Eberhard Meurer

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Text: Cordula Vielhauer, 10.01.2011


Es ist selten geworden, dass ein Designer das „Gesicht“ eines ganzen Unternehmens bestimmt – und das über Jahrzehnte. Eberhard Meurer gestaltet seit 35 Jahren als Chefdesigner alle Produkte für Siedle, zudem hat er das gesamte Corporate Design entwickelt – und denkt noch lange nicht ans Aufhören. Klarheit in der Gestaltung und Einfachheit in der Bedienung sind dabei seine Maximen – gerade bei den komplexen Geräten der Hauselektronik, die Siedle anbietet. Wir sprachen mit ihm über die Zukunft der Schwelle, selbsterklärende Gestaltung und die Leiden der Designer.

 

Herr Meurer, Sie sind seit 35 Jahren Hausdesigner bei der Firma Siedle (www.siedle.de). Wie ist es, wenn man so lange fast ausschließlich für ein einziges Unternehmen arbeitet? Hat das nur Vorteile oder auch Nachteile?
 
Bevor ich zu Siedle ging, war ich ja sechs Jahre lang in einem Designbüro tätig und habe die Leiden eines Designers, der im Büro arbeitet, erlebt. Ich habe dort für viele verschiedene Firmen gearbeitet. Für mich war es danach eine schöne Aufgabe, in eine Firma zu gehen, in der ich nicht nur Produktdesign machen kann, sondern das ganze Corporate Design mitgestalte: vom Briefpapier über die Broschüren bis hin zur Innenarchitektur wie Messeständen und Ausstellungsräumen. Das ist ein Spektrum, das weit über Produktdesign allein hinausgeht. Insofern ist es für mich eine interessante Geschichte gewesen, auch über die Jahre hinweg.
 
Was sind denn die „typischen Leiden“ der Designer?
 
Dass Sie mit Marketingleuten zu tun haben, die gewisse Vorstellungen vertreten, nach denen Sie sich richten müssen. Diese Vorstellungen haben oft wenig mit Gestaltung zu tun. Dass Sie oft nicht der Chef im Büro sind, sondern dass irgendjemand zum Auftraggeber fährt, ein so genannter Kontakter, der Ihren Entwurf nicht richtig vermittelt. Hier bei Siedle hingegen habe ich die Möglichkeit, meine Ideen direkt umzusetzen. Ein Vorteil ist auch, dass ich mit Herrn Siedle einen Chef hatte, dem es wichtig war, dass wir hier innovatives Design machen. Er hat auch den ganzheitlichen Gedanken hinter der Gestaltung verstanden. Es hat ja keinen Sinn, wenn ein Unternehmen ein schönes Produkt macht, der Rest aber Murks ist. Genauso wenig, wie wenn die zuständige Werbeagentur das Produkt nicht richtig vermarktet, oder wenn das Produkt nicht richtig ausgestellt wird.

Was ist der Unterschied zu Ihrer Arbeit mit Siedle?


Wenn Sie wie bei Siedle Systemprodukte designen, ist das etwas ganz Anderes, als wenn Sie Geschenkartikel machen oder eine Glasserie oder Möbel, wie das ein normales Designbüro tut. Das modulare System, das ich für Siedle entwickelt habe, ist ein ganz anderes Produkt. Es hat keinen Lebenszyklus von fünf Jahren, sondern muss viel länger halten, allein durch die viel höheren Investitionskosten. Aus dem Produktdesign hat sich auch das Corporate Design ergeben. Das ist nicht einfach aufgesetzt worden. Das ist anders, als wenn man eine externe Agentur beauftragt hätte, für die Firma ein Corporate Design zu entwickeln.
 
Das erste modulare System war ja das Vario 511 von 1981. Wie kamen Sie auf dieses System?
 
Das hatte vor allem etwas mit dem Elektrogroßhandel zu tun. Wir hatten vorher klassische Fertigprodukte, bei denen ein Türlautsprecher ein, zwei, drei oder vier Tasten besitzt, die gab es mittlerweile in vier Farben. Der Großhandel musste also unheimlich viele Stücke am Lager liegen haben, um alle Varianten vorzuhalten. Durch die modularen Systeme konnte der Großhändler den Türlautsprecher selbst so zusammenstellen, wie ihn der Elektroinstallateur angefordert hat.
 
Die Produkte, die Sie für Siedle gestalten, definieren den Schwellenraum zwischen Öffentlichkeit – der Straße – und Privatsphäre – dem Haus – immer wieder neu. Wie sehen Sie die Zukunft der Schwelle: Glauben Sie, dass wir uns immer mehr abschotten werden oder eher öffnen?
 
Das ist eine Frage, die einem selbst natürlich immer wieder zu schaffen macht. Mit den Systemen, die ich für Siedle bisher entwickelt habe, versuche ich, die Dinge im Eingangsbereich zusammenzufassen und so zu gestalten, dass sie zusammenpassen oder variiert werden können. Das ist eine visuelle Geschichte. Dieser Bereich ist wichtig, wird aber heute stark vernachlässigt im Gegensatz zu Bereichen wie „Wellness“ im Haus oder der Küche. Wie sieht aber die Schwelle in Zukunft aus? Ich glaube, dass sowohl der Komfort als auch die Sicherheit als auch das äußere Erscheinungsbild, die „Visitenkarte“, eine große Rolle spielen werden. Die Schwerpunktsetzung wird aber immer individuell unterschiedlich sein und sich jeweils eigenen Bedürfnissen unterordnen: Der eine hat ein sehr hohes Sicherheitsbedürfnis, der andere legt mehr Wert auf Komfort und Gestaltung. Das sind ganz unterschiedliche Aspekte, die da zusammenkommen und denen wir Rechnung zu tragen versuchen.
 
