Autor: Hannah Bauhoff
Mathias Knigge kümmert sich seit Jahren um eine reduzierte Gestaltung und universelle Nutzung von Produkten. Geboren 1970 in Hamburg studiert er zunächst Maschinenbau an der TU Berlin und beschäftigt sich dort intensiv mit der funktionalen Seite von Gegenständen. Nach dem Abschluss seines Studiums widmet sich Knigge der Gestaltung und beginnt ein Produktdesignstudium an der Universität der Künste, wo er nach seinem Diplom fünf Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter am interdisziplinären Forschungsprojekt „Sentha“ mitarbeitet. „Sentha“ – eine Abkürzung für „seniorengerechte Technik im häuslichen Alltag“ – ist ein Ereignis in der deutschen Forschungslandschaft und gilt in der Designforschung als Meilenstein, denn es ist das erste und bislang einzige Forschungsprojekt, das die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert und an dem Designer mitarbeiten. Mit Abschluss des Projektes geht der fast zwei Meter große Hüne nach Hamburg und arbeitet zunächst als freiberuflicher Designer. 2004 gründet Knigge mit dem Psychologen Robert Span das Büro „grauwert“ in Hamburg-Altona, das sich mit „demografiefesten Produkten und Dienstleistungen“ beschäftigt. Was sich hinter diesem Begriff verbirgt, warum Senioren öffentliche Plätze zurückerobern werden und wie Universal Design Einzug in die Museen hält, haben wir den Gestalter in Hamburg gefragt.
Was sind „demografiefeste Produkte und Dienstleistungen“?
Dahinter steckt der Gedanke, dass man im Rahmen des demografischen Wandels neue Wünsche und Bedürfnisse der vermehrt älteren Nutzer beobachten kann. 2030 wird ein Drittel der Deutschen über 60 Jahre alt sein, auch ich werde dazu gehören. Der relevante Trend lautet: weniger junge Nutzer, aber viele ältere. Um diesem Wandel standzuhalten, muss man Produkte verändern – und dann sind wir ganz schnell beim Universal Design.
Universal Design bedeutet gute Gestaltung für alle. Doch häufig geht es bei dem Thema nur um ältere Menschen und Senioren. Auch Sie haben den Fokus Ihrer Arbeit auf den älteren Menschen gelegt. Warum?
Unsere Probanden sind gewöhnlich über 65, denn erst ab diesem Alter werden eigene Einschränkungen und Nutzungsprobleme mit Produkten wirklich thematisiert. Ein 55-jähriger kann potentielle Defizite noch kompensieren. Bei 70-jährigen bekomme ich ein ganz anderes Feedback bei den Produkttests. Wir bei grauwert sehen den älteren Menschen als eine Art Seismographen für die Benutzerfreundlichkeit von Produkten, denn mit Hilfe dieser Altersgruppe decken wir Schwachstellen von Produkten auf. Wir können dann sagen: Hier funktioniert etwas nicht, von der Verbesserung werden aber nachher auch Jüngere profitieren.
Und die Erfahrung der älteren ist größer. Ein 70-jähriger hat ein, zwei Produktgenerationen mehr benutzt und erlebt. Wir haben beispielsweise Gartengeräte getestet und dabei unglaubliche Dinge erfahren. Wir haben mit einem 70-jährigen in seinem Schrebergarten über die ideale Heckenschere diskutiert. In so einer Person steckt ganz viel Erfahrungswissen, denn er hat schon mindestens drei verschiedene Heckenscheren besessen, mit denen er gelebt hat und die kaputt gegangen sind. In so einer Person steckt ganz viel Erfahrungswissen.
Es hört fast so an, als wären ältere Leute eine Art „archäolgische Fundgrube“ ...
Ja, das stimmt. Es sind ja auch genau ihre Werte, auf die man sich jetzt zurückbesinnt: Ältere Menschen honorieren das Einfache und Reduzierte. Wenn man sich den Erfolg des iPhones ansieht, versteht man das Prinzip. Ein hochwertiges Produkt, das mit seiner reduzierten Oberfläche schnell verständlich ist. Mach es einfach – make ist simple – ist für das Alter auf jeden Fall ein Trend, der extrem interessant ist.
Untersuchen Sie die Produkte nur in Bezug auf ihre Form oder auch auf andere Merkmale wie Ästhetik oder Farbe?
