Autor: Norman Kietzmann
Sie werden mit Stahl beschossen, per Laser geschnitten oder kleben wie Geckos mühelos an spiegelglatten Scheiben: Seit 125 Jahren entwirft das Schweizer Unternehmen Création Baumann Stoffe, die eidgenössische Präzision mit technischer Innovation in Einklang bringen. Die Produkte des Langenthaler Unternehmens erfüllen aber nicht nur ihre traditionelle Rolle als Vorhang- oder Möbelstoffe. Sie verbessern die Akustik, regulieren die Raumtemperatur und treten in Dialog mit der sie umgebenden Architektur.
Es kam, wie es kommen musste. Hobby hieß ein gemusterter Vorhangstoff, der 1974 das erfolgreiche Vorgängermodell Weekend (1965) ersetzen sollte. Warum der Verkauf dennoch hinter den Erwartungen blieb, wurde Jörg Baumann, Vater des heutigen Firmeninhabers, klar, als er den Stoff in seinen eigenen Wohnräumen verwenden wollte. „In der Kollektion konnte ich kaum Farben finden, die zu meiner Einrichtung passten. Untereinander harmonierten die Hobby-Farben hervorragend, aber mit anderen Farben weit weniger“, bemerkte der Enkel des Firmengründers und zog die richtigen Schlüsse.
Textil und Architektur
Dass Stoffe keineswegs nur Fläche, sondern vielmehr Schnittstelle zum Raum sind, bestimmt bis heute die Entwicklung neuer Kollektionen. „Wir kommen häufig erst sehr spät in ein Projekt mit unseren Stoffen. Darum müssen wir uns darauf einstellen, was am Fenster und am Boden geschieht“, erklärt Philippe Baumann, warum die Proportionen, Materialien und Farben von Gebäuden von entscheidender Bedeutung sind. So hat die Tendenz der Architekten zu immer größeren Fensterflächen auch die Breite von Stoffbahnen von ihrem Standardmaß von 1,5 Metern auf stattliche drei Meter Breite wachsen lassen. Der Sohn von Jörg Baumann trat 2000 die Nachfolge seines Vaters an und leitet die Geschicke des Schweizer Unternehmens heute in der vierten Generation. Begonnen hat die eidgenössische Erfolgsgeschichte allerdings nicht im Kanton Bern, sondern mit einer Begegnung in Paris.
Dort begannen die Schweizer Friedrich Baumann und Albert Brand als Vertreter einer französischen Textilfirma zu arbeiten und beschlossen 1886, eine Fabrik für Leinen und Halbleinen an ihrem Heimatort zu gründen. Die Geschäfte von Brand & Baumann florierten, bis es 1903 aufgrund persönlicher Spannungen zur Spaltung des Unternehmens kam. Friedrich Baumann arbeitete unter dem Namen Baumann-Grütter Söhne weiter, bis er 1930 die Leitung an seine beiden Söhne Fritz und Willy übergab. Keine leichte Zeit für neue Impulse, schließlich machte die Weltwirtschaftskrise auch um die Schweiz keinen Bogen. Bei der Neuausrichtung der Produktpalette kam den beiden Brüdern eine wichtige Erkenntnis: Mit Weißware, wie sie jede Weberei herstellen konnte, würden sie auf Dauer nicht erfolgreich sein. Neue Impulse suchten Fritz und Willy Baumann daher, als sie auf der Schweizer Landesausstellung 1939 gezielt mit Architekten und Innenausstattern in Kontakt traten.
Experimenteller Grundstein
Als die Produktion im Zweiten Weltkrieg beinahe zum Stillstand kam, geriet ebenso die Versorgung mit Leinen und Baumwolle zunehmend zur Herausforderung. „Aber alles, was nach Garn aussah, ließ sich verweben. So entstanden viele neue und zum Teil interessante Gewebe, die für Dekorationsstoffe und Möbelbezüge verwendet werden konnten“, erinnert sich Jörg Baumann, wie der unfreiwillige Einsatz von Mischgarnen den Grundstein für die Entwicklung experimenteller Stoffe legte. Als die Produktion nach Kriegsende wieder gesteigert werden sollte, kam es zur erneuten Trennung des Unternehmens. Blieb Willy Baumann am alten Standort und konzentrierte sich auf die Herstellung von Möbelstoffen, gründete sein Bruder Fritz 1951 eine Leinenweberei an der Zürich-Bern-Straße – die heutige Création Baumann.
Mit dem Aufbau einer Handdruckerei wurden ab 1953 zunehmend dekorative Stoffe ins Programm genommen, die von der Schweizer Künstlerin Cornelia Forster und ab 1962 von der schwedischen Textildesignerin Edna Lundskog entworfen wurden. Neue Akzente setzte 1959 der halbtransparente Leinen-Dekorationsstoff Bayadere, während 1961 die Herstellung von Weißware – genau wie 25 Jahre zuvor angekündigt – endgültig eingestellt wird. Innovation galt nicht nur für die Stoffe: Sie nahm ihren Ursprung häufig mit den Garnen. So wurde für den Stoff Saratoga 1963 ein Garn aus Leinen und Seide vorgestellt, das dem fertigen Textil die Anmutung von Seide mit einer rustikalen Brechung gab. Als 1965 die kommerziell sehr erfolgreichen Kollektionen Fortuna und Weekend eingeführt wurden, konnte das Unternehmen bereits sämtliche Arbeitsgänge – vom Färben des rohen Garns über die Aufwicklung in der Spulerei bis hin zum Weben und anschließendem Bedrucken des Textils – eigenständig ausführen und die Qualität seiner Waren präzise kontrollieren. Mit Fretric entwickelte Fritz Baumann 1975 schließlich ein System aus vertikalen, drehbaren Lamellen, heute als Vertikallamelle bekannt, das als Alternative zum klassischen Vorhang richtungsweisend für die gesamte Branche wurde.
