Autor: Hannah Bauhoff
Nicole Busch ist eine der wenigen „User Research“-Expertinnen in Deutschland. 1970 in Hamburg geboren, machte sie nach dem Abitur zunächst eine Banklehre. Danach ging sie nach Kiel und studierte dort Biologie. Schon während ihres Studiums spezialisierte sie sich auf Industrieanthropologie. Sie arbeitete zunächst bei designafairs als Ergonomiespezialistin und wechselte dann zu IDEO in den Bereich „Human Factors“. Parallel zu ihrer Festanstellung promovierte sie an der Technischen Universität in Delft im Bereich „Industrial Design Engineering“. 2006 kehrte sie in ihre Heimatstadt Hamburg zurück, wo sie zunächst als Projektmanagerin für das Trendbüro Hamburg arbeitete. Im gleichen Jahr machte sie sich unter dem Namen „buschwerk“ selbstständig. Seitdem berät sie Designbüros und Unternehmen wie Adidas, T-mobile und Design3 bei der Neuentwicklung von Produkten. Ihre unkonventionelle Herangehensweise und ihre genaue Beobachtungsgabe gibt sie in Workshops und Vorträgen an diversen Universitäten weiter. Für ihre Studien reist sie durch die Welt und beobachtet Leute bei der Benutzung von Gegenständen. Wir haben Nicole Busch in ihrem Büro in Hamburg getroffen und mit ihr über Ergonomie, Universal Design und Geschirrspültabs gesprochen.
Frau Busch, was ist Industrieanthropologie?
Industrieanthropologie ist ein anderes Wort für Ergonomie – also der Arbeitswissenschaft. Ausgangspunkt ist dabei immer der Mensch. Die Maschine wird an den Menschen und seine Bedürfnisse angepasst. Und nicht umgekehrt. Das Ergebnis sollte daher so sein, dass sicher gearbeitet werden kann, ohne dass die Kräfte schwinden, ohne dass es zu Problemen oder körperlichen Gebrechen kommt. Also so, dass Du vernünftig arbeiten kannst. Das bedeutet, dass das Arbeitsumfeld an Dich und an Deine Bedürfnissen und Wünsche angepasst wird.
Wie erkennen Gestalter die Bedürfnisse und Wünsche der potenziellen Benutzer?
Durch Recherche. Zum Beispiel mit den Methoden des „User Experience Research“. Das ist eine qualitative Art der Recherche am, mit und für den Menschen. Es ist sozusagen die Grundlage, welche Ideen aus der Perspektive der Benutzung eines Produktes, eines Service, einer Umgebung oder der Innenarchitektur betrachtet. Aufgrund der Art und Weise der Benutzung und aufgrund versteckter Signale der Nutzer kann man Rückschlüsse für Erneuerungen und Verbesserungen ziehen. Man sieht genau, welche Bedürfnisse bestehen – und auch mögliche Lösungsansätze, um diese Bedürfnisse zu erfüllen oder gar Probleme zu beheben.
Sie beraten Designbüros und Unternehmen bei der Produktentwicklung und beim Design. Wie sieht diese Zusammenarbeit aus?
Wenn ein Unternehmen entscheidet, dass ein neues Produkt auf den Markt kommen soll, dann beginnt meine Arbeit. Idealerweise noch bevor der Designprozess überhaupt startet. Also im optimalen Fall würde ich recherchieren, bevor der Kunde an das Design überhaupt gedacht hat, wenn noch Wünsche bestehen, es noch niemanden gibt, den man beobachten kann, da dieses neue Produkt noch nicht existiert. Dann beginnen die Überlegungen: Wer sind die potentiellen Nutzer? Wie würden sie es benutzen? Wie lösen die Leute aktuell eine Situation, für die zukünftig dieses neue Produkt zu Verfügung stehen soll? Aus den Antworten ziehe ich Rückschlüsse, welche Ansprüche man an dieses neue Produkt haben wird. Und ich leite potentielle Bedürfnisse sowie Lösungsansätze ab.
