Autor: Katharina Horstmann
Fanny Aronsen ist die Grand Dame des Textildesigns. Geboren im schwedischen Malmö studiert sie zunächst an der Universität Lund Kunstgeschichte und später Textilgestaltung. Nach ihrem Abschluss in Kopenhagen und Stockholm eröffnet sie ihr eigenes Studio und beginnt, für verschiedene europäische und asiatische Textilfirmen zu entwerfen. Dabei spezialisiert sie sich auf das Gebiet des Möbel- und Interieurdesigns. 1998 gründet sie ihr eigenes Label Fanny Aronsen und macht sich mit ihren taktilen Stoffen, ihren raffinierten Texturen und besonderen Farbkombinationen schnell einen Namen unter Architekten, Designern und Möbelherstellern. Wir trafen Fanny Aronsen in Hamburg und sprachen mit ihr über Konzept und Handwerk, Farbverirrungen in der Kindheit sowie ihre Lehrtätigkeit an der Konstfack in Stockholm.
Nach Ihrem Studium der Textilgestaltung haben Sie zunächst als Designerin für verschiedene Textilfirmen gearbeitet und später Ihr eigenes Label gegründet. Wann haben Sie angefangen, sich für Textilien zu interessieren?
Als ich ein Kind war, lebte eine ganz besondere Dame in unserer Nachbarschaft. Sie wohnte ganz allein in einem großen Haus, ein wenig wie Pippi Langstrumpf. In unserer Gegend war alles korrekt und ordnungsgemäß gestaltet, nur sie war anders: Das Gras in ihrem Garten war hoch gewachsen und verwildert; sie hatte keinen Kühlschrank, dafür aber einen Vogelkäfig vor dem Küchenfenster hängen, in dem sie Limonade aufbewahrte. Als Kind war das für mich natürlich spannend. Eigentlich mochte sie gar keine Kinder, aber aus irgendeinem Grund durfte ich sie besuchen. Sie war keine Designerin, war aber bekannt für die von ihr gewebten Wandteppiche. Und bei ihr habe ich auch meine ersten Webversuche gemacht.
Was fasziniert Sie an dem Thema Textilien?
Textilien sind das i-Tüpfelchen eines Objektes oder Raumes. Grade deswegen sind sie so wichtig. Ich versuche immer, die besten Merkmale eines Materials hervorzuheben. Wenn ich zum Beispiel mit Mohair arbeite, versuche ich den natürlichen Glanz des Stoffes zu betonen.
Bevor Sie Textildesign studierten, machten Sie einen Abschluss in Kunstgeschichte. Beeinflusst Sie das in Ihrer Arbeit?
Es ist sehr nützlich. Meine erste Arbeitsstelle war auch an der Universität – als Assistentin meines Professors. Und trotzdem habe ich mich nebenbei viel mit Textilien beschäftigt, habe viel gestrickt und genäht, aber lange nicht daran gedacht, dass das auch ein Beruf sein könnte. Heute denke ich, dass diese Kombination aus den beiden Bereichen sehr gut war und ist. Denn wir leben in einer Welt, in der sich alles sehr schnell verändert – und ich kann nicht sagen, dass mich das nicht beunruhigt oder es mir gar egal ist. Schließlich sind wir Teil einer Entwicklung, und um wirklich in die Zukunft blicken zu können, müssen wir uns auch der Vergangenheit bewusst sein. Und genau das hat mir Zuversicht gegeben, in dem was ich mache. In den letzten zehn, fünfzehn Jahren ist immer mehr konzeptionelles Design entstanden – das ist auch gut so. Dennoch bin ich der Meinung, dass das allein zu wenig ist.
Inwiefern?
Ein gutes, langlebiges Produkt sollte eine Kombination aus Konzept und Handwerk sein. Das habe ich immer bei meinen Entwürfen verfolgt und auch versucht, meinen Studenten weiter zu geben. Ähnlich ist es in der Architektur. Ein Architekt hat gute technische Grundkenntnisse – und so ist es auch bei mir. Natürlich bin ich kein Ingenieur, aber ich kann zumindest an einer Diskussion teilnehmen und mit den Experten sprechen. Sehr häufig erhalte ich die Antwort: „Fanny, das ist nicht möglich.“ Wenn ich mich dann nicht ausdrücken könnte, würde ich nicht weiter kommen. Das wäre das Ende. Ich gehe jedoch gerne in die Webereien und spreche mit den Menschen, die dort arbeiten. Dabei entstehen häufig Diskussionen, aber am Ende finden wir eine gemeinsame Lösung. Das ist großartig – und alle sind damit zufrieden. Ohne diese Menschen hätte ich es nie so weit geschafft.
Wie verläuft der Designprozess?
