Clemens Tissi

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Text: Norman Kietzmann, 24.02.2015

Clemens Tissi ist ein geerdeter Utopist. Lange führte er eine der international bekanntesten und renommiertesten Galerien für modernes Design in Berlin – bis er die Türen 2010 schloss. Seitdem konzentriert sich der Schweizer Architekt auf puristische Möbel und Leuchten, die den utopischen Geist der Moderne in die Gegenwart transferieren. Wir haben mit Clemens Tissi über Retro, Kitsch und Klassiker gesprochen. 

Herr Tissi, Möbelmessen sind heute Retro-Messen, wie jüngst die imm cologne wieder bewies. Zu den wiederaufgelegten Klassikern gesellen sich Neuheiten, die den Eindruck erwecken, als wären sie Originale aus den 50er und 60er Jahren. Warum lockt die Vergangenheit?
So ganz genau weiß ich es auch nicht. Aber es hat zweifellos mit dem Wunsch nach Tradition zu tun. Viele Leute haben Klassiker geerbt. Das ist auch mir so gegangen. Ich bin in einem Architekten- und Musikerhaushalt aufgewachsen mit Möbeln von Poul Kjærholm und Le Corbusier. Durch das Vererben dieser utopischen Entwürfe schreibt man sich in eine Tradition ein, als gehöre man zum Adel. 

Nur dass kein Titel vererbt wird, sondern Sessel und Leuchten. 
Genau. Die Produkte zeigen, dass man zum Bildungsbürgertum gehört und werden so zum Zeichen einer Tradition. Durch den Erwerb von Vintage-Möbeln können sich die Leute in diese Tradition einkaufen. Später haben die Firmen das erkannt und die alten Entwürfe wiederhergestellt – leider vollkommen getrennt von der ursprünglichen Idee und häufig auch in anderen Materialien. Viele dieser Neuauflagen haben die Qualitäten eines Louis-XIV-Möbels in Pressspan. Das ist reiner Kitsch. 

Sie selbst haben eine der bekanntesten Galerien für Möbel der Moderne geleitet. Warum haben Sie 2010 ihre Türen geschlossen? 
Ich habe gemerkt, dass das Zeigen von historischem Design zu nichts führt. Für mich stand dahinter eine Haltung und nicht das Zeigen einer Form. Die Form weist lediglich auf eine Haltung oder Idee hin. Als die Firmen begonnen haben, die alten Formen zu reproduzieren, habe ich drei Ausstellungen über die anonyme Moderne aus den 20er Jahren gemacht. Indem ich die bekannten Namen wegstrich, war Schluss mit: „Ich möchte ein Wegner- oder Eames-Möbel, um mein Bildungsbürgertum zu signalisieren.“

Und wie waren die Reaktionen?
Ich habe aus allen drei Ausstellungen zusammen nur ein Stück verkauft. Das hat mir gezeigt, dass ich wirklich kein Händler bin. Ich habe dann die Galeriefenster in der Potsdamer Straße mit Packpapier verklebt und darauf gesprüht: „Vintage is over! Vintage ist Angst“. Ich hatte ja immer gedacht, das Zeigen der Originale müsse zur Weiterführung der Moderne führen: also der Analyse, was die frühere Haltung für heute bedeutet. Doch es geht nicht mehr darum, diese Haltung weiterzuführen, sondern nur noch um das Erscheinungsbild. Und so ist alles Retro geworden. Darum musste ich die Galerie sofort schließen. 

Schließung der Galerie: Vintage is over.
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Was spricht gegen Reeditionen, wenn sie besser sind als viele halbherzig auf Klassiker gebürstete Neuheiten?
Wenn ein Entwurf von seiner Haltung noch immer so stark ist, dass er vieles von heute in den Schatten stellen kann, dann soll man ihn produzieren. Wenn man eine Utopie der Vergangenheit herauspickt und zeigen kann, dass diese Utopie auch eine Utopie für heute sein kann, dann macht es natürlich Sinn. Doch es ändert nichts daran, dass wir wieder neue Utopien brauchen. Das ist ja auch der Grund für Retro: Eine Utopie, die früher kein sicherer Wert war, ist heute mitunter ein sicherer Wert geworden. Es ist der Wunsch nach Angstfreiheit, nicht der Wunsch nach Vergangenheit.

Wie lange wird sich die Möbelbranche noch im Hamsterrad drehen? 
Man muss natürlich zugeben, dass es nicht jedes Jahr etwas Neues geben kann. Auf der anderen Seite sind neue Materialien vorhanden – genau wie in den 20er und 60er Jahren. Doch der Umgang mit ihnen erscheint vollkommen verzweifelt und führt zu bizarren Klonen der Vergangenheit. Aber ich glaube, dass etwas Neues kommen wird – auch wenn es etwas dauert. Man sieht das momentan im Automobildesign. Kein Hersteller schafft es, ein Elektroauto zu bauen, das keinen Kühler hat. Die Typologie des Autos mit Kühler ist so tief verankert, dass sie nicht weggeht. Das wird noch zehn oder zwanzig Jahre dauern.

