Mike Meiré

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Text: Norman Kietzmann und May-Britt Frank, 21.01.2008

Mike Meiré ist mittlerweile seit 25 Jahren als Art Director, Künstler, Designer, Architekt, Fotograf, Kurator, Herausgeber und Vermittler tätig. Geboren 1964 in Darmstadt gründete er 1983 mit gerade einmal 19 Jahren das Kunst- und Kulturmagazin „Apart“, dessen Herausgeber und Art Director er über mehrere Jahre war. 1987 schloss er sich mit seinem Bruder Marc zusammen und gründete die Agentur „meiré und meiré“ in Köln, die unter anderem ab 1992 die ganzheitliche Kommunikation der Bad- und Küchenmarke Dornbracht übernahm. Die von ihm seit 1997 initiierten und kuratierten „Cultural Projects“, die in Zusammenarbeit mit zahlreichen internationalen Künstlern entstanden, haben dazu beigetragen, dass Dornbracht Marktführer auf dem Gebiet der Design-Armaturen wurde und sich als Unternehmen mit kultureller Relevanz etablieren konnte. Mit der visuellen Sprache der 1998 gegründeten Wirtschaftszeitung „Econy“, die 1999 in „Brand Eins“ umbenannt wurde, konnte er auch im Editorial Design neue Maßstäbe setzen. Zu den weiteren von ihm betreuten Magazinen gehören „MINI International“, „Kid’s Wear“ sowie das Kulturmagazin „032c“. 2006 wurde er von der Hamburger Lead Academy zum „Visual Leader of the Year“ gekürt und präsentierte ein Jahr später einen Werkzyklus über das sterbliche Leben im Bozener „Museion“. Wir trafen Mike Meiré in Köln und sprachen mit ihm über seine neueste Installation auf der „imm 2008“, was sich hinter dem Begriff der Ritualarchitektur verbirgt und warum auch das Bad stets eine Spur Esoterik verträgt.
Herr Meiré, mit Ihren „Noises for Ritual Architecture“ haben Sie während der „imm 2008“ eine Sound- und Videoinstallation für Dornbracht in Ihren Atelierräumen inszeniert. Worum geht es dabei?

Ich wollte die Architekten sensibilisieren. Schließlich wird das Bad gerne als Showroom missverstanden – genau wie die Küche. Das war im Übrigen auch mein Anliegen bei dem Farmprojekt, das wir vor zwei Jahren in Mailand vorgestellt haben. Architektur ist so wichtig, weil sie natürlich unser Leben prägt. Ich finde es sehr schade, wenn Architektur letztendlich einzig rationalen Faktoren folgt. Ich bin mir auch nicht sicher, ob man die Menschen vielleicht ästhetisch überfordert mit einer Showroomküche, bei der ich genau wissen muss, wo ich die Espressotasse hinzustellen habe, damit das Layout nicht zerstört wird.

In welche Richtung geht die Reise also?

Wir stehen nun an der Schwelle, an der die Postmoderne langsam in eine Zeit übergeht, die sich anders definiert. Ich habe immer mehr das Gefühl, dass es das Jahrzehnt oder vielleicht sogar das Jahrhundert der Stimulation wird. Wir fangen an, Dinge oder Räume zu benutzen, um zu verführen. Es geht darum, mehr Idealität in der Realität zuzulassen. Denn die Realität, die wir im Fernsehen verfolgen, kann auf Dauer nicht unsere eigene sein. Wir müssen etwas dagegen setzen. Wenn wir dann anfangen, noch so einen Formenfaschismus zu betreiben, wem ist denn damit geholfen?

Haben Sie deswegen den Begriff der „Ritualarchitektur“ geprägt?

Mir ging es immer darum, dass man Reinigung als einen ganzheitlichen Prozess betrachtet. Es gibt natürlich die Rituale der physischen, körperlichen Reinigung. Aber eben weil ich über viele Jahre Meditation betrieben habe, kenne ich mich auch ganz gut aus damit, wie man das Unterbewusstsein strukturieren kann. Wir haben dann angefangen, die geistige, seelische Komponente mit der körperlichen zusammenzuführen. Daraus ist die Badserie MEM entstanden, die sozusagen die kommerzielle Umsetzung dieser Idee war. Aus dem Feedback, das wir damals bekommen haben, wurde uns klar, dass diese Architektur einen eigenen Namen braucht. Darum haben wir das ganze schließlich Ritualarchitektur genannt. Hinzu kam, dass wir schon Jahre zuvor mit Dornbracht mehrere Kulturprojekte gemacht hatten und auch bei den Künstlern immer wieder das Bewusstsein für Rituale aufkam. Wir haben dann quasi diesen Kunstbegriff geprägt.

Worin bestand der neue Ansatz bei der „MEM“-Serie?

MEM war als ein ruhiges, kontemplatives Bad gedacht. Es ging darum, den Raum zu entleeren und das Materialistische so weit wie möglich zurück zu nehmen. Die Produkte sollten eher als Interface begriffen werden an der Schnittstelle zur Architektur. Das war auch die Geburtsstunde von „Rainsky“, einer Dusche, die bündig in die Decke integriert ist. Der Hintergrund ist, dass unser Lebensraum immer kostbarer wird und man den vorhandenen Raum intensiver nutzen sollte, indem man darin die Verweildauer erhöht. Es gibt ja derzeit immer mehr Diskussionen, dass das Wohnzimmer langsam unwichtig wird, weil sich auch die Strukturen innerhalb der Gesellschaft verändern. In Zukunft kann man von vier Feldern in der Wohnung ausgehen: das „private Spa“, die Wohnküche, das Schlafzimmer und sicherlich einen mehr oder weniger definierten Medienraum.

Mit „LOGIC“ folgte schließlich die zweite „Ritualarchitektur“…

Ja, der Gedanke war hierbei ein Gym, also ein aktives Bad. Sollte bei MEM die Architektur so fein wie ein Parfüm sein, wollte ich mit LOGIC wieder ein wenig Tecno dagegen setzen. Denn es ist natürlich wichtig zu begreifen, dass man bei solchen Überlegungen in gewisser Weise immer an New Age vorbeischleift. Doch New Age ist einfach nicht gut. New Age bedeutet immer eine Flucht aus der Welt. Das wird dann sehr schnell esoterisch und unangenehm. Aber darum ging es mir nicht. Ich habe für mich erkannt, dass man in einer materiellen Welt auch Spirit braucht, eine Form von Energie. Und diese Energie darf nicht verloren gehen, weil sonst das ganze Leben zu einer Agenda wird. Wir reden so viel über Effizienz und Nachhaltigkeit. Aber wir sind letztendlich keine Maschinen sondern Menschen.

Welche Rolle spielt dabei das Wasser?

Wasser ist ja nicht nur Lebenselixier sondern wie eine Software. Es gibt verschiedene physische Zustände, es ist intelligent von seiner Art her. Gleichzeitig hinterlässt es Spuren. Ich fand es interessant, dass sich Wasser in die Wand, also in die Haut der Architektur über die Zeit einschreiben kann. Diesen Aspekt haben wir schließlich bei „Elemental Spa“ umgesetzt, der dritten Ritualarchitektur. Über archaische Materialien wie Kupfer haben wir schließlich ein gewisses alchimistisches Moment hereinbekommen, sodass sich die Oberflächen verändern können. Das ist so wie bei einer Edelstahlküche. Der erste Kratzer tut natürlich weh und der zwanzigste vielleicht auch noch. Aber wenn man 2000 Kratzer darauf hat, dann ist es gelebte Patina und bekommt Persönlichkeit. Das fand ich daran sehr schön.

Inwieweit verändert sich dadurch der Stellenwert des Bades?

Schon als wir an MEM gearbeitet haben, habe ich ein wenig provokativ gesagt, dass das Bad für mich die Kirche in der Wohnung ist. In einer Kirche gibt es diese wunderschönen Deckengemälde, die aufwändig gemalt sind. Der Blick führt automatisch nach oben. Im Bad ist es ähnlich: Liege ich in der Badewanne, ist der Blick an die Decke automatisch gegeben. Und da dachte ich mir, dass es eigentlich die perfekte Projektionsfläche wäre. Dabei ist die Decke in den meisten Architekturen gar nicht wirklich durchdacht oder definiert. Ich träumte dann von einer Sternenwarte und plötzlich kam mir der Gedanke, dass ich dazu Musik machen würde.

So kam dann auch die Idee zu der „Noises“ Installation, die Sie zusammen mit dem Klangkünstler Carlo Pieters entwickelt haben…

Ja, angefangen haben wir aber mit der Musik. Carlo ist einfach ein begnadeter Musiker. Das ist gar nicht so leicht, einen Musiker zu finden, der sich auf solche Experimente einlässt. Weil es genau darum geht, herauszufinden, wie viel Esoterik oder Spirit sein muss, damit man die Botschaft des Projektes versteht. Und gleichzeitig muss man darauf achten, wo die Brechung ist, damit es nicht kitschig oder klebrig wird? Wir haben über ein Jahr an dieser Musik gearbeitet, bis wir irgendwann dicke Ohren bekamen. Wir haben die Musik natürlich jeden Tag im Selbstversuch angehört. Carlo ist wirklich sehr virtuos mit dem Computerknacken, dem Gegensteuern, wie er einen Rhythmus reinbringt und dann auch wieder Trance. Doch dadurch, dass die einzelnen Stücke tatsächlich zehn bis fünfzehn Minuten lang sind, bedarf es auch einer Aktion in Raum. Wir sind schließlich alle Entertainment-Junkies. So kam dann die Idee mit den Filmen.

Die von dem 3D-Spezialisten Jens-Oliver Gasde am Computer animiert wurden…

Ja, jeder der drei Filme ist einer der drei Ritualarchitekturen gewidmet und übersetzt die Querschnitte der einzelnen Produkte in eine abstrakte Grammatik. Die Farbigkeit reflektiert ebenfalls genau die Materialität der einzelnen Serien. Jens hat diese Formen dann seit dem Sommer aufwändig animiert. Allein der MEM-Film hat 110 Stunden gebraucht in der finalen Renderphase. Doch schon das Testen war sehr zeitraubend. Wenn man einen Song macht, der drei Minuten lang ist, hört man ihn schnell durch. Wenn man aber Klangteppiche entwickelt über fünfzehn Minuten oder eine halbe Stunde, dann braucht man ja alleine schon eine halbe Stunde, um sich das anzuhören. Alles in allem hat man das Gefühl, dass es wie ein Trip ohne Drogen ist. Das finde ich natürlich auch irgendwie nett. Was macht man nicht alles für die Illusion (lacht).

Im Rahmen der „Cultural Projects“ haben Sie für Dornbracht auch an zwei Performances gearbeitet, darunter den Auftritt des Drummers Dave Nuss im Berliner Postfuhramt. Wie kommt es zu solchen Aktionen, die auch auf den zweiten Blick die Themen Küche oder Bad nicht direkt berühren?

Ich glaube, es liegt vor allem daran, dass ich mit Dornbracht schon viele Jahre zusammen arbeite und jetzt in der Kommunikation einen Ansatz verfolge, der „Brand-Coding“ heißt. Dabei geht es mir darum, die Marke nicht zu infiltrieren sondern Codes aus der Kultur abzuleiten, zu analysieren und dann an die Marke anzudocken. Es geht um eine Art Verstärkersituation, bei der sich Marken als Möglichmacher verstehen. Die Idee der Trommelperformance in Berlin war es, das Ich zu überwinden, das Ich zu spüren. Der Drummer Dave Nuss hat dazu in der Mitte eines Raumes bis zur Erschöpfung getrommelt. Das Scheitern als Ziel zu erklären, das war der eigentliche Gedanke dabei. Die Kamera fährt gegen den Uhrzeigersinn in einem Kreis um ihn herum, sodass die Zeit, metaphorisch gesehen, nieder getanzt wird. Ich wollte Bewegung haben im Raum. Es war so unglaublich laut, als dieser Junge auf sein Schlagzeug einhämmerte. Nachdem er zweimal eine kurze Pause machte, fielen ihm nach 27 Minuten die Drumsticks aus den Händen. Für einen Schlagzeuger ist das ein Desaster. Aber darum ging es ja und er hat sich darauf eingelassen.

Was fasziniert Sie an solchen Veranstaltungen, die nur an einem Ort für wenige Minuten dauern?

Mich interessiert an ihnen, dass man sie nur bedingt dokumentieren kann. Sie erwarten eigentlich, dass man tatsächlich da gewesen ist, sie erlebt hat. Es müssen auch keine Massenveranstaltungen sein. Bei der Trommelperformance waren es vielleicht einhundert Leute. Im Endeffekt reichen aber sogar drei, vier, fünf Leute aus, die das Ganze als Verstärker nach Außen tragen, in die Zeit hinein. Was ich mag, sind weniger Konzepte, die einen beeindrucken, als solche, bei denen man hineingeht und feststellt, dass es irgendwie seltsam ist. Aber dann passiert etwas und es entsteht eine Transformation im Bewusstsein. Das finde ich super.

Vielen Dank für das Gespräch.
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