Fernando & Humberto Campana

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Text: Norman Kietzmann, 19.12.2007


Fernando und Humberto Campana sind Exoten im Design der Gegenwart. Angesiedelt zwischen kindlichen Motiven und Referenzen an ihre brasilianische Heimat, entwickeln ihre Produkte einen phantasievollen und stets unverkennbaren Stil. Dabei bedienen sich die beiden Brüder häufig billiger Materialien wie Seile, Drähte oder kleine Holzstücke und verbinden sie zu seltsamen humorvollen Wesen, die hart an der Grenze zum Kitsch doch stets die Kurve kriegen. An anderer Stelle greifen sie gleich auf Ready-Mades zurück und lassen Stühle aus hunderten von Plüschkrokodilen oder kleinen Pandabären entstehen, während andere Sofas wie Gruppen von Alligatoren oder Schlangen wirken, in welchen man bequem versinken kann. „Brauchen wir so etwas?“ fragt sich hierbei sicher der strenge deutsche Designasket und schüttelt schon andächtig den Kopf. Ja, muss die Antwort lauten, denn den Campana Brüdern ist es gelungen, Design über den Tellerrand hinaus zu denken und neue Materialien, Formen, Farben und vor allem Stimmungen zuzulassen. Als Mischwesen unterschiedlicher sozialer und kultureller Kodierungen sind ihre Entwürfe komplex und kinderleicht zugleich. Diese Gradwanderung zu meistern ist bis heute nur sehr wenigen Gestaltern gelungen, was schließlich auch Altmeister Ettore Sottsass dazu bewog, den beiden Brüdern bei ihrer letzten Ausstellung persönlich einen Besuch abzustatten. Wir trafen Fernando (Jahrgang 1961) und Humberto (Jahrgang 1953) Campana in Mailand und sprachen mit ihnen über ihr Leben in der Megacity Sao Paulo, die Zusammenarbeit unter Brüdern und wie es ihnen gelungen ist, einer deutschen Siedlung in den Bergen Brasiliens das Chaos beizubringen.

Fernando und Humberto Campana, erzählen Sie uns von Sao Paulo, wo Sie wohnen und auch Ihr Studio haben. Wie lebt es sich in einer der am schnellsten wachsenden Megastädte Südamerikas?

FC: Sao Paulo ist eine Metropolis, die einen absolut nicht wie einen Menschen behandelt. Eher wie ein Tier, so wie in New York oder Mexico City. Es gibt eine Menge Umweltverschmutzung, aber gleichzeitig ist sie auch eine faszinierende und stimulierende Stadt. Man muss die Schönheit dort entdecken, wo sie nicht existiert. Ich denke, darin liegt auch die Grundlage unserer Arbeit. Ich lebe in Sao Paulo seit 25 Jahren, mein Bruder seit 30 Jahren. Wir sind auf dem Land geboren inmitten von Natur, Wasserfällen... eben an einem sehr idyllischen Ort. Sao Paulo verhält sich dazu wie das genaue Gegenteil.

Warum sind Sie dennoch in die Stadt gezogen?

FC: Ich glaube, wir mussten diesen Schnitt machen und das Land verlassen, um auch unsere Jugend hinter uns zu lassen. Da es in Sao Paulo keine Natur gibt, müssen wir die Schönheit in versteckten Ecken der Stadt finden. Wer diese Fähigkeit für sich entdeckt, wird meist ein Künstler, ein Poet, ein Schauspieler oder ein Designer. Es geht darum, ein Maximum aus dem Minimum herauszuziehen, in winzigkleinen Details an versteckten Orten Schönheit zu entdecken. Und dann schreibt man in Gedanken ein Gedicht und macht etwas, das das Leben bereichert. Das ist das Geheimnis, in Sao Paulo zu leben und die Stadt zu lieben. Die Stadt ist sehr multikulturell wie Brasilien auch, ein Schmelztiegel unterschiedlicher Rassen und Kulturen. Sao Paulo vereint alles aus Brasilien in nur einer Stadt.

HC: Wir haben das Landleben aber eigentlich niemals hinter uns gelassen und fahren fast jedes Wochenende dorthin, wo unsere Mutter wohnt. Wir haben also immer noch den Kontakt zur Natur. Und das ist etwas sehr Wertvolles in Brasilien. Einfach zweihundert Kilometer aus der Stadt hinaus zu fahren und an einem Ort zu landen, an dem man keine Werbung mehr sieht. Und während der Nacht gibt es keinerlei Beleuchtung dort.