Mit der Ästhetik halte ich mich extrem zurück. Ob es ein altersspezifisches Design gibt – das glaube ich nicht, denn dazu sind die Geschmäcker und Stile bereits in jungen Jahren schon sehr unterschiedlich. Und das bleibt bestehen, ist das Alter doch mindestens genauso heterogen. Alles in Orange für die Leute ab 70 – das wird nicht funktionieren. Es wird eine Auswahl verschiedener Gestaltungsansätze nötig sein, den Produkten muss aber ein einfaches und nutzerorientiertes Konzept zugrunde liegen. In diese Richtung beraten und entwickeln wir.
Lässt sich sagen, dass den Designern eine gewisse Sensibilität, ein Fingerspitzengefühl bei der Gestaltung von Produkten fehlt?
Ja, das fehlt. Zu oft wird die Lösung eines Defizits zu stark in den Vordergrund gestellt, zum Beispiel der Ausgleich des eingeschränkten Sehvermögens. Doch keiner der über 65-jährigen möchte allein darauf reduziert werden, dass ein Produkt gut für ihn ist, weil er alt ist und nicht mehr gut sehen kann. Menschen empfinden es nicht als positiv auf ihre Defizite reduziert zu werden. Aber natürlich finden wir es gut, wenn etwas praktisch und nützlich, komfortabel und sicher ist. Das ist für uns ausschlaggebend. Anders gesagt: Die Eigenschaft, dass das Produkt auch Menschen mit eingeschränktem Sehvermögen nutzen kann, sollte auch kommuniziert werden, aber das darf nicht im Vordergrund stehen. Das ist eine Gratwanderung. Es muss moderater kommuniziert werden.
Ein Beispiel?
Wir haben vor zwei Jahren bei der Planung des Erweiterungsbaus der Kunsthalle Emden sowohl den Bauherrn als auch den Architekten unterstützt. Es sollte mit dezenten Veränderungen Komfort und Sicherung für ältere Nutzer geschaffen werden. Es ging also um mehr als die übliche „Barrierefreiheit“. So gibt es nun komfortable kleine Details vor einem Spiegel, wo man neben Hut und Tasche einen Spazierstock, einen Regenschirm – oder eine Gehhilfe – einhängen kann, die sonst zu Seite umkippen würde. Der Museumsshop-Bereich wurde anders ausgeleuchtet, Sitzgelegenheiten etwas höher angebracht und an den Kassen hat das EC-Gerät größere Tasten als üblich.
Kommen wir noch einmal auf Ihre Arbeitsweise zurück. Sie testen Produkte, haben Sie gesagt. Wie muss man sich das vorstellen? Gehen Sie in ein Altersheim, um die Produkte von Senioren ausprobieren zu lassen?
Nein, wir gehen nicht in ein Altersheim. Da der Fokus bei den meisten Projekten auf dem älteren, aber noch selbstständigen, zu Hause lebenden Menschen liegt, gehen wir dahin, wo diese Menschen sind – nämlich zu ihnen nach Hause. In dem häuslichen Umfeld beobachten wir dann, in welchem Raum und in welchen Zusammenhang diese Produkte genutzt werden. In vielen Fällen lassen wir die Produkte für einige Tage da, und unterhalten uns dann mit den Nutzern über die Erfahrungen – positive wie negative. Mit dieser Methode haben wir die besten Erfahrungen gemacht.
Sie haben gerade ein Produkt für ältere Menschen entwickelt, das auf den ersten Blick an Spielplätze für Kinder erinnert. Was hat es damit auf sich?
Wir haben in einem ExWoSt-Stadtplanungsprojekt (Experimenteller Wohnungs- und Städtebau; Anm. d. Red.) am Nauener Platz in Berlin Konzepte mitentwickelt, wie dieser Platz für ältere Bevölkerungsschichten wieder zurückgewonnen werden kann. Aktuell sind am Nauener Platz viele junge Menschen unterwegs, aber der Platz ist durch Vandalismus, Drogenhandel und Ähnliches ins Abseits geraten. Da aber in der Gegend um diesen Platz sehr viele ältere Menschen wohnen, lautete die Aufgabenstellung: Wie kann man diesen Platz für ältere Menschen wieder attraktiver machen? Unser Ansatz war es, die Älteren zu mehr Bewegung zu verhelfen und einen spezifischen Treffpunkt draußen anzubieten. So sind wir auf „giro vitale“ – einem Bewegungskonzept – gekommen, das sich in erster Linie an die Zielgruppe der über 70-jährigen richtet – und nicht an Jüngere.
Aber das Konzept von „giro vitale“ ist doch so gestaltet, das es auch das Bewegungspotential von Kindern trainieren kann.
Ja, das stimmt, aber Kinder sind nicht die angepeilte Zielgruppe. Das Angebot richtet sich in erster Linie an ältere Menschen: unbeobachtet kleine Bewegungen ausprobieren, ohne sich zu überfordern. Das ist besonders wichtig. Für Kinder ist ein leichter Sturz egal, es ist sogar Teil des Lernens, dass man fällt, sich dreht und wieder fängt. Für einen 80-jährigen ist diese Situation jedoch bedrohlich. Ein Oberschenkelhalsbruch hat häufig gravierende Folgen. Dann hätten wir das Gegenteil erreicht. Deswegen sind es kleine Bewegungsangebote, die Sicherheit vermitteln sollen und Alltagsbewegungen beeinhalten.
In Deutschland gibt es ja nicht diese ausgeprägte Kultur, die ältere Menschen wie selbstverständlich in den öffentlichen Raum integrieren. In Frankreich spielen die alten Herren Boule, in China tanzen Senioren auf den öffentlichen Plätzen – oder sie machen Tai Chi. In Deutschland ist das schwer vorstellbar. Wie könnte es trotzdem funktionieren?
Es ist eine Frage des kulturellen Wandels der Gesellschaft in Bezug auf die Nutzung von öffentlichem Raum. Die Präsenz älterer Menschen im öffentlichen Raum wird zunehmen und es gilt kleine Angebote zu machen. Wir haben vermieden, dass Ältere in Konkurrenz mit Jüngeren treten. Denn was der junge Mensch kann, kann für den alten Menschen schwierig sein. „Giro vitale“ ist daher keine Einladung für Kinder zum Herumtollen und Herumwuseln, da die Älteren das als eher gefährdend empfinden.
Also keine Durchmischung der Gesellschaft?
Es würde eher sagen, dass es um ein Nebeneinander mit vielen durchlässigen Punkten geht. Ein Angebot für alle Menschen von 0 bis 100 Jahren funktioniert meiner Meinung nach nicht, denn Nutzerverhalten und Konstitution sind doch sehr unterschiedlich.
Wie könnte das Straßenbild in Zukunft aussehen? Grau-weiße Köpfe mit bunten Punkten?
Die bunten Punkte werden in Zukunft mehr. Von der Vorstellung, dass das Alter grau ist, kann man sich aber langsam verabschieden, denn Ältere haben nicht nur graue Haare. Aber dass die große Mehrheit „alt“ ist, daran wird man sich gewöhnen müssen – auch wenn das vielleicht noch befremdlich ist. Im öffentlichen Leben wird der demografische Wandel eine ganz andere Rolle spielen. Vielleicht werden viele Dinge langsamer ablaufen, weil diese Langsamkeit das angemessene Tempo sein wird. Aber sicher ist eines: Auch in Zukunft wird die Jugend weiter gefeiert, sie wird als Ideal bestehen bleiben.
Eine These ist, dass der demografische Wandel Auslöser für eine Gestaltungsrevolution sein wird, denn es gibt eine Zielgruppe – die Älteren – die eine enorme Kaufkraft hat. Sehen Sie das auch so?
Ja, wir haben jetzt einen Anlass, uns um Dinge zu kümmern, die früher vernachlässigt wurden. Der Nutzer mit seinen Wünschen und Fähigkeiten steht im Mittelpunkt der Gestaltung. Und es ist gut, dass dieser Paradigmenwechsel jetzt eingeleitet wird, denn vor dem Hintergrund der finanziellen Mittel der älteren Generation kann man die Projekte noch finanzieren, die man ausprobieren und entwickeln muss. Spätere Generationen werden nicht mehr so viel Geld haben. Daher: Vieles muss dann Standard sein und die Berücksichtigung des Alters bei der Produktentwicklung zum guten Ton gehören.
Herr Knigge, vielen Dank für das Gespräch.
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Büro Grauwert
Projekt 1
Kunsthalle Emden www.kunsthalle-emden.de
Projekt 2
Giro Vitale www.giro-vitale.de
Schwerpunkt Universal Design