Ingo Maurer

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Text: Franziska Horn, Foto: Tom Vack, 12.09.2007


Bei Ingo Maurer wird Licht zu einem Medium, das überrascht, illustriert, dramatisiert oder fabuliert. Vor allem erfindet es sich immer wieder neu. Maurers Arbeiten erzählen Geschichten, reißen Alltagsdinge aus ihrem gewohnten Kontext, mutieren Büroräume zu Lichtinseln oder befördern triste U-Bahnhöfe zum Stadt-Highlight. Vom 14. September 2007 bis zum 27. Januar 2008 zeigt das Cooper-Hewitt National Design Museum in New York die Ausstellung „Provoking Magic: Lighting of Ingo Maurer“, ein Überblick von 120 Leuchten und Lichtsystemen aus 40 Jahren Arbeit, darunter seltene Prototypen und Einzelanfertigungen, die Maurer selbst mit ausgesucht hat. Fotos und Filme ergänzen das Werk des 1932 geborenen Autodidakten.


Ihre Ausstellung heißt „Provoking Magic: Lighting of Ingo Maurer” – lässt sich Magie kreieren?


Licht ist immateriell, man kann es – mit oder ohne Magie – nicht „machen“, das geht nicht, man kann es höchstens töten. Der Name der Ausstellung stammt vom Museum, ist also nicht meine Erfindung. Viele Menschen empfinden aber meine Arbeit – das stammt nun ebenfalls nicht von mir – als außergewöhnlich und denken, dass sie über die Jahre starken Einfluss genommen hat. Es war ein langer Weg! Aber er hat viele Leute inspiriert – ich denke, ich bin ein starker „Inspirator“. Wenn einem etwas Interessantes begegnet, kann das einen positiven Kick bewirken.

Warum findet Ihre Ausstellung ausgerechnet in New York statt, nicht in München, wo Sie seit 1963 leben? Hat man im Big Apple mehr Sinn für Leuchten, die „eine Geschichte erzählen“?


Ich finde im Ausland mehr Verständnis als in Deutschland, wo ich mich als Outsider und als Insider gleichzeitig sehe. Nach einer Werkschau im Museum of Modern Art ist dies meine zweite Ausstellung in New York, sie wird zudem von Bloomberg gesponsert. Ausstellungen wie diese kosten ja viel Zeit und Geld.

Welche Modelle haben Sie eigens für die New Yorker Retrospektive entworfen?


Da gibt es einmal eine Kleinserie aufeinander gestapelter Messing-Käfige, eines der Modelle heißt „Memories of Shanghai – or was it Cairo?“. In den Käfigen sitzen Ratten, die rote Masken tragen. Warum, das ist ein Geheimnis. Ein anderes Modell heißt „Moon over Cuba“. Hier gibt es orangefarbene Figuren im untersten Käfig, darüber ein kugelförmiger Mond – die Figuren stehen für die Gefangenen von Guantánamo.

Manche handeln Ihre Leuchten als Kunstobjekt, andere sehen sie als Gag und wieder andere als Gebrauchsgegenstand. Wie betrachten Sie Ihre Entwürfe?


Als Gag? Niemals! Gags sind kurzlebig. Wenn ich mir einen Spaß erlaube, hat er Tiefe und eine Lichtfunktion. Und als Kunstobjekt? Eher nein. Ich hab nicht den Drang, Kunst zu machen. Ich nenne meine Leuchten „Licht-Objekte“ oder „Light-Sculptures“. Es gibt eine Beziehung, eine Wahrnehmung zwischen dem Betrachter und seinem Objekt, ich nenne das „sense impression“. Vaclav Havel zum Beispiel – ich kenne ihn, toller Mann, von der Sorte sollte es mehr geben – lebt mit meinen Tischleuchten „Don Quixote“ und „One from the heart“, letztere steht auf seinem Schreibtisch. Da entsteht ein Bezug, eine eigene persönliche Beziehung.

Was inspiriert Sie – Filme, Comics, Literatur, der Alltag oder auch der Supermarkt?


Das ist unterschiedlich. Das passiert bei Dingen, die mir eine „sense impression“ verschaffen, die mich stark beeindrucken, so war es bei meinem ersten Entwurf „Bulb“. Was aber um Gottes willen nicht planbar ist. Einmal war es eine gute Penne Arrabiata, die mich zur Lampe „Scooper“ inspiriert hat. Inspiration geschieht im Halbbewussten, ich will nichts analysieren oder bewusst machen. Der Weg ist das Ziel, ist Freude und Qual zugleich... bis man schließlich irgendwann angekommen ist.

Welchen Hintergrund haben Objekte wie „PDG/ One can’t be tall without the small“, eine Aufreihung japanischer Plastikpuppen mit Sprechblase, oder das „Golden Pensatoio“, ein mannshoher Würfel mit Hohlraum, gedacht als Ort zum Nachdenken? Haben Sie einen solchen Pensatoio bei sich zu Hause stehen?


(Lacht laut) Nein! Der gesamte Würfel ist mit echtem Blattgold verkleidet, das wäre viel zu teuer. Gold kann leicht vulgär wirken, aber ich arbeite trotzdem gerne damit, weil das Material so gut reflektiert. Die Leuchte „PDG“ ist für einen Großdirektorentisch erdacht, PDG steht für "President Directeur General". Den Satz in der Sprechblase „One can’t be tall without the small“ – Man kann nicht groß sein ohne die Kleinen – haben meine Frau und ich erfunden. Meine Frau ist überhaupt ganz toll. Jenny ist meine Säule. Ohne sie wäre ich nicht, was ich bin. Das ist einfach großartig, ihre Organisation, das Gerade, Korrekte geht von ihr aus. Und last but not least ginge es nicht ohne ihre Wärme und Toleranz...

Wann haben Sie begonnen, von der Idee des klassischen Leuchtkörpers weg zu gehen – schon zu Beginn Ihrer Arbeit?


Meine erste Lampe war „Bulb“, eine überdimensionierte Glühbirne. Sie entstand nach einer Flasche Wein und einer „sense impression“. Die Inspiration kam also vom Ursprung des industriellen Lichts, von Thomas Alpha Edison... Ich bin nicht total gegen den klassischen Lampenkörper, aber ich brauche eine neue Dimension, neue Wege, will über die Grenzen. Ich gehe weiter und weiter, so lange ich kann.

Welche Rolle spielen Ironie, Humor und das Spiel an sich bei Ihrer Arbeit? Lachen Sie viel dabei?


Mit Ironie und Humor ist es wie mit der Poesie, man kann sie nicht konstruieren, sie passiert einfach. Für mich ist es ein Anliegen, mit den Dingen zu spielen. Ironie liegt oft nah am Sarkasmus und wird zu einem Gift, das sich gegen einen selbst wendet. Nun ja, ein Hauch Ironie ist vielleicht bei meinem LED-Lüster dabei, eine Persiflage auf die allgemeine Lüster-Manie!

Provozieren Sie gern? Hinterfragen Sie gern?


Hinterfragen – ja, natürlich. Und ich brauche Provokation, deswegen komme ich oft nach New York, wo ich eine Bleibe habe und bis zu drei Monate im Jahr verbringe. Provokation ist nichts Negatives, sie bringt Gedankenanstöße und diese wiederum, die Dinge anders, neu zu sehen. New York ist am Ende nicht inspirierender als Wien, setzt aber mehr Energie frei, die Stadt akzeptiert Ausgefallenes und die Mischung der Rassen – so muss unsere Zukunft aussehen. Die Menschen hier sind weniger ichbezogen, man ist einer von vielen, was sehr entspannt.

Ein Plädoyer für New York?


Auch ein Ansporn für München – man wird da zu wenig angeschossen, wie ich das nenne, im Sinne von Inspiration. Man ist so „fucking kulturbewusst“ und geht schon mit einer fertig zurechtgelegten Meinung ins Theater.

Was hält Sie in München?


