Eckart Maise

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Text: Hannah Bauhoff, 23.10.2009


Eckart Maise, geboren 1965, ist trotz seines jungen Alters bereits ein Vitra-Urgestein. 1995 zog es ihn – nach einem BWL-Studium und einem kurzen Ausflug in die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit – nach Weil am Rhein. Dort arbeitete er zunächst im Vitra Design Museum, wo er den Produktbereich und den Verlag aufbaute. Seine Idee, Miniaturen von bekannten Möbelklassikern originalgetreu zu produzieren und als Sammlerstücke zu vertreiben, schlug ein wie eine Bombe. Die „Miniatures Collection“ wurde international erfolgreich – und zum Aushängeschild sowie zur finanziellen Stütze des Vitra Design Museums. Doch statt sich auf dem Erfolg auszuruhen, wechselte Maise den Maßstab. 2004 wurde er Leiter der „Vitra Home Collection“ und arbeitet seitdem in erster Linie mit Möbeln in Originalgröße. Seit diesem Sommer ist Maise der Kopf des Designmanagements bei Vitra. Er betreut damit als Co-Autor die Vitra-Produktionen und beeinflusst diese maßgeblich. Wir haben mit ihm über Vitras Designanspruch gesprochen – und dabei einen intimen Einblick in die Zusammenarbeit zwischen Designern und Entwicklern bei Vitra bekommen.


Sie sind schon lange bei Vitra und haben die Entwicklungen des Unternehmens mitbekommen. Was hat sich im Laufe der Zeit in Bezug auf Nachhaltigkeit verändert?

Für Vitra war ein schonender Umgang mit Ressourcen schon immer ein Thema. Seit Mitte der 90er Jahre haben wir die Anstrengungen in diesem Bereich aber verstärkt und auch transparenter gemacht. So haben wir seit 1997 ein zertifiziertes Qualitäts- und Umweltmanagementsystem, betreut durch unser „Ökoteam“ in der Produktion. Es gibt Ökobilanzen für die Produkte, es geht jedoch auch um Transport oder Gebäude. So haben wir letztes Jahr ein neues Produktionsgebäude in Betrieb genommen, das Antonio Citterio für uns gebaut hat. Der gesamte Komplex in Neuenburg ist ganz und gar energieautonom. Er hat Solarzellen auf dem Dach, und wir heizen mit Wärme aus dem Erdreich – er ist auf dem neuesten Stand in Bezug auf ökologisches industrielles Bauen.

Woran denken Sie beim Thema Nachhaltigkeit?

Nachhaltigkeit im weiteren Sinne ist Teil einer vernünftigen Industriekultur. Dieser Ansatz ist übrigens nicht neu, denn jedes Unternehmen versucht den Input – beispielsweise an Material – in der Produktion so gering wie möglich zu halten. Ohne dabei das Ziel aus den Augen zu verlieren, nämlich einen maximalen Output in Bezug auf Menge und Qualität zu generieren. Nachhaltigkeit ist damit schlichtweg Bestandteil des unternehmerischen Denkens und Handelns. Übrigens nicht nur für ein Unternehmen, es ist auch im Design ein wichtiges Kriterium. – ein Ansatz, der unserer modernen Designsprache sehr entgegen kommt.

Was meinen Sie mit „moderner Designsprache“?

Wenn man sich die Produkte, Möbel und Objekte seit der Moderne ansieht, dann geht es oft um einen möglichst ökonomischen Materialeinsatz, um Leichtigkeit und Transparenz. Das hat seinen Reiz, denn man muss die Eigenschaften des Materials genau kennen, um diese optimal (aus)zunutzen. Wie sehr kann ein Stuhl trotz filigraner Strukturen belastet werden? Wie erhalte ich eine reduzierte Form, ohne eine weitere Verstärkung einzubauen? All dies sind Fragen, die einen Designprozess begleiten und die immer auch das Thema Nachhaltigkeit berühren, ja integrieren.

Haben die Designer, mit denen Sie zusammen arbeiten, freie Materialwahl? Können sie jedes beliebige Material verwenden?

Nein, nicht jedes. Wir setzen auf qualitativ hochwertige und auch recycelbare Materialien. Darüber hinaus gibt es bei Vitra eine so genannte „schwarze Liste“, auf der Materialien stehen, die wir nicht mehr benutzen. Das sind die Einschränkungen, mit denen der Designer umgehen muss. Beispielsweise stehen bestimmte Kunststoffe und Schäume auf der Liste – und können damit beim Entwurf eines neuen Möbelstücks nicht verwendet werden. Das ist eine Herausforderung, auf die der Designer reagieren und im Prozess abwägen muss. Er muss sich entscheiden, inwieweit ein bestimmtes Material wirklich entwurfsbestimmend ist, oder ob er die gleiche Ästhetik und Funktion mit einem anderen Werkstoff herstellen kann.

