Autor: Tim Berge
Materialien spielen auf verschiedenen Ebenen der Gestaltung eine wichtige Rolle: es geht um Funktionalität, Wirtschaftlichkeit und Wahrnehmung. Was muss ein Produkt oder Gebäude können? Wie günstig soll es in seiner Herstellung sein und wie energiesparend in seiner zukünftigen Nutzung? Und was soll es seinem Benutzer vermitteln? All diese Fragen werden über das Material entschieden. Innovative Architektur und neues Design sind kaum noch ohne technische Neuerungen auf der Materialebene vorstellbar – zu eng sind Gestaltung und neue Entwicklungen in der Technologie mittlerweile miteinander verknüpft. Und neben der Entwicklung neuer Materialien wird auch Altbekanntes wiederentdeckt, optimiert und neu herausgebracht. Ein Forum dafür bietet die zum zweiten Mal stattfindende innovation of interior, die vom 25. bis 28. Mai 2011 parallel zur interzum in Köln stattfindet. Und auch auf Designlines widmen wir uns eine ganze Woche Produkten und Projekten, die innovative Materialien verwenden.
Die Material-Messe innovation of interior will unkonventionelle und zukunftsweisende Ansätze im Bereich der Materialanwendung aufzeigen sowie realisierte Projekte präsentieren, zudem versammelt sie eine große Auswahl an innovativen Werkstoffen. Es geht darum, Gestalter und Hersteller zu inspirieren, wie man neue Bau- und Werkstoffe nutzen kann, welche Gestaltungsmöglichkeiten es gibt in einem Bereich, der stetig größer und umfassender wird. Die Anforderungen an die Planung von Gebäuden oder Produkten in Bezug auf ihre strukturelle, funktionale und energetische Effizienz steigen stetig an – und damit auch die Anforderungen an Baumaterialien und die Designer, die sie einsetzen. Innovationen aus dem Bereich der Nanotechnologie und Materialien aus der Auto- und Flugzeugherstellung bieten dem Designer immer fortschrittlichere Möglichkeiten – aber auch die Neuinterpretation von bereits Vorhandenem wird in immer stärkerem Maße zu einem bestimmenden Thema unserer Zeit.
Innovation durch Vision
Von Alvar Aalto bis Apple, von Charles und Ray Eames bis Konstantin Grcic: Design- und Architekturinnovationen erzählen immer auch eine Geschichte technischer Innovationen, neuer Produktions- und Anwendungsmöglichkeiten und – nicht zuletzt – neuer Materialien. Grundlage ist aber oft die Vision eines Gestalters, der sich abseits der branchenüblichen Pfade bewegt, so wie vor fast zweihundert Jahren bei den Thonets durch Experimentieren und Ausprobieren das Formholz erfunden wurde oder das Ehepaar Eames in den 1940er Jahren beim Militär den bis dahin im Design unbekannten glasfaserverstärkten Kunststoff entdeckte. Beide Fälle revolutionierten die Stuhlgestaltung nachhaltig. Heutzutage ist die enge Zusammenarbeit von forschender Industrie und der Gestaltungsbranche – auch im Bezug auf Nachhaltigkeitsaspekte – ein häufiger werdender Vorgang, und nicht wenige Architekten und Designer führen ihre eigenen Materialbibliotheken oder lassen sich durch professionelle Materialarchive beraten.
Poly … was?
Eine Fassade aus Polycarbonatplatten, ein Stuhl aus Polybutylenterephthalat oder ein Sofa mit einem elastischen Polyurethanfaser-Kern: Hinter den sperrigen Begriffen neuer Kunst- und Verbundstoffe stecken manchmal kleine Designrevolutionen. Herzog & de Meuron befreiten mit ihrem farbig leuchtenden Laban Dance Centre (2003) die transluzente Polycarbonatplatte aus ihrem tristen Schilderdasein, der Freischwinger Myto (2007) von Konstantin Grcic ging aus einer Zusammenarbeit mit dem Chemieunternehmen BASF hervor und Antonio Citterios Sofa Moshi-moshi (2009) nutzt die Materialeigenschaften für ein neuartig leichtes, luftdurchlässiges und verformbares Sitzmöbel.
