Rolf Fehlbaum

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Text: Norman Kietzmann, 20.10.2008


Rolf Fehlbaum wird 1941 in Basel geboren. Nach seinem Studium der Philosophie und Soziologie in Freiburg, München und Bern, promoviert er mit einer Arbeit über die französischen Frühsozialisten bei dem Wirtschaftswissenschaftler Edgar Salin in Basel und gründet
schließlich mit zwei Freunden einen Kunstbuchverlag. 1977 übernimmt er zusammen mit seinem Bruder Raymond die Leitung des Möbelunternehmens Vitra, das sein Vater Willi Fehlbaum 1934 in Birsfelden bei Basel gegründet hat. Durch die Erweiterung der Produktpalette und die Einführung neuer Herstellungsmethoden entwickelt er das Unternehmen zu einer der führenden Möbelmarken in Europa mit Schwerpunkt auf hochwertige Büroausstattung. Zu den Kunden zählen Unternehmen wie Coca-Cola, Lufthansa, die Büros der EU-Komission in Brüssel sowie der Bundestag in Berlin. Als ein Großbrand 1981 das Produktionsgelände in Weil am Rhein weitestgehend zerstört, beauftragt Fehlbaum eine Vielzahl renommierter Architekten mit dem Aufbau des Vitra-Campus darunter Nicolas Grimshaw, Frank O. Gehry, Zaha Hadid, Tadao Ando sowie SANAA und Herzog & de Meuron. Wir trafen Rolf Fehlbaum in Birsfelden und sprachen mit ihm über den Wandel der Arbeitswelt, Unternehmer als Galeristen und sein Bekenntnis zum Standort Weil am Rhein.


Herr Fehlbaum, auf der diesjährigen Büromesse  „Orgatec “ in Köln präsentieren Sie eine Weiterentwicklung Ihres Bürokonzeptes „Net’n’Nest “. Was genau hat es damit auf sich?


Wir sind zu der Einsicht gekommen, dass wir nicht mehr nur in das Büro gehen, um dort Routinearbeit zu leisten, denn das könnten wir überall tun. Wir kommen vielmehr ins Büro, um an der kollektiven Kreativität teilzunehmen, die sich eben dort abspielt. Wir wissen heute, dass eine Organisation mehr weiß als die Summe der einzelnen Einsichten. Ins Büro zu gehen bedeutet, gemeinsam Antworten zu finden. Das Raumprogramm, das auf die kollektive Intelligenz setzt, ist daher ein offenes Raumsystem, das zur Kommunikation einlädt. Eine andere Erkenntnis ist, dass die individuellen Bedürfnisse nicht einfach ausradiert werden können, sondern bleiben. Denn das Individuum möchte auch für sich sein und eine bestimmte Privatsphäre haben, um konzentriert an etwas arbeiten zu können. Das Konzept des „Net’n’Nest“ bedeutet, dass wir Räume zum Neting brauchen: Räume, in denen wir kommunizieren und exponiert sind, die aber ebenso spezielle Rückzugszonen haben. Das ist das Nesting. All diese Konzepte können mit ganz unterschiedlichen Produkten gefüllt werden.

Worin unterscheiden Sie sich von bisherigen Office-Produkten?

Gerade das Nesting lebt von einer kulturellen Differenz zwischen Wohnen und Arbeiten. Dabei werden ganz andere Inhalte transportiert, so dass ein Möbel aus dem Wohnbereich dafür sehr willkommen sein kann, weil es auch atmosphärisch etwas ganz Anderes ausdrückt als es die Arbeitswelt normalerweise tut. Es können unterschiedliche Transfers stattfinden. Im Falle unseres neuen Tischprogramms „Playnes“ gehen wir der Frage des Individuellen und des Kollektiven nach, indem wir beide am gleichen Platz miteinander verbinden. Wenn man sonst bei „Net`n`Nest“ primär an einen Szenenwechsel denkt – also den Wechsel von einem Raum in den anderen – kann man diesen nun mit dem Tisch „Playnes“ auch am selben Ort vollziehen mithilfe einer vertikalen Verschiebung der Arbeitsfläche.