Wenn man als Europäer an Brasilien denkt, fallen einem lauter braun gebrannte Menschen ein, die am Strand Volleyball spielen und Samba tanzen. Alles nur Klischee oder doch ein Stück Wahrheit?

FC: Für Rio trifft das sicher manchmal zu. Wenn Sie aber in das Land hineinfahren, entdecken Sie ein ganz anderes Leben. Städte wie Belo Horizonte oder Sao Paulo sind viel stärker an Arbeit oder Kunst orientiert. Natürlich gibt es das auch am Amazonas oder in Rio Kreative, doch die Menschen sind häufig zu abgelenkt von der Schönheit der Strände, der Berge, der Körper. Wir sehen dort sehr wenige, die kreativ tätig sind. In Brasilien kommen die Künstler daher oft aus Orten, die nicht gerade schön sind. Dort ist man gezwungen, sich etwas auszudenken. Sao Paulo ist deswegen neben seiner Industrie auch auf Kunst und vor allem das Essen spezialisiert. Die Menschen in Rio sagen immer, die Strände von Sao Paulo sind die Restaurants! (lacht)

Ziehen Sie auch gestalterisch Einflüsse aus ihrem Leben in Sao Paulo?

HC: Ja, ich glaube, dass uns vor allem jene Situationen beeinflussen, die nicht unbedingt unter Kontrolle sind. Die ganze Stadt ist ziemlich außer Kontrolle, häufig auch auf trauriger Weise. Man sieht viele Menschen, die auf der Strasse wohnen, was sehr bedauerlich ist. Gleichzeitig sind diese Menschen sehr modisch und kreieren aus Plastik, Leder und vielen anderen Dingen, die sie finden, mitunter phantasievolle Looks. In diesen unkontrollierten Dingen liegt eine Menge Inspiration für uns, ansonsten würden wir wahrscheinlich depressiv werden. Wir verstecken nicht die Realität, in der wir leben, oder fühlen Scham für unsere Nationalität und die Lage von Brasilien. Wir möchten diese Aspekte unserer Gesellschaft, unseres Landes und des menschliches Chaos potenzieren.

Sind Ihre Entwürfe deswegen so überraschend, weil sie einfache Materialien in etwas Besonderes verwandeln oder wie bei dem Alligatorensofa ein Stück wilde Natur in die heimischen vier Wände holen?

FC: Wir versuchen eigentlich, in solch hybriden Wesen wie dem Alligatorensofa keine wörtliche Form eines Alligators zu sehen. Diese Tiere sind vollkommen seltsam. Der Kontakt mit der Natur ist ein Teil unserer Arbeit und dient der Inspiration von Formen, die nicht vorherprogrammierbar sind. Vieles, was auf den ersten Blick total unorganisiert erscheint, ist in Wirklichkeit sogar total organisiert. Das gilt auch für unsere Entwürfe. Meistens scheinen sie durch Zufall entstanden zu sein, auch wenn die Arbeit eines Ingenieurs dahinter stand. Ich denke, Humberto und ich entwickeln industrielle Produkte durch Zufall. Das braucht einen langen Gedankenprozess schließlich müssen wir die Leute glauben lassen, alles wäre ganz einfach und zufällig, obwohl natürlich dennoch ein langer Weg dahinter steckt.

Wie gehen Sie an neue Projekte heran?

FC: Wir fangen immer zuerst mit den Materialien an. Wir suchen den ersten Kontakt, in dem wir Materialproben zerschneiden, bemalen und schließlich reorganisieren. Dasselbe haben wir mit den Lederstücken für unser Sesselprogramm „Leatherwork“ gemacht, das wir 2007 für Edra entwarfen. Dabei haben wir viele Stücke aus Leder immer und immer wieder aneinandergefügt, sie vernäht und schließlich weitere Stücke hinzugefügt. Irgendwann sieht man in dem Material gar kein Leder mehr und erkennt in dem Objekt ein lebendes Tier, eine Pflanze oder eine andere Struktur, die nicht mehr unter unserer Kontrolle ist. Wir mögen es ein Tier zu schaffen, das man bei sich zuhause halten kann und das dennoch stets ein wildes Tier bleibt. (lacht)

Wie werden die Dinge gemacht, die zunächst eher zufällig erscheinen? Gibt es einen exakt festgelegten Aufbau oder sind Variationen möglich?