Ein Beispiel bitte.

Spritzgussteile aus recyceltem Kunststoff: die Tatsache, dass sich aufgrund der Wiederverwertungsanteile die Eigenschaften des Materials ändern, und wir Bauteile im Querschnitt deutlich größer gestalten mussten, um die gleiche Belastbarkeit zu garantieren. Bauteile aus Recyclat werden voluminöser – und damit in den Augen der Designer plumper und weniger elegant. Das sind Punkte, die wir während eines Entwicklungsprozesses besprechen und durchaus kontrovers diskutieren.

Das hört nach viel Gesprächstoff an ...

Stimmt, gerade beim Designprozess gibt es immer wieder lange Diskussionen zwischen Ingenieuren und Designern. Sie begleiten jeden Entwurfsprozess im positiven Sinne. Man könnte sagen, Design hat eine „Mutter“ und einen „Vater“, also zwei gegensätzliche Personen, die Dinge hinterfragen. Ausführliche Diskussionen und das intensive Abwägen von Alternativen sind oft aber gerade die Voraussetzung für ein gutes Ergebnis und damit die potentielle Langlebigkeit eines Produkts.

Sind diese Debatten ein Grund für lange Entwicklungen – wie beim Stuhl „Vegetal“, der ja über einen Zeitraum von vier Jahren entwickelt wurde?

Zum Teil schon. Intensive Konzeptdiskussionen können zu Beginn eines Entwicklungsprozesses ein paar Monate beanspruchen. Die meiste Zeit benötigen wir aber für die Prototypen- und Realisierungsphase. Aber auch dann stellen wir die Produkte noch auf den Prüfstand, und die Diskussion kann wieder aufkommen. Wir sind immer auf der Suche nach Verbesserungen und nach einer besonderen Ästhetik.

Zurück zum Thema Nachhaltigkeit: Wo beginnt der Recyclingprozess bei Vitra? Wo endet er?

Wir fragen uns schon in der Produktentwicklung: Wie reduzieren wir den Einsatz von Material? Können wir recycelte Materialien einsetzen? Und wie können wir später eine sortenreine Trennung ermöglichen?
Unsere Idealvorstellung ist, dass ein Produkt sehr lange benutzt und dann vielleicht sogar weitergegeben wird – dass es also gar nicht recycelt wird, wie bei den Klassikern. Wenn es aber früher oder später dann doch zum Recycling kommt, geschieht das nur zu sehr geringen Teilen innerhalb des Unternehmens – dafür wäre eine andere Unternehmensgröße erforderlich. Wir sind aber sicher, dass viele unserer Produkte – beispielsweise als Kunststoff- oder Aluminiumrecyclat – an anderer Stelle weiterleben. Ein Bürostuhl wie der AC4 kann dadurch zu 94 Prozent wieder recycelt werden. Selbst besteht er übrigens auch schon zu 51 Prozent aus Recyclaten.

Ist für Sie ein solches Szenario denkbar? Aus einem AC4 wird – dank Recycling von Materialien wie Polyamid – eine Parkbank? Und wie müsste diese Vitra-Parkbank aussehen?

Eine Vitra-Parkbank? Das wäre ein völlig neues Briefing. Und zwar im doppelten Sinne. Die Form wäre durch das Material bestimmt – und wäre das zentrale Gestaltungsmerkmal. Es wäre also eine Mono-Material-Parkbank durchgängig aus dem gleichen Kunststoff – und die Bank könnte wohl nur schwarz sein, die Farbe der Bürostühle.

Neben der Rückführung der Materialien ist ja auch die Herkunft wichtig – gerade bei Hölzern. Wissen Sie, woher das Holz stammt, das Sie einsetzen?

Unsere Regel ist, einheimische europäische Hölzer zu verwenden. Mit einer Ausnahme wird bei uns kein Tropenholz eingesetzt. Nur die Palisanderschale des Eames Lounge Chair ist aus Tropenholz, so wie Charles & Ray Eames das 1956 definiert hatten. Aber hier wissen wir genau, woher das Holz kommt, denn es ist zertifiziert vom FSC, also vom Forest Stewardship Council, und damit aus einer garantiert nachhaltigen Forstwirtschaft. Es gab auch Jahre, in denen solch zertifiziertes Holz nicht aus gesicherten Quellen erhältlich war und in denen wir die Palisanderschale dann auch nicht angeboten haben.

