Eric Degenhardt

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Text: Norman Kietzmann, 30.06.2009


Eric Degenhardt hat ein Gespür für klare Formen. Geboren 1968 in Köln, studiert er an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) in Aachen Architektur. Anfangs noch verschiedenen architektonischen Projekten verpflichtet, konzentriert er sich nach einem Aufenthalt in London verstärkt auf das Design und gründet im Jahr 2000 sein eigenes Büro für Industriedesign in Köln. Seitdem entwickelt er für verschiedene internationale Kunden Möbel, Leuchten, Verpackungen, Schreibgeräte und Mikroarchitekturen, die durch ihre prägnate wie leichte Erscheinung in Erinnerung bleiben. Eric Degenhardt über Leichtigkeit im Raum, moderne Vorbilder und transportable Refugien.


Herr Degenhardt, mit Ihren Entwürfen für Hersteller wie Wilkhahn
oder Richard Lampert haben Sie sich international einen Namen gemacht. Wie gehen Sie an Ihre Projekte heran?

Ich bin Architekt und denke natürlich auch sehr räumlich. Ich überlege mir, was ich mit meinen Möbeln erreichen will, wenn sie in der Architektur stehen. Dabei sollen sie idealerweise möglichst zurückgenommen und nicht massiv sein. Vielleicht auf dieselbe Weise transparent und schwebend, wie ich mir auch Architektur vorstelle.

Ihr Lounge-Sessel „Velas" überrascht nicht nur mit einer leichten Erscheinung sondern ebenso mit einer ungewöhnlichen Oberfläche: Der Bezug wurde gestrickt!

Ich wollte, dass er auch haptisch anders wirkt und keine einfache Bespannung bekommt, wie man sie sonst sehr häufig bei Möbeln findet. Ich habe mich dann mit Materialien auseinander gesetzt und bin auf das Thema Stricken gekommen. Denn so konnte ich die Oberfläche strukturieren und nur eine minimale Polsterung verwenden. Ich finde das sehr wichtig bei einem Sessel, der ja ohnehin schon über ein großes Volumen verfügt. Die Aufgabenstellung für „Velas“ war zudem, einen Sessel zu entwerfen, der informelle Atmosphären fördert und auf den man sich locker setzen kann. Da hat das Stricken gut gepasst.

Wie sind Sie auf das Thema Stricken gekommen? Im Möbeldesign schließlich nach wie vor ein eher ungewöhnliches Verfahren.

Es war das erste Mal. Ich habe vorher noch nie gestrickt (lacht). Es war so, dass ich von der Technologie gehört habe. Die sogenannte Formstricktechnik bietet die Möglichkeit, in Gewebe unterschiedliche Elastizitäten einzuarbeiten. Dort, wo Abstützung gebraucht wird, kann der Bezug fester sein, wo mehr Elastizität gefordert ist entsprechend weicher. Dadurch kann man Komfort und Ergonomie direkt im Material berücksichtigen, ohne mit einer zusätzlichen Polsterung Kompromisse in der Linienführung zu machen. Ich traf mich dann mit einem Stricker, mit dem ich auch das spätere Projekt entwickelt habe. Er hat mich regelrecht in diesen Sog hineingezogen. Ich fand den Prozess sehr interessant, da ich auf diese Weise den Sessel sehr dünn machen konnte, ohne eine Holzschale verwenden zu müssen. Eine Holzschale ist zwar auch sehr dünn, aber dann wäre es ein Brett. Und um es bequem zu machen, müsste man so viel Schaum darauf geben, dass es nicht mehr dünn wäre. Die Idee mit dem Stricken war daher optimal, auch wenn sie zunächst ein wenig dem industriellen Fertigungsgedanken widersprach, der mir sehr wichtig ist bei meinen Entwürfen. Anstatt die Einzelteile per Hand zusammen zu nähen, und die Oberfläche mit Nähten und Absteppungen in ihrer Anmutung und Haptik zu strukturieren, haben wir nach vielen Versuchen eine Möglichkeit gefunden, wie der Bezug von der Strickmaschine in einem Stück gestrickt werden kann. Sie braucht nur einmal programmiert zu werden und dann kann die Maschine 24 Stunden am Tag rattern, ohne dass sich jemand darum kümmern muss. Die Bezüge fallen einfach am Ende heraus. Es muss dann nur noch der Reißverschluss angenäht werden, die Unterfütterung rein und fertig ist der Sessel.

