Herr Sapper, haben Sie die Welt verbessert?

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Text: Franziska Horn, 29.05.2007

Richard Sapper zählt zu den international wichtigsten Produktgestaltern und ist bekannt für HighEnd-Design mit Universalanspruch. Geboren am 30. Mai 1932 in München, studierte er Betriebswirtschaft, Maschinenbau, Typographie und Philosophie. Er arbeitete für IBM, Daimler-Benz, Knoll, Fiat, Brionvega, Siemens und viele andere. Zu seinen bekanntesten Designs zählen die Halogen-Leuchte „Tizio“ für Artemide, der musikalische Wasserkessel „Project 90901“ für Alessi und die „Think Pad“-Laptops für IBM. Als Hochschullehrer plädierte er für die Verantwortung des Designers gegenüber seiner Umwelt und lässt lieber die Qualität seiner Arbeit für sich sprechen, als auf der Klaviatur der Selbstdarstellung zu spielen. Darum halten ihn sogar Brancheninsider beständig für einen Amerikaner – trotz seiner weltweiten Erfolge und Preise; zahlreiche Objekte befinden sich in der ständigen Ausstellung des New Yorker Museum of Modern Art, auch den renommierten italienischen Designpreis Compasso d’oro hat er zehn Mal gewonnen. Anlässlich seines 75. Geburtstags trafen wir Richard Sapper in seinem Studio in der Mailänder Innenstadt, wo er seit 50 Jahren lebt.


Ein Credo von Ihnen lautet: „Wir als Designer sehen es als unsere Verantwortung, Dinge zu schaffen, die das Leben und die Zukunft aller verbessern“. Herr Sapper, haben Sie die Welt verbessert?

Auf ganz minimale Weise vielleicht. Wenn Sie persönlich Spaß haben an etwas, das ich gemacht habe, dann habe ich ein Stück weit die Welt verbessert – jedenfalls, was Sie anbetrifft.

Sie feiern am 30. Mai Ihren 75. Geburtstag. Anlass genug, um zurückzuschauen auf eine Designerlaufbahn voller Höhepunkte. Wie geht es Ihnen dabei?

Dazu muss ich sagen, dass ein Designer überhaupt nicht zurückschaut, er schaut voraus. Meine ganze Arbeit hat sich ja immer um die Zukunft gedreht, um Dinge, die es noch nicht gibt und die erst in ein, zwei Jahren oder später in Erscheinung treten. In dem Moment, in dem wir „design freeze“ haben, man an einem Entwurf also nichts mehr ändern kann, verliere ich das Interesse daran und schaue auf den nächsten, der da kommt. Und in diesem Sinne blicke ich eigentlich nicht zurück auf meine Laufbahn – ich schaue natürlich auf mein Leben zurück, aber das hat dann eher mit familiären Dingen zu tun.

Welches sind demnach Ihre nächsten Projekte, an welchen Entwürfen arbeiten Sie aktuell?

Auf einem sitzen Sie gerade. Diesen Armlehnstuhl – das Modell heißt „Tosca“ – habe ich für das italienische Label Magis entworfen, es wurde dieses Jahr auf der IMM in Köln und beim „Salone del Mobile“ in Mailand vorgestellt. Und nach wie vor bin ich als Designberater für IBM tätig und seit neuestem auch für Lenovo, den größten Computerhersteller Chinas. Daneben arbeite ich für eine ganze Reihe weiterer Firmen wie Knoll oder Alessi, für die ich eine neue Kochtopfserie und eine Kollektion Küchenmesser entwerfe. Und hier auf dem Tisch sehen Sie die LED-Leuchte „Halley“ für Lucesco, an der ich aktuell feile.
Was kann „Halley“ besser als „Tizio“ von 1972, die als Meisterstück gilt und zugleich Ihre bekannteste Leuchte ist?
Die „Halley“ ist eine Verbesserung, ein Enkelkind der „Tizio“ – mit ihr verwandt, aber dann auch wieder nicht. Sie gibt ungefähr das gleiche Licht, braucht aber nur ein Fünftel des Stroms. Und der Leuchtkörper der Lampe besitzt, ähnlich wie ein Komet, einen Schweif und eine Erde, um die er kreist. Das ist jedoch nicht Dekoration, sondern hat seinen Sinn und Zweck, denn die ganze Lampe ist asymmetrisch angelegt und perfekt ausbalanciert. Ein Gegengewicht gleicht das Gewicht der versetzten Arme aus. In Amerika ist „Halley“ bereits auf dem Markt, die europäische Version aber noch in Arbeit.