Ein Beispiel?
Thema Sitzen. Ziel meiner Arbeit ist es, herauszufinden, was Sitzen eigentlich heißt. Daher untersuche ich nicht 100 Personen zu diesem Thema, sondern suche mir ein Sample, eine Gruppe an Personen aus, die stellvetretend für alle Menschen das Thema Sitzen verkörper. Diese Gruppe muss so divers wie möglich sein und Extreme aufweisen. Also, Leute, die an Stehpulten arbeiten. Die auf Sitzbällen oder Kniehockern sitzen. Leute, die den ganzen Tag sitzen oder auch stehen. Vielleicht Arbeiter in einem Kran in 100 Metern Höhe und die den ganzen Tag auf diesem Stuhl sitzen müssen. Ich beobachte das Sitzverhalten in Zügen und betrachte, ob die Sitzpositionen häufig geändert werden. Wenn ich solche Menschen gefunden habe, mache ich mit ihnen einen Termin aus. Dann gehe ich los und observiere sie. Zunächst mit meiner Kamera. Ich fotografiere und gucke genau zu, wie sich die Menschen verhalten. Danach würde ich mir bestimmte Situationen noch genauer ansehen und entsprechende Fragen stellen. Gelegentlich filme ich die Situationen – auch wenn es manchmal einen ganzen Tag dauert.
Was genau beobachten Sie, wenn Sie den Leuten beim Sitzen zugucken?
Ich beobachte, wie sie sitzen: Wie häufig verändern sie ihre Sitzposition? Wie häufig rutschen sie hoch oder runter? Wie häufig stehen sie auf oder setzen sie sich wieder hin? Was für andere Möglichkeiten gibt es, den Stuhl zu verwenden, als die Art und Weise, für die er überhaupt vorgesehen ist? Häufig stellen sich Leute auf einen Bürostuhl mit Rollen, um einen Aktenordner aus dem obersten Schrank zu nehmen. Dafür ist er nicht vorgesehen, aber Leute machen so etwas. Und das sind genau die Informationen, die ich suche, um dann zu überlegen: Wie könnte man einen Stuhl designen, dass er genau den Bedürfnissen, Hoffnungen, Wünschen entspricht, die die Leute eigentlich haben. Das schließt auch Aspekte wie Sitzklima und Komfort ein. Dazu gehören Schwitzen, Temperaturausgleich, Körperfederung, Reinigung des Stuhls, dauerhaftes, konzentriertes Arbeiten, Rückenprobleme – um nur ein paar Aspekte noch zu nennen.
Aber ich befrage nicht nur die Nutzer, sondern auch sondern auch diejenigen, die Stühle kaufen, beziehungsweise entscheiden, welcher Stuhl für ein Büro gekauft werden soll. Zudem würde ich die Verkäufer und die Hersteller interviewen. Wenn es ein ähnliches Produkt gäbe, das für genau dieses Briefing eine Rolle spielt, würde ich mir gerne die Produktion des ähnlichen Produktes angucken. Die Menschen in der Fertigung gehören auch zu den Stakeholders. Eventuell würde ich einen Tag in einem ausgewählten Büro verbringen, um mir anzugucken, wie Menschen ihren Stuhl benutzen. Ich würde Experten der Stuhlfirma befragen, was ihnen besonders wichtig ist, denn Sitzen ist ein spezielles, ergonomisches Thema.
Welche Rolle spielt Ergonomie bei Ihrer Arbeit?
Ergonomie ist nur ein Teil von Human Factors, die auch in der User Experience Research eine Rolle spielen. User Experience Research bedenkt wirklich alle menschlichen Faktoren – angefangen bei Ergonomie, Anatomie über Kognition bis hin zu kulturellen Aspekten, Psychologie, Lernfähigkeit.
