Jürgen Mayer H.

8
Text: Katrin Schamun, 02.03.2009


Zahlen und Daten sind sein Thema. Als Architekt ausgebildet, gehört Jürgen Mayer H. in seinem Fach zu den erfolgreichsten in Deutschland. Er studierte Architektur an der Universität in Stuttgart, an der Princeton University und Cooper Union School of Art in New York. Nach seinem Studium gründete er 1996 in Berlin ein Büro im Stadtteil Charlottenburg. Bereits für seinen ersten realisierten Bau, das Stadthaus in Ostfildern, wurde ihm 2003 der Mies-van-der-Rohe-Preis verliehen. Jürgen Mayer H. vereint in seiner Arbeit Architektur mit Produktdesign, Grafik und Kunst. So finden sich seine Entwürfe in Galerien und Museen, wie in den Sammlungen des MoMA in New York und in San Francisco. In nahezu jedem seiner Projekte entdecken sich Verweise zum Thema Zahlen und Daten, meist verschlüsselt in Mustern. Wir sprachen mit Jürgen Mayer H. über sein Interesse für Datenverschlüsselung und die Kunst, Grafik in Architektur zu übersetzen.


Als Muster verschlüsselte Daten und Zahlen finden sich in all Ihren Design- und Architekturprojekten. Wie kam es dazu?

Wann genau mein Interesse für Grafik begann, kann ich nicht mehr sagen. Zum Thema wurde sie das erste Mal in den Housewarming-Projekten die ich 1996 in Chicago ausstellte. Housewarming sind Parties, auf die die man Freunde und Bekannte einlädt, um den Umzug in ein neues Haus oder eine Wohnung zu feiern. Für diesen Anlass habe ich ein besonderes Gästebuch entwickelt.
In jener Zeit fielen mir die Muster von Datensicherungs- und Mehrfachformularen auf, die Banken für Briefe an ihre Kunden für die Versendung von Geheimcodes verwenden. Was ich dabei interessant fand, war ein Buch zu drucken, dessen Inhalt ein Text ohne Bedeutung ist. Die Seiten sollten mit Mustern bedruckt sein, die scheinbar keinen Sinn ergeben. Wenn man nun in diese Muster hineinschreibt, ist die Schrift unlesbar. Beim Berühren der Seite jedoch verschwand das mit temperaturempfindlicher Farbe gedruckte Muster und die Schrift war plötzlich lesbar. So wie ein Gast kommt und wieder geht, war es ein Spiel mit der Schrift, die erscheint und wieder verschwindet. Das war meine erste Entdeckung, Grafik strategisch einzusetzen. Seitdem hat mich das nicht mehr in Ruhe gelassen.

Was ist das Spannende an solchen Datensicherungsgrafiken?

Sie sind wie ein zeitgenössisches Ornament, eine strategische Struktur, die seit 100 Jahren bekannt ist und von uns genutzt, aber nicht so richtig wahrgenommen wird. In sich hat diese Struktur keinerlei Bedeutung. Sie ist ein Trägermaterial, das Informationen verschlüsselt oder unsichtbar macht, um Daten vom Absender zum Empfänger zu transportieren. Ist dieser Weg erfolgt, kann das Trägermaterial wieder weggeworfen werden. Die wahrscheinlich älteste Verwendung ist die für Mehrfachformulare.

Meine Recherche führte zu Museen und Grafikdruckereien. Ich sprach mit verschiedenen Experten, aber keiner konnte mir sagen, wie diese Verschlüsselungsmethode entstanden ist. Die ältesten Quellen, die ich fand, waren aus dem Archiv der Berliner Druckerei Bertolt am Mehringdamm, die 1986 bankrott ging und vom Gestalter Erik Spiekermann aufgekauft wurde. Es gibt Kataloge, in denen die Druckerei bereits 1913 Bleisätze mit Datensicherungsmustern anbot.
Ich denke, diese Muster kamen mit der Benutzung von Kohlepapier auf, bei dem erstmalig Original und Kopie gleichzeitig hergestellt werden konnten. Es gibt zwei Exemplare: Das eine ist für den Austräger, das andere für den Empfänger. Nur muss derjenige, der die Ware austrägt, nicht gleichzeitig wissen, worum es sich bei dem Ausgelieferten handelt. Also entwickelte man Formulare mit Stellen, die praktisch ausgeblendet werden konnten, in dem man in ein Muster hineinschrieb, das die Schrift unlesbar macht. Seither ist diese Funktion beibehalten worden, sie ging nicht verloren, wird aber im großen Maße nicht mehr verwendet, da das Digitale sie abgelöst hat. Aber ich sehe sie als Referenz für das, was auf der digitalen Ebenen passiert in der Datenkontrolle, Datenverschlüsselung, im Datenhandling. Für mich sind diese Verschlüsselungsmuster eine Art Ursuppe, der Beginn einer Struktur, die sich noch weiterentwickelt und wächst.

