Autor: May-Britt Frank
Heike Wiermann, Holger Mader und Alexander Stublić arbeiten seit mehreren Jahren an Medienprojekten im öffentlichen Raum. Die Architektin und die beiden Medienkünstler entwickelten bereits während des Studiums in Karlsruhe mit Video- und anderen Simulationstechniken Projekte die den Grenzen der räumlichen Wahrnehmung auf den Grund gehen. Mit der Bespielung am Uniqa Tower in Wien, die im Mai 2006 eröffnet wurde, sicherten sich die drei Künstler schließlich eine führende Position in der noch recht jungen Gestaltungsdisziplin. Nicht nur eine Fassade, sondern die gesamte Oberfläche eines Hochhauses bildet die Projektionshaut für die zwölf Minuten dauernde Animation. Wir trafen die drei Künstler in Berlin und sprachen mit Ihnen über die Architektur des Lichts, die Zukunft der Medienkunst und ob es in Europa einfach „mehr Licht“ geben sollte.
Die Installation am Uniqa Tower ist wohl eines der spektakulärsten Medienkunstprojekte der letzten Jahre. Wie kamen Sie zu diesem Projekt?
Dem Projekt war ein geschlossener Wettbewerb vorangegangen, bei dem auch Büros, wie Ulrike Brandi Licht eingeladen waren. LichtKunstLicht erhielt schließlich den Auftrag eine LED - Fassade für das Gebäude zu entwickeln. Da wir bereits vorher mit dem Büro zusammen gearbeitet hatten, wurden wir von Anfang an in das Projekt einbezogen. Unsere Aufgabe bestand darin, das LED Raster zunächst in der Simulation zu prüfen und mit konkreten Inhalten zu füllen. Was kann man damit anstellen? Wie sieht die bespielte Oberfläche aus? Welche Aussagen sollen transportiert werden? Wir haben in Wien schließlich ein fünf Minuten langes Video präsentiert, eine 3D Simulation, die in den Grundzügen bereits das zeigte, was auch heute auf dem Gebäude zu sehen ist.
Welchen Vorteil hat dabei die Arbeit am Computer?
Da wir das Gebäude als 3D-Daten vorliegen hatten, konnten wir die Videos direkt am Modell entwickeln und darauf abspielen lassen, außen herum fahren und überprüfen, ob die Simulation funktioniert. Wir haben bis zum Schluss damit gearbeitet und vor Ort die haptischen Qualitäten und vor allem die Dimensionen abgeglichen. Das wird bei der Arbeit am Rechner oft unterschätzt. Nehmen wir beispielsweise die Geschwindigkeiten: Wie schnell kann sich eine Linie über eine Hochhausfassade bewegen, um das „Verbiegen“ des Volumens überzeugend darzustellen? Die Bewegung muss glaubhaft erscheinen und darf keine Leichtigkeit entwickeln. Das Bild darf sich nicht vom Gebäude lösen, dass der Eindruck entsteht, es würde lediglich irgendein Film abgespielt werden.
Das ist auch von der städtischen Situation abhängig?
Ja, die Lage des Uniqa Towers, zwischen der niedrigeren Bebauung und dem Kanal, sowie in Hinblick auf den Verkehr erfordert eine ganz andere Geschwindigkeit als beispielsweise die Spots Installation am Potsdamer Platz. Man nimmt die Umgebung dort ganz anders war. In Wien steht das Gebäude wie ein Monolith, der sich gegen nichts behaupten muss, wohingegen sich die Spots-Fassade gegen die umliegenden Hochhäuser und die Lage am Rande des Platzes nur schwer durchzusetzen vermag. Unsere Bespielungen im öffentlichen Raum sind immer an die Umgebung angepasst, die Installationen sollen sich in Dimension und Formensprache der Architektur annähern. Deshalb sind auch die choreographierten Abfolgen und abstrakten Bildinhalte nicht filmisch, sondern existieren im Raum. Es sind also eher architektonische Eigenschaften, die die Arbeiten charakterisieren. Das Medium Licht kann sich so in den Stadtkontext integrieren.
Hat die Menge des vorhandenen künstlichen Lichts einen Einfluss auf die Medienfassade am Uniqa Tower gehabt?
LEDs sind so hell, dass sie sich in jedem Fall durchsetzen können. Die Frage ist eher: wie schafft man den Eindruck, dass die hinzugefügte Helligkeit nicht expandiert und nicht den Rest der Umgebung in Beschlag nimmt und überstrahlt. In Wien verwendet das in der Geschwindigkeit angepasste Video eine reduzierte Farbigkeit und einfache, abstrakte Strukturen; es kümmert sich offensichtlich nur um den Tower, so dass man es nicht als Expansion in den umliegenden Stadtraum empfindet. Zudem arbeitet die Installation lediglich mit 1.200 Nits. Tageslicht LEDs hingegen haben eine Lichtstärke von 5.000 – 6.000 Nits. Die LEDs werden im Verlauf des Abends auch noch herunter gedimmt.
In der Debatte um die zunehmende Lichtverschmutzung der Städte sind Sie mit dem Uniqa Tower auch ins Fadenkreuz der Kritik geraten.
Wir sind in letzter Zeit oft mit der Frage, wie viele Uniqa Tower eine Stadt vertrüge, konfrontiert worden. Wir behaupten ja nicht, dass alles auf der Welt leuchtender, bunter werden sollte und wir in Europa einfach mehr Licht brauchen. Wir möchten uns nicht Las Vegas oder Shanghai annähern. Europa muss allerdings eine eigene Sprache und Position zu der Thematik finden. Wir achten beispielsweise besonders darauf unsere Installationen in die Städte zu integrieren, sie in Geschwindigkeit und Helligkeit anzupassen. Es gibt so viele Urban Screens, Werbetafeln und LED Screens, die mittlerweile aggressiv und mit schnell aufeinander folgenden Schnitten den öffentlichen Raum besetzen. Nehmen Sie beispielsweise die Videoinstallation für die Osram Hauptzentrale in München. Sie ist am Mittleren Ring gelegen, einer stark befahrenen vierspurigen Straße. An der Stelle, wo die Installation steht, ist permanent ein sehr hohes Verkehrsaufkommen. Dort wurden sogar Tageslicht LEDs eingesetzt. Tatsächlich gibt es aber keinen Zwischenfall, der auf die Installationen zurückzuführen wäre.
Aber ist der Uniqa Tower nicht auch ein Wegbereiter für die Dominierung des öffentlichen Raumes durch Licht und leuchtende Werbebotschaften?
Das ist genau der Punkt: wir gestalten Sonderformate. Ein Uniqa Tower kann, auf Grund seiner Beschaffenheit kein Urban Screen sein. Wir agieren hier in einem kleinen Zeitfenster. In Shanghai könnte man das Thema nicht mehr anstoßen, dort ist man bereits umringt von Leuchtreklamen und leuchtenden Towern. In Österreich hingegen steht ein Hochhaus, auf dem nun bereits seit einem Jahr unsere Filme laufen die mit Werbung nichts zu tun haben. Bis sich wirklich alles nur noch um Werbung drehen wird, können ein paar Sachen entstehen, die das Potential haben in der Architekturdebatte vollwertig wahrgenommen zu werden. Neben dem österreichischen Versicherer Uniqa, dessen Interesse eher lokaler Natur ist, hat auch das Beleuchtungsunternehmen Osram eine ähnliche Herausforderung angenommen und sich mit dem noch recht fremden Medium ein Zeichen gesetzt. Einer der wichtigsten Punkte dabei ist vermutlich auch Geld für Innovation auszugeben. Osram will sich als modernes Unternehmen präsentieren und hat mit einer derartigen Installation natürlich die Möglichkeit dies zu zeigen.
Was für eine Arbeit haben Sie für Osram gemacht?
Die Firma OSRAM entschied sich, im Außenbereich ihres Firmenhauptsitzes in München LED-Stelen zu installieren, die verschieden im Raum positioniert sind. Man bat uns, dafür eine künstlerische Bespielung zu entwickeln. Eine in einem 3D-Programm entwickelte Abfolge von Schatten und Licht wurde als Film auf die realen Stelen übertragen. Es scheint als würden Personen, die am Straßenrand vorbeilaufen, vom Lichtkegel eines Autos angestrahlt werden. Ähnlich wie am Potsdamer Platz rückt, dank der Medieninstallation, das Umfeld ins Blickfeld: Das Gebäude und der umgebende Raum wird wahrgenommen. Das ist einer der größten Erfolge des Projektes.
Sie bezeichnen sich als Video- oder Medienkünstler, werden in der Öffentlichkeit aber oft als Lichtkünstler bezeichnet. Wo sehen Sie die Grenze?
Lichtkunst ist ein riesengroßer bereits definierter Komplex. Wir nehmen es gerne hin als Lichtkünstler bezeichnet zu werden. Doch wir definieren uns selbst nicht als solche, weil wir im Gegensatz zur Lichtkunst mit verschiedenen Medien arbeiten. Ergebnisse unserer Projekte, wie der Bespielung des Uniqa Towers oder der Osram Stelen kann man zwar auch als Lichtkunst bezeichnen, doch ist unser Rahmen sehr viel weiter gespannt. Die Gedankenwelten eines Lichtkünstlers sind anders. Er hat ein stummes Medium zur Verfügung, das eher simpel und nur bis zu einem gewissen Grad manipulierbar ist. Wenn man vom Video kommt, dann hat man die Filmwelt als gedanklichen Hintergrund. Wir können auch narrativ arbeiten, also z.B. einen Film ablaufen lassen. Das kann man mit Licht schwer. Wir sehen uns eher in der Tradition der Entwicklung des abstrakten Films seit den 1920er Jahren.
An welchen neuen Projekten arbeiten Sie derzeit?
Wir sind zu einem Wettbewerb in Oslo eingeladen worden. Dort wird gerade, nahe des Stadtzentrums, an einem der wichtigsten Fjordarme ein neues Opernhaus gebaut. Das Gebäude ist sehr expressiv und entwickelt sich aus dem Wasser heraus. Davor soll ein Symbol auf dem Wasser entstehen, ähnlich der Freiheitsstatue in New York. Sechs Künstler sind eingeladen, sich darüber Gedanken zu machen. Wir waren gerade dort und haben uns die Situation angeschaut. Diese ist nicht ganz einfach: Im Winter beträgt die Temperatur etwa -15 Grad, die Eisschollen sind circa 30 cm dick und müssen von den Eisbrechern bewegt werden. Im Herbst wird entschieden, wer das Projekt realisieren darf und im April soll bereits die Eröffnung der Oper mit dem Kunstwerk stattfinden.
Sie möchten wahrscheinlich jetzt nichts über Ihre Idee sagen.
(Lachen). Es wäre schlecht, wenn wir der Konkurrenz jetzt schon sagen, was wir vorhaben. Aber schauen Sie sich unsere Projekte an: Wir werden auf jeden Fall mit den neuesten Licht-Technologien arbeiten, wie wir das in letzter Zeit auch gemacht haben.
Wäre das so eine Art Traumprojekt?
Ja, für uns ist Oslo eine große Herausforderung. Wir hätten dort Freiheiten, die wir bei Arbeiten an Gebäuden nicht haben. Das Projekt hätte das Potential, die Technologie eigenständig werden zu lassen, sie unabhängig von der Urban Screens Debatte einzusetzen und, wenn alles gut läuft, sogar salonfähig zu machen: Eine feste, eigenständige Installation mit einer permanenten Aussage, die als Sonderform in die Stadtarchitektur eingeht. Wie bereits gesagt, wir haben ein kurzes Zeitfenster, um diese Art von Arbeiten als eigenständige Gattung zu manifestieren. Doch dann wird diese innerhalb des Kunstkontextes Bestand haben.
Vielen Dank für das Gespräch.
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