David Chipperfield

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Text: Norman Kietzmann, 14.07.2009


David Chipperfield ist eine Ausnahmeerscheinung in der gegenwärtigen Architekturszene. Umso mehr, wenn man ihn mit seinen nicht minder prominenten Kollegen vergleicht. Geboren 1953 in London, studiert er an der Londoner Kingston School of Art sowie der Architectural Association Architektur. Seine ersten beruflichen Erfahrungen sammelt er nach seinem Abschluss 1977 in den Büros von Douglas Stephen, Richard Rogers und Norman Foster. Besonders beeindruckt scheinen ihn deren technisch-konstruktive Bauten
jedoch nicht zu haben. Mit seinem eigenen Büro, das er 1984 in London gründet, zeigt er sich vor allem der sachlichen Moderne verpflichtet und entwirft Gebäude von beeindruckender Ruhe und Anmut. Nach über 15 Jahren Bau- und Planungszeit wird im Oktober 2009 das Neue Museum in Berlin eröffnet – sein bisher umfangreichstes und bekanntestes Projekt. Mit seinen Büros in London, Berlin, Mailand und Shanghai entwickelt er derzeit nicht nur das neue Eingangsgebäude für die Berliner Museumsinsel, die Erweiterung des Folkwang Museums in Essen oder Wohn- und Geschäftsbauten in China, sondern entwirft ebenso Möbel, Türklinken oder Tafelware. Wir trafen David Chipperfield in seinem Mailänder Büro und sprachen mit ihm über sportliche Ablenkungen, humane Räume und das Neue Museum in Berlin.


Herr Chipperfield, stimmt es, dass Sie ein passionierter Segler sind?

Ja, ich habe ein eigenes Sport-Boot. Ich segle sehr oft.

Was fasziniert Sie am Segeln?

Die Freiheit auszubrechen. Man muss sich auf etwas konzentrieren, das keine Architektur ist. Wenn man die ganze Zeit über arbeitet, arbeitet auch der eigene Geist. Es gibt immer etwas, über das man grübeln muss. Das macht es gar nicht so einfach aufzuhören. Das Beste ist daher, über etwas anderes nachzudenken. Wenn man segelt, muss man nachdenken: Von wo kommt der Wind? Wo ist das Land? All diese Dinge. Segeln ist eine sehr entspannende Art nachzudenken. Oder eine sehr gedankenreiche Art, sich zu entspannen.

Architektur kann mitunter eine überaus langwierige und kräftezehrende Angelegenheit sein. Ihr Neues Museum wird am 16. Oktober 2009 nach nun nach knapp 15 Jahren Planung und Bauzeit offiziell in Betrieb genommen. Mit welchem Gefühl schauen Sie auf dieses Projekt zurück?

Wenn man über einen so langen Zeitraum an einem Projekt arbeitet, gibt es immer Dinge, die man im Nachhinein ändern oder anders gestalten würde. Aber insgesamt bin ich sehr glücklich über das Ergebnis. Anfangs waren wir allerdings schon ein wenig nervös, wie die Reaktionen sein würden.

Sie meinen wegen der Kritik, die im Vorfeld immer wieder geübt wurde?

Es war eine sehr populäre Kritik, die dort eingebracht wurde. Aber die Medien machen oft keinen Unterschied, ob es sich um eine fundamentalistische oder ernst zu nehmende Kritik handelt. Für sie ist wichtig, dass es eine Meinung ist. Und so kam sehr viel Energie von dieser Meinung, was nicht nur uns sehr nervös gemacht hat sondern auch die Politiker. Als die Reaktionen bei der Übergabe des Museums im März jedoch durchgehend positiv waren, waren wir sehr erleichtert. Denn auch für uns war anfangs nicht klar, ob es wirklich eine interessante Arbeit wird oder doch nur eine langweilige Restaurierung.

Welchen Eindruck hatten Sie, als Sie das Neue Museum 1994 zum ersten Mal betreten haben?

Ich war beeindruckt von der Kraft, die das Gebäude als Ruine ausstrahlte. Ruinen haben diese seltsame physische Intensität, die manchmal stärker sein kann als die eines fertigen Gebäudes. Vor allem moderne Architektur tendiert dazu, einen Teil ihrer physischen Wirkung durch ihre Ganzheit zu verlieren. Im Neuen Museum gab es diesen sehr starken Sinn für Textur und Materialität. Eine Qualität, die ich bei der Restaurierung nicht verlieren wollte. Doch darin lag zugleich der Anstoß für die Kritik: Viele dachten, dass wir die Zerstörung konservieren würden. Dabei haben wir versucht, das Gegenteil zu tun. Wir wollten den Schaden reparieren, ohne die vorhandene Substanz zu zerstören. Das bedeutet aber auch, dass man einen Bruch zwischen Altem und Neuem akzeptieren muss. Wollte man diese Trennlinie aufheben, müsste man das Alte zerstören. Wir haben versucht, das Alte und Neue zusammenzubringen, es zur selben Zeit aber auch aus einem anderen Blickwinkel zu sehen.

Was auffällt, ist die Zurückhaltung, mit der Sie die neuen Elemente entworfen haben. Wie würden Sie das Zusammenspiel mit der historischen Substanz beschreiben?

Das Neue folgt einer sehr ruhigen, modernen Sprache, um den Reichtum des Alten hervorzuheben. Ähnlich dem Verfahren, mit dem auch antike Vasen restauriert werden. Die einzelnen Scherben für sich bleiben kaum mehr als unverständliche Fragmente. Dennoch lässt sich aus ihnen wieder die originale Form herstellen. Anstatt die zerstörten Dekore zu imitieren, wird für sie ein passives Material verwendet. Es unterstützt die originalen Teile und gibt ihnen ihre Bedeutung wieder zurück. Ohne dieses passive Material würden sie jedoch nicht mehr verständlich sein. Diese Technik der sanften Reparatur wird in der Archäologie sehr gut verstanden, ebenso in der Malerei. In der Architektur ist sie immer noch ein Novum. Ich denke, dass die Leute das Projekt vielleicht aber auch gerade deswegen mögen: Weil wir auf der einen Seite Respekt vor der Geschichte zeigen, sie auf der anderen Seite aber nicht wortwörtlich kopieren. Ich mag die Idee, dass die Menschen Architektur verstehen. Architektur bedeutet für mich nicht, etwas betont Cleveres zu machen, das erst noch jemand erklären muss.

Was macht gute Architektur für Sie aus?

Dass sie eine bestimmte Intensität in ihrer Idee hat. Dass sie etwas bedeutet und nicht leer ist. Ich glaube, wenn ich ein Gebäude entwerfe, bin ich recht konservativ in meinen Meinungen über bestimmte Dinge. Räume sind mir sehr wichtig. Ich denke, wir produzieren in unserer modernen Gesellschaft zu viele Räume, die unverständlich und entfremdend sind. Sie geben uns nicht das Wohlbefinden, das wir als Individuen brauchen. Dabei sollte die Architektur genau dieses wieder einräumen. Ähnlich dem alten Renaissance-Gedanken, das Individuum in den Mittelpunkt zu stellen. Ich frage mich bei neuen Räumen immer, wie es wäre, dort zu sein. Wie fühlen sie sich an? Mein Ideal ist ein Wohlbefinden, das dem Einzelnen eine Position, einen Status gibt – und ihn nicht auf etwas Unbedeutendes reduziert. Wenn man dann einen Raum entwirft, geht es um Entscheidungen, die im Grunde recht einfach sind. Man darf nur nicht zu kompliziert werden.

Was unterscheidet einen komfortablen Raum von denen, die es nicht sind?

