Autor: Julia Bluth
Wenn während der dunklen Jahreszeit die Tage immer kürzer werden, beginnt die Saison der Lichterfeste. Vor allem die Advents- und Weihnachtsfeierlichkeiten werden mit viel Lichterglanz zelebriert und verwandeln Städte und ihre Einkaufszonen weltweit in ein buntes Spektakel. Vielerorts begnügt man sich jedoch längst nicht mehr nur mit profaner Weihnachtsbeleuchtung. In einer Zeit, in der sich Städte als Marke begreifen und um jeden Besucher buhlen, locken Kommunen Millionen von Touristen mit medienwirksamer Lichtkunst.
So auch das französische Lyon. Schon zum dreizehnten Mal präsentierte die Stadt vom 8. bis 11. Dezember dieses Jahres in ihren Straßen eine Vielzahl von Lichtinstallationen internationaler Künstler und Designer. Die so genannte Fête des lumières lässt sich bis ins Jahr 1852 zurückdatieren, als die Bürger von Lyon zur Feier der neuen Marienstatue am 8. Dezember ihre Fenster und Balkone mit dem Licht tausender Kerzen schmückten. Heute zählt das Fest zu einer der größten Open-Air-Veranstaltungen der Welt und zeigt sich als perfekte Symbiose aus Kunst, Marketing und ökologischem Fortschrittsgedanken.
Lichtmeister Lyon
Lyon gilt als Vorreiter der modernen Stadtbeleuchtung. Schon 1989 wurde hier der erste Masterplan Licht (plan lumière) in Kraft gesetzt, der der Beleuchtung von Sehenswürdigkeiten, Straßen und Plätzen ein nachhaltig strukturiertes Konzept zugrunde legte. Viele Städte sind diesem guten Vorbild seither gefolgt und konnten von der französischen Expertise profitieren. 2002 rief die Stadt das internationale Netzwerk LUCI (Lighting Urban Community International) ins Leben, das Städte und Lichtexperten zusammenbringt, um sich gemeinsam den Herausforderungen moderner Stadt- und Lichtplanung zu stellen. Im Rahmen der diesjährigen Fête des lumières trafen sie sich, um in Zusammenarbeit mit Anwohnern über Stadtbeleuchtung zu diskutieren – und auf dem ebenso stattfindenden Forum LED die neuesten Errungenschaften energieffizienter Beleuchtung kennenzulernen.
Leuchtender Parcours
Bis zu 70 unterschiedliche Installationen bekannter und weniger bekannter Künstler aus Frankreich, England und Japan begleiteten die zahlreichen Besucher durch die Stadt. An der zentralen Place des Terreaux begann das Programm mit der 360-Grad-Projektion Transe Nocturne. Die Pariser Designerin Marie Jeanne Gauthé schickte die Figuren des dortigen Brunnens, der Fontaine Bartholdi, auf eine nächtliche Fantasiereise über die Fassaden der anliegenden Gebäude. Ein paar Straßen weiter, auf der Place des Célestins verwandelten die beiden Lichtgestalter Carol Martin und Thibaut Berbezier von CT Light das Théâtre Célestin anhand einer interaktiven Projektion in einen gigantischen Flipper-Automaten und aktivierten so den Spieltrieb der geduldig wartenden Schaulustigen. Auf der großen Place Bellecour schickte der Architekt und Szenograph Jacques Rival aus Lyon die Statue Ludwig des Vierzehnten mit einer Unzahl bunter Ballons auf eine Traumreise.
Träume und fantastische Erscheinungen, Monster und Fabelwesen, Elefanten und Riesenalgen – das große Festival setzte auf die poetische und illusionistische Kraft des Lichts und bot dabei vor allem den Kreativen und den Kunsthochschulen der Region eine internationale Plattform. Viele Installationen und Kunstwerke treten im Anschluss an die Fête des lumières eine Reise rund um den Globus an, um auf anderen Lichtfestivals – beispielsweise in Singapur – aufs Neue präsentiert zu werden. Leuchtete die pinkfarbene Vogelskulptur Flamingo der beiden französischen Designer David Lesort und Arnaud Giroud von Pitaya Design 2010 noch in den Straßen von Lyon, hat sie in diesem Jahr einen Gastauftritt bei einem weiteren kulturellen Großereignis: den Luci d´Artista in Turin.
Italienische Lichtmoderne
Turin erhellt seit 1997 alljährlich während der dunklen Wintermonate seine Straßen mit Lichtkunst. Von November 2011 bis Januar 2012 werden insgesamt neunzehn Installationen internationaler Künstler, Designer und Architekten zu sehen sein.
Auf der Piazza Palazzo di Città befindet sich das größte Kunstwerk, der Tappeto Volante des französischen Künstlers Daniel Buren. Ein Netz aus unzähligen leuchtenden Quadraten überspannt den gesamten Platz wie ein grafischer Teppich aus Licht. Der chinesische Architekt Qingyun Ma setzt mit Neongraphy ein typografisches Zeichen an der Fassade der zeitgenössischen Kunststiftung Fondazione Sandretto Re Rebaudengo, und die Konzeptkünstlerin Rebecca Horn verwandelt die Kapelle auf dem Monte dei Cappuccini mit ihren intensiv blau leuchtenden Piccoli Spiriti Blu in ein magisches Gesamtkunstwerk. Tobias Rehberger ist auf der Piazza Carignano mit seiner grafischen Installation my noon vertreten und Carmelo Giammello bringt mit Planetario das Himmelszelt in die Via Pietro Micca. Während die meisten Installationen grafisch gehalten sind, überrascht der italienische Künstler Richi Ferrero mit seinen vierzig leuchtenden Masken Bwindi Light Masks im Cortile d´Onore.
In Turin schmückt man sich also mit den großen Namen der internationalen Kunstszene und versucht die Stadt als Mekka moderner Kunst zu etablieren. Während die Luci d'Artista Besucher aus aller Welt anlocken, finden unter dem Titel Contemporary Art Torino Piemonte zahlreiche Parallelveranstaltungen wie Meet Design oder die Präsentation internationaler Galerien Artissima statt. Bis zum 15. Januar 2012 lädt Turin noch zur Führung durch die Lichtkunstwerke, der Passeggiata sotto le luce.
Kleine Auswahl internationaler Lichtfestivals:
Night Lights, Singapur: 26.August bis 3.September 2011
Blackpool Illuminations, Blackpool: 31.August bis 4.November 2011
Festival of Lights, Berlin: 10.Oktober bis 21.Oktober 2011
Fete des Lumières, Lyon: 8.Dezember bis 11.Dezember 2011
Luci d´Artista, Turin: 1.November 2011 bis 15.Januar 2012
Luminale, Frankfurt am Main (zur Light and Building): 15.April bis 20.April 2012
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