FC: Es gibt ein rationelles Prinzip dahinter, einen Kausalzusammenhang. Zum Beispiel bei dem Seil-Stuhl ist eine spezielle Bewegung vorgegeben, in der die Arbeiter weben müssen. Gleichzeitig dabei vieles variiert werden. Wir mögen es, den Arbeitern, die die Möbel herstellen, ein Stück Kreativität zu erlauben. Es gibt bei unserem Ledersofa kein rationelles Prinzip, wie die einzelnen Stücke aneinander gefügt werden. Wir haben das erste Exemplar gemacht, doch dann können die Arbeiter dem folgen, was sie vor sich haben. Natürlich müssen sie gewisse Regeln befolgen, doch sie haben gleichzeitig die Freiheit, selbst kreativ zu werden. Das ist auch für Edra sehr schön, da die Firma klein ist. Sie produzieren ja auch Entwürfe anderer Designer. Für die Arbeiter ist es eine willkommen Abwechslung, wenn sie unsere Sachen produzieren, da wir ihnen Freiheiten geben, die sie bei anderen Produkten nicht haben. Es ist wie bei diesen Bildern zum Ausmalen: Das Motiv steht fest, doch wie es herauskommt, entscheidet der, der es ausmalt.

Wie verhält es sich mit dem „Favela“ Holzstuhl? Auch er scheint sehr zufällig zusammengewürfelt zu sein…

FC: Zu dem Holzstuhl gibt es eine ganz lustige Geschichte. Es ist das einzige Möbelstück, das Edra in Brasilien produzieren lässt. Wir haben im Süden des Landes an der Grenze zu Argentinien eine deutsche Gemeinde gefunden. Dort wird der „Favela Chair“ für den europäischen Markt produziert.

HC: Es war sehr schwierig, den Arbeitern einen irrationalen Sinn beizubringen, ihren Ordnungssinn zu unterbinden. Diese Deutschen waren zu Beginn des letzten Jahrhunderts nach Brasilien gekommen. Einige von ihnen sprechen noch immer kein Portugiesisch, dafür aber ein sehr altes Deutsch. Wenn Sie dort hingehen, würden Sie wahrscheinlich kein Wort verstehen von dem, was sie sagen.

FC: Es ist verrückt. Es ist eine ganze Stadt voller Deutscher, die kein Portugiesisch sprechen. Sie müssen ihr Altdeutsch sprechen, um dort einen Job zu bekommen oder sich überhaupt verständlich zu machen. Hinzu kommt, dass sie es gewohnt waren, sehr rationelle Möbel herzustellen. Und dann kamen wir mit unserem Projekt. Wir haben mit ihnen einen Workshop gemacht, um ihnen beizubringen, wie man desorientierter sein kann, mehr Favela. Die ersten einhundert Stühle haben sie dann auch gemacht, wie wir uns das vorgestellt hatten. Einige Zeit später haben wir dann eine zweite Order gegeben für zwanzig weitere Exemplare. Diese kamen komplett rechtwinklig und geordnet an. Sehr präzise und gut verarbeitet, aber eben nicht so wie wir es uns vorgestellt hatten. Wir haben sie dann angerufen und gefragt: „Was um alle Welt habt Ihr Euch gedacht. Wir wollten etwas Schönes, etwas Chaotisches!“ Wir mussten also ein zweites Mal dort hin fahren.

Wie haben die Deutschen darauf reagiert?

FC: Sie waren so traurig, als wir ihnen sagten, dass die Stühle hässlich wären. Sie meinten: „Wir haben unser Bestes versucht!“ und wir antworteten: „Macht Euer Schlechtestes. Seid irrational!“ Wir haben versucht, ihnen die Ordnung auszutreiben. Das war schon sehr lustig. Wir kamen uns schon vor wie die Anwälte des Teufels: Edra auf der einen Seite, die deutsche Gemeinde auf der anderen Seite, Humberto und ich in der Mitte. Und wir mussten es allen erklären. Aber nun machen sie es ganz wunderbar. (lacht)

Das Verschmelzen von unterschiedlichen Eigenschaften, das viele Ihrer Entwürfe ausmacht, ist auch ein typisches Merkmal des computergenerierten hybriden Designs. Aber ihre Entwürfe scheinen überhaupt nicht mit dem Computer gemacht zu sein. Stimmt das?