Entworfen wurde „Playnes“ von den Brüder Erwan und Ronan Bouroullec, mit denen Sie nun schon seit 2001 zusammenarbeiten. Wie begann Ihre Zusammenarbeit?

Es fing damit an, dass ich Sachen von ihnen in einer Zeitschrift sah. Ich glaube, es war eine Küche, die sie einst für Cappellini gemacht haben. Ich habe den Artikel sofort rausgerissen. Wir haben uns dann in Paris zu einem ersten Gespräch getroffen. Sie waren zu diesem Zeitpunkt ja auch deutlich jünger und standen noch am Anfang ihrer Karriere. Nach unserem Treffen haben die Bouroullecs viel gearbeitet und kamen schließlich mit einem riesigen Buch voller Ideen zu mir. Gewisse Ideen sind dann übrig geblieben, andere nicht. Ideen von uns sind dann in ihre Überlegungen eingeflossen und so ergaben sich schließlich neue Wege. Dies sind immer auch kollektive Prozesse.

Würden Sie sagen, dass der Designprozess bei Vitra ein anderer ist als bei anderen Unternehmen?

Ich kenne die anderen Unternehmen ja nicht aus eigener Anschauung, sondern höchstens vom Resultat oder von dem, was ich so höre. Aber ich glaube, es gibt im Design, so wie es unterschiedliche Designer gibt, auch ganz unterschiedliche Auffassungen von Design. Es ist ein weites Feld, angefangen vom angestellten Designer bei Siemens, der nach ganz klaren Voraussetzungen arbeitet, bis zum limitierten Editionsdesign, in dem die Grenzen zur Kunst verwischen und die Funktionen stark zurücktreten. All das ist Design. Das ist sehr interessant. Wenn ein Hersteller wie ein Herausgeber fungiert, dann ist er eigentlich wie ein Galerist, der einen Künstler vertritt und die Produktion dieses Künstlers nach außen trägt. Alles passiert zunächst im Kopf des Designers und wird dann ohne Abstriche auch so realisiert. Sehr kunstnah also. Andere Unternehmen haben sich aufs Kopieren verlegt, während andere sehr technikorientiert sind.

Welche Rolle nimmt Vitra hierbei ein?

Bei uns sehen wir den Designer als Autor, also nicht nur als eine Figur mit der Fähigkeit, ein gutes Produkt zu gestalten. Sondern wir sehen den Prozess als ein Zusammenspiel vom dem Designer als Autor und dem Autor Vitra, da wir auch eine Position einnehmen. Die Zusammenarbeit ist getragen von großem Respekt, den wir unseren Designern entgegenbringen. Das hat sicher auch viel damit zu tun, wie ich aufgewachsen bin. Designer wie George Nelson oder Charles und Ray Eames sind für mich wahre Überfiguren. Ich übertrage das dann gedanklich auch auf viel jüngere Leute wie die Bouroullecs, denen ich mit demselben Respekt begegne. Wir sagen nicht: Wir sind der Boss und nun macht mal Jungs. Auch wenn die Meinungen manchmal auseinandergehen, versuchen wir zu verstehen, ob dies nicht einen neuen interessanten Aspekt mit sich bringt. Manchmal führt es dann zu etwas anderem, als ursprünglich gedacht war.

Schaut man sich die Produktpalette von Vitra an, von Klassikern von Charles und Ray Eames über Alberto Meda bis hin zu den Brüdern Bouroullec, ergibt sich trotz der unterschiedlichen Entwürfe ein spürbarer roter Faden. Alles nur Zufall?

Da muss ich leider auf mich zurückkommen. Das hat sicher viel mit einem Auge zu tun, das ja nicht einfach beliebig funktioniert, sondern gewisse Dinge gut findet und andere nicht. Insofern passiert es eben, dass zum Schluss auch in Weil am Rhein, wo man vielleicht nicht alle Gebäude lieben mag, aber dennoch alles zusammen wirkt. Und es ist dieses verbindende Auge, mit dem ich meine ästhetischen und – wenn man so will – ideologischen Grundentscheidungen fälle. Mir ist eigentlich immer sofort klar, was passt und was nicht. Doch wenn ich das erklären müsste, hätte ich wahrscheinlich Mühe.

Also ist es vor allem Ihre Person, die dahinter steckt?

Ja, diese Grundausrichtungen sind recht persönlich. In der Vergangenheit habe ich mich auch fast nie mit anderen beraten. Jetzt versuche ich, andere in diese Überlegungen mit einzubeziehen. Aber letztlich sind die Entscheidungen für oder gegen jemanden relativ einsame Entscheidungen. Das kann man im Team nicht verhandeln. Neben den Richtungen, die die Designpolitik betreffen, gibt es noch logistische oder vertriebsorientierte. Die sind zwar auch wichtig, doch waren sie nie meine. Mir ging es immer um die Sicht der Dinge.

Die Frage eines Nachfolgers erhält dabei sicher eine besondere Brisanz. Schließlich müssen Sie eine Person finden, die ebenso über ein „richtiges Auge“ verfügt.

Ich glaube, das schwierige Geheimnis des Weiterführens ist, dass man es ganz anders machen muss. Das ist die wirkliche Komplexität. Es gleich zu machen, ist nicht interessant. Es ist ja klar, dass ich auch eines Tages sterben werde. Goethe sagte mal: „So lang Ihr das nicht habt, dieses ¸Stirb und Werde‛, so bleibt auch Ihr nur ein trüber Gast auf der dunklen Erde!“ Das ist es eigentlich. Das ist die Erneuerung. Das aber richtig hinzubekommen, ist schwierig. Manchmal muss man es auch dem Zufall überlassen und kann nicht alles richtig voranplanen, weil man letztlich wahrscheinlich diese Nachfolge doch zu sehr im eigenen Sinne denkt. Aber das sind philosophische Fragen. Ich denke, dass es für jedes Unternehmen wichtig ist, sich immer wieder neu zu erfinden.

War es nicht auch so, dass Sie Vitra neu erfunden haben, nachdem das Firmengelände in Weil am Rhein 1981 abgebrannt ist? Im Anschluss haben Sie den heutigen Vitra-Campus von zahlreichen renommierten Architekten gestalten lassen.

Ja, ich glaube man entwickelt mit der Zeit diese Demut, dass man mit dem, was auf einen zukommt, umgehen muss und nicht denkt, man hätte immer alles im Griff. Ob man dann eine Katastrophe wie einen Brand als den Beginn eines neuen Projekts sehen kann, weiß man in diesem Moment noch nicht. Doch manchmal haben diese Einschnitte letztlich auch ihre interessanten Seiten.

Die Gebäude in Weil am Rhein haben zur heutigen Wahrnehmung von Vitra entscheidend beigetragen. Wie entstand eigentlich die Idee, mit einer Vielzahl von damals in Europa noch unbekannten Architekten wie Frank O. Gehry oder Tadao Ando zusammenzuarbeiten?

Ich hatte damals den Wunsch, für Vitra über den Ort eine eigene und einmalige Identität zu schaffen und zwar nicht mit Architekten, die sonst hier in der Gegend gebaut hätten. Ich war ja schon länger mit Herzog & de Meuron oder Diener und Diener hier in Basel befreundet. Aber ich wollte damals das Fremde, das Ungewohnte. Gehry war zwar ein gestandener Mann, hatte aber noch nie außerhalb der USA gebaut. Und Zaha Hadid war, obwohl sie noch nie zuvor gebaut hatte, schon eine bekannte Figur. Dass wir heute mit Herzog & de Meuron bauen, liegt daran, dass wir nun beide unsere eigene Identität gefunden haben. Sie hatten zu dieser Zeit zwar schon ein paar Bauten realisiert, aber es wäre eine andere Strategie gewesen, mit Architekten hier aus der Region zu arbeiten. Heute freue ich mich, nun auch mit meinen Freunden bauen zu können.

Mit dem neuen VitraHaus von Herzog & de Meuron erweitern Sie den Vitra-Campus zugleich um einen Showroom für Ihre eigenen Produkte, die bisher in Weil am Rhein nicht zu sehen waren. Warum kam dieser Schritt erst jetzt?

Weil wir unser Gelände bisher immer so aufgefasst haben, dass für die Öffentlichkeit nur das Design-Museum von Interesse war. Unsere Produktwelt war früher sehr stark auf das Büro bezogen und für den Normalbesucher eigentlich nicht so interessant, auch wenn wir natürlich schon immer Produkte von Eames oder Nelson im Programm hatten. Aber seitdem das Wohnen ab 2002 eine größere Bedeutung in unserer Palette gewonnen hat, haben wir entschieden, dass wir diese neue Ausrichtung auch zeigen müssen. Und in Deutschland haben wir anders als in anderen Ländern bisher keinen eigenen Showroom gehabt. Darum haben wir beschlossen, diesen selber zu bauen und dort die älteren und neuen Auffassungen von Wohnen und Arbeiten einem großen Publikum zu zeigen. Und zwar in einer Weise, die nicht wie ein Museum, aber auch nicht wie ein Möbelladen funktioniert. Sie liegt irgendwo dazwischen.

Die Architektur des Gebäudes folgt dieser Idee und besteht aus mehreren übereinander gestapelten Kuben.

Dahinter steckt die Idee von Scheinwerfern, die sozusagen auf die Landschaft oder auf das Gelände ausgerichtet sind. Durch diese Ausblicke erhält man ganz andere Sichtweisen, wenn man durch diese Fenster in die Umgebung sieht. Es ist ja im Querschnitt ganz abstrakt die Form eines ganz normalen Hauses abgebildet. Man kann immer wieder in einen anderen Block hineinsehen. Man kann etwas auch isolieren, damit eine gewisse Intimität des Raums erhalten bleibt. Das gibt ein anderes Umfeld als eine normale Möbelhalle. Durch diese Komplexität können auch unterschiedliche Raumempfindungen entstehen.

Wie kam es eigentlich zur Entscheidung für den Standort Weil am Rhein?

Das hängt natürlich auch mit der Geschichte meiner Familie zusammen. Mein Vater war Schweizer aus Bern und meine Mutter kam aus Freiburg im Breisgau. Sie hat in Basel gearbeitet und dort meinen Vater kennengelernt. Mein Großvater mütterlicherseits war Bahnhofsvorstand im Badischen Bahnhof, der genau zwischen Deutschland und der Schweiz lag. Weil am Rhein war damals eine Eisenbahnerstadt, weil durch den Landeswechsel vieles umgeladen und umorganisiert wurde. Nach dem Krieg wohnten dort auch meine Eltern und meine Großeltern, die schließlich Land von einer Tante gekauft haben. Und so fing dort alles an.

Ich frage deswegen, weil vor allem das Designmuseum im Grunde auch an deutlich prominenteren Standorten stehen könnte.

Es stimmt, man hätte es auch in Paris oder London bauen können. Aber meine Unternehmensutopie ist immer die, dass man unterschiedliche Dinge zusammenbringt und nicht die Wirtschaft auf der einen Seite und die Kultur auf der anderen passiert. Für mich gehören diese Dinge zusammen: das Sammeln, das Erklären, das Vermitteln von Design ebenso wie das Machen und Entwickeln. Für mich ist das auch ein eindeutiges Bekenntnis hier zum Ort.

Vielen Dank für das Gespräch.
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