Konstantin Grcic

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Text: Cordula Vielhauer, 24.02.2012


Lernen ist ein Grundthema in der Arbeit von Konstantin Grcic. Obwohl der 1965 geborene Münchner Designer längst als einer der Besten seines Fachs anerkannt ist, ruht er sich nicht auf diesem Status aus, um eine routinierte Designstrategie zu verfolgen. Vielmehr bleibt er in Bewegung – eine Voraussetzung für das Lernen, die auch sein neuer Schulstuhl Pro für Flötotto fördert. Auf der diesjährigen imm cologne sorgte Grcic damit für Aufsehen. Außerdem wird er 2012 den deutschen Beitrag der Architekturbiennale mitgestalten. Wir sprachen mit ihm in Köln über den Mikrokosmos Schule, den 3-Minuten-Pavillon und die Schnittstellen von Architektur und Industriedesign.



Herr Grcic, was hat Sie gereizt, einen Schulstuhl zu entwerfen?


Es hat zunächst einfach Spaß gemacht, sich mit dem Thema Schule auseinander zu setzen, auch wenn meine eigene Schulzeit schon eine Weile zurück liegt. In meiner Arbeit kommt es selten vor, dass ich ein Produkt für eine ganz konkrete Situation entwerfe, insofern war es spannend, in den Mikrokosmos „Schule“ einzutauchen. Wir sind tatsächlich an Schulen gegangen und haben mit Schülern und Lehrern gesprochen. Dort hat sich uns eine ganz neue Welt erschlossen, die eigenständig zur Wohnmöbelwelt existiert, in der wir sonst arbeiten.

Und wie sieht diese andere Welt aus?

Diese Welt ist sehr konkret und hat ganz klare Regeln. Die Stühle, die man in den meisten Schulen findet, sind aber sehr alt: mindestens 10, meistens 20 oder sogar 30 Jahre alt. Das ist schockierend, denn auf einem Schulstuhl sitzt man ja tagtäglich stundenlang. Und eigentlich möchte man sich mit solch einem Stuhl auch identifizieren; mit einem herkömmlichen Schulstuhl kann man das jedoch nicht. Auf dem muss man eben sitzen.

Nach welchen Kriterien haben Sie Ihren Stuhl entwickelt?

Von der Bundesregierung gibt es eine verbindliche Studie, die das ganze Umfeld Schule untersucht. Eine zentrale Frage lautet: „Wie können Möbel den Lernprozess unterstützen?“ Das Ergebnis ist – gemessen an den Erkenntnissen, die man in anderen Arbeitsbereichen gewonnen hat – wenig überraschend: „Bewegtes sitzen“ lautet die Antwort. Bewegung ist ein Ventil, um Spannungen abzubauen, die bei konzentrierter Arbeit entstehen können. Der Wechsel von Konzentration und Bewegung fördert das Lernen. Unser Stuhl geht auf die konkreten Erkenntnisse aus dieser Studie ein, denn heutzutage müssen Schüler nicht mehr frontal ausgerichtet nach vorne blicken und still sitzen. Sie dürfen, sie sollen sogar auf dem Stuhl herumrutschen, seitlich sitzen; sie dürfen sogar rücklings sitzen wie beim Reitersitz. All das wird bei unserem Stuhl durch die runde, hockerartige Sitzfläche und die schmale Rückenlehne angeregt. Eigentlich hat man in der Schule immer schon so gesessen, es war bloß unerwünscht. Jetzt ist es wissenschaftlich jedoch als positiv belegt. Die Schulmöbelindustrie hatte darauf bisher aber nicht reagiert. Das musste sie auch nicht, denn es gibt hier kaum Konkurrenz untereinander.

Was „kann“ Pro, was andere Stühle nicht können?