FC: Absolut, wir benutzen eigentlich gar keine Computer.

HC: Ich glaube, dass der Hang zum Verschmelzen viel mit unserer eigenen Kultur zu tun hat und damit ein Teil unserer Seele ist. Brasilien ist ein sehr junges Land. Von Anfang an gab es eine Mischung unterschiedlicher Rassen und Kulturen. Ich denke, darin liegt die Modernität Brasiliens. Die Globalisierung fing bei uns schon sehr früh, vor etwa 500 Jahren an, als die Portugiesen auf die Indianer trafen und dann weitere Kulturen aus Afrika und Europa hinzukamen. Wir können die Kultur eines Anderen daher sehr viel leichter verstehen. Wir sind von allem etwas.

Ist es einfacher oder schwieriger, als Brüder zusammenzuarbeiten?

FC: Ich denke es ist gut, da man zum selben Blut gehört. Man kann nicht einfach sagen: „Ich will Dich nicht mehr sehen!“ Zu einem normalen Partner kann man das und es auch so meinen. Zu Humberto kann ich es vielleicht manchmal sagen, aber nie meinen. Denn wir sind Brüder. Ich kann mir nicht vorstellen, meinen Bruder nicht wiederzusehen. Wir sind nur drei Brüder in einer sehr großen Familie. Wir müssen zusammenhalten.

HC: Wissen Sie, es ist bei uns ein wenig wie in einer großen italienischen Familie. Unsere Mutter würde niemals zulassen, dass wir uns hassen. Sie würde ein Drama machen und behaupten, sie beginge nun Selbstmord oder würde morgen sterben. So etwas ähnliches passierte, als wir sie vor zwei Wochen besuchten. Sie hatte uns drei vorab angerufen und gesagt, dass ihr im Traum unser verstorbener Vater erschienen sei und sie bat, mit ihm zu gehen. Mein Gott. Das war eine gewaltige Machtprüfung für unseren älteren Bruder, der im Norden wohnt, damit er auch kommt. Er war total verängstigt, dass sie sterben würde. Aber sie ist immer noch da. Sie spielt mit diesen katholischen Dingen (versucht die Stimmer seiner Mutter zu imitieren: „ich hatte einen Traum, dass Euer Vater zu mir sprach…“). Uns Brüder hat es auf jeden Fall wieder ein Stück mehr zusammengeschweißt.

Was bedeutet die Verwandtschaft für Ihre Arbeit als Designer?

HC: Dass wir alles zueinander sagen können. Natürlich endet das von Zeit zu Zeit in einem großen Kampf. Aber es ist gut für die Arbeit, da wir untereinander sehr kritisch sind mit den Ideen, die jeder hat. Wir brauchen einander nicht zu schmeicheln oder ein Blatt vor den Mund nehmen, nur weil er ein Geschäftspartner ist. Wir kommen sehr schnell auf den Punkt.

FC: Wenn ich oder Humberto eine Idee haben oder einem von uns eine Referenz einfällt, sagt es jeder sofort. Man muss aber so manche gute Idee sofort aufgeben, damit es keine Kopie wird. Manchmal denkt man, man hat etwas Neues gemacht und weiß nicht, dass es vielleicht schon in irgendeiner Zeitung war. Das ist auch ein guter Schutzmechanismus.

HC: Als wir zu Beginn der Neunziger Jahre mit dem Design anfingen, war gerade der Minimalismus der Trend der Stunde. Unsere Arbeit dagegen war voll von Texturen, barocken oder sinnlichen Elementen. Doch wir haben damals nicht aufgegeben, sind immer auf demselben Weg geblieben. Wir haben mit Materialien gearbeitet, die normalerweise weggeschmissen werden und gaben ihnen eine neue Wertigkeit und Eleganz. Ich glaube, Brüder zu sein hat uns sicher sehr geholfen, unseren eigenen Weg zu finden.

Vielen Dank für das Gespräch.
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