Markus Albers

6
Text: Jasmin Jouhar, 22.12.2008


Freier, flexibler und mobiler arbeiten – das verspricht der Berliner Journalist Markus Albers in seinem Buch „Morgen komm ich später rein“. Albers hat sich dem Heer der Büroangestellten angenommen, die tagein tagaus an ihrem Schreibtisch sitzen und deren Anwesenheit vom Chef penibel kontrolliert wird. Dieses Modell prangert er als veraltet an und den Anforderungen der heutigen Arbeitswelt nicht mehr angemessen. Auch Festangestellte sollten in den Genuss von Arbeitsbedingungen kommen, wie sie Selbständige haben: Freiere Zeiteinteilung und flexiblere Wahl des Arbeitsortes. Für sein Buch sprach er mit Experten aus der Arbeitsforschung und Verantwortlichen von Firmen, die ihren Mitarbeitern bereits mehr Freiheiten lassen.


Herr Albers, für Ihr Buch haben Sie den Begriff Freianstellung geprägt. Können Sie erklären, was damit gemeint ist?

Hinter dem Buch steht ein persönliches Interesse: In meiner Arbeitsbiographie habe ich oft gewechselt zwischen freien Tätigkeiten und Festanstellungen. Bei beidem gibt es Vor- und Nachteile. Als Festangestellter macht man klassisch Karriere, hat seine Kollegen, hat einen Ort, wo man jeden Tag hingeht. Dafür hat man viele Nachteile, die man in Kauf nehmen muss: Ablenkung im Büro, die nicht immer idealen Arbeitsverhältnisse. Als Freiberufler hat man die komplette Kontrolle über seine Zeit. Man macht aber keine klassische Karriere innerhalb von Institutionen, was für viele Menschen wichtig ist. Als ich vor einem Jahr selbst festangestellt war und wieder einmal einen 12-Stunden-Tag hinter mir hatte, dachte ich: Es hieß doch mal, dass es anders gehen könne – zu Zeiten der New Economy. Um das Jahr 2000 sagte man, wir würden bald gar nicht mehr im Büro sitzen, denn wir arbeiten mit digitalen Technologien und zu Hause. Es ist damals nicht eingetreten. Viele Versprechungen, die die New Economy gemacht hat, waren Quatsch. Für manche aber war die Zeit noch nicht reif. Zum Beispiel laden wir uns jetzt doch unsere Filme aus dem Internet herunter oder lesen unsere News online. Meine These war, dass es sich mit der Frage der Arbeitsstrukturen ähnlich verhält: Jetzt könnte die Zeit reif sein für neue Modelle. Denn was heute alles ganz selbstverständlich an digitalen Technologien genutzt wird, wie etwa Skype! Das kollaborative Arbeiten ist jetzt möglich – durch schnelle, billige Internetverbindungen. Durch mobile Geräte wie das „iPhone“. Warum sitzt man dann noch jeden Tag altmodisch in einem Kastenbüro? Bei der Recherche habe ich gemerkt: Das gibt es tatsächlich schon! Die flexible und mobile Arbeitsweise ist schon da. Relativ viele, auch große Unternehmen praktizieren inzwischen eine Mischform. Sie statten ihre festangestellten Mitarbeiter mit Freiheiten aus, wie sie bisher nur Freiberufler hatten. Das ist ein neues Phänomen, dass man auch als Festangestellter eine sehr hohe Kontrolle über seine eigene Zeit haben kann und dann arbeitet, wann man am produktivsten ist. Das ist Freianstellung. Man kann es auch „Easy Economy“ nennen.

Die Freianstellung – geht das in allen Berufs- und Gehaltsgruppen?

