Autor: Claudia Simone Hoff
Diese Dose hat fast jeder schon einmal gesehen: so auffällig geformt, so markant kubisch, so explizit in ihrem klaren Schwarz-Weiß. Doch wer weiß schon, wer die Dose gestaltet hat? Wohl kaum jemand. Dafür soll nun Abhilfe geschaffen werden und zwar in Leipzig. Im Grassi Museum für Angewandte Kunst ist noch bis Oktober die Ausstellung „Tschechischer Kubismus im Alltag. Artěl 1908 – 1935“ zu sehen. Präsentiert wird eine umfassende Retrospektive der 1908 gegründeten tschechischen Künstler- und Designer-Genossenschaft. Ihr gehörte auch Pavel Janák an, der Schöpfer jener Steingut-Dose in Form eines Kristalls.
Artěl ist – zumindest in der westeuropäischen Kunstgeschichte – nur wirklichen Experten ein Begriff. Im Unterschied zum Bauhaus oder zur Wiener Werkstätte ist diese Vereinigung von Künstlern, Designern und Theoretikern einem breiten Publikum bisher weitgehend unbekannt geblieben. In Leipzig hat Kuratorin Sabine Epple nun in Zusammenarbeit mit dem Prager Museum für Angewandte Kunst 500 Artefakte versammelt: wertvolle und zuweilen gar kuriose Stücke aus den Bereichen Glas, Keramik, Porzellan, Metall, Kleinspielzeug, Schmuck und Textil. Dabei konnte die Kuratorin aus dem reichen Fundus des Prager Museum schöpfen – dessen Sammlung von Glas, Keramik und Porzellan ist geradezu legendär.
Die Idee: individueller Entwurf, gemeinschaftlicher Verkauf
1908 von Künstlern, Gestaltern und Theoretikern wie Jaroslav Benda, Vratislav Hugo Brunner, Jan Konůpek, Pavel Janák, Helena Johnová, Marie Teinitzerová und Otakar Vondráček V. V. Šteck gegründet, gilt Artěl als Markstein in der Geschichte der angewandten Kunst Böhmens. Der Name der Gruppierung leitet sich aus der russischen Sprache ab und bezeichnet eine Genossenschaft. Ziel der Vereinigung war die umfassende Gestaltung des Alltags mit künstlerisch wertvollen Produkten von hoher Fertigungsqualität – immer auf der Suche nach der „neuen Form“ als Antipode zu Historismus und Jugendstil, im Blick stets auch die tschechische Volkskunst. Dabei sollten die Produkte zwar individuell entworfen, diese dann aber in Kleinserien in externen Werkstätten gefertigt und unter dem Namen Artěl gemeinsam vertrieben werden.
Neben den Einzelobjekten entstanden auch ganzheitlich gedachte Innenraumkonzepte für Häuser und Wohnungen, Hotels oder Ladengeschäfte sowie Ausstellungspräsentationen. Gerade die in der Genossenschaft vertretenen Architekten verstanden das kunsthandwerkliche Schaffen als Teil eines in der Gesamtheit gestalteten Interieurs, ähnlich wie es die 1903 gegründete Wiener Werkstätte und das 1919 gegründete Bauhaus propagierten. Während 1912 die Prager Werkstätten (PUD) gegründet wurden – die sich auf die Produktion von Möbeln, Leuchten und Metallgegenständen verlegten –, eröffnete Artěl 1916 eine Wohn-Beratungsstelle.
Die Gestaltung: geometrische Muster, kantige Formen
Bis zu seiner wirtschaftlich bedingten Auflösung im Jahr 1934 war Artěl stark im Kubismus verwurzelt. Dieser hatte in der Tschechoslowakischen Republik besonders großen Einfluss und wurde auf sämtliche Künste übertragen: Architektur, Bühnenbild, Literatur und Kunstgewerbe. Deshalb dominieren im Kunstgewerbe auch nach dem Ersten Weltkrieg noch die geometrischen Muster und kantigen Formen. Als Beispiele für diese markante Ästhetik wird in der Leipziger Ausstellung nicht nur die erwähnte Dose von Pavel Janák aus dem Museum für Angewandte Kunst in Prag (vgl. Abb. 4) präsentiert, sondern auch dessen frappantes Kaffeeservice mit Kugelhenkeln (vgl. Abb. 1) sowie Vlastislav Hofmans Deckeldose aus Kupferblech (vgl. Abb. 5).
