Christian Haas

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Text: Claudia Simone Hoff, 08.01.2009


1974 in Erlangen geboren, studierte Christian Haas Industriedesign an der Fachhochschule München und arbeitete bereits als junger Designer für die Kristallmanufaktur Nachtmann. Seit 2000 ist er selbständig mit Büros in München und Paris. Haas hat für seine Produkte bereits zahlreiche Designpreise gewonnen. Vorwiegend im Bereich Porzellan und Glas tätig, arbeitet er auch als Interior-Designer, denkt sich Lampen und Möbel aus und kreiert Notizbücher aus verschiedensten Papieren. Schon während seines Studiums entwickelte sich seine besondere Affinität zur Tischkultur. Haas hält die Arbeit mit archaischen Gefäßen und deren Proportionen wichtig für die Entwicklung eines eigenständigen Formenvokabulars. Wir sprachen mit ihm über eine Lounge in der Volkswagen-Autostadt, Glas- und Porzellanentwürfe und die Angst des Designers vor weißen Seiten.


Bereits als junger Designer haben sie für die Kristallmanufaktur Nachtmann gearbeitet. Wie kam es dazu?


Es war eine lustige Geschichte: Als Diplomarbeit entwickelte ich für das Bekleidungsunternehmen Marc O'Polo eine Lifestyle-Kollektion mit Tabletts, Votivständern, Kerzenhaltern und Lederkissen. Das war damals bei Modelabels wie Joop oder Donna Karan gerade en vogue und die Unternehmen haben sich viel davon versprochen. Diese Kollektion kam dann auch auf den Markt. Der damalige Marketingleiter von Marco Polo wechselte zu Nachtmann und hat mich geholt. Er war unzufrieden mit dem bisherigen Design und wollte etwas verändern.
Ich war dann drei Jahre für Nachtmann tätig, obwohl ich überhaupt keine Erfahrung im Glasbereich hatte. Ich bin da hinein gerutscht und man wächst ja bekanntlich mit der Aufgabe. Anfangs war ich nur beratend tätig, dann hat die Designchefin gekündigt und ich habe die Designkollektionen für Nachtmann entworfen. Mit der Zeit kam die Erfahrung. Meine Aufgabe war es, Produkte für Nachtmann zu schaffen, die im Markt wahrgenommen werden. Bis dahin war Nachtmann im Lifestyle-Bereich überhaupt nicht sichtbar. Man wollte neben kommerziellen Produkten wie beispielsweise kompletten Bar-Serien auch Highlights herstellen, an denen die handwerkliche Kompetenz des Unternehmens zu sehen sein sollte. Insgesamt habe ich für Nachtmann 150 Einzelprodukte entworfen – danach konnte ich kein Glas mehr sehen, muss ich ehrlich gestehen.

Sie waren auch für Glas- und Porzellan-Hersteller wie Nachtmann, Villeroy & Boch, Rosenthal oder Bauscher tätig. Arbeiten die Unternehmen alle ähnlich?

Nein, die Unternehmen arbeiten sehr unterschiedlich. Für Villeroy & Boch arbeite ich im Moment sehr viel. Ich muss sagen, sie sind ein toller Partner. Villeroy & Boch ist eine Firma, der es sehr gut geht, was in diesem Bereich nicht so häufig vorkommt. Gerade wenn eine Rezession hereinbricht, dann sparen die Leute sofort bei Glas und Porzellan oder kaufen bei Ikea. Bei Villeroy & Boch wird sehr konzeptionell gearbeitet, man kann also nicht mit irgendeiner verhuschten Idee daher kommen. Das Ganze muss in eine komplette Lifestyle-Welt eingebunden werden: Passt dieses Produkt zu Villeroy & Boch? Stimmt es mit der Marken-Philosophie überein? Wo sieht man sich in drei Jahren? Diese Fragen tauchen während der Zusammenarbeit auf.

Der Designer bekommt also vorab ein Design- bzw. Marken-Manual geliefert, an das er sich dann zu halten hat?