Die Experten sagen: Es geht für alle Wissensarbeiter. Das sind alle, die hauptsächlich mit dem Computer arbeiten. Wissensarbeit sind im Moment etwa 50 Prozent der Jobs in Deutschland. Und die Zahl wird noch steigen. Produktion wird weiterhin in andere Länder verlagert. Mehrwert wird bei uns häufig durch Funktionen wie Marketing, Vertrieb, Design – kommunikative Jobs – geschaffen. Die andere Frage ist, für wen solche neuen Konzepte am Ende umgesetzt werden. In Firmen werden Unterschiede gemacht, es geht eher für die Führungskräfte oder die Außendienstler. Aber: Firmen, die das erfolgreich umgesetzt haben – wie „Best Buy“ in den USA – sagen, dass Freianstellung nur dann funktioniert, wenn es alle machen. Von der Sekretärin bis zum Chef. Erst dann hört die Unkultur auf, dass man bei der Arbeit über die Zeit redet: „Der geht wieder früher“ oder „Die kommt ja so spät“. Wir messen Arbeit oft noch nach einem altmodischen System, nämlich nach Anwesenheit. Das ist eine Maßeinheit aus der Industriegesellschaft. Wir sind aber schon lange in der Wissensgesellschaft. Die bessere Maßeinheit sind die Ergebnisse. Es macht nicht viel Sinn, jemanden danach zu bewerten, wie viele Stunden er im Büro gesessen hat. Da kann man auch „You Tube“-Videos gucken oder Privatmails checken. Als Best Buy die Arbeitszeiten und die Möglichkeit, sich die Arbeit einzuteilen, radikal flexibilisiert hat – jeder kann arbeiten, wann und wo er möchte, Hauptsache die Arbeit wird gemacht – gab es zwei spannende Zahlen. Zum einen ging die Zahl der freiwilligen Kündigungen deutlich runter, die Leute sind also lieber geblieben. Aber zum anderen ist die Zahl der unfreiwilligen Kündigungen gestiegen. Dass heißt, die Chefs konnten leichter sehen, wer nur so tut, als würde er sehr viel arbeiten.

Der altmodische Arbeitsplatz im Büro – wie verändert der sich durch Freianstellung?

Man könnte denken, man bräuchte gar keine Büros mehr, wenn jeder seine Arbeit nur noch im Garten oder unterwegs oder am Strand macht. Das ist aber nicht so. Aus verschiedenen Gründen: Kreativitätsforscher sagen, richtig kreativ ist man nur, wenn man sich austauschen kann. Jeder Chef wird zu Recht regelmäßig sein Team sehen und Aufgaben verteilen wollen. Aber: Die Büros verändern ihre Aufgabe. Sie werden Treffpunkte, Kommunikationsorte, wo man sich bespricht und dann wieder weggeht. Für die Arbeitgeber hat die Easy Economy einen weiteren Vorteil: Wenn nicht mehr jeder jeden Tag im Büro ist, kann man die Bürofläche verringern. Das setzt voraus, dass man Desk-Sharing macht: Der Arbeitnehmer hat nicht mehr seinen eigenen Arbeitsplatz, sondern sucht sich morgens einen freien.

Wenn durch die Freianstellung Flächen frei werden, wie verändert sich dann das Bürogebäude als Ganzes?

Es gibt verschiedene Konsequenzen: Die einen reduzieren radikal die Bürofläche. IBM zum Beispiel hat durch derartige Maßnahmen die Bürofläche um 50 Prozent reduzieren können und spart dadurch eine Menge Geld. Dann gibt es andere Unternehmen, die sagen: Wir sparen vielleicht nur zehn Prozent an Fläche oder 20 und nutzen den Rest anders. Zum Beispiel indem sie sich eine viel repräsentativere, interessantere Immobilie leisten, wie die niederländische Versicherung Interpolis, die sich in Tilburg ein sehr attraktives Gebäude eingerichtet haben. Das Gebäude ist bei denen ein Marketinginstrument geworden: Das Image hat sich messbar verbessert.

Wie wichtig sind technische Innovationen für flexible Arbeitsmodelle?

Das Tolle ist, dass gar nicht so viel nötig ist. Man muss Desktoprechner durch Laptoprechner ersetzen. Man braucht die Möglichkeit, sich von außen ins Firmennetzwerk einzuloggen. Spannend wird es bei der Software: Die Kommunikation muss zentralisiert werden. Auf einem Bildschirm muss man alles sehen, was man braucht: Alle Telefonnummern, alle Termine, alle Daten und so weiter. Und dieses immer gleiche Umfeld muss ich mit mir herumtragen können, auch unterwegs. An solchen Stellen lohnt es sich für die Unternehmen zu investieren. Und es funktioniert. Große Firmen wie IBM, BMW, die Deutsche Bank oder SAP setzen solche Konzepte um. Die Tatsache, dass sich große Firmen seit einiger Zeit dafür interessieren, dass aber auch die Deutsche Telekom das virtuelle Büro seit einem Jahr als Produkt anbietet, das spricht dafür, dass das Konzept ausgereift ist.