Wann ist ein Produkt für Sie endgültig fertig?

Wenn ich es nicht mehr verbessern kann. Ich bin Perfektionist. Wobei man unterscheiden muss: Wenn man heute einen Holzstuhl im Sinne des Wortes fertigt, dann gilt das für 20 oder vielleicht 100 Jahre. Wenn man eine Lampe entwirft, dann ist diese technisch nach sechs Monaten überholt, weil der Fortschritt so irrsinnig schnell ist. Und eine solche Entwicklung zieht immer auch formelle Konsequenzen nach sich.

Gibt es denn – so gesehen – wirkliche Neuerungen im Design? Oder gleichen diese Entwicklungen vielmehr Variationen zum immer selben Thema?

Reine Variationen sind das nicht, im Gegenteil. Wir leben in einer unglaublich aufregenden Zeit, in der sich die Dinge wahrscheinlich in den nächsten zehn Jahren mindestens so schnell ändern wie in den letzten 20 Jahren. Denken Sie 20 Jahre zurück, da gab es noch nicht mal Laptops. Vor 25 Jahren gab es kein Fax. Als ich 1980 bei IBM anfing, fragte man mich: „Besitzen Sie ein Fax?“. Ich antwortete: „Was ist denn das?“ Ich war dann kurz darauf der Erste weit und breit, der eines hatte. Zu dieser Zeit ging man noch mit dem Brief zur Post.

Was bedeutet das für unser Leben in den nächsten Jahrzehnten? Gestaltet die Beschleunigung des technischen Fortschritts unseren Alltag eher noch hektischer oder können wir, nicht zuletzt durch Qualitäts-Design, Alltag und Arbeitsleben optimieren?

Ich glaube, dass jede Medaille eine Kehrseite hat. Wir können das, wenn wir zurückschauen, ganz genau verfolgen. Es gibt jetzt viele technische Möglichkeiten. Schauen Sie sich das Fernsehen an, früher gab es einen Kanal in Schwarzweiß, dann gab es drei davon, farbig, und jetzt gibt es 300 Kanäle. Wenn Sie schauen, was aber heute im TV geboten wird, haben sich die Kanäle ständig verschlechtert. Ich sehe heute auf 300 Kanälen minderwertigeres Fernsehen als vor 25 Jahren auf drei. Damals gab es noch keine Reklame im Fernsehen, muss man dazu sagen.

Designer gestalten das Ambiente und haben daher eine hohe Verantwortung gegenüber der Gesellschaft. Haben Sie aber überhaupt noch die Entscheidungen in der Hand?

Wir haben immer die Entscheidungen in der Hand, das hat sich ja nicht geändert. Wir müssen wissen, was wir wollen. Und wenn wir das nicht wissen, sondern uns vom Leben treiben lassen, dann nützen wir die Möglichkeit nicht, Entscheidungen zu treffen. Der Beruf des Designers ist sehr komplex. Es geht ja nicht vorrangig darum, nette Entwürfe an den Mann zu bringen. Ich hielt vor ein paar Jahren in Berlin eine Vorlesung vor Designstudenten an der Hochschule der Künste, da ging es genau um diese Frage. Ich sagte: „Ihr müsst wissen, was Ihr vom Leben wollt, was Ihr erreichen wollt, was Ihr euch wünscht. Und wenn Ihr das wisst, dann müsst Ihr dafür kämpfen“. Und dann habe ich ein Mädchen in der dritten Reihe gefragt: „Was wollen Sie zum Beispiel vom Leben haben?“. Sie fiel fast vom Stuhl. Ihre Antwort: „Ich will ein bequemes Leben haben“. Und ich darauf: „Dann haben Sie Ihren Beruf verfehlt“.
Sie haben an internationalen Design- und Kunsthochschulen unterrichtet und sind bekannt für Ihre Lehrtätigkeit. Wie bringt man Studenten bei, gute Ideen zu haben?

Dazu ein Beispiel: Mein Vater war Maler. Ich fragte ihn eines Tages, was man denn auf der Kunstakademie lernen könne. Und er sagte: „Pinsel waschen und Bleistift spitzen“(lacht). Das ist ein Zitat, das ich nie vergessen habe. Ein Student sollte Zeichnen können und damit sein Handwerkszeug beherrschen, wenn er sein Studium beginnt. Wie will er sich sonst ausdrücken? Dieses Handwerkszeug kann ich im Studium verfeinern, was nicht zu unterschätzen ist. Das gilt für Kunst ebenso wie für Design. Die Ideen muss er selber haben. Und wie kriegt man eine Idee? Dazu braucht man den Kuss der Muse. Also muss man sich mit der Muse gut stellen. Ich hab meinen Studenten nie gesagt, was sie machen sollen. Ich hab sie gefragt, warum sie das jetzt so machen und nicht anders. Ich habe sie hinterfragt und etwas provoziert.


Hat das deutsche Design vor der Konkurrenz und Effizienz anderer Länder wie beispielsweise China etwas zu befürchten?

Das kommt auf den Standpunkt an. Ich betrachte jeden Designer als Bundesgenossen und habe keine Angst vor Konkurrenz. Wer tüchtig ist, muss das nicht. Aber: Deutschland verblasst zur Bedeutungslosigkeit, wenn es sich nicht anstrengt. Genehmigungen und Bürokratie bremsen zu sehr aus. Das Sicherheitsbedürfnis hier bei uns steigert dies ins Bodenlose und verzögert alles. Die Angst vor dem Risiko ist groß. Ich halte es da eher mit einem Ausspruch von Vincent van Gogh: „What would life be if we had no courage to attempt anything?“

Welche Nation tut sich aktuell am meisten hervor mit neuen Tendenzen?

Skandinavien! Nach wie vor. Dort gibt es die besten Designschulen. Was Länder angeht, beobachte ich große Unterschiede in der Kreativität. Skandinavische Länder sind nicht nur in der Kreativität voraus, sondern bieten ein völlig anderes Umfeld. Für jemanden, der eine ästhetische Sensibilität hat, ist die ganze Umgebung sehr bereichernd. Das gilt für Reklame, Architektur, die Kleidung der Leute, die Farben. Man kann sich nur freuen, wenn man in den Norden kommt. Dort findet man eine Atmosphäre, die auch der Muse gefällt.

Skandinavien als internationaler Trendsetter – gilt das auch für Ikea?

Natürlich.

Zurück zu Ihnen. Was verbindet Ihre Entwürfe?

Was sie verbindet? Dass sie von mir sind (lacht).

Und wie würden Sie Ihren eigenen Stil beschreiben?

Ich weiß, viele Designer sind einem bestimmten Stil verfallen, aber das interessiert mich nicht. Das können Sie mit Ihrem Metier vergleichen: Spielt die Typographie, in der ein Text gedruckt ist, eine Rolle? Sie können ein ganzes Buch in verschiedenen Schriftarten drucken, aber die Geschichte bleibt doch immer gleich. Und ich finde bei Design, überhaupt bei Kunst ist das genauso. Da spielt es keine Rolle, was für ein Stil dabei gewählt wird, die Aussage bleibt gleich...
Sie haben von der Zahnbürste bis zum Dampfer alles entworfen. Gibt es eine Herausforderung, ein Objekt, das Sie gerne machen würden?
Eine landwirtschaftliche Maschine hat noch keiner von mir haben wollen, eine Mähmaschine zum Beispiel. Da könnte man eine tolle Form draus machen. So ein Riesenungetüm, das staubt, spuckt und übers Feld marschiert!

Herr Sapper, vielen Dank für das Gespräch.
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