Seine markante Silhouette erhält der Stuhl zudem duch sein filigranes Untergestell...

Ja, ich finde es wichtig, dass ein Stuhl von hinten mindestens genauso gut aussieht als von vorne. Dennoch gab es bei der Entwicklung zunächst auch viele skeptische Blicke. Viele in den Entwicklungsabteilungen glauben nicht, dass man auch dünne Profile machen kann und schmunzeln dann immer, wenn man mit so einem Vorschlag kommt. Aber damit kann ich mittlerweile auch ganz gut umgehen, dass einen am Anfang keiner ernst nimmt und alles in Frage gestellt wird. Aber ich habe durch mein Architekturstudium auch ein wenig Statik gelernt und mittlerweile ein ganz gutes Gefühl dafür entwickelt, was geht und was nicht. Es ist ein schönes Gefühl zu sehen, dass es dann am Ende funktioniert. Man muss daher immer den Mut haben, etwas Neues auszuprobieren. Und wenn man darauf beharrt, dann schafft man das auch. Man darf nur nicht zu schnell aufgeben.

Ursprünglich für den Besprechungs- und Loungebereich im Büro konzipiert, lässt sich „Velas“ durchaus auch im Wohnraum verwenden. War dieser universelle Ansatz geplant?


Ja, das war auch der Hintergedanke beim Entwurf. Es ist ja für mich auch das erste Möbel, das ich für einen Büromöbelhersteller entwickelt habe. Bei Wilkhahn waren sie auch sehr daran interessiert, sich in eine neue Richtung zu bewegen, die über den klassischen Bürobereich hinausgeht. Schließlich wollen immer weniger Leute, dass ihr Büro wie ein Büro aussieht. Das sehe ich auch bei mir selbst. Ich finde es daher wichtig bei einem Produkt, dass die Leute es benutzen können, wie sie es brauchen. Deswegen gibt es bei „Velas“ auch keine Armlehnen, damit man sich drehen kann und nicht in einer starren Position sitzen muss.

Entwickeln Sie Ihre Entwürfe unabhängig voneinander oder gibt es einen bewussten Transfer zwischen den einzelnen Projekten?


Ich denke vor allem in kompletten Interieurs, in ganzen Räumen. Zum Beispiel kann es schön sein, vielen offenen und transparenten Möbeln ab und an wiederum eine geschlossene Fläche gegenüberzustellen. Wenn ich allerdings die einzelnen Produkte entwerfe, plane ich sie unabhängig voneinander und nicht wie aus einem Guss, der dann über dem ganzen Raum liegt. Dennoch lassen sich die einzelnen Möbel untereinander problemlos kombinieren. Ich fühle mich zwar immer noch als Architekt, aber der Raum für mich nur eine Hülle. Mit den Möbeln fange ich schließlich an, ihm eine Funktion zu geben, sei es Wohnraum, Schlafraum oder Arbeitszimmer. Ich verwende dann die einzelnen Möbel, wie ich sie gerade brauche. Das ist mir sehr wichtig. Ich mag daher auch Bänke unglaublich gerne, weil sie so universell und auf vielfältige Weise nutzbar sind.

Würden Sie sagen, dass sich dieses Offene und Nicht-Programmierte durch alle Ihre Entwürfe zieht?

Ja, das passt auch zu mir (lacht). Ich finde es schön, wenn man seine Freiheiten behält. Ich möchte daher auch gar kein großes Büro haben, da ich dann irgendwann alle Aufträge annehmen müsste, die gerade kommen - allein um den Apparat zu finanzieren. Solange ich das nicht muss, fühle ich mich besser. Ich bin einer, der gerne unterschiedliche Sachen macht. Ich arbeite zum Beispiel gerade an einem Stift für Lamy. Auch wenn das allein schon von der Größe her etwas ganz anderes ist, als Möbel zu entwerfen, ist für mich die Herangehensweise ähnlich. Mit einem kleinen Team – im Moment sind wir drei Leute – kann ich viel flexibler sein und mich auf solche Projekte konzentrieren. Andere können das vielleicht auch mit einem großen Apparat. Aber für mich ist es so der richtigere Weg. Ich möchte mich frei fühlen.

Wohnen Sie eigentlich auch mit Ihren Möbeln bei sich zuhause?