Bereits vor der Schließung Ihrer Galerie haben Sie begonnen, eigene Möbel zu entwerfen. Warum?
Ich war immer Entwerfer, seit ich ein kleines Kind bin. Über die Jahre habe ich mehrfach Möbel gemacht, auch wenn sie stets Einzelstücke blieben. In der Schweiz habe ich in den 80er Jahren auch ein Haus gebaut. Meine erste Idee für diese neuen Möbel war, dass sie günstig sein sollen und damit keine falsch verstandene Kunst in limitierter Edition. Das habe ich auch so gemacht. Irgendwann bekam ich dann die Ohrfeige ins Gesicht, weil das nicht funktioniert hat. Darum habe ich zwei Möbel in limitierter Auflage entworfen. Insofern bin ich schuldig [lacht]. Doch im Kunstmarkt geht das nicht anders. Ich rede mir das Ganze heute schön, weil ich diese limitierten Objekte selbst von Hand zusammenbaue, bemale und signiere. So entsteht eine Berührung zur Kunst, die ich mir verzeihen kann. Doch eigentlich ist Design keine Kunst. 
Stuhl02 / Foto: Thomas Heimann
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 Ihr Stuhl02 lässt in seiner Strenge und Klarheit an die Möbel von Donald Judd denken. Wie sind Sie an das klassischste aller Möbelthemen herangegangen?
Bei einem Stuhl geht es darum, eine horizontale Fläche auf 45 Zentimeter Höhe zu bringen. Dann muss man eine vertikale Fläche addieren. Es gibt nicht mehr als vier Typologien, um das zu lösen. Doch das Prinzip des Stuhl02 gab es noch nicht. Darum ist er auch keine Variante von einem Thema, das bereits endlos durchdekliniert wurde. Viele Charakteristika eines normalen Stuhls fehlen. So gibt es auch kein Stuhlbein. Das Möbel besteht aus zwei nicht identischen Teilen, die aufeinander stehen. Das Produkt ist das Ergebnis einer Idee. Und über eine Idee muss man nicht lange nachdenken. Deswegen habe ich diesen Stuhl auch in ungelogen fünf Minuten entworfen. 

Sie scherzen ...
Es gibt nur eine Zeichnung. Und die wich nur minimal in den Maßen ab. Später habe ich die Bauteile leicht verschoben, um Asymmetrie zu erzeugen. Die Pläne sind so gemacht, dass ich sie in einer Viertelstunde bauen kann. Ein Gang zum Baumarkt, wo die Bretter geschnitten werden ohne Rundungen, Verzahnungen oder Ausschnitte. Danach entsteht nur durch das Aneinanderfügen von Flächen ein Objekt. Es würde mich wahnsinnig machen, ein Produkt bis zur Endgültigkeit zu treiben. Darum interessiert mich auch die Oberfläche nicht. Die Stühle sind von Hand angemalt, damit sie aussehen wie ein Modell ihrer selbst. Modelle sind der Versuch, eine Idee physisch werden lassen. Die Idee ist das, was mich interessiert.

Während Ihre Stühle weiterhin als limitierte Editionen gefertigt werden, haben Sie nun den Sprung in die Serie vollzogen mit Ihrer Leuchte Yuhi für New Tendency. Erklären Sie uns, worum es dabei geht.
Die Leuchte basiert auf zwei identischen, jedoch seitenverkehrten Bauteilen, die man stellen kann, wie man will. Die Idee ist, dass sich das Licht modellieren lässt – je nachdem, wie die Richtung und Intensität des Lichts durch alleiniges Verstellen der Bauteile reguliert wird. Die Leuchte erinnert an zwei Hände, die einen Schatz umschließen. Und dann öffnen sich die Hände und Licht scheint heraus. Als Leuchtmittel dienen OLEDs, die eine gleichmäßig leuchtende Fläche erzeugen. Ihre Größe beträgt genau ein Viertel der quadratischen Platte, auf der sie montiert sind.

Diese interaktive Komponente macht den Benutzer zum Teil des Projektes.
Genau. Ich gebe als Designer gar nicht vor, wie das Produkt aussieht. Die Form entsteht erst in der Benutzung. Bei einigen Leuchten kann man den Schirm bewegen. Doch hier geht es darüberhinaus. Die Leuchte ist eine Architektur, die man so verändern kann, dass sich die Licht- und Schattenwirkung in die Umgebung überträgt. Vor allem in dunklen Räumen zeichnet das Licht eine grafische Form, die spannend aussieht.

Räumliche Inszenierungen sind auch das Thema Ihres jüngsten Projekts, für das Sie mit dem Architekten Philipp Baumhauer kooperieren: der neuen Ausstellungsarchitektur für die ständige Sammlung des Bauhaus-Archivs in Berlin, die ab dem 28. Februar 2015 geöffnet sein wird. Wie wollen Sie die Klassiker in Szene setzen?
Vor sechs Jahren gab es im Berliner Martin-Gropius-Bau die große Bauhaus-Ausstellung. Da hat man gesehen, wie schlecht Ausstellungsarchitektur sein kann. Ich halte es für vollkommenen Blödsinn, dass eine Bauhaus-Ausstellung nach Bauhaus aussehen muss. Mir ging es um etwas anderes: Ich wollte die Dimensionen des Museums klarer machen. Darum wird es eine riesige Wand durch das gesamte Gebäude geben, die in die Seitenräume verweist. Entlang dieser Wand entwickelt sich die Ausstellung. Im Grunde ist es vielmehr eine zarte Architekturintervention als eine klassische Ausstellungsarchitektur. Die Möbel werden auf flachen Podesten stehen und bewegen sich ungefähr so im Raum, wie sie es in ihrer Funktion auch sonst tun. Nur nicht zu viel Schnickschnack, ist hier die beste Idee.

Vielen Dank für das Gespräch.

Im August 2016 ist Clemens Tissi nach längerer Krankheit verstorben. Lesen Sie hier unseren Nachruf…

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