Unser Stuhl ist ein zeitgenössischer Stuhl, weil er nach aktuellen Erkenntnissen entwickelt wurde und zeitgemäße sinnliche und ästhetische Qualitäten aufweist. Warum soll die Schule heute so aussehen wie vor 30 Jahren? Allein die Materialwahl – der Pro besitzt eine Kunststoffschale – hat viele Vorzüge: Kunststoff ist leicht, das ist gerade für kleinere Kinder wichtig. Zudem kann man die Eigenschaften des Kunststoffs über die Zutaten mitbestimmen: Flexibilität oder Härte kann ich wie bei einem Rezept einstellen – anders als bei Holz. Da uns Farbigkeit wichtig war, hat ein durchgefärbtes Material Vorteile, – Lack beispielsweise würde verkratzen oder abgeschabt werden. Kunststoff bietet zudem mehr Möglichkeiten der dreidimensionalen Verformung – auf industriellem, kostengünstig zu produzierendem Niveau.

Ein individuelles Massenprodukt?

Ja, es ist ein Massenprodukt, aber die unterschiedlichen Farben und Gestelle machen es individuell. Schulen haben sehr kleine Budgets, aber wir sind in einem konkurrenzfähigen Kostenrahmen. Wir haben sogar schon eine Schule damit ausgestattet. Die Architekten sind auf unseren Stuhl aufmerksam geworden und haben ihn angefragt. Seit Dezember stehen die Stühle nun dort in Detmold. Auch in der Schularchitektur hat sich ja viel getan, die Architekten wollen natürlich, dass ihre Konzepte im Mobiliar weitergeführt werden.

Wie sehen Sie diese neuen Konzepte?

Es gibt immer mehr neue Schultypen, gerade im Bereich der Privatschulen. Sie werden nach ganz anderen Regeln ausgestattet, das heißt, hier werden auch ganz andere Möbel eingekauft. Privatschulen haben oft ein größeres Budget als städtische Schulen, dafür müssen sie auch mehr leisten. Zudem haben die Eltern größere Mitspracherechte. Die Nische der Privatschulen ist zum einen eine gute Startposition, diesen Markt zu erschließen, zum anderen profitieren wir aber auch von den Empfehlungen von Architekten, die sich für Möbel interessieren.

Sie arbeiten ja gerne mit Architekten zusammen, unter anderem beim Parrish Art Museum auf Long Island von Herzog & de Meuron ...

Ja, das soll im Oktober dieses Jahres fertig werden, es ist ein relativ kleines Projekt. Wir machen die ganze Inneneinrichtung. Das ist eher ungewöhnlich, denn so eine komplette Ausstattung entwerfe ich normalerweise gar nicht. Aber in diesem Fall hat es gut gepasst, weil wir von der ersten Entwurfsphase an daran beteiligt waren.

Für die kommende Architekturbiennale in Venedig planen Sie mit dem Münchner Architekten Muck Petzet zusammen das Konzept für den Deutschen Beitrag. Wie kamen Sie dazu?

Neben dem Industriedesign mache ich nun schon seit vielen Jahren Ausstellungsgestaltung. Diese Arbeit macht mir viel Spaß, sie geht inhaltlich weiter als klassische Innenarchitektur. Für Chris Dercon, den früheren Direktor des Haus der Kunst in München, habe ich zum Beispiel einige Möbel für das Haus der Kunst entworfen. Und Muck Petzet ist ein Freund von mir. Er hat mich gefragt, ob ich mich zusammen mit ihm für den Biennale-Beitrag bewerben möchte.

Die Plattenbau-Architektur und deren „Weiterverwertung“, mit der Muck Petzet sich stark auseinandersetzt, hat ja eine gewisse Nähe zum Produktdesign, weil der serielle Herstellungsprozess solcher Fertigbauteile mit dem des Industriedesign vergleichbar ist. Sprechen Sie über solche Aspekte oder teilen Sie die Arbeit am Biennale-Beitrag in unterschiedliche Bereiche auf?