Nein, bis auf einen kleinen Beistelltisch habe ich von mir nichts zuhause. Ich habe meine Möbel aber im Büro und dort werden sie auch ständig getestet. Aber für Zuhause sammle ich ganz gerne Möbel von anderen: ein Bellini-Sofa aus den Sechzigern, den „Womb-Chair“ von Eero Saarinen, ein wenig Dieter Rams und Arne Jacobsen oder den Castiglioni-Hocker für Zanotta. Dinge, die mir auf meinem Weg begegnet sind und die mir bis heute gefallen.

Die Entwürfe, die Sie gerade nannten, sind alle der klassischen Moderne verpflichtet. Würden Sie hier auch eine Verbindung zu Ihren eigenen Entwürfen sehen?

Ich weiß nicht. In 20 Jahren wird man unsere Zeit sicher auch noch einmal anders benennen. Aber klar, die Moderne wird nicht nur auf dem Gebiet der Architektur, sondern auch bei vielen Dingen, die heute neu entstehen, als Referenz genommen Und wahrscheinlich ist das bei mir genauso. Allerdings mache ich das nicht bewusst. Aber ich finde schon, dass die Dinge möglichst klar sein sollten, auch wenn nicht alles eisern „Form follows function“ sein muss. Es kann auch gerne einen leichten Twist haben. Aber es stimmt, letztendlich gibt es einen Hang zur Moderne in meiner Arbeit.

Zu Ihren Ursprüngen als Architekt sind Sie auf der Kölner Möbelmesse 2009 zurückgegangen und haben den Prototypen für ein vorfabriziertes Haus präsentiert.

Ja, davon werde ich mich auch nie lösen. Es macht mir einfach wahnsinnig viel Spaß, zwischen den Maßstäben zu springen. Die Idee zu diesem Projekt entstand, als ich vor drei Jahren eine Gastprofessur in Bozen hatte und mich mit dem Thema „parasitäre Architektur“ beschäftigt habe. Ich denke, das ist auch ein Punkt, der sich durch meine gesamte Arbeit hindurch zieht. Denn dadurch, dass ich als Architekt Industriedesign mache, interessieren mich die Schnittstellen: kleine Räume, kompakte Einheiten und Produkte, die sich an der Grenze von Architektur und Industriedesign bewegen. Ein wichtiger Gedanke für mein Fertighaus war aber sicher auch meine eigene Situation und die meiner Freunde. Vielleicht mag es mit der Arbeitsbelastung zu tun haben oder weil wir alle Kinder haben. Auch wenn wir gerne in der Stadt sind, möchten wir uns ab und an auch mal mal ausklinken. Dafür ist diese kleine Architektureinheit gedacht. Ein Rückzugsort in der Natur. Die Kubatur ist dabei so berechnet, dass sie nach deutschem Baurecht frei in die Natur gestellt werden kann. Ein Bauantrag ist daher nicht notwendig.

Ist auch geplant, das Haus in Serie zu produzieren?

Eigentlich sogar schon recht bald im nächsten Jahr. Das Haus war wirklich nicht nur als Messeinstallation gedacht, auch wenn wir dort natürlich nur einen Prototyp gezeigt haben. Fast jeder Zweite hat uns damals gesagt: „Darüber denke ich schon lange nach!“ Das war sehr motivierend. Ich denke, es ist ein Thema, das zurzeit in der Luft liegt und mit dem sich viele beschäftigen. Die Frage der Produktion und der Logistik sind nun die größte Herausforderung, die wir zu meistern haben. Denn auch wenn man das Haus als „Flat Pack“ in Einzelteilen liefert, ist es dennoch ein enormes Volumen, das bewegt werden muss.

Haben Sie auch darüber nachgedacht, einmal wieder in die Architektur zurückzukehren?


Auf jeden Fall würde ich auch gerne ein Gebäude entwerfen und wieder in die Architektur einsteigen. Das ist etwas, das immer präsent bei mir ist. Ich wusste auch schon als Kind mit 12 Jahren, dass ich Architekt werden wollte. Da war es eher unklar, dass ich etwas anderes machen werde. Architektur hat mich immer schon interessiert und das ist auch heute noch so. Allerdings würde ich nicht mehr ausschließlich ein Architekturbüro betreiben wollen. Denn die Abwicklung von einem Bauvorhaben dauert schließlich noch länger als die Zeit, die die Entwicklung von einem Stuhl in Anspruch nimmt. Ich glaube, dafür bin ich einfach zu unruhig.

Vielen Dank für das Gespräch.




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