Autor: Tim Berge
Christoph Bartmann, Direktor des Goethe-Instituts in New York und Rezensent der Süddeutschen Zeitung, schreibt in seinem Buch Leben im Büro von der „schönen neuen Welt der Angestellten“. Wir sprachen mit ihm über das Outlook-Regime, Auflösungserscheinungen des Büroraums und den Geist des Wunders.
In Ihrem Buch sprechen Sie von einem „Büro der Gegenwart“. Wie sieht das aus?
Das zentrale Phänomen ist für mich das New Public Management: die Unterordnung des Büros in der öffentlichen Verwaltung unter die Gesetzmäßigkeiten der Privatwirtschaft. Diese Entwicklung wird auch noch die nächsten Jahre andauern, wobei sich sicherlich noch einiges verändern wird hinsichtlich der Präsenz im räumlichen Büro. Telearbeit wird sich weiter ausbreiten, die Anwesenheit am Arbeitsplatz spielt eine immer geringere Rolle, weil wir dank Smartphones und anderer Geräte überall arbeiten können. Gleichzeitig führt das dazu, dass wir nie mehr richtig frei haben, da wir uns immer im Einzugsbereich unserer mobilen Endgeräte befinden. Ich beschreibe das Büro als Ort, in dem es die räumliche Größe noch gibt und auch die Angestellten noch physisch präsent sind – aber ich beschreibe in meinem Buch auch die Auflösungserscheinungen dieses Büroraums.
Verändert sich dadurch auch die Büroarchitektur?
Mein Eindruck ist, dass sich die Einrichtung von Büros als erstaunlich resistent erwiesen hat. Wir haben noch immer Bürolandschaften, die wir mit Dingen aus unserem Privatleben – wie Fotos oder lustige Sprüche – in einen heimeligen Ort zu verwandeln versuchen. Trotz der Expansion und gleichzeitiger Immaterialisierung des Büros gibt es also noch die klassische Inneneinrichtung und auch die gleichen sozialen Rituale wie früher: die kleine Pause in der Kaffeeküche oder der Schwatz am Kopierer.
Wozu benötigt man überhaupt noch den physischen Büroraum?
Gute Frage. Ich hatte die Idee, dass es jede Woche einen Kontakttag geben könnte, an dem dann alle Ansprüche auf Kommunikation, Zwischenmenschlichkeit und Betriebsklima abgegolten würden. An den restlichen Tagen könnte man dann arbeiten wo man will, es gäbe keine Meetings, keine Workshops und kein Change Management. Tatsächlich ist das Büro immer auch ein Ort zur Verhinderung von Arbeit: Der Outlook- oder Google-Kalender verschafft einem einen Termin nach dem anderen und plötzlich sieht man einen Tag – wo es doch gerade noch so aussah, als könne man endlich einmal etwas voranbringen –, der vollgepflastert ist mit Meetings. So dehnt sich das, was ich für meine Primärarbeit halte, auf Bereiche aus, die früher als Freizeit bezeichnet wurden.
Warum lässt der Angestellte diese Vereinnahmung überhaupt zu?
Ich begegne vielen Leuten, denen es wie mir geht und die auch nicht wissen, wie sie diesem „Regime“ begegnen sollen, dem sie unterworfen sind. Ich habe bei der Beschäftigung mit dem „Büro“-Thema festgestellt, dass ich keinen Ratgeber schreiben wollte mit den besten 100 Überlebenstricks im Büroalltag oder 1000 Tipps für den Umgang mit bösen Chefs. Diese Bücher gibt es: Sie liegen stapelweise in jeder Bahnhofsbuchhandlung. Die Lösung liegt sicherlich nicht darin alle Neuerungen abzusägen, aber eine Inventur unserer heutigen Bürowelt wäre sicher ein erster Ansatz: Was funktioniert, was funktioniert nicht. Brauche ich wirklich den nächsten Workshop, der mir zeigt, wie ich meinen Job im nächsten Jahr besser machen soll? Ich wäre schon ganz dankbar, wenn wir die vorherrschende Ideologie der „neuen Bürowelten“ hinterfragen würden.
Sie ziehen in Ihrem Buch Vergleiche zwischen der Entwicklung des Büros und seinem zeitlichen Pendant im Film. Welcher Film entspricht dem heutigen Büro?
Das ist interessant, weil die heutige Bürolandschaft nicht mehr diese Charakteristik wie zu Zeiten von Orson Welles oder Jacques Tati hat, in der die Büroangestellten anonym in großen Hallen sitzen und in die Schreibmaschinen hauen. Ein Film über das heutige Büro kann natürlich wie The Office oder Stromberg aussehen, in dem es immer noch das klassische Büro mit Teppichboden und Blumenkübeln gibt – das ist aber nur ein Teil der Wahrheit. Der andere Teil ist, dass der Büroalltag ortlos geworden ist. Wenn man also das Büro von morgen beschreiben müsste, sollte man sich Coworking Spaces anschauen – clubartige Räume mit temporären Arbeitsplätzen. Es wird immer mehr Menschen geben, die nicht mehr räumlich definiert arbeiten werden. Jede Fahrt mit der Deutschen Bahn belehrt mich über das Verhalten heutiger Büroangestellter. Da sitzen Menschen an ihren Computern und basteln an irgendeiner Powerpoint-Präsentation oder führen noch ein Telefonat mit einem Kunden, dem der ganze Waggon zuhören kann.
Sind die Veränderungen vor allem an den technischen Fortschritt gebunden?
Ich würde drei Faktoren nennen. Das Erste ist sicherlich der Siegeszug der Informationstechnologie, also die Art und Weise, wie uns die IT im Griff hat, die eigentlich nur unser kleiner Helfer sein sollte. Einerseits soll sie mein Leben erleichtern und andererseits nimmt sie wahnsinnig viel von meiner Zeit weg. Das Zweite ist für mich die universalisierte Betriebswirtschaftslehre: Ich komme gar nicht umhin, mich unternehmerisch oder pseudo-unternehmerisch am Arbeitsplatz zu verhalten. Und das Dritte ist die Vorherrschaft der positiven Psychologie, also der Glaube an den Change, an den Nutzen der Evaluation, die Hoffnung auf Qualitätssteigerung durch Qualitätsmanagement. Das ist ein Set von sehr optimistischen Begriffen, die glauben machen sollen, dass man im nächsten Jahr einen besseren Job macht. Ich bezeichne das auch gern als „Geist des Wunders“.
Wir haben unser Gespräch mit dem Hier und Jetzt angefangen – wie sieht denn die Zukunft aus? Welche Entwicklungen sehen Sie auf uns zu kommen?
Es wird natürlich weiterhin die Sphäre der klassischen Verwaltung geben, die ihre Arbeit in einem Büro wie wir es jetzt kennen, erledigen wird. Aber die Arbeitsplätze, die nicht mehr an einen Büroraum gebunden sind, werden zunehmen und sich überall dort materialisieren, wo man seinen Computer oder sein Smartphone dabei hat. Für viele wird das Büro ihres Arbeitgebers nur noch eine Art Homebase sein, die man gelegentlich besucht. Das New Public Management wird sich weiter ausbreiten und der Leidensdruck wird sicherlich zunehmen.
Herr Bartmann, wir danken Ihnen für das Gespräch.
Weitere Informationen
Das Buch Leben im Büro. Die schöne neue Welt der Angestellten ist im Carl Hanser Verlag erschienen.
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