Patrick Blanc

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Text: Norman Kietzmann, 04.08.2009


Patrick Blanc hat den Garten in die Vertikale versetzt. Die Architektur hat er damit zugleich um eine grundlegend neue Art der Fassadengestaltung erweitert. Geboren 1953 in Paris, beginnt er schon als kleiner Junge mit Pflanzen zu experimentieren und promoviert schließlich in Botanik an der Pariser Université Pierre & Marie Curie. Entdeckt wird der Forscher am Pariser Institut CNRS mit seinen ungewöhnlichen Arbeiten erstmals 1994 auf dem Festival des Jardins im französischen Chaumont-sur-Loire, dem bis heute einflussreichsten Festival für zeitgenössische Gartengestaltung. Der Weg zur Architektur kommt eher durch Zufall: So lädt ihn der Leiter der Pariser Fondation Cartier, Hervé Chandès, 1998 dazu ein, eine Arbeit im Rahmen der Ausstellung „Être nature“ (Naturwesen) zu zeigen. Seine begrünte Wand an der Außenseite des Museums beeindruckt Jean Nouvel, den Architekten des Gebäudes, derart, dass er ihn für weitere Projekte engagiert und schließlich eine gesamte Außenfassade an seinem Musée du Quai Branly in Paris gestalten lässt. Mit der Begrünung der Lobby des Pariser Hotels „Pershing Hall“, das 2001 in Zusammenarbeit mit der Designerin Andrée Putman entsteht, wird Blanc zunehmend auch einem größeren Publikum bekannt. Weitere Engagements folgen, darunter das Caixa Forum von Herzog & de Meuron in Madrid, das Trussardi Café in Mailand oder die Galeries Lafayette in Berlin. Wir trafen Patrick Blanc in Paris und sprachen mit ihm über den Garten als Gemälde, freischwebende Wurzeln und botanischen Fetisch.



Herr Blanc, mit ihren vertikalen Gärten haben Sie eine neue Schnittstelle aus Architektur und Botanik definiert. Wie kamen Sie eigentlich auf die Idee, den Garten in die Höhe zu verdrehen?

Es fing an mit einem Aquarium. Als ich zwölf Jahre alt war, besaß ich eins bei meinen Eltern. Irgendwann habe ich in einer Zeitschrift gelesen, dass man das Wasser reinigen könne, indem man die Wurzeln von Philodendren darin eintaucht – und zwar ohne die Erde. Meine Mutter hatte einige von diesen Pflanzen im Wohnzimmer zu stehen und als kleiner Junge habe ich sie natürlich einfach ins Aquarium umgepflanzt, ohne sie zu fragen. Sie war darüber zunächst nicht sehr begeistert. Aber es hat außergewöhnlich gut funktioniert. Ich habe auch gesehen, wie die Wurzeln im Wasser ganz ohne Erde weiter wachsen. Das hat schon etwas sehr Magisches an sich. Ich habe dann weitere Pflanzen ins Aquarium gesetzt, um zu sehen, wie sie sich darin entwickeln. Das ging natürlich über das anfängliche Ziel, das Wasser zu reinigen, hinaus. Um noch mehr Planzen unterzubringen, habe ich sie dann auf einem Gitterrost befestigt, während die Wurzeln an der Unterseite frei im Wasser hingen. Irgendwann habe ich das Gitter durch ein größeres ersetzt und leicht geneigt. Das Aquarium stand schließlich auf dem Boden und wurde zum Wasserreservoir für eine große begrünte Wand darüber. So ist mein erster vertikaler Garten entstanden. Das ist schon komisch. Denn im Grunde war er nicht mehr als ein „Abfallprodukt“ von meinen Studien über das Wachstum der Wurzeln.

Als Sie später in Paris Botanik studiert haben, haben Sie Ihr Wissen über Pflanzen immer weiter ausgebaut.


Ja, ich bin als 19-Jähriger nach Thailand und Malaysia gegangen, um die tropischen Wälder zu erleben. Ich habe dort Planzen gesehen, die auf Bäumen oder Felsen wachsen und keine Erde brauchen, um zu gedeihen. Als ich wieder nach Hause kam, wollte ich die Bilder und Eindrücke der tropischen Gärten auch in meinen Arbeiten umzusetzen. Ich habe im Anschluss an mein Studium über tropische Pflanzen promoviert und während meiner Reisen immer häufiger Pflanzen aus den Tropen mit nach Paris gebracht. Meine vertikalen Gärten haben sich durch diese Untersuchungen ständig verbessert. Heute weiß ich, welche Arten sich wo und wie verwenden lassen. Als ich zwölf war, habe ich mit den Pflanzen meiner Mutter die ersten Schritte unternommen. Mit 23 war ich an den Punkt gekommen, mich wirklich mit der Materie auszukennen – also fast zwölf Jahre danach. Auch heute funktionieren meine vertikalen Gärten mit kleinen Veränderungen fast genau nach demselben Prinzip wie damals. 

Entdeckt wurden Sie erstmals 1994 mit einer Arbeit auf dem „Festival des Jardins“ im französischen Chaumont-sur-Loire. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Ausstellung?

Ich war vor allem irritiert. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich ja schon seit fast 30 Jahren mit dem Thema beschäftigt. Für mich war das etwas vollkommen Normales. Das plötzliche Interesse daran war schon sehr seltsam. Nach dem Festival in Chaumont habe ich 1998 eine begrünte Wand für eine Ausstellung über die Natur an der Fondation Cartier in Paris gezeigt. Das war auch der Moment, an dem sich die Architekten für meine Arbeit zu interessieren begannen. So fing ich an, mit Jean Nouvel und kurz darauf mit Andrée Putman zu arbeiten.

Die Lobby, die Sie 2001 für von Andrée Putman eingerichtete Hotel "Pershing Hall" gestaltet haben, markiert zugleich auch eine neue Stufe in Ihrer Arbeit. Denn erstmals haben sie eine gesamte Häuserfassade begrünt – auf über 30 Metern Höhe.

Ja, Andrée kannte meine Arbeiten zu diesem Zeitpunkt schon länger und hat mich auch öfters zuhause besucht. Obwohl sie bei mir nur eine Wand von drei Metern Höhe gesehen hat, konnte sie sich sofort vorstellen, das Ganze auch in einer Höhe von 30 Metern umzusetzen. Kein Architekt, selbst Jean Nouvel nicht, hatte zuvor bei mir eine derart große Fläche in Auftrag gegeben, die sich auch noch über einen überdachten Innenhof hinaus ins Freie fortsetzt. Das hat mich an Andrée sehr beeindruckt. Ich glaube, dass Designer an dieser Stelle mehr wagen als Architekten. Für sie ist es ganz selbstverständlich, die Arbeiten anderer in ihre Projekte zu integrieren. Architekten wollen dagegen häufig, dass die neuen Eingriffe so wenig sichtbar wie möglich sind. Die Wand im „Pershing Hall“ war insofern auch ein gewisses Risiko, da es keine Erfahrungen für ein Projekt in dieser Größenordnung gab. Aber Andrée hat mir vertraut. Und es hat funktioniert.

Den Aubau der vertikalen Gärten haben Sie sich längst patentieren lassen. Können Sie dennoch kurz umschreiben, wie es funktioniert?

Die Pflanzen werden von einer Schicht aus synthetischem Filz gehalten. Diese ist drei Millimeter dick und alle zehn Zentimeter mit kleinen, zwei Millimetern großen Löchern versehen. Das Wasser fließt von oben herab und die Pflanzen nehmen sich die Menge an Wasser, die sie benötigen. Der Unterschied zu herkömmlichen Pflanzkübeln liegt darin, dass das Wasser nicht stehen bleibt, sondern in Bewegung ist. Die Wurzeln sind die ganze Zeit über im Kontakt mit der Luft und nicht von Erde umgeben. Das ist entscheidend. Auf diese Weise können auch Pflanzen, die sehr viel Wasser brauchen, neben anderen wachsen, die sehr wenig Wasser benötigen, ohne dass es zu Problemen kommt. Je nach Jahreszeit und Witterung werden die Wände ungefähr fünfmal am Tag für je drei Minuten bewässert.

Welche Art von Pflanzen verwenden Sie? Auch heute bringen Sie immer wieder neue Arten von Ihren Reisen in die Tropen mit.

Ja, allerdings nur, wenn sie nicht hier im Handel erhältlich sind. Viele Pflanzen, die ich verwende, kann man sogar im Supermarkt kaufen. Man muss eben nur wissen, wo und wie man sie einsetzen muss. Hinzu kommt: Bei sehr großen Projekten kann ich nicht nur exotische und sehr teure Pflanzen verwenden. Wenn ich dreißig Planzen auf einen Quadratmeter einsetze, sind das bei einer Fassade von eintausend Quadratmetern 30.000 Pflanzen. Das macht schon einen enormen Unterschied. Es geht aber nicht nur um den Preis. Man muss schauen, ob so viele Pflanzen von einer Art zur selben Zeit überhaupt verfügbar sind. Wenn ich ein Projekt außerhalb von Europa mache, verwende ich in der Regel auch keine europäischen Pflanzen. Ich schaue immer zuerst, was ich vor Ort bekommen kann. Jedes Projekt ist an den jeweiligen Ort angepasst.

Nach welchen Kriterien gehen Sie an die Gestaltung Ihrer Gärten heran?

Es hängt zum Beispiel davon ab, wie viel Licht die einzelnen Pflanzen benötigen. Am Anfang stehen in diesem Sinne natürlich die Bedürfnisse der jeweiligen Arten. Doch danach kommt für mich immer auch eine künstlerische Herangehensweise. Es macht mir Spaß, in meinen Zeichnungen die Formen und Anordnungen der einzelnen Planzen festzulegen. Die Entwürfe für jede Wand sind sehr unterschiedlich. Ich versuche immer, ihnen ein individuelles Bild zu geben. Dennoch gibt es auch Dinge, die sich wiederholen: Ich mag zum Beispiel bestimmte Pflanzen so zu platzieren, dass sie als Gruppe mit ihren herabhängenden Blättern wie Wasserfälle wirken. Interessant ist auch, mit der Quantität einzelner Pflanzen zu spielen. Indem man bestimmte Sorten, die in der Natur nur selten oder vereinzelt vorkommen, zu größeren Gruppen anhäuft, lässt sich ein vollkommen neues und unerwartetes Bild erzeugen. Meine Gärten sind in diesem Sinne immer auch künstliche Gärten, da sie über die natürliche Vegetation hinausgehen.

Welche ist Ihre Lieblingspflanze?

Ich mag „Iris Japonica“ sehr gerne und habe sie bereits für sehr viele Projekte verwendet. Ich glaube, sie ist meine Fetisch-Pflanze (lacht).

Warum?

Vielleicht wegen ihrer geometrischen Erscheinung. Sie besitzt sehr spitz zulaufende Blätter. Pflanzen sind für mich immer auch eine Art „architecture végétale“. Schon während meiner Studienzeit habe ich den Aufbau der Pflanzen sehr genau erforscht. Darum achte ich auch besonders auf die Formen der Blätter: Wie werden sie gehalten? Wie ist ihr Aufbau? Wie ihre Textur? Sind sie matt oder glänzend? Welche Farben und Nuancen haben sie? Das ist viel wichtiger als auf die Blüten zu achten, denn diese sind nur für eine kurze Zeit zu sehen. Die Blüten sind eine schöne Zugabe, aber nicht mehr. Die Blätter sind dagegen das ganze Jahr über präsent. Das ist sehr entscheidend für die Wirkung meiner Arbeit. Dennoch ist es natürlich immer wieder faszinierend, wenn an dieser oder jener Stelle neue Blüten austreiben. Auch das gehört zur Planung meiner Gärten dazu: einen zeitlichen Ablaufplan zu erstellen, der wie ein Drehbuch bestimmt, wann und wie oft welche Pflanzen blühen werden und welche nicht.

Was denken Sie über historische Gärten? Gefällt Ihnen die Geometrie der französischen?

Das ist eine andere Welt. Das ist nichts für mich. In botanische Gärten gehe ich aber sehr gerne, weil man dort sehr viele verschiedene Pflanzenarten auf einmal sehen kann. Es ist wie eine Reise in eine fremde Welt.

Wie würden Sie Ihre Arbeit beschreiben, wenn nicht als einen Garten?

Ich arbeite in der Sichtweise eines Ensembles. Ein wenig wie bei einem Gemälde, das man vor sich sieht. Bei einem herkömmlichen Garten ist es etwas vollkommen anderes, da man sich in ihm bewegt. Die Gartengestalter entscheiden, wo die Leute laufen sollen und welche Pflanzen und Blumen sie an welcher Stelle sehen werden. Bei mir gibt eine große Fläche und die Leute können selbst entscheiden, wohin sie gehen und was sie sich genauer anschauen wollen. Vielleicht bleiben sie auch lieber auf Distanz und schauen es sich von dort an. Ich gebe den Leuten die Freiheit, sich auf ihre Weise den „murs végétals“ zu nähern. Sie sind für mich wie lebende Kunstwerke.

Vielen Dank für das Gespräch.



Patrick Blancs Monografie „Vertikale Gärten: Die Natur in der Stadt“ ist nun im Ulmer Verlag auch auf Deutsch erschienen. Das Vorwort schrieb Jean Nouvel. Diesen und weitere Buchtitel finden Sie in unserer Bücherrubrik.



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