Wie schaffen Sie es, die verschiedenen komplexen Funktionen der elektronischen Haustechnik so in Ihre Geräte zu integrieren, dass man sie dennoch leicht bedienen kann?
 
Dafür versuche ich immer, eine Unterteilung zu finden zwischen Primär- und Sekundärfunktionen und solchen, die noch danach kommen. Außen an der Eingangstür zum Beispiel muss jeder das Produkt bedienen können. Doch auch im Innenbereich sollte zum Beispiel die Großmutter, die zu Besuch ist, in der Lage sein, die Tür zu öffnen, ohne vorher die Bedienungsanleitung lesen zu müssen. Das ist nämlich die Primärfunktion. Zudem sind die Piktogramme und Farben bei Siedle durchgängig gleich gestaltet, egal ob es ein digitales oder mechanisches System ist. Wir sprechen ein breites Nutzerspektrum an von Kindern bis zu älteren Menschen, die unsere Produkte bedienen können müssen, auch wenn sich hinter einer primären Funktionsebene noch viel komplexere Prozesse befinden.
 
Wie sieht das konkret aus?
 
Die Funktionen müssen sich tatsächlich selbst erklären. Auch auf einem Touchpanel muss eine Taste wie eine mechanische Taste aussehen, damit man erkennt: Aha, da muss ich draufdrücken. Die Funktion wird wiedergegeben, indem sich die Taste verfärbt oder „Piep“ macht. Menschen denken ja nicht elektronisch oder digital, wir denken analog. Bei unserer Freisprechanlage habe ich zum Beispiel eine große Taste für die Primärfunktion gesetzt, auf ihr ist ein Mund als Symbol. Wenn es klingelt, drücken Sie auf die große Taste, die dann auch noch leuchtet, zudem können Sie den Ton laut oder leise stellen. Andere Funktionen sind sekundär und viel kleiner gestaltet. Denn wenn jemand Fremdes im Haus ist, der gar nicht weiß, was er machen soll, sieht er sofort die große Taste, drückt darauf und kann sprechen. Viel mehr braucht er nicht zu tun. Die Türöffner-Taste hat wieder eine andere Farbe, so dass er sofort sieht: Aha, damit mache ich die Tür auf. Das ist die wichtigste Sekundärfunktion. Alle anderen Funktionen sind nachgelagert, die Lichtschalter und sonstiges.
 
Gibt es neben den visuellen und auditiven auch andere Gestaltungsmerkmale, auf die Sie Wert legen?
 
Bei Scope habe ich beispielsweise runde Tasten eingesetzt, die eine Wölbung haben, damit Sie auch haptisch spüren, was Sie tun. Anders als bei personalisierten Geräten wie beispielsweise dem iPhone mit seiner Glasoberfläche geht mit dem Scope ja jeder im Haus um, das ist nicht mein eigenes. Von Scope sind vielleicht sogar zwei oder drei im Haus im Umlauf. Wenn Sie ein Telefon mit ganz glatter Tastatur habe, fühlen Sie die Tasten nicht, sondern müssen immer hingucken, auch wenn Sie beispielsweise gerade nach den Kindern schauen. Durch die gewölbten Tasten können Sie dagegen auch mal „blind“ wählen.
 
Wie erneuert man denn solche „Klassiker“ wie das Vario, das schon bald 30 Jahre auf dem Markt ist?
 
Das neue Vario habe ich ja schon 1996 entworfen. Daran sieht man auch, wie lange solche Systeme halten, wenn man sie reduziert gestaltet. Zudem ist es das umfangreichste System am Markt. Ein Relaunch, bei dem man neue Technologien und Materialien einbindet, ist tatsächlich eine schwierige Aufgabe. Sie bringen einen auf neue Ideen, nicht im Sinne einer Produktkosmetik, die nur dazu dient, etwas anders aussehen zu lassen, sondern indem man das Produkt entscheidend verbessert.
 
So ein Edelstahlsystem wie das Siedle Steel lässt sich ja relativ leicht kopieren. Oder gibt es da Tricks, die das verhindern?
 
Dadurch, dass das Steel in der Manufaktur hergestellt wird, ist es tatsächlich so: stanzen, biegen, fräsen – das kann fast jeder. Es gibt jedoch kleine Kniffe, wie man ein Produkt individualisiert und als Markenprodukt erkennbar macht. Bei Steel ist es der Einsatz von zwei Ebenen, der so genannten Funktions- und der Montageebene, wodurch Schrauben und Befestigungselemente unsichtbar bleiben.
 
Gibt es denn viele Nachahmerprodukte?
 
Ja, am meisten tatsächlich im Edelstahlbereich. Es wird eine Edelstahlplatte gestanzt und ein Einbausystem dahinter gesetzt, womöglich gar eines von uns. In Berlin vor allem, da wird es unglaublich oft so gemacht. Am Ende ist von uns vielleicht sogar eine Kamera dahinter, aber das Blech davor nicht, das ist handgemacht. Das hat dann jedoch  auch nicht die gleichen Eigenschaften hinsichtlich Wetterschutz und Haltbarkeit – von den Proportionen mal ganz abgesehen – wie unsere Serienprodukte, die ja vielfach getestet werden. Das Vario-System, bei dem es vom Briefkasten bis zur Klingelanlage alles aus einer Hand gibt, ist glücklicher Weise nicht so leicht nachzubauen: In diesem Umfang wie bei Siedle ist es einmalig; und diese Komplexität schützt uns auch vor Nachahmung.
 
Vielen Dank für das Gespräch!

www.siedle.de
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