Ja genau. Diesen Juni kam in Deutschland das Porzellanservice „Urban Nature“ auf den Markt, das ich für Villeroy & Boch gestaltet habe. Die Anforderung bestand darin, ein Geschirr zu entwerfen, das es auf dem Markt noch nicht gab. Dem Kunden sollten damit neue Möglichkeiten zur Tischdekoration eröffnet werden, was durch die Brückenelemente möglich wird. Das Service ist in weiß oder mit Dekor erhältlich, denn Villeroy & Boch war schon immer sehr stark im Dekor-Bereich. „Urban Nature“ ist ein komplettes Essservice, das nach und nach um Accessoires erweitert wird: Besteck, Tischwäsche und Tabletts. Die Gläser, die ich entworfen hatte, sind leider aus dem Programm herausgefallen, weil die Formen-Investition zu hoch gewesen wäre.

Villeroy & Boch vermittelt die eigenen Produkte ja fast gar nicht über Designer-Namen wie beispielsweise Rosenthal.


Nein, Villeroy & Boch versteht sich als sehr demokratisches Unternehmen und deckt große Kundenschichten ab, die ein Gefühl für Ästhetik haben, aber nie zu experimentell sind. Bei Villeroy & Boch stehen nicht der Name des Designers im Vordergrund der Kommunikation, sondern das Produkt und die Marke. Ich finde, dieses Name Dropping wird sowieso überbewertet und in der Branche weiß sowieso jeder, wer was gemacht hat. Ich finde die Produkte müssen stimmen und dann ist es auch egal, wer sie gemacht hat.

Sie haben ein Essservice für den Gastronomie-Hersteller Bauscher entworfen. Was unterscheidet die Arbeit für den Gastronomiebereich von sonstigen Aufgaben in der Porzellanindustrie?


Hotel-Porzellane dürfen extravaganter sein. Einige Hersteller stechen aus der Masse heraus und denen kann es nicht extravagant genug sein. Gerade Sterneköche suchen nach immer neuen Inszenierungsmöglichkeiten.

Wir befinden uns hier in der Lounge des von Stephen Williams entworfenen „Premium Clubhouse“ [das „Premium Clubhouse“ präsentiert die Premium-Marken des Volkswagen-Konzerns; Anm. d. Red.] der Volkswagen-Autostadt in Wolfsburg, die Sie zusammen mit Andreas Murkudis gestaltet haben. Wie sah die Zusammenarbeit zwischen Ihnen und Herrn Murkudis aus?

Murkudis und ich sind eng befreundet. Und immer, wenn es möglich ist, arbeiten wir an gemeinsamen Projekten. Er hatte mich damals gefragt, ob ich an einer Künstleredition für die Glasmanufaktur Theresienthal mitarbeiten wolle – das war unser erstes gemeinsames Projekt. In München habe ich für ihn einen temporären Laden gestaltet: Andreas kam auf mich zu und sagte, dass er ein begrenztes Budget hätte und fragte, was man damit machen könne. Entstanden ist ein Laden mit lila Wänden, Tanzfußboden und lackierten Möbeln.

Für das Projekt in der Autostadt waren die Absprachen dagegen sehr eng. Wir wollten eine Art Gegenpol zu dem entwerfen, was im unteren Showroom stattfindet, diese sehr künstlerische Interpretation [mit Kunstwerken von Olaf Nicolai, Peter Zimmermann und Anselm Reyle; Anm. d. Red.]. Es gab einen Wettbewerb und wir mussten uns gegen Konkurrenten durchsetzen. Zwar bin ich eher im Produktbereich zuhause, mache aber auch gern Interior. Bei der Gestaltung der Lounge hatten wir sehr viele Freiräume und vieles ist so geworden, wie wir es uns am Anfang vorgestellt haben. Es war beispielsweise ziemlich klar, wie die Küche der Lounge aussehen sollte und dass wir Kupfer verwenden würden. Und wir wollten etwas speziell für diesen Raum entwerfen, kein Glitzer-Glitzer.

Die Geschäftsleitung der Autostadt machte also keine Vorgaben, beispielsweise hinsichtlich der Verwendung bestimmter Materialien?


Nein, aber wir haben ein umfassendes Materialitätskonzept vorgestellt. Anhaltspunkte waren die Themen Reisen und Wunderkammer – allerdings in das 21. Jahrhundert transportiert. Und es war klar, dass die Lounge eine eher klassische, zeitlose Ausrichtung haben sollte. Diese Räumlichkeiten sind nicht öffentlich zugänglich, aber man kann sie für Veranstaltungen buchen. Wenn man beispielsweise seinen Bugatti in der Autostadt abholt, wird man in die Lounge eingeladen und die Köche des benachbarten Ritz-Carlton-Hotels sorgen für die kulinarischen Genüsse.