Was bedeutet Ergonomie im Kontext von Universal Design?
Dass alle Menschen für ein Produkt geeignet sind und dass niemand ausgeschlossen wird – egal, ob zu groß oder zu klein. Egal, ob alt oder jung. Natürlich immer im jeweiligen Kontext. Ein Hauseingang wäre universell gestaltet, wenn sowohl Leute, die gut zu Fuß sind, als auch Leute mit Rollstuhl oder Kinderwagen, die gleiche Tür benutzen können. Ein Seiteneingang wäre zwar eine Lösung, aber es ist nicht die Lösung im Sinne von Universal Design. Im Detail beispielsweise sind Türklinken besser als Drehknöpfe, weil bei Drehknöpfen ältere Leute oder Menschen mit Gipsarm ausgeschlossen werden. Selbst Lichtschranken bergen Tücken für kleine Menschen.
Sensorik und Feinmotorik spielen also eine große Rolle für die universelle Gestaltung?
Ja. Ich habe dafür ein Beispiel mitgebracht: Ich habe hier einen Geschirrspültab der noch einmal in Plastikfolie eingeschweißt ist. Ich selbst habe Schwierigkeiten und kann diese Plastikfolie nur mit den Zähnen oder mit einer Schere öffnen. Wie können dann ältere Menschen, die nicht mehr genügend Feinfühligkeit in den Fingern besitzen, die Verpackung öffnen? Dieses Problem haben viele Verpackungen. Sie sollten so gestaltet sein, dass junge und alte Menschen sie einfach öffnen können.
Aber könnte diese Verpackung nicht eine Art Kinderschutz sein? Denn kleine Kinder könnten denken, es handele sich um einen lustigen Bonbon zum Lutschen.
Das ist der springende Punkt. Und da kommen wir wieder zum Inclusive, also Benutzung für alle, und Exclusive: Wer soll der Benutzer sein? Die Verpackung des Tabs müsste so gestaltet sein, dass Kinder sie nicht öffnen können. Denn sie könnten den Inhalt für einen leckeren Drops halten. 85-jährige wissen: Das ist kein Bonbon, sondern Geschirrspülmittel. Also, warum sollte jemand mit 85 Jahren, der noch gut in seiner gewohnten Umgebung leben kann, in ein Altersheim umziehen, nur weil die er die Verpackung seiner Geschirrspültabs nicht öffnen kann?
Ja, das klingt absurd.
Der Designer muss einer alten Person ermöglichen, dieses Mittel zu benutzen. Aber gleichzeitig muss er verhindern, dass ein Kind denkt: Das ist ein leckerer Drops, den man mal lutschen und aufmachen kann. Zum Universal Design würde gehören, die Verpackung so zu gestalten, dass das eine verhindert und das andere ermöglicht wird.
Müssen ältere Menschen deswegen auf den Geschirrspüler verzichten und wieder per Hand das Geschirr abwaschen?
Nein, es gibt zum Glück auch ein Positivbeispiel: Dieser Tab ist in einer Kiste aufbewahrt, die man einfach mit einem Zipper aufmachen kann. Nach Öffnen des Plastikdeckels sieht man die scheinbar unverpackten Tabs. Sie haben aber eine eigene Umverpackung. Es enthält genau das gleiche Reinigungsmittel wie das Negativbeispiel. Aber diesen Tab kann man anfassen - und man braucht sich anschließend nicht die Finger waschen, denn das Pulver ist von der Umverpackung eingeschlossen, welche sich in der Maschine auflöst. Das heißt, ein Kind könnte es in die Hand nehmen, oder schlimmsten Falls sogar in den Mund, ohne dass etwas passiert. Dieses Produkt ist eine gute Lösung.
Welche Rolle spielen die Emotionen bei Universal Design?