Akustische Stoffe und bedampfter Stahl
Waren in den achtziger und neunziger Jahren vor allem dekorative Stoffe bestimmend, die durch die Erfindung des Ketten- sowie später des Digital- und Laserdrucks verfeinert wurden, folgt ab 2000 ein stärkerer Fokus auf die Funktion. „Wir waren die ersten, die Textilien nach ihrer akustischen Wirkung gemessen haben“, erklärt Philippe Baumann, wie seine Stoffe mit neuen Eigenschaften nicht nur bei Privatkunden, sondern zunehmend in Bürogebäuden, Krankenhäusern, Hotels, Restaurants sowie kulturellen Einrichtungen wie Theatern, Kinos oder Museen zum Einsatz kommen. 40 Prozent der gesamten Produktion entfallen derzeit auf den Objektbereich – Tendenz weiter steigend. Indem der Stoff Dimmer (2002) nicht nur als leichter, lichtundurchlässiger Verdunkelungsstoff dient, sondern als akustischer Absorber den Schall auf messbare Weise zu schlucken vermag, erhält das Textil einen entscheidenden Mehrwert. Eine weitere Anwendung zeigt eine Kollektion von sieben Stoffen, die eigens für den Einsatz in Vitrinen in Museen entwickelt wurde. Die schadstoffgeprüften Textilien können sicherstellen, dass die Exponate auf Dauer nicht beschädigt werden.
Wie Stofflichkeit und Nanotechnologie miteinander einhergehen, zeigt die Kollektion Steel (2009). Anders als ihr Vorgänger Silver (2008), bei dem ein synthetisches Textil mit einer dünnen Schicht aus Aluminium bedampft wurde, werden winzige Stahlpartikel im Vakuumverfahren auf die Oberfläche geschossen. Die dunklere Färbung mindert zwar die reflektierende Wirkung gegenüber dem Sonnenlicht. Dafür ist Steel weitaus weniger anfällig für Knicke oder Brüche und kann zudem gewaschen werden. Insgesamt 80 Prozent der von Création Baumann produzierten Stoffe sind flammhemmend und werden durchschnittlich über einen Zeitraum von anderthalb Jahren entwickelt. Die jährlich auf Messen vorgestellte Kollektion umfasst rund 30 bis 40 neue Stoffe mit zusammen 400 Farben, die im Schnitt rund sieben Jahre in der Produktion bleiben.
Alternativen zum Vorhang
Wurde mit dem Lamellensystem Fretric bereits eine Alternative zum klassischen Vorhang erprobt, kamen ab Beginn der neunziger Jahre Flächenvorhänge, Rollos sowie aktuell auch Raffvorhänge hinzu. Anders als bei dekorativen Stoffen, die als Halbzeuge erst vom Fachhändler zum fertigen Vorhang verarbeitet und an den Kunden geliefert werden, werden die Systeme als fertige Produkte verkauft und vorab in Langenthal auf die gewünschten Maße der Kunden angepasst. Eine weitere Alternative brachte 2007 die Einführung des Stoffes Gecko, der als selbsthaftendes, mit Silikon beschichtetes Textil direkt auf Glasflächen zum Einsatz kommt. „Gecko ist der erste Stoff, der einen Sichtschutz bietet, ohne mit einer Schiene aufgehangen zu werden“, erklärt Philippe Baumann die technische Innovation, die für ihn auch von wirtschaftlicher Notwendigkeit ist. Allein 2011 hat der Schweizer Franken infolge der Eurokrise rund 25 Prozent an Wert zugelegt – eine empfindliche Preissteigerung, die sich nur durch technischen Vorsprung wieder kompensieren lässt.
Eine Verlagerung der Produktion mit ihren 260 Mitarbeitern über die Grenzen der Schweiz hinaus, kommt für den der 45-jährigen Firmenchef dennoch nicht in Frage. „Wenn wir innovativ sein und neue Funktionen in die Produkte einbauen wollen, brauchen wir die Nähe zur Technik, zum Garnspezialisten, zum Webereispezialisten und der gesamten Wertschöpfungskette“, ist Philippe Baumann überzeugt. Schließlich konnte auch ein Produkt wie Gecko nur entwickelt werden, weil der verantwortliche Produktionsleiter über Erfahrungen mit textilen Beschichtungen verfügte. Vorschläge für einen neuen, flexiblen Sichtschutz verspricht unterdessen der mit 20.000 Euro dotierte Wettbewerb „Systems: Think forward“, für den bereits 21 Studenten und Studentengruppen Vorschläge erarbeitet haben. Wenn zur Preisverleihung am 22. September 2011 auch Gäste aus den Niederlanden und Schweden im sonst eher beschaulichen Langenthal erwartet werden, liegt daran nichts Ungewöhnliches. Mit zahlreichen internationalen Vertretungen und Showrooms weltweit sowie als Initiator und Mitbegründer des seit 1987 stattfindenden Designersʼ Saturdays ist man bei Création Baumann schon lange auf internationalem Parkett zuhause.
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