Der Produktionsschwerpunkt von Artěl lag eindeutig auf der Gefäßkeramik. Unikate wie kubistische Vasen, Dosen oder Ensembles waren in glasiertem Steinzeug ausgeführt, wobei sich die Entwürfe in den Jahrzehnten in Form und Dekor stark voneinander unterscheiden. Eines jedoch war ihnen gemein: Die Künstler strotzten nur so vor Ideen und neben teilweise etwas ungeschickt anmutenden Kleinplastiken entstanden auch Schmuckstücke (vgl. Abb. 9) und farbenfrohe Spielwaren (vgl. Abb. 8). Die Gestaltung der Spielzeuge hat ihre Wurzeln in der Volkskunst: Drechselarbeiten, Einzelfiguren und Ensembles mit Szenen aus dem Prager Alltagsleben und der tschechischen Natur sowie das Karikierende charakterisieren die selbst bemalten Arbeiten, zu denen sich auch Pfefferkuchenformen gesellten.
Das Werk: Mode, Schmuck, Gebrauchsgrafik und Glas
Wie umfassend die Künstler von Artěl dachten und welche Talente in ihnen schlummerten, zeigt auch die in Leipzig ausgestellte Mode – von der nur wenig erhalten ist – sowie verschiedene Schmuckentwürfe. 1921 stellte die Künstlergenossenschaft gar die „Zehn Gebote des Artěls“ für modernen Schmuck auf. Dieser sollte „eins sein mit der Bekleidung", „glitzert nicht, um zu blenden, sondern harmoniert mit dem Farbeindruck des Ganzen“ – so heißt es im 2. Gebot. Schmuck sollte nicht länger für schnöden Mammon stehen, sondern für guten Geschmack. Deshalb wurde dieser vor allem aus „unedlen“ Materialien wie Messing- oder Kupferblech und Halbedelsteinen gefertigt.
Neben dem Schmuckdesign beschäftigten sich die Mitglieder von Artěl auch intensiv mit der Gebrauchsgrafik. Dazu gehörte neben dem Artěl-Logo mit dem springenden Hirschen auch der Entwurf von Flugblättern, Druckschriften und Jahresberichten. Einen unmittelbaren Bezug zum Interieurdesign stellen die Malerschablonen dar: eine Mustersammlung von Schablonen mit verschiedenen Ornamenten. Im Trink- und Dekorglas werden der Stilwandel und die individuellen Handschriften der Künstler besonders deutlich: Während beispielsweise Josef Rosipals Glasarbeiten starke kubistische Tendenzen aufweisen, setzte sich mit der Gründung der Tschechoslowakischen Republik 1918 ein dekorativer Stil durch, der in der Volkskunst verankert ist.
Übrigens: Wer zu Beginn des Jahrhunderts Lust auf ein kühles Bier hatte, der musste das Gebräu nicht aus schlichten Bierseideln trinken – nein, bei Artěl ging es da eleganter zu: Das Bier-Service mit einem Krug und sechs Bechern von Josef Rosipal (vgl. Abb. 6) ist der Beweis. Oder haben Sie schon mal einen Gerstensaft aus rubinrot überfangenem und geschliffenem farblosen Glas getrunken?
Weitere Informationen
Die Ausstellung „Tschechischer Kubismus im Alltag – Artěl 1908 – 1935“ ist noch bis zum 3. Oktober 2011 im Grassi Museum für Angewandte Kunst in Leipzig zu sehen. Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen:
Jiří Fronek (Hrsg.):
Artěl 1908 – 1935, Tschechischer Kubismus im Alltag
Ort (Verlag) 2011
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Austellungsort
Grassi Museum für Angewandte Kunst, Leipzig www.grassimuseum.de
Museum für Angewandte Kunst, Prag
Museum des Tschechischen Kubismus, Prag