Welche Mentalität braucht der Freiangestellte?

Ein Freiangestellter ist jemand, der trotz Anstellung versuchen muss, so zu denken wie ein Freiberufler. Man muss sich selbst organisieren. In welcher Reihenfolge mache ich Dinge? Möchte ich vielleicht private Aktivitäten einstreuen in meinen Tag? Ich kann zu Hause sein, wenn der Handwerker kommt. Ich kann zwischendurch mal einkaufen gehen oder Freunde treffen. Vielleicht arbeite ich dann abends eine Stunde länger oder am Wochenende. Das setzt voraus, dass man selbständiger denkt. Das andere ist die Ablenkung, die einen im Büro oft an der Arbeit hindert. Die hat man unterwegs auch. Man muss sich Grenzen aufbauen, Regeln aufstellen.

Welche Mentalität braucht der Chef?

Die oberste Führungsebene hat erkannt, dass die Freianstellung eine gute Sache ist, weil sie Geld sparen können, weil sie kreativere, zufriedenere Mitarbeiter haben und weil sie besser neue Mitarbeiter anwerben können. Das mittlere Management hat ein Problem damit, weil es einen Kontrollverlust bedeutet, nicht mehr jeden Tag seine Schäfchen zu zählen. Die Firmen, die Freianstellung umsetzen, sagen: Der Manager muss in der Easy Economy das tun, wofür er da ist, nämlich managen. Bisher ist es häufig so, dass Manager kurzfristig Entscheidungen treffen, weil etwas schlecht geplant ist. Ganz schnell noch mal alle zusammenrufen – bis morgen muss noch dies und das fertig werden. Würde man gut planen und seinen Leuten am Anfang des Monats genaue Vorgaben machen – also managen, dann gäbe es viele Notfälle nicht.

Wie sieht Ihre Prognose aus: Wird es das klassische Arbeitsmodell – jeden Tag am selben Platz im Büro – auch in Zukunft noch geben?

Alles wird flüssiger, sagen viele Experten. Privatleben und Arbeit vermischen sich. Feierabend wird ein altmodisches Konzept werden, wie auch die tägliche Rush Hour. Wir werden immer arbeiten und nie arbeiten. Das macht vielen Leuten Angst. Aber die Entwicklung ist nicht aufzuhalten. Es wird so kommen – schon wegen der technologischen Innovationen. Und weil es sich für die Firmen lohnt. Die Easy Economy ist eine Emanzipation von einer Struktur, die unser Leben so sehr prägt wie fast nichts anderes. Wir verbringen nirgendwo so viele wache Stunden wie im Büro. Wir sind im Grunde entmündigt in dieser Zeit. Wir können nicht zwischendurch sagen: Ich gehe mal einkaufen, ich gehe mal ins Kino, ich gehe mal ins Museum. Diese Struktur verändert sich gerade – das ist eine größere Umwälzung im Leben von vielen Menschen, als wir uns das im Moment ausmalen. Eine Umwälzung zum Guten!

Ist die Entgrenzung nicht die größte Falle? Es gibt nun mal Menschen, die arbeiten immer und stellen das Mobiltelefon nie aus.

Oder arbeiten nie so richtig! Sie schieben alles auf, weil es gerade nicht unmittelbar dringend ist. Man muss lernen, sich zu organisieren. Mir ist das aber lieber, als dass ich komplett fremdbestimmt bin. Man kann es auf die Formel bringen: Hohe Anforderung im Job, aber auch hohe eigene Kontrolle. Dann findet man schon raus, wie man seine Arbeit schafft. Aber hohe Anforderung und gar keine eigene Kontrolle, wie das im Büroalltag oft der Fall ist, das macht die Leute unzufrieden und krank.

Herr Albers, vielen Dank für das Gespräch.


Markus Albers: Morgen komm ich später rein.
Für mehr Freiheit in der Festanstellung,
Campus-Verlag, Frankfurt 2008.

jetzt zu MADEby wechseln

Portraits, Hintergrundberichte und Reportagen zum Zeitgeschehen im Designbereich.