Jörg Boner

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Text: Claudia Simone Hoff, 21.10.2010


1968 im schweizerischen Uster geboren, macht Jörg Boner eine Lehre zum Schreiner und Innenausbauzeichner, eher er an der Höheren Schule für Gestaltung in Basel Produktdesign und Innenarchitektur studiert. 1996 Mitbegründer der Designgruppe N2, eröffnet der Designer im Jahr 2001 sein eigenes Büro in Zürich. Neben seiner Tätigkeit als Dozent an der Ecole cantonale d’art de Lausanne (ECAL) zeichnet Boner auch als Art Director der Kollektion nanoo, ein Spin-off der Schweizer Faserplast AG, verantwortlich. Der Schweizer Designer, der für Unternehmen wie Wogg, Nils Holger Moormann, Classicon, Louis Poulsen und Nestlé arbeitet, ist vor allem bekannt für seine extravaganten, durchdachten Möbelentwürfe, die sich durch ihren Sinn für ungewöhnliche Materialien, Techniken und Formen auszeichnen. Wir trafen Jörg Boner in seinem Zürcher Atelier und sprachen mit ihm über Thermoskannen, die Freude am Basteln und unerwartete Einfälle.



Auf dem diesjährigen DMY in Berlin gab es einen Schwerpunkt Schweiz. Dort war Ihre Thermoskanne Thermos für Nestlé ausgestellt. Haben Sie davor schon einmal ein Tableware-Produkt gestaltet?
 
Nein. Dieser Auftrag war eine Chance für mich und meinen Mitarbeiter Johannes Hotz, in diesen Bereich vorzudringen. Insgesamt waren drei Büros zum Wettbewerb bei Nestlé eingeladen, den wir dann für uns entscheiden konnten. Es gab damals eine Wettbewerbspräsentation, bei der wir unsere Idee vorgestellt haben. Ich bin relativ früh auf das Konzept mit der Thermoskanne und den zwei Tassen gekommen.
 
Wie sah das Briefing von Nestlé aus?
 
Es gab keine eigentliche Vorgabe. Wir sollten Nestlé Vorschläge zur Markteinführung eines neuen Kaffees machen.
 
Die Serie Thermos ist auf 1000 Exemplare limitiert, was für den Bereich Tableware ja eher ungewöhnlich ist.
 
Thermos ist als Marketingtool zur Lancierung des neuen Kaffees gedacht und es gibt das Produkt nur online zu kaufen, weil Nestlé keine eigenen Vertriebskanäle für Tableware hat. Nestlé verkauft die Thermoskannen übrigens mit einem grünen Band, wir hatten jedoch ursprünglich einen Vorschlag gemacht mit einem roten beziehungsweise einem hellblauen Band. Das hellblaue ist das allerschönste, finde ich. Diese Farbe passt für mich auch am besten zum Altweiß der Tassen.
 
Warum hat sich Nestlé dann für das grüne Band entschieden?
 
Aus Marketing-Gründen. Der Kaffee heißt ja Green Blend und deshalb passte das Grün gut zu den Corporate-Design-Farben. Die Welt ist ganz einfach … [lacht]
 
Möchten Sie den Bereich Tableware ausbauen?
 
Unbedingt. Wir haben uns ja über die Möbel in das Feld Design bewegt. Die Bereiche Küche, Tableware und Essenszubereitung interessieren mich sehr, nur habe ich selbst noch nicht viel unternommen, um dort hinein zu gelangen. Die Thermoskanne war unsere erste Chance und zugleich ein relativ komplexes Produkt.
 
Apropos Essenszubereitung: Sie haben in Aarau das Interieur für die Kochschule Cookuk gestaltet. In der Ausstellung Make-up – Design der Oberfläche in der Hochschule für Gestaltung Zürich wird gerade der Tisch zu diesem Projekt im Bereich Fake ausgestellt.
 
Ja, dieser Tisch ist mit einem Blow up von einem Holzmuster versehen. Es gehörte zum Konzept, die Tische nicht aus Echtholz zu machen. Das Material ist viel resistenter und das aufgeblasene „Holz“ war natürlich ein Statement – wie der kleine Schweizer Wirtshaustisch, nur eben gedruckt auf HPL [High Pressure Laminate; Anm. d. Redaktion] – sozusagen die Imitation der Imitation. Der Tisch war übrigens eine meiner frühen Arbeiten, den die Designsammlung angekauft hat.
 
Ist es schwer vom Möbel- in den Tableware-Bereich zu wechseln?
 
Schwer ist es nicht, es hat hauptsächlich mit Kontakten zu tun. In der Möbelbranche habe ich sehr viele Kontakte, aber im Bereich Tableware kenne ich niemanden, nur die Marken. Ich finde es immer sehr schade, dass potentielle Auftraggeber auf meine Website schauen und dann vielleicht sagen „ach ja, der Boner – das sind vor allem Möbel, der ist spezialisiert auf Möbel“. Die Realität ist, dass wir einfach nur mit Möbeln gestartet sind.

Erzählen Sie uns etwas zur Straßenleuchte für AXPO, die jetzt vom dänischen Hersteller Louis Poulsen in Serie produziert wird.

Es handelt sich um ein Projekt für AXPO, den größten Schweizer Energiekonzern. Zu diesem Projekt sind wir über die Architekten des Unternehmenssitzes der AXPO, übrigens ein Riesenareal mit verschiedenen Gebäuden, gekommen. Wir haben dann einen Hersteller gesucht, der sich beteiligen und das ganze anschließend für die Serienproduktion planen würde. Wir hatten zuerst den Auftrag für sechzig Leuchten auf dem AXPO-Areal, und für Louis Poulsen war es sehr interessant, in das Projekt einzusteigen. Sie stellen die Leuchte nun zuerst für den Schweizer Markt her, um zu spüren, wie sie ankommt.
 
Warum sind Modelle für Sie so wichtig beim Entwurfsprozess?
 
Wir arbeiten immer in Graukarton und verarbeiten etwa zwei Paletten davon pro Jahr. Die Straßenleuchte beispielsweise haben wir maßstabsgetreu im Außenraum angebracht, um die Wirkung zu testen. Die gesamte Formentwicklung läuft bei uns in einer Mischung von 3D und Karton ab. Mein Mitarbeiter Jonathan Hotz und ich fertigen die Modelle selbst an, und der Entwurfsprozess ist sehr vielschichtig. Ich bastle auch ganz gern mal einen halben Tag lang – der Kopf funktioniert dann ganz anders. Es ist eine vermeintlich banale Arbeit, aber dabei entstehen oft die interessantesten Ideen. Man biegt oder leimt etwas und bei diesen Entwurfsschritten passiert plötzlich etwas Neues, etwas Unerwartetes. Auch Thermos haben wir in Papier gemacht – beim Karton finde ich den Abstraktionsgrad so schön. Es tut noch nicht so, als wenn es ein fertiges Produkt wäre, aber die maßgeblichen Elemente sieht man sofort – dieser Zwischenschritt gefällt mir.
 
Und diese Modelle heben Sie alle auf?
 
Nur die guten [lacht]. Wir haben der Designsammlung der Schweiz  [vom Bundesamt für Kultur; Anm. d. Redaktion] sehr viele Modelle verkauft – die haben ein sehr großes Lager unter Leitung einer Kuratorin.
 
Sie arbeiten teilweise schon sehr lange mit einigen Unternehmen wie beispielsweise Wogg zusammen. Was generell macht ein Unternehmen interessant für Sie?
 
Ich möchte gern mit Leuten zusammenarbeiten, die daran interessiert sind, ein Produkt so gut wie möglich zu machen und es an einen interessanten Kundenkreis zu verkaufen. Wenn sich jemand nur das Image „aufpolieren“ will mit sogenannten Designernamen, dann finde ich das eher langweilig. Wogg ist ein innovatives Unternehmen, was meiner Mentalität sehr entgegenkommt. Wir haben einen sehr guten Kontakt, man kennt die Probleme, Sorgen, Wünsche. Mein Ziel ist es, irgendwann eine Handvoll Firmen zu haben, mit denen ich genauso gut zusammenarbeiten und wachsen kann. Ich finde es gut, über ein erstes Produkt hinweg etwas weiterzuentwickeln und zu lernen – das sind die erfolgreichen Geschichten. Gute Firmen haben eine ganz eigene Identität und präzise dafür möchte ich ein Produkt gestalten und nicht einfach etwas Hübsches machen, bei zehn Firmen anklopfen und hoffen, dass irgendjemand das Produkt produziert.
 
Sie haben dieses Jahr in Mailand auf dem Salone del Mobile den Stuhl Wogg 50 vorgestellt.
 
Ja, dieser Stuhl wird Ende des Jahres fertig sein. Wir sind noch mitten drin in der Arbeit, gerade wurden die Werkzeuge gefertigt. Ich freue mich sehr auf den Stuhl, den es in sechs Farben geben wird. Der Stuhl hat uns viel Schweiß gekostet, aber ich bin sehr glücklich mit dem Entwurf. Er hatte sehr schwere Vorbedingungen: einen Preis unter 400 Euro, Stapelbarkeit, Material. Aber das ist genau das, was mich interessiert, was Design ausmacht: Bekommt man mit diesen engen Bandagen etwas hin, das funktioniert?
 
Ist es nicht eine große Herausforderung, ein Produkt zu entwerfen, das es bereits in tausendfacher Ausführung gibt, wie beispielsweise einen Stuhl?
 
Ja, das stimmt. Was mich interessiert, ist das Voranschreiten der Zeit im Produkt sichtbar werden zu lassen. Denn im Jahr 2010 gibt es gar nicht so viele Stühle, und ich würde sagen noch viel weniger Stühle, die auch so ausschauen, als wenn sie 2010 gemacht wurden. Mich interessiert vor allem: Wie muss etwas aussehen, damit es etwas Zeitgemäßes an sich hat, und wie muss es konstruiert und gebaut sein, damit es dieses Zeitgemäße auch ökonomisch und ökologisch wiedergibt – dann gibt es komplett neue Möglichkeiten. Ich würde beispielsweise nie einen Stahlrohr-Freischwinger machen, das käme mir nicht in den Sinn. In der Mode ist das Korsett ja noch viel enger, und trotzdem wird immer wieder etwas Neues gemacht.
 
Welche Bedeutung hat das Thema Nachhaltigkeit für Sie?
 
Für mich ist Nachhaltigkeit viel mehr als nur ein ökologisches Material zu verwenden. Nachhaltigkeit beginnt bereits beim Design. Dass man etwas macht, dass in seiner Zeit eingeschrieben ist und trotzdem Bestand hat und in guter Qualität gefertigt ist. Von diesem Standpunkt aus gesehen war Nachhaltigkeit eigentlich schon immer ein Thema im Design, auch vor der ökologischen Revolution. Ich versuche nachhaltig zu entwerfen oder nachhaltig produzieren zu lassen. Der Bezug für den Stuhl Wogg 42 wird beispielsweise in Schweden, das Holzgestell in der Schweiz gefertigt, der Stuhl Wogg 50 in Deutschland produziert.
 
Welche Tendenzen sehen Sie in der Möbelindustrie?
 
Ich glaube, wir befinden uns gerade in einem Strukturwandel, was die Vertriebskanäle angeht. Im Moment lebt die Möbelbranche noch in ganz alten Strukturen, das heißt man produziert etwas, gibt dem Fachhändler einen bestimmten Prozentsatz des Ertrags und der Kunde bezahlt. Ich glaube, dass diese Strukturen gerade auseinanderbrechen, weil viele Produkte einfach zu teuer sind. Beim Verkauf von Computern beispielsweise bekommt der Händler nur etwa acht Prozent des Verkaufspreises. Ich habe dort also einen Preis, der nah am Produkt ist. Während es in der Möbelbranche Produkte gibt, die nur einen Bruchteil von dem wert sind, was sie kosten.

Herr Boner, vielen Dank für das Gespräch.
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