Ronan Bouroullec

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Text: Katrin Schamun, 20.05.2008


In Frankreich gelten sie als viel versprechende Designer: Ronan und Erwan Bouroullec. Die beiden Brüder wurden in Quimper, einem kleinen Ort in der Bretagne geboren. Ronan (1971) schloss die Ecole National Supérior des Arts Décoratifs in Paris im Jahr 1997 ab und entwickelte dank eines Stipendiums 1998 sein erstes Projekt „Cuisine désintegreé“. Gleich darauf folgten Projekte für Cappellini und Ligne Roset. Nachdem Erwan 1999 sein Diplom an der Ecole Nacional Supérior d`Arts in Cergy bekam, begann die Zusammenarbeit mit seinem Bruder im gemeinsamen Designstudio in Paris. Neben Wohn- und Büromöbeln, Geschirr, Schmuck und Gebrauchsgegenständen gehört die Beschäftigung mit Architektur zu ihrem Metier. Seit 2000 arbeiten die beiden für Vitra und entwickeln vor allem Büromöbelsysteme und Wohnmöbel. Bouroullecs Werke werden in zahlreichen Ausstellungen gezeigt und sind in vielen Museen vertreten. Wir trafen Ronan Bouroullec während der Mailänder Möbelmesse 2008 und sprachen mit ihm über Komfort im Büro, ein schwimmendes Architekturprojekt und warum Architekten keine guten Produktdesigner sind.