Wenn es gutes Universal Design ist, dann würde es zudem eine Freude sein, das Produkt zu benutzen. Emotionen, das haben wir bisher noch nicht besprochen, spielen bei Benutzung eine große Rolle. Je lieber jemand etwas benutzt und desto mehr Spaß er dabei hat, desto häufiger wird er zu diesem Produkt zurück kehren und es anderen Leuten weiter empfehlen.
Ist das der Grund, warum das iPhone so erfolgreich ist?
Bestimmt einer davon. Ich habe schon mit vielen Leuten über das iPhone gesprochen. Es gab Telefone, die ähnliches konnten. Apple hat beim iPhone bestimmte Technologien so weit voran getrieben und auf den Menschen abgestimmt, dass es intuitiv zu benutzen ist, und dass die Benutzung Spaß macht. Dadurch ist es zum Benchmark geworden. Es gibt viele Menschen, die es spontan richtig bedienen. Im Fotoalbum beispielsweise werden die Bilder intuitiv weitergeblättert, ohne dass ihnen das jemand vorher erklären musste, wie es funktioniert. Menschen erkunden das iPhone und kommen so auf dessen Funktionen. Aber ich würde sagen, es ist nicht Universal Design. Denn es sind zwei Hände für die Benutzung nötig.
Gehört zum Universal Design eine gewisse Offenheit und Neugierde des Benutzers?
Nein, eigentlich nicht. Also Offenheit des Designers ja, aber nicht Offenheit des Benutzers. Ein Produkt würde zum Universal Design zählen, wenn es diese Ängste sozusagen umgeht oder damit spielt, sie integriert und jemandem die Schwellenangst nimmt, es zu benutzen.
Gibt es eine bestimmte Ästhetik, wie universell und ergonomisch gut gestaltete Produkte aussehen müssen und die Produkte deutlich als universell gestaltete Produkte ausweisen?
Eine universelle, gute Gestaltung eines Produktes ist nicht unbedingt auf den ersten Blick sichtbar. Sie macht sich aber in der Zufriedenheit des Benutzers bemerkbar, und er würde das Produkt wieder kaufen. Und: Er ist zu emotional glücklich und zufrieden. Um auf das Thema Sitzen zurück zu kommen: Der Benutzer wird nicht müde und bekommt keine Rückenschmerzen oder andere Folgeschäden.
Wie beurteilen Sie die aktuellen Produkte in Deutschland?
Auf dem Gebiet ist noch enorm viel zu tun ist. Es gibt momentan wenig Produkte, die ich als Universal Design bezeichnen würde. Mir fallen auch nur wenige Beispiele aus den Bereichen Service, öffentlicher Raum oder Innenarchitektur ein. Egal, ob es um ältere Personen oder um Kinder geht, Rollstuhlfahrer, Sehbehinderte, Eltern mit Kinderwägen – ich glaube nicht, dass wir auch nur annähernd da sind, wo man im Sinne von Universal Design sein könnte. Denken Sie nur an den Nahverkehr, zum Beispiel den Zugang zu S-Bahnen – mit viel Gepäck eine Katastrophe.
Sie reisen immer für Ihre Arbeit in verschiedene Länder und konnten da einiges beobachten. Welches Land hat im Bereich Universal Design Ihrer Meinung nach besonders weit?
Ich würde die USA als Vorreiter sehen, denn in den Vereinigten Staaten gibt es viele gesetzliche Bestimmungen, die eine universelle Nutzung vorschreiben. Aber Universal Design ist mehr als die gesetzlichen Vorschriften: Es gibt zum Beispiel eine Ampel in Amerika, die mit Kuckucksgeräuschen signalisiert, wenn es rot ist. Und sie zwitschert wie ein kleiner Vogel, wenn sie grün wird. Der Unterschied ist für Menschen mit Sehbehinderung deutlich zu hören und Menschen ohne Sehbehinderung stehen an der Ampel und müssen über zwitschernde Vögel schmunzeln. Das wäre für mich ein gutes Beispiel von Universal Design.
Vielen Dank für das Gespräch.
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