Nano-Nano
Vielleicht kennen Sie den Lotuseffekt. Aber wussten Sie, dass es selbstheilende Kunststoffe gibt? Oder Materialien, die Bakterien bekämpfen? Aus der Chemieindustrie kommen immer mehr Werkstoffe aus der Nano-Technologie, die aufgrund ihrer verschwindend geringen Größe für den Menschen nicht wahrnehmbar sind – und doch eine große Wirkung haben: Sie können Wasser abperlen lassen und haben so gleichzeitig einen Reinigungseffekt („Easy-to-clean“-Oberflächen). Oder sie bilden keimfreie Oberflächen, die zum Beispiel als antibakterielle Türklinken in Krankenhäusern verwendet werden.
Es gibt aber auch Materialien, bei denen Bakterien bewusst zum Einsatz kommen. Bei der Herstellung von Holz-Schaum – einem neuen, extrem leichten Werkstoff, der bei Sandwichbauelementen eingesetzt wird – vermengen sich Abfallprodukte der Holzverarbeitung wie Späne und Staub mit Wasser sowie Stärke und werden unter Zusatz von Hefepilzen und Bakterien geschäumt.
Planungspuzzle
Die konkrete Verwendung neuer Materialien, die teilweise komplexe Strukturen haben oder projektbezogen individuell geformt und angepasst werden, wird durch computerunterstützte Planung unproblematisch. Im Gegenteil werden die Risiken in der Fertigung und Montage minimiert, da die Prozesse detailgenau von Computern und Maschinen überwacht und durchgeführt werden. Ein Beispiel dafür ist der frisch fertig gestellte Wohnturm von Frank O. Gehry in New York, dessen 10.500 Metallpaneele der Außenfassade zwar fast alle einzeln hergestellt wurden – vor Ort dann aber nur noch ihren richtigen Platz finden mussten. Die so – im Verhältnis – verkürzten Bauphasen stehen allerdings überproportional wachsenden Planungszeiten gegenüber. Es ist also nur eine Verlagerung der Verantwortungen und des Arbeitsaufwands, die stattfindet.
Re-Alles
Fast als Gegenbewegung zu den Hightech-Oberflächen kann man den immer größer werdenden Anteil recycelter, wieder- und umgenutzter oder nachwachsender Materialien betrachten. Es gibt bereits viele Projekte die neuartige Materialkreisläufe („Kaskadennutzung“) integrieren und so ihrer Gestaltung eine neue, ökologisch-sinnvolle, aber auch imagefördernde Ebene hinzufügen. Es sind also vor allem Gestalter und Industrie gefordert, dem Thema Recycling neue Impulse zu geben.
Zum Schluss
Die Eigenschaften – und oftmals Unzulänglichkeiten – eines Materials können wir als Gestalter annehmen, uns mit ihnen anfreunden und mit ihnen arbeiten. Oder wir können seine Grenzen ausloten und uns auf die Suche begeben nach neuen Materialien, die diese Grenzen überschreiten. Und wenn sich durch die Erfindung eines neuen oder die Weiterentwicklung eines bekannten Materials eine feinere Verarbeitungsmöglichkeit, eine andere Art der Formbarkeit oder gar eine neue Nutzung ergibt, setzt der Aha-Effekt ein. Das Material darf aber nicht als reine „Oberfläche“ enden, sondern muss sich in seinen Kontext einfügen – nur so kann es Teil einer gut erzählten Geschichte werden.
Die Möglichkeit, brandneue Materialien live anzuschauen, zu begutachten und anzufassen, bietet nun das Forum innovation of interior, das parallel zur Material-Messe interzum vom 25. bis 28. Mai 2011 in Halle 4.2 in Köln stattfindet.
Mehr Beiträge zu unserem Schwerpunkt Material lesen Sie hier .
Buchtipps
Christiane Sauer:
Made Of … Neue Materialien für Architektur und Design
Berlin 2010, Gestalten Verlag
ISBN: 978-3899552935
Sascha Peters:
Materialrevolution: Nachhaltige und multifunktionale Materialien für Design und Architektur
Basel 2010, Birkhäuser Architektur
ISBN: 978-3034605755
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