Proportionen haben für mich viel mit dem Gefühl in einem Raum zu tun. Historisch gesehen ist Architektur sehr stark auf uns selbst ausgerichtet. Sie wurde gemacht, um darin zu leben. Die Dimensionen von Fenstern, Türen oder Raumhöhen folgen menschlichen Maßen. Gebäude waren also sehr eng mit den Menschen selbst verbunden. Doch in der modernen Welt gibt es keinen Grund mehr, an diesem Verhältnis festzuhalten. Es ist technisch möglich, sämtliche Dimensionen frei zu wählen. Kulturell gibt es dadurch aber ein Problem, über das wir intellektuell viel stärker nachdenken sollten. Es geht darum, wie man das Verhältnis zwischen dem Individuum und der gebauten Umgebung wieder herstellen kann. Denn wenn technisch alles möglich ist, muss die allererste Frage lauten: Was wollen wir nicht tun?

Ob ein Gebäude schlussendlich gelingt oder nicht, wird auch von Faktoren jenseits der Architektur bestimmt. Welche Erfahrungen haben Sie bei Ihren Projekten dabei gemacht?

Bei jedem Architekturprojekt geht es darum, eine Atmosphäre zu schaffen, in der Vertrauen zwischen allen Beteiligten entsteht. Wenn ein Projekt beginnt und der Kunde dem Projektmanager und der Projektmanager dem Architekten nicht traut, kann es nicht funktionieren. Ich denke, darin liegt die eigentliche Herausforderung: Wie kann eine professionelle Situation entstehen, die es einer Gruppe von vielen Beteiligten erlaubt, ein Gebäude fertig zu stellen? Der Architekt alleine kann es ohne die Hilfe anderer nicht schaffen. Das macht den Prozess mitunter auch sehr frustrierend, da die Erwartungen sehr unterschiedlich sind. In England verbringt man als Architekt die Hälfte seiner Zeit damit, Bauherren und Projektmanager zu überzeugen, eine ähnliche Vorstellung von Qualität zu teilen. In deutschsprachigen Ländern ist das Level bereits deutlich höher. In England dauert es oft eine lange Zeit, um an diesen Punkt zu kommen. Eine extreme Kultur, um Architektur zu realisieren, ist allerdings die Schweiz. Wenn man sich dort beim ersten Treffen gemeinsam an einen Tisch setzt, sind bereits alle auf demselben Stand: die Bauherren, die Projektmanager, die Ingenieure. Die Erwartungen an Architektur haben sich dort längst durchgesetzt. Ich denke, gute Architektur entsteht immer aus dieser Situation heraus und nicht aus einem Kampf. Es geht um Vertrauen unter den beteiligten Parteien.

Sie selbst sind mit ihrem Büro an den Standorten London, Berlin, Mailand und Shanghai präsent, von denen zurzeit Berlin mit 82 Mitarbeitern der größte ist. In welcher Stadt sind Sie eigentlich am liebsten?

Ich bin Engländer. London ist für mich als Person als auch für meine Familie die einfachste Stadt. Aber aus professioneller Sicht ist London nicht sehr einfach, da es dort kaum Arbeit gibt. Berlin ist im Moment unsere favorisierte Stadt. Nicht nur, weil wir dort die meisten Projekte haben. Es ist auch ein sehr positiver, offener Ort. Ich könnte mir nicht vorstellen, in einer anderen deutschen Stadt zu wohnen. Das Schöne an Berlin ist, dass es auf der einen Seite deutsch und damit auch sehr professionell ist. Auf der anderen Seite gibt es immer noch eine gewisse Hippie-Mentalität. Ein wenig „outside of life“. Man sieht Leute im Restaurant Bücher lesen. Ich kann mir nicht vorstellen, in London in einem Restaurant zu sitzen und ein Buch zu lesen. Es käme sofort jemand an und würde fragen: „Haben Sie aufgegessen?“. In der Beziehung ist Berlin schon sehr besonders.

Vielen Dank für das Gespräch.



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