Defne Koz

9
Text: Claudia Simone Hoff, 25.10.2012


Defne Koz ist Kosmopolitin. Geboren in der Türkei, pendelt die Designerin zwischen ihrem Studio in Mailand und ihrem Wohnsitz in Chicago. Dort arbeitet sie zusammen mit Marco Susani – nachdem sie im Büro von Ettore Sottsass tätig war – an Projekten für Alessi, Gaia & Gino, Foscarini, VitrA und Cappellini. Wir trafen Defne Koz anlässlich der Design-Biennale in Istanbul und sprachen mit ihr bei einer Tasse Mokka über türkisches Handwerk, das Bewusstsein für Qualität und wie es sich in einer Architekturikone lebt. 


Sie haben an der Konzeption der ersten Design-Biennale in Istanbul mitgearbeitet.

Ja, das war eine tolle Aufgabe – mit der Stadt Istanbul als Fokus des Konzepts, ohne jedoch eine weitere „Me too“-Biennale zu konzipieren. Ich beobachte die Entwicklung des türkischen Designs seit langem. Meine Befürchtung war immer – auch in Hinblick auf die Entwicklung der türkischen Designindustrie –, dass das Design schlichtweg ein Déjà-vu sein würde, eine Wiederholung von etwas bereits Vorhandenem. Istanbul zeichnet sich durch eine große Dynamik und Begeisterung aus. Deshalb war es mir wichtig, den Charakter der Stadt und die Menschen von Istanbul in das Konzept zu integrieren, einschließlich Designern und Handwerkern. So entsteht eine andere Art von Biennale – zusammen mit außergewöhnlichen Veranstaltungsorten.

Mir hat das ehemalige Griechische Gymnasium von Galata, wo die von Joseph Grima kuratierte Ausstellung Adhocracy zu sehen ist, besonders gut gefallen.

Ja, an diesem Ort sieht man, dass Istanbul sehr vielschichtig ist. Nicht nur visuell, auch kulturell. All diese verschiedenen Schichten kommen im Motto der Biennale – Imperfection – zum Ausdruck. Solch ein komplexes Thema umzusetzen, ist natürlich nicht einfach, gerade weil wir nichts Touristisches machen wollten. Deshalb kam ich auf die Idee, Designer und Verbraucher miteinander zu verknüpfen. Es soll etwas passieren, das mit „echten“ Menschen zu tun hat.

Wie kamen Sie auf diese Idee?

Ich möchte Ihnen eine kleine Geschichte erzählen: Vor ein paar Jahren war ich in einem Restaurant in Istanbul. Die Sonne schien und ich saß auf der Terrasse, die durch große Blumenkübel von der Straße abgetrennt war. Da kam plötzlich ein Mann, der eine Schubkarre mit Müll hinter sich herzog – bereits als Kind habe ich diese recycling people in Istanbul beobachtet. Der Mann wollte die Mülleimer des Restaurants durchsuchen, was ihm aber nicht gelang, weil die Blumenkübel im Weg standen. Darauf meinte er: „Das Design dieser Blumenkübel ist so schlecht, dass ich mich nicht richtig fortbewegen kann.“ Das war für mich ein regelrechtes Aha-Erlebnis, denn mir ist bewusst geworden, dass auch der Mann auf der Straße ein Bewusstsein dafür hat, was gutes Design ist. Wir bewegen uns ja sonst in einer Art Design-„Elite“ und sprechen die ganze Zeit über gute Gestaltung, aber der Mann auf der Straße? Das ist großartig! Hier auf der Straße liegt die Zukunft des Designs.

Was hat es mit den zwei Biennale-Ausstellungen Musibet und Adhocracy auf sich?

In der Ausstellung Musibet, die der Architekt Emre Arolat kuratiert hat, kann man viel über Istanbul erfahren. Emre hat sich nicht für die großen, bereits realisierten Projekte entschieden, sondern ein Fragezeichen hinter die Probleme von Istanbul und der Türkei gesetzt – das ist stark. Die Ausstellung Adhocracy von Joseph Grima ist ebenfalls wunderbar. Er hat Designtechniken herausgesucht, die nicht jedem bekannt sind – auch wenn wir Designer sie bereits gut kennen. Das wird einen großen Einfluss auf die türkischen Designer und Verbraucher haben. Außerdem gibt es Design-Rundgänge durch die Stadt, bei denen man Läden, Handwerker und Designbüros besuchen kann.

Apropos Handwerk. Mir scheint, es ist gerade ein Trend, dass Designer mit Handwerkern zusammenarbeiten – ich denke da an die Leuchten aus Kupfer von Tom Dixon. Wie sieht es in der Türkei aus? Man braucht ja nur einmal in den Großen Basar zu gehen und sieht, welches handwerkliche Potenzial hier vorhanden ist.

Über dieses Thema wurde in der Türkei in letzter Zeit viel diskutiert. Hier schaut man allerdings nie zurück, nur in die Zukunft. Jedes Mal, wenn ich mit einem türkischen Unternehmen zusammengearbeitet habe, habe ich gesagt: Ihr müsst respektvoll mit eurer Geschichte umgehen. Wir haben in der Türkei eine große, tiefschichtige Kultur. Man muss das verstehen und in die Gegenwart umsetzen, mit den heutigen Techniken und Materialien und nicht als Stilisierung. Lange Zeit hat sich hier niemand für das Handwerk interessiert.