Das Thema und die Inhalte kommen von ihm, ich bin für die Gestaltung des Pavillons beziehungsweise der Ausstellung verantwortlich. Selbstverständlich tauschen wir uns inhaltlich aus, aber das Thema ist seins: Es geht um Bestand und Umnutzung. Drei Begriffe aus der Abfallwirtschaft spielen dabei eine Rolle: Reduce – verringern, Reuse – wiederverwenden, Recycle – weiterverarbeiten. Für mich als Industriedesigner sind das vertraute Themen, und es kann tatsächlich sein, dass seine Interessen dazu eine Schnittmenge bilden. Aber ansonsten scheint man sich in der Architektur noch nicht so lange damit zu beschäftigen, jedenfalls nicht unter diesen Überschriften. Deshalb ist es gar nicht so einfach, gute Beispiele dafür zu finden.

Auf baunetz.de haben wir auch schon einiges dazu gemacht, allerdings mit Beispielen aus der ganzen Welt ... Müssen sich die Biennale-Projekte denn auf Deutschland beschränken?


Unser Auftraggeber, das Bundesbauministerium, ist da gar nicht so streng. Natürlich soll die Ausstellung Deutschland repräsentieren, das bedeutet jedoch nicht, dass jedes Projekt auf seine Repräsentationsfunktion hin geprüft wird. Wir haben sowohl in Deutschland als auch im Ausland Beispiele dazu gefunden, in der Schweiz in den Beneluxländern und auch in Frankreich. David Chipperfield als Biennale-Kommissar ist ja mit der Bestands-Thematik auch sehr vertraut, vielleicht passt das Thema sogar zu seinem Konzept.

Bei der Gestaltung des Biennale-Pavillons müssen Sie sich ja auch mit dem Bestand auseinandersetzen. Was ist da Ihr Ansatz?

Sicher, die Architektur des deutschen Pavillons und seine Geschichte sind sehr dominant, damit muss man sich beschäftigen. Mindestens genauso wichtig finde ich aber den Aspekt, dass wir ja ein Teil einer internationalen Biennale sind, letztlich sind wir einer von vielen Pavillons. Daher muss die Ausstellung auch auf einer sehr direkten Ebene funktionieren, so dass der Besucher ihre Aussage in kürzester Zeit erfassen kann, am besten in drei Minuten. Dafür braucht man eine ganz klare Gestaltung, ein klares Statement.

Gibt es dafür ein Rezept? Was macht für Sie eine gute Biennale-Ausstellung aus?

Mir ist es wichtig, dass man ein Thema nicht nur brav didaktisch aufarbeitet, sondern dass die Person, der Kurator mit einer klaren Aussage hinter der Gestaltung spürbar ist. Unsere Ausstellungsarchitektur wird sehr reduziert sein. Wir wollen wenige Dinge zeigen, die das Thema plakativ und einfach lesbar auf den Punkt bringen. Die Tiefe der Auseinandersetzung findet dann gar nicht mehr über die Ausstellungsarchitektur statt, sondern im Katalog oder auf der Website.

Welche Biennale-Beiträge der letzten Jahre fanden Sie denn gelungen?

Ich fand vor zwei Jahren auf der Architektur-Biennale den Belgischen Pavillon fantastisch mit diesen Oberflächen: Usus war ein wirklich interessantes Thema. Zwei Jahre davor hatten die Belgier auch einen großartigen Beitrag, es gab nur diese Wand und das Konfetti auf dem Boden und den Pavillon. Man konnte einfach im Gebäude herumlaufen, es ging nur um die Architektur. Daran erinnere ich mich gerne. Im Gegensatz zu Pavillons, die mir alles erklären wollen und diesen Anspruch an sich selbst stellen, alles rechtfertigen zu müssen und pädagogisch aufzubereiten. Aber wir haben ja noch etwas Zeit.

Herr Grcic, vielen Dank für dieses Gespräch.



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