Vitra wirbt mit einer zeitlosen Ästhetik und dadurch mit der Langlebigkeit seiner Produkte. Woran erkennen Sie, ob ein neues Design ein Vitra-Klassiker wird?

Einen Klassiker kann man letztlich ebenso wenig planen wie einen Markterfolg. Durch einen langen und sorgfältigen Designprozess kann man dem Produkt aber doch Vieles mit auf den Weg geben. Daher gibt es bei Vitra interne Kriterien, die den Designprozess begleiten. Zu Beginn wollen wir wissen: Was hat sich an den Anforderungen der Nutzer geändert? Gibt es neue technische oder konzeptionelle Ansätze? Wo stehen wir mit unserer Produktpalette? Dann fragen wir uns weiter: Welchen Nutzen stiftet das neue Produkt? Funktionen wie Komfort, Stabilität, Wandelbarkeit und so weiter werden besprochen. Und dann geht es um den ökonomischen Wert: Was kostet es? Was ist der wahrgenommene Preis? Ist das Produkt zugänglich? Wie ist die Qualität? Wie ist die physische und ästhetische Dauerhaftigkeit? Und: Wie ist der Gesamteindruck? Was löst das Produkt an Emotionen aus? Das ist ein Teil der Leitlinien, also des Rahmens, in dem wir uns bewegen.

Sie haben einmal gesagt, Design braucht neben einer guten Verarbeitung auch eine gute Geschichte. Was zeichnet eine gute Geschichte aus?

Steht hinter dem Produkt ein Designer, der eine bestimmte Designhaltung vertritt? Hat das Produkt eine besondere Entstehungsgeschichte? Drückt es bestimmte Werte aus? Ist es charmant? Hat es Sexappeal?

Und welches hat diesen Sexappeal?

Der Panton Chair hat eine sehr sinnliche Aesthetik – er funktioniert wie eine Skulptur und als Stuhl, auch für Kinder. Übrigens ein Produkt, das sich seit seiner Einführung 1967 dem technischen Fortschritt angepasst hat – und heute aus durchgefärbtem Polypropylen besteht und damit voll recycelbar ist.

Und die Story?

Zum Panton Chair gibt es viele Stories. Oft sind es aber einfach nur Fotos, welche die Erinnerung prägen. In unserer Kaffeeküche hängt zum Beispiel ein berühmtes Cover der Vogue, auf dem sich Kate Moss irgendwann in den Neunzigern auf dem Panton Chair räkelt.

Sie sprachen gerade technische Entwicklungen und damit auch die Weiterentwicklung von Materialien an. Hat sich parallel auch der Anspruch an Design, insbesondere an nachhaltige Gestaltung, geändert?

Das Verhalten in Bezug auf die Funktion hat sich gegenüber früher nicht geändert. Man will zunächst einmal einen Stuhl mit hohem Sitzkomfort, einer ansprechenden Ästhetik und einem angemessenen Preis. Die Verbraucher sind aber auch anspruchsvoller geworden, sie wollen dass ein Produkt lange hält, in einem ethisch und ökologisch sauberen Prozess entsteht und auch wieder recycelt werden kann. Kompromisse in Bezug auf Komfort, Preis oder Funktion wollen die Verbraucher dabei aber nicht eingehen. Es zieht heute ja auch niemand mehr einen kratzigen Pullover an, nur weil er aus Öko-Wolle ist.

Wohl kaum. Zum Glück gibt es auch hier Veränderungen ...


Es ist spannend, was jetzt passiert: Schauen Sie doch in einen Bereich wie Solartechnik, Energietechnik in die USA und ins Silicon Valley. Erstaunlich, dass sich die einstige Zentrale der New Economy, also der Schaltstelle der Internettechnologien, jetzt zum Zentrum für erneuerbare Energien mausert. Nachhaltigkeit wird zu einem entscheidenden Thema, und es ist vieles in Bewegung gekommen. Vielleicht stehen wir am Anfang einer neuen Epoche, die auch im Design wieder einen Innovationsschub bringt. Darauf sind wir sehr gespannt, und wir werden das auch weiter aktiv mitgestalten.

Herr Maise, wir danken Ihnen für das Gespräch.
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