Kann man ein Projekt wie die Gestaltung der Lounge in der Autostadt ganz unabhängig von Marketing- bzw. Branding-Strategien sehen? Denn letztendlich geht es ja darum, ein Produkt, ein Automobil zu verkaufen.


Man hat die Marke immer im Hinterkopf und weiß natürlich, wer der Auftraggeber ist. Das fand ich aber gerade sehr reizvoll. Entweder hätten wir eine Art Messestand mit Corian, geschwungenen Formen etc. machen können oder einen klassisch ausgerichteten Kontrapunkt. Es geht im Luxusbereich ja eher um ein Image, darum ein gewisses Lebensgefühl zu verkaufen. Hier in diesem Raum ist dann auch nichts Volkswagen-Spezifisches vorzufinden. Auch wenn man ein Porzellan oder ein Glas entwirft geht es darum, wen ich ansprechen und welches Lebensgefühl ich vermitteln möchte. Die Aufgaben, die man als Gestalter zu bewältigen hat, werden immer komplexer.

Wie würden Sie Ihre Design-Philosophie beschreiben?


Für mich ist es wichtig, dass ich mich auf den Kunden einlasse. Ich möchte auf keinen Fall mein „Christian-Haas-Ding“ einer Firma überstülpen. Ich finde, gerade wenn man mit einem Traditionsunternehmen wie Villeroy & Boch zusammenarbeitet, sollte man schauen, was die Firma ausmacht, was sie will, wie sie sich zukünftig sieht. Das Porzellanservice „Urban Nature“ sollte das Country-Segment des Unternehmens modernisieren bzw. um eine moderne Komponente ergänzen. Ich habe dann den Vorschlag gemacht, als Inspiration archaische Gefäße und ihre Formen zu nehmen.

Sie stellen auch interessante Bücher her. Können Sie mir erzählen, wie Sie auf die Idee gekommen sind, Notizbücher herzustellen, die Blankoseiten mit extravaganten bedruckten Papieren vermischen und so jedes Buch zum Unikat werden lassen?


Das war ein totaler Zufall und fing 2002 mit dem Nummernbuch an. Da kam eine Papier-Werkstatt auf mich zu und hat mich gefragt, ob ich nicht irgendwas für sie machen könne. Die hatten wahnsinnig tolle Maschinen und Stanzen, die teilweise im Einsatz waren, teilweise aber auch nicht mehr. Und sie hatten unglaublich viele Restpapiere, die nicht mehr verwendet wurden.
So kam die Idee auf, ein Skizzenbuch zu machen, in das die einzelnen Papiere zwischen die Blankoseiten einsortiert werden sollten. Jedes Buch ist individuell gestaltet, außen weiß lackiert und mit einer individuellen Seriennummer versehen. Ich bin viel auf Flohmärkten unterwegs und sammle alte Comics, Atlanten und interessante Bücher, die immer mit dem grafischen Aspekt spielen. Das wird dann zu einer individuellen Komposition zusammengestellt. Ich erschrecke immer vor weißen Skizzenbüchern und kritzele lieber auf Blätter, die irgendwo herumliegen, da ist man abgelenkt. Die Bücher wurden dann in berühmten Läden wie „Colette“ in Paris oder „Corso Como“ in Mailand verkauft – das war natürlich ein Multiplikatorenfaktor. Jetzt sind wir bei etwa 2000 Exemplaren angelangt.

Sie haben auch den Laden „Serie A“ in München gestaltet, ein Präsentations- und Verkaufsforum für junge Designer in München.


Ja, den Laden machen Freunde von mir. Es gab überhaupt kein Budget und so musste ich aus dem Nichts etwas Tolles machen. Aber das ist ja oft das Beste und hat mir total Spaß gemacht. Dieses Projekt war für mich eine gute Herausforderung, denn ich glaube nicht, dass man große finanzielle Mittel braucht, um etwas wirklich Tolles zu machen, das gut funktioniert.

Haben Sie ein Lieblingsprodukt, das Sie gern selbst entworfen hätten?


Ich mag Low-Tech- und Old-School-Sachen, zum Beispiel die Bialetti-Kaffeekanne, Serge-Mouille-Leuchten aus den 1950er Jahren oder die Töpfe von Le Creuset. Die sind eine Investition für’s Leben.

Herr Haas, vielen Dank für das Gespräch.
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