Ist das typisch für die Türkei oder geschieht das auch woanders?

Ich kenne die italienische Kultur und die italienische Art über Design nachzudenken sehr gut. Die Italiener hatten die Renaissance – das ist ein großer Vorteil [lacht]. Die haben das Design sozusagen im Blut. Aber es nicht leicht, auch nicht in Italien – speziell im Produktdesign. Denn dafür braucht man eine Industrie, die eine Vision hat.

Als ich auf dem Basar war, ist mir auch aufgefallen, dass es dort Unmengen von gefälschten Waren gibt. Schaut man sich die genauer an, sieht man, dass die handwerkliche Verarbeitung sehr gut ist. Warum verkaufen die Händler dann nicht eigene Entwürfe statt schnöder Fälschungen?

Das stimmt. Es gibt hier tolle Handwerker, genau wie in Italien. Doch dort gibt es die passende Industrie. In der Türkei gibt es entweder den kleinen Handwerksbetrieb oder die Industrie – die Mitte hingegen fehlt. Es braucht einfach Zeit. Aber das Verständnis für Qualität plus Design wächst.

Sie haben fast zwanzig Jahre in Mailand gelebt und sind vor einigen Jahren nach Chicago gezogen. Warum?

Chicago ist eine tolle Stadt [lacht]. Marco, der Partner bei Ettore Sottsass war, wollte Italien verlassen, um in den USA für Motorola zu arbeiten. Als Freelance Designer können wir ja überall arbeiten.

Sie wohnen im Lake Shore Drive Apartment von Mies van der Rohe. [Marco Susani kommt in den Raum].

Marco Susani: Ja, das ist ein guter Grund in Chicago zu leben [beide lachen].
Defne Koz: Wir wohnen im 13. Stock mit direktem Blick auf den Lake Michigan.

Ich habe nur die Lobby gesehen ...

Marco Susani: Ja, draußen an den Scheiben kleben immer Menschen mit Fotoapparaten, die aussehen wie Architekten [lacht]. Chicago bietet den Vorteil, dass wir näher am amerikanischen Markt sind, aber gleichzeitig auch für europäische Unternehmen arbeiten können.

Neben einem Office in Chicago haben Sie auch ein Büro in Mailand. Wie sieht es aus mit einer türkischen Dependance?

Ich denke über ein Büro in Istanbul nach. Ich komme sowieso regelmäßig in die Türkei, denn ich habe sehr viele Kunden hier.

Würden Sie sagen, dass es in Ihren Entwürfen etwas gibt, dass speziell Türkisch ist? Ich erinnere mich an Ihre Fliesenkollektion Iznik für VitrA.

Wenn einige meiner Entwürfe etwas Türkisches haben, dann ist das unterbewusst passiert. Die Fliesenkollektion Iznik war meine Idee und ich habe sie VitrA präsentiert. Iznik ist eine türkische Stadt, in der unter den Osmanen sehr schöne Keramiken hergestellt wurden. Die Fliesen sind sehr aufwändig in der Herstellung. Ich kam auf die Idee, die wunderschöne Oberfläche der Fliesen industriell herzustellen. Zusammen mit VitrA haben wir viel geforscht – wir wollten die Oberflächentiefe der traditionellen Iznik-Fliese produzieren und gleichzeitig etwas Neues kreieren. Die Kollektion war ein großer Erfolg, denn sie zeigt eine alte Kultur auf eine moderne Art.

Und Ihr Obstkorb aus Draht für Alessi?

Alessi hatte bereits in den Sechzigern eine sehr schöne Kollektion aus Draht auf den Markt gebracht, aber seitdem war nichts mehr passiert. Die Aufgabe war nicht ganz einfach, denn Draht ist zwar ein günstiges Material, hat aber auch ein ziemlich billiges Image. Ich wollte ein Volumen kreieren – das war die Idee hinter dem Obstkorb.

Sie arbeiten viel im Bereich Tableware, neben Herstellern wie Alessi und Gaia & Gino auch für Alfi. Was gibt es Neues?

Ich arbeite gerade an einer Porzellankollektion für den deutschen Hersteller Mitterteich, der von einem türkischen Unternehmen aufgekauft wurde. Die Kollektion ist speziell für Hotels gedacht und umfasst etwas 100 Teile aus Porzellan. Wir entwerfen drei verschiedene Serien, die vom A-la-Carte- bis zum High-End-Restaurant gedacht sind. Die Kollektion wird im Februar nächsten Jahres auf der ambiente in Frankfurt vorgestellt.

Frau Koz, ich freue mich Sie dort wiederzusehen. Vielen Dank für das Gespräch.



Mehr zur Istanbul Design Biennial 2012 finden Sie in unserem Special.
jetzt zu MADEby wechseln

Portraits, Hintergrundberichte und Reportagen zum Zeitgeschehen im Designbereich.