mal kitschig und nicht selten auch entlarvend sind.
Entsagung der Materie
Das Design wird hierbei ganz zum Spielfeld zwischenmenschlicher Kommunikation. Doch anders als die Produkte der Memphis-Ära, die mit gleichbleibender Intensität um Aufmerksamkeit buhlten, reagiert die digitale Gestaltung auf die Anwesenheit und das Verhalten der Betrachter. Drei Themen haben die Kuratoren hierbei als verbindenden Faden bestimmt: Code widmet sich den Bausteinen hinter der grafischen Oberfläche: Die Binärcodes und Sprache der Programmierer, mit deren Hilfe Objekte, Filme oder andere Dinge im virtuellen Raum entstehen können, die sich kontinuierlich verändern, wachsen oder auf sonstige Weise ihre Gestalt wie scheinbar lebendige Wesen verändern. Das Design lässt eine statische Erscheinung hinter sich und erhält stattdessen Spielraum für Veränderung.
So basiert der Film On Growth and Form des Londoner Designers Daniel Brown auf mathematischen Algorithmen, die virtuelle Pflanzen- und Blumenarten während der Dauer der Ausstellung kontinuierlich wachsen und ständig neue Blätter und Blühten austreiben lassen. Die Arbeit Bit.Code des deutschen Künstlers Julius Popp verbindet Ketten aus schwarzen und weißen Bausteinen zu einem Computer gesteuerten Rastermuster. Über kleine Motoren können die Steine in Bewegung versetzt werden, sodass inmitten des digitalen Camouflage plötzlich Worte in lateinischen Buchstaben zum Vorschein treten, die dem Betrachter die Möglichkeit geben, zumindest einen Bruchteil des Codes dechiffrieren zu können. Gebrochen wird die Wahrnehmung der Szenerie durch das laute Rattern und Klappern der Steine, die an eine altertümlichen Anzeige am Flughafen erinnern und dem Digitalen eine überaus analoge Erdung verleihen.
Die Konsequenzen eines Föns
Der zweite Themenbereich steht ganz im Zeichen der Interaktivität. Der Besucher wird hierbei nicht nur Teil der Arbeit, sondern vielmehr zu deren Bedingung. So lässt der Show Mirror von Daniel Rozin virtuelle Schneeflocken als Projektion herabfallen, die ein exaktes Abbild vom Gesicht des Betrachters formen, das mithilfe eines speziellen Sensors zuvor dreidimensional gescannt wurde. Spielerisch zeigt sich derweil die digitale Pusteblume des Londoner Designteams Sennep, deren Samen vom Betrachter mithilfe eines Föns hinweggepustet werden können. Der Reiz dieser Arbeit liegt in der Überschneidung aus der Zweidimensionalität der Blume, die lediglich als Film an die Wand projiziert wird, und dem tatsächlich real im Raum beweglichen Fön, dessen Ausrichtung über einen Sensor die Flugrichtung der Pollen bestimmt.
Das Zusammenspiel aus Aktion und Reaktion greift ebenso das Projekt Cubes auf, eine Gemeinschaftsarbeit von elf Gestaltern des Interaction Lab am Institute of Technology in Holon. 20 Kuben aus transparentem Plexiglas machen sichtbar, was hinter Steckdosen, Lichtschaltern oder Handygehäusen passiert, indem die einfachen Schaltkreise offen gelegt werden. Betätigt der Benutzer einen Sensor auf der „In-out“-Seite der Boxen, folgt auf der gegenüber liegenden Seite ein Output als Klang, Licht, Bewegung oder elektromagnetischer Induktion. Werden mehrere Boxen in eine Reihe gestellt, lassen sich Kettenreaktionen mit häufig unvorhersehbaren Nebenwirkungen erzeugen, die die elektronischen Prozesse des Alltags offen legen.
Spurensuche aus dem Weltraum
Network lautet der Titel des dritten Ausstellungsteils, der die Spuren mobiler Kommunikation und Bewegung untersucht. So überträgt die Arbeit Flight Patterns von Aaron Koblin die internationalen Flugbewegungen in Echtzeit auf eine Leinwand, wodurch die Dichte und Frequenz des Luftverkehrs konkret ablesbar wird. Mit Good Listeners entwickelte der israelische Designer Mushon Zer Aviv einen Browser Plug-In, der immer dann in Aktion tritt, wenn Webseiten wie Google oder Facebook ohne Wissen des Benutzers Daten an Dritte weiterleiten. Auf dem Bildschirm erscheint in diesem Falle ein Fenster, in dem ein digitaler Priester „Tell me more...“, „Let it all out...“ oder „You can trust me...“ verkündet. Indem auf diese Weise Prozesse transparent werden, die sonst im Verborgenen geschehen, rücken die tagtäglichen Handlungen stärker ins Bewusstsein. Das digitale Design ist spätestens an dieser Stelle weit mehr als eine grafische Hülle: Es macht mitunter auch das Unsichtbare sichtbar.
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