Die Gestaltung findet zunächst in meinem Studio statt. Danach besuche ich meine Zulieferer, um die ersten Prototypen anfertigen zu lassen. Diese sitzen vorrangig in Europa, denn hier gibt es noch viele sehr gute Webereien. Die meisten Produkte aus meiner Kollektion werden in Schweden, Norwegen, England, Irland, Holland oder Italien hergestellt; für die Seide reise ich wiederum nach Indien.
Das ist sicherlich mit einer sehr großen Recherche verbunden?
Das Material ist sehr wichtig. Und deswegen bemühen wir uns besonders, das richtige Material zu finden – Lammwolle, Ziegenwolle für Cashmere, Angora für Mohair oder auch Leinen. Wenn ich in eine Weberei komme, ist das, als ob ich eine traditionelle Küche betreten würde, in der gemischt und abgeschmeckt wird. Ein Beispiel ist die Weberei in Indien, mit der ich zusammenarbeite. Ich habe mit den Betreibern sehr viel über die Qualität der Seide diskutiert und es geschafft, diese zu verbessern. Heute haben sie eine von ihnen so genannte „Fanny-Norm“, die auch anderen Kunden nützt. Das sind Dinge, die ich mag, nämlich wirklich Teil des Projektes zu sein. Außerdem muss ich, da ich insbesondere mit natürlichen Materialien arbeite, auf viele Einflüsse achten. Vor zwei Jahren war der Sommer in Nordeuropa zum Beispiel sehr verregnet, was die Qualität des Leinens stark beeinflusste. Mohair ist ein anderes Beispiel: Es ist im Sommer blonder als zu anderen Jahreszeiten – so wie meine Haare.
Wie wichtig sind für Sie Farben?
Mich haben schon immer Farben interessiert. Das fing schon damit an, wie ich mich als Kind angezogen habe. Meine Mutter fand das meistens unmöglich. Denn ich wollte mich nicht so anziehen, wie es sich für ein kleines Mädchen gehörte. Ich wollte immer bunte Sachen tragen, wie zum Beispiel leuchtendes Lila oder kräftiges Grün, und so fing ich an, meine eigene Kleidung zu gestalten. Vor ein paar Wochen habe ich eine alte Schulfreundin nach langer Zeit wieder getroffen. An dem Tag trug ich eine lila Hose. Sie schaute mich an und sagte: „Du hast Dich kein bisschen verändert. Du siehst immer noch genauso aus wie damals.“ Auch mein erstes Auto – es war ein alter roter Volkswagen – habe ich lila lackiert. Und so fingen die Menschen schon früh an, mich mit Farben in Verbindung zu bringen. Das ist bis heute so geblieben. Meine Farben sind sehr augenfällig, dabei aber auch nutzbar.
Wenn man sich die einzelne Farbtöne Ihrer Entwürfe ansieht, sind diese oft sehr kräftig, doch …
… zusammen wirken sie sanft und ausgeglichen. Die Farbe ist sehr wichtig in meiner Kollektion. Ich verbringe sehr viel Zeit und Mühe damit, die richtigen Schattierungen zu finden.
Sie sprachen von einem lila Auto, tragen lila Hosen – Ist Lila Ihre Lieblingsfarbe? Oder gibt es für Sie überhaupt so etwas wie eine Lieblingsfarbe?
Ja, ich denke, sie wäre Lila. Meiner Meinung nach haben wir alle eine Lieblingsfarbe. Denn es gibt einfach Farben, die man mehr mag als andere.
Sie haben für das Opernhaus in Oslo die Sitzbezüge im Auditorium entworfen und auch für Unternehmen wie Armani Casa oder Wittmann Stoffe gestaltet. Wie kam es zu diesen Kooperationen?
Für das Opernhaus hat mich das verantwortlich zeichnende Architekturbüro Snøhetta kontaktiert. Anfänglich haben wir viel diskutiert, und später habe ich verschiedene Entwürfe und Farbvorschläge gemacht, worauf wieder Diskussionen folgten. Es war eine richtige Zusammenarbeit. Bei Armani war es anders. Sie haben einfach einen meiner Stoffe für ihre Kollektion ausgesucht; Wittmann dagegen hat mich beauftragt, für einen Stuhl von dem Architekten Josef Hoffmann einen Stoff zu entwerfen. So ist es immer ganz unterschiedlich und genau das macht auch den Reiz meiner Arbeit aus. Einerseits habe ich mein Studio, in dem ich an meinen Kollektionen arbeite und für die ich viel herumreise; dazu kommen immer wieder einzelne Aufträge wie zum Beispiel das Opernhaus oder auch Entwürfe für Hotels. Auf der anderen Seite arbeite ich viel mit meinen Studenten zusammen – dann aber an theoretischeren Themen.
Vielen Dank für das Gespräch.
Zurück