Monsieur Bouroullec, zusammen mit Ihrem jüngeren Bruder Erwan gehören Sie zu den derzeit gefragtesten Gestaltern. Woher nehmen Sie eigentlich die Inspiration für Ihre Arbeit?
Das ist eine sehr schwierige Frage. Meine Inspiration entsteht aus einer Mischung verschiedener Dinge: Reisen, Unterhaltungen mit interessanten Menschen, Filmen. Aber ich gehe nie aus einem Kino und sage: Genau dieser Film hat mich zu einer Idee gebracht. Ich sehe mir gern Dinge an - im Fernsehen, ich lese viel Zeitung, ich informiere mich gern und möchte wissen, was um mich herum und in der Welt passiert - ich lasse mich gern unterhalten. Die Ideen entstehen eher wie eine Suppe – aus vielen Zutaten.
Seit acht Jahren entwerfen Sie Produkte für Vitra vor allem im Office-Bereich. An welchen Projekten arbeiten Sie derzeit?
Wir planen viele Dinge für die Orgatec im Oktober, u. a. ein neues Office-System. Diese Mikrogesellschaft in einem Büro ist wirklich hochinteressant, wie Menschen ihre Arbeit organisieren, wie innerhalb dieser Vorgänge ablaufen und wie diese optimiert und verbessert werden können. Uns geht es natürlich um Formen, schöne Proportionen, aber auch um die Frage, wie die Arbeit im Büro angenehmer gestaltet werden kann.
Manche Ihrer Objekte sind verspielt, wie zum Beispiel die Algues, die sich aus einzelnen Modulen zusammensetzen und vom Nutzer selbst in Größe und Form zusammengesetzt werden können.
Unsere Algues sind ausgesprochen einfach anzuwenden. Der Nutzer kann die einzelnen Module Stück für Stück zu einem Ganzen zusammensetzen, je nachdem, wie er es braucht. Das Rezept ist ganz einfach: Der Mensch kann sich darauf konzentrieren, was er möchte und benötigt, und nicht über das Wie nachdenken. Wir bevorzugen einfache Herangehensweisen und verlangen nicht vom Nutzer, dass er lernbereit ist, sondern wollen, dass unsere Produkte sich seinen Bedürfnissen anpassen. Der Nutzer entscheidet, wie er unsere Produkte verwendet.
Jasper Morrison beschreibt Ihr Design als sehr durchdacht mit viel Sinn für Humor und einem Hauch von Poesie. Passt das mit Bürodesign zusammen?
Es gibt keinen Grund, zwischen Design im Haus und dem im Büro zu unterscheiden. Ich meine nicht die technischen Aspekte, die sind schon ganz anders. In den meisten Büroräumen herrscht eine schlechte Atmosphäre: Chrom, Schwarz, graue Möbel – Langeweile. Menschen müssen nicht in solch einer Umgebung arbeiten. Es ist eine wirkliche Herausforderung neue Wege und interessante und - ich mag es nicht zu sagen - humanere Lösungen zu finden. Viele Menschen arbeiten unter enormen Druck und dabei unter sehr schlechten Bedingungen. Es sollte viel mehr über Komfort nachgedacht werden, oder darüber wie Geräusche ohne viel Aufwand absorbiert werden können. Manchmal bewirken ganz einfache Lösungen sehr viel, wie die zu unserem Sofa Alcove, das auf einer einfachen aber interessanten Idee beruht: Durch seine hochgezogene Rücken- und Seitenlehnen ist es wie ein kleiner separater Raum, in dem man ungestört inmitten des Bürogeschehens eine kurze Ruhepause einlegen kann. Es gibt so viele Dinge zu entdecken, die das Leben leichter und schöner machen können.
Gibt es etwas, das Sie sehr gern mal entwerfen würden?
Mich reizt alles. Für mich macht es keinen Unterschied, ein Glas oder ein Auto zu entwerfen. Es ist schwer ein Glas zu designen und ist es schwer die Form eines Fahrzeugs zu entwickeln. Aber ich bin ein sehr positiv denkender Mensch und weiß, dass es für alles eine Lösung gibt. Außerdem interessieren mich Fragen der Architektur. Wir sind gerade dabei ein schwimmendes Haus zu entwerfen. Es ist eine sehr gute Erfahrung und ich möchte noch mehr solcher schönen Projekte wie dieses Haus machen.
Was interessiert Sie an der Architektur?
Es ist sehr interessant mit zwei verschienen Maßstäben zu arbeiten und sich mit Fragen über Funktion und Form einer Kaffeetasse oder eines Gebäudes zu beschäftigen. Ich finde es ist sehr wichtig, zwischen den Dimensionen hin und her zu switchen - es ist eine Kunst, die viele Architekten nicht gut beherrschen. Wenn Architekten Möbel entwerfen, sind diese meistens furchtbar.
Aber die Profession des Designers hat sich doch aus der des Architekten entwickelt. Früher waren doch Architekten gleichzeitig Designer.
Personen wie Alva Aalto oder Le Corbusier waren gute Architekten und haben wunderbare Möbel geschaffen. Mario Botta ist ein schlechter Architekt, aber er hat auch wunderbare Möbel kreiert und manchmal entwirft auch Jean Nouvel etwas Schönes. Es ist immer eine Frage der Qualität. Es gibt sehr gute Architekten, die keine Möbel entwerfen können und es gibt sehr gute Designer, die nicht in der Lage sind, Raum zu begreifen und mit ihm umzugehen. Ich zum Beispiel, habe kein gutes Raumverständnis. Das von uns entworfene Haus ist sehr klar und einfach strukturiert, es basiert auf keiner komplizierten Entwurfsidee. Aber ich bin mir sicher, dass es für Designer und Architekten hilfreich ist, in verschiedenen Maßstäben zu arbeiten. Architektur, wie sie heute gebaut wird, ist zu verplant – es fehlt die Verbindung zum Leben. Heute geht es immer nur um den Raum. Natürlich ist Raum wichtig, da er die Basis ist. Aber ihm gegenüber werden die Bedürfnisse der Menschen zu sehr außer acht gelassen. Dinge, die die Sinne ansprechen, wie Oberflächen, Haptik, Akustik oder Lichteinfall.
Und Ihr schwimmendes Haus erfüllt diese Kriterien?
Seine Struktