Autor: Claudia Simone Hoff
57 Jahre ist er inzwischen alt, der „iF product design award“, der letzte Woche auf der Computermesse „Cebit“ in Hannover verliehen wurde. Und ein wenig in die Jahre gekommen ist auch die Zeremonie, während derer die 50 Preise in Gold verliehen wurden. Dieses Jahr war dort nicht nur von den Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf das Design und die Absatzzahlen die Rede, sondern auch davon, wie Produkte zukünftig aussehen sollten und was Designer alles tun müssen, um diesen Anforderungen zu genügen. Weniger Form, mehr Inhalt – auf diese Formel brachte Fritz Frenkler, Juryvorsitzender und seines Zeichen Designer, die Gestaltungsmaxime der Zukunft.
Was er damit meint, machte er während der Preisverleihung auf dem Messegelände in Hannover klar: Ein Großteil der zu entwerfenden Produkte wird mit immer mehr Technik und Ingenieurleistungen versehen sein. Und wo heute von Technik und Innovation gesprochen wird, ist auch das Thema Nachhaltigkeit – bedauerlicherweise nur zu oft ein Schlagwort zur Verkaufsförderung – nicht weit.
Was Design und Nachhaltigkeit miteinander zu tun haben
Fritz Frenkler versteht unter Nachhaltigkeit jedoch nicht einfach die allgemeine Schonung der Ressourcen, ausgeklügelte Recyclingverfahren oder den ökologischen Fußabdruck, seiner Meinung nach ist das Thema Nachhaltigkeit viel umfassender zu betrachten, nämlich interdisziplinär: Geht es nach Frenkler, müssen sich Designer in Zukunft neben Philosophie und Soziologie vor allem auch mit Ergonomie beschäftigen. Denn mit dieser Zahl löste Frenkler, der auch Design lehrt, ungläubiges Staunen aus: Etwa 80 Prozent der Produkte funktionieren nicht in der Praxis. Ergo hat der Designer neben den Ansprüchen von Unternehmensseite auch die Bedürfnisse der Kunden besser zu berücksichtigen.
Was das Design und die Designer alles können müssen
Dass diese hehren Ansprüche von den Designern der fünfzig Produkte, die dieses Jahr mit den „iF gold awards“ ausgezeichnet wurden, erfüllt wurden – davon darf man ausgehen. Zu den komplexen Beurteilungskriterien der iF-Jury gehörten neben Umweltverträglichkeit, Ergonomie, Funktionalität und Universal Design auch Gestaltungsqualität, Verarbeitung, Materialauswahl, Sicherheits-, sowie Marken- und Brandingaspekte. Die Jury war prominent besetzt: Ulrike Brandi, Christoph Böninger oder Peter Thonet sind nur einige der illustren Namen, die diskutierten, stritten und letztlich zu einem Ergebnis kamen. Sie alle hatten die Qual der Wahl, galt es doch, unter insgesamt 2.486 eingereichten Produkten von 1.016 Teilnehmern aus 39 Ländern zu entscheiden.
Wer alles gewonnen hat
Ganze 778 Mal wurde das Gütesiegel „iF product design award“ vergeben, aber nur ein Bruchteil der Produkte schaffte es in die Endrunde des Wettbewerbs. Unter den sechzehn Kategorien waren für den Interiordesign-Afficionado folgende besonders interessant: Computer, Office/Business, Lighting, Furniture/Home Textiles, Kitchen/Household sowie Bathroom/Wellness. Anschauen kann sich der Interessierte die mit dem Gütesiegel ausgezeichneten Produkte wie auch die Gold-Gewinner in zwei Ausstellungen auf dem Messegelände. So gibt es hier unter anderen den Glasheizkörper iTHERM des Designers Fritz Frenkler für Inglas, die Sauna Inipi des österreichischen Designtrios EOOS für Duravit oder die Essstäbchen „Ukihashi“ von Mikiya Kobayashi für h concept zu bestaunen.
Auffällig war, dass es fast keine klassischen Möbel unter die fünfzig besten Produkte schafften. Stefan Diez’ Barhocker 404 H war die Ausnahme. Peter Thonet als Vertreter des Herstellers nahm den Preis in Empfang, nachdem letztes Jahr bereits der Stuhl der Serie mit der getreppten Gold-Statue ausgezeichnet worden war. Dafür gelangte der von Bertjan Pot für Arco Contemporary Furniture entworfene Schreibtisch samt Accessoires namens slim office in der Kategorie „Office/ Business“ bis auf’s oberste Treppchen. Kein Wunder: Die Idee, Accessoires magnetisch an einem Tisch beziehungsweise eine Wandpaneele zu heften und damit flexibel und auch noch elegant in der Anmutung zu sein, ist schlicht genial.
Wenn es hell wird oder es werde Licht
Genial ist auch ein gestalterischer Clou, mit dem die LED-Tischlampe Elica des Designers Brian Sironi für Martinelli Luce aufwartet: Der Arm der Tischlampe dient gleichzeitig als An- und Ausschalter, was nicht nur schön aussieht, sondern auch noch praktisch ist. Ebenfalls mit Gold prämiert wurde die Multifunktions-LED-Leuchte „LIM“ des amerikanisch-niederländischen Herstellers Haworth. Das Besondere daran: Sie ist zu 100 Prozent recycelbar und passt damit gut in das wiederkehrende Thema der Veranstaltung: Nachhaltigkeit.
Wie die Küche in den Fokus der Aufmerksamkeit geriet
In der Kategorie Kitchen/Household wurden diverse Preise vergeben, was den Trend zu allem, was mit Küche und Kochen zu tun hat, zu bestätigen scheint. Neben K2 – einem kleinen, japanisch anmutenden Kochmesser der Windmühlenmesser-Manufaktur Robert Herder – schafften es verschiedenen Siemens-Kochstellen, die Pfannenserie „Hackman Rotisser“ der Iittala Group sowie der Dyson Air MultiplierTM auf’s Podium. Der Ventilator „beinhaltet eine echte technische Innovation“ in Kombination mit einem klaren, einfachen Design, befand die Jury.
Wer eine Reise tut von Hannover nach Cupertino
Apropos technische Innovationen gepaart mit einem einfachen, klarem Design: Zugpferd der design- und technikaffinen Branche war auch dieses Jahr – man kommt nicht umhin es zuzugeben – der amerikanische Computerhersteller Apple. Er scheint auf die goldenen Preise aus Hannover abonniert zu sein: Gleich drei Auszeichnungen gingen an das kalifornische Unternehmen. Prämiert wurden der „iPod shuffle“, das „Apple LED Cinema Display“ und das 13-inch MacBook Pro. Jonathan Ive, Chefdesigner von Apple, hatte den Weg nach Hannover zwar nicht gefunden, dafür versprach der deutsche Pressesprecher des Unternehmens dem fast ikonisch verehrten Designer sogleich eine SMS zu schreiben. Und das versicherte er schon einmal: Die niedersächsische Gold-Trophäe wird ihren Weg nach Cupertino finden. Dort in der Apple-Zentrale gibt es nämlich einen Extra-Raum für all die gesammelten Designtrophäen.
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