Die zentrale Lage innerhalb Europas. Und meine Firma, eine große „Familie“, die an die 60 Leute umfasst. München ist eine nice town an der Isar. Und Bayern ein wunderschönes Land – wenn nur der Humor ein anderer wäre…

Wie kann man sich die Arbeit im Team bzw. den Ideenfindungsprozess vorstellen?


Manchmal kaue ich Jahre an einer Idee, bevor ich sie mittels einer Skizze, durch Worte oder als Modell meinem Kreativ-Team präsentiere, das an die zwölf Leute hat. Danach suche ich mir jene zwei oder drei Mitarbeiter aus, die das übersetzen... ich habe ein großartiges Team, sehr unterschiedliche Leute.

Apropos: Haben Sie schon den Film „Sketches of Frank Gehry“ gesehen, der gerade in den Kinos läuft? Da gibt es eine vergleichbare Szene...


Nein, noch nicht. Dazu fällt mir etwas ein. Erst gestern fragte mich ein Journalist: „Was würden Sie ändern, wenn Sie einen Tag lang Zar sein könnten?“ Ich sagte: „Zuallererst das Frank-Gehry-Building an der Westside, das finde ich zum Kotzen, und danach den Freedom Tower, diese komische Glasskulptur“. I love NY... Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie die Türme brannten, man hat mich auch evakuiert. Ich schätze Gehry und seine Arbeit, aber dieses Ding an der Westside ist manieriert und der Freedom Tower zum Weinen.

Welcher Ihrer Entwürfe ist Ihr persönlicher Lieblingsentwurf?


Ganz klar: die Tischleuchte „Don Quixote“. Warum? Weil sie alles sagt über mich. Ja, wenn ich mich analysieren müsste, dann würde ich sagen, in der "Don Quixote" ist alles von mir drin...

Und welcher ist Ihr wichtigster Entwurf?


Die Zukunft!

Welche Ihrer Leuchten hängen bei Ihnen zu Hause?


Gar keine. Ich lebe wie auf einem Speicher, es gibt nichts Schickes bei mir, das ist beinahe wie ein Baumhaus-Leben. Es gibt ein paar Prototypen, die da herumgammeln. Aber sonst... keine Bilder, kein Styling, nichts.

Wo gibt es momentan im Lichtdesign Ihrer Meinung nach neue Ansätze?


Es gibt vor allem technisch neue Ansätze, rund um LED's zum Beispiel. Vor ein paar Jahren habe ich bei meiner Leuchte „Bellissima Brutta“ als erster LED’s im privaten Bereich eingesetzt. Bei den OLED-Modellen, an denen wir gerade arbeiten, steckt die gesamte Entwicklung noch in den Kinderschuhen. Eine ebenfalls aktuelle Entwicklung ist unsere LED-Tapete, die auch in New York gezeigt wird. Wie beim Objekt „Rose Rose on the wall“ haben wir hier erstmals die Möglichkeit, Lichter als flexible Leiter in Bahnen zu drucken, was aber noch sehr teuer ist.

Gibt es einen Ingo-Maurer-Stil? Eine Handschrift oder Wiedererkennbarkeit?


Einen Stil? Weiß ich nicht. Vielleicht eine Handschrift, aber das will ich nicht analysieren. Und Wiedererkennbarkeit – dafür muss man ein Gespür haben. Ich bin immer wieder überrascht, wenn Leute aus aller Welt mittels einer hohen Sensibilität meine Werke wiedererkennen. Vor allem Japaner sind gut darin...

Warum haben Sie bisher nie eine Theaterbühne mit Licht inszeniert? Hätten Sie Lust auf ein Projekt dieser Art?


Doch, das gab es bereits, ich habe ein One-Woman-Stück in der Cartoucherie in Paris beleuchtet. Aus der Realität in eine andere Welt zu entführen, diese Art von Illusion interessiert mich sehr. Ich habe ja auch so etwas wie meine eigene Bühne im Spazio Krizia in Mailand, wo ich jedes Jahr kreative Talente präsentiere.

Herr Maurer, vielen Dank für das Gespräch.
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