Haben Sie eine Mustersammlung?

Ja. Mittlerweile besteht meine Sammlung aus 300 bis 400 verschiedenen Muster. Das geht von Zahlen über Camouflage, Pattern, Buchstaben, Linien, Punkte, Striche oder Firmenlogos.

In welcher Form sammeln Sie diese Muster? Digital?

Nein, als bedruckte Bögen auf Papier, die viele Ordner füllen. Für die Ausstellung „Pretext/Vorwand" im MoMA in San Francisco haben wir 2004 eine kleine Vorauswahl aus dem Gesammelten getroffen und begonnen vor allem Camouflage- und Zahlenmuster zu kategorisieren. Es wurden sechs Filme gezeigt, in denen diese Muster ineinander laufen. Eines Tages möchte ich meine Mustersammlung in einem Buch erscheinen lassen.

In welcher Form tauchen die Muster sonst noch in Ihren Arbeiten auf?

Die Muster tauchen bei uns in verschiedenen Anwendungen auf. Als direktes Ornament, das auf den Boden gedruckt wurde und gleichzeitig Flecken verdeckt wie im Stadthaus Ostfildern. Sie verzieren Metallflächen für Lüftungsbänder, Briefkästen oder Elemente im Möbelbereich. In Kunstinstallationen tauchen sie auf als „Pretext“. Das Wort Pretext ist übersetzt ins Deutsche ein Vortext oder eine Vorwand, die wiederum gleichzeitig eine Vorarchitektur ist, was sehr gut unsere Installationen beschreibt. Die Pattern haben keine Bedeutung, ihre Buchstaben ergeben keine sinnvollen Worte. Sie sind mit der Tapete, auf der sie aufgebracht sind, eine Vorkonstruktion, die vor der Wand hängt. An dieser Stelle finde ich die Verbindung von Architektur und Text sehr interessant.
Dann tauchen Muster in perforierten Oberflächen und als skelettartige Struktur im Bürohaus ADA 1 in Hamburg auf. Hier thematisiert es die Fassade, die das öffentliche Leben vor und das Leben im Inneren des Gebäudes voneinander trennt. Eine weitere Anwendung in dreidimensionaler Form ist die Fassade der Mensa in Karlsruhe, in Form einer Serifenschrift, bei der auf den ersten Blick jeder rätselt, was sie aussagt, dabei bleibt sie aber ein Untext mit unbestimmter Bedeutung. Sie steht als Muster, ist aber offen für Interpretationen und deutet an, dass in ihr eine Bedeutung zu finden ist.

Wie gehen Sie vor, um Grafik und Muster in Architektur umzusetzen?

Es gibt zwei Herangehensweisen: Die erste ist eine Reduzierung von Materialien und Farben innerhalb wichtiger Architekturdetails. Bei der Mensa Karlsruhe sind die Fensterprofile ähnlich dunkel wie das Fensterglas, wodurch eine Struktur mit einer starken grafischen Wirkung entsteht. Das gleiche passiert mit der Fassade des Bürohauses in Hamburg, bei der es einen starken Kontrast zwischen offenen und geschlossenen verglasten Flächen gibt, die nicht durch weitere Fensterprofile oder -unterteilungen unterbrochen werden.
Auch im Stadthaus liegen die Fenster ruhig als Bänder in der Fassade und der Blick des Betrachters kann sich auf den Farbverlauf, von unten Silber nach oben Braun, konzentrieren. Für ein solches Ergebnis sind Fragen wichtig wie: Was rücken wir in den Vordergrund, was in den Hintergrund oder welche Farben wählen wir mit welchen Kontrasten. Das zweite ist die Idee des Umschlags, quasi wie eine Haut, die dich umgibt. Um diese Idee nachzuvollziehen, sehen wir Boden, Wand und Decke als Einheit und bearbeiten diese mit Grafik- und Farbelementen. Dabei gibt es wieder zwei unterschiedliche Ansätze: Einmal ist es ein unabhängiges Raumgebilde, das sich über alle Seiten entwickelt. Das andere sind Projekte, die mit horizontaler oder vertikaler Symmetrie arbeiten, wo Boden und Decken gespiegelt sind und man sich innerhalb einer Sandwichstruktur wähnt. Das sind Kunst- oder Interieurinstallationen.

Sie entwerfen Architektur und Produktdesign. Gibt es unterschiedliche Herangehensweisen?

Es gibt ähnliche Ausgangspunkte, wie die Frage vom Verhältnis des Körpers zum Raum oder zur Natur und Technologie, Natürlichkeit und Künstlichkeit. Wenn ich zurückschaue, sind es eher die kleinen Projekte, die aus Materialqualitäten heraus entstanden sind. Wie und wo kann ich temperaturempfindliche Farben noch einsetzen? In welcher Weise kann ich Bisazzas Mosaiksteinchen noch verwenden? Wozu ist Linoleum noch zu gebrauchen? Mich beschäftigen die Potentiale des Materials und dessen Verwendung auf eine andere Art als die herkömmliche und dann entsteht ein Sitzelement aus vermeintlich ungeeigneten Mosaiksteinen.

In der Architektur ist es eher anders herum. Da geht es um die Gesamtatmosphäre, um einen Gesamtraumeindruck, der sich dann nach und nach über das Material definiert. Ein Beispiel: Die Mensa in Karlsruhe war ursprünglich in Beton geplant. Aber durch das geringe Budget, das uns zur Verfügung stand, war es sehr schwierig, den Entwurf so umzusetzen. Nach langer Recherche entschieden wir uns für eine Holzkonstruktion, die mit einer Haut aus Polyurethan überzogen ist. Doch dieser Aufbau kam unserer ursprünglichen Idee des elastischen Raumes viel näher. Mit dem weichen Polyurethan lässt sich Elastizität sehr gut ausdrücken. Berührt man das Gebäude, ist es elastisch. Diese Innovation tragen wir weiter in unser Projekt in Sevilla, das es vielleicht ohne die Entwicklung in dem Gebäude in Karlsruhe so gar nicht gegeben hätte.

Wie wichtig sind die Materialien in Ihren Entwürfen?

Sie sind ausschlaggebend für die Gesamtidee jedes Projektes. Ein weiterer wichtiger Faktor ist Skulpturalität. Für mich sind kontinuierliche, fugenlose Oberflächen spannend, aber auch ihre akustischen und sensorischen Qualitäten, wie in den Installationen für die Ausstellungen „Körperlandschaften“, in denen es um temperaturempfindliche Abdrücke von Körperteilen auf Architektur- und Möbelflächen ging. Diese decken Sachen auf, die man eigentlich kaschieren oder bedecken will, wie persönliche Intimitäten, Abdrücke von Körperteilen, Genitalien, die durch ihre Temperaturempfindlichkeit zu Tage kommen. Normalerweise verschwinden sie unter der Kleidung, unter einer Konstruktion, die wir nehmen, um ein öffentliches Bild von uns zu generieren. Ein interessanter Aspekt dabei war der Umgang mit Diskretion und Indiskretion, öffentlichem und privatem Bild und seine grafische oder bildnerische Umsetzung.

Diese Idee verwendeten Sie später bei einem Sitzmöbel.

Das „Loglo" ist ein leicht glühendes und nachleuchtendes Möbelstück. Jemand setzt sich darauf und hinterlässt einen Körperschatten, der noch einige Minuten leuchtet. Dadurch hat man ein Nachbild vom eigenen Sitzen und gleichzeitig ist der Stuhl ein heller Orientierungspunkt im Raum, wenn das Licht bereits erloschen ist. Interessant dabei ist die zeitliche Elastizität, dass ein Möbelstück sein Bild durch Glühen verlängert. Gleichzeitig ist dieser temporäre Abdruck ebenfalls ein Muster, auch wenn dieses sich stets verändert und nur für kurze Zeit andauert, um dann wieder zu verschwinden.

Vielen Dank für das Gespräch.

jetzt zu MADEby wechseln

Exklusive Interviews mit Newcomern und internationalen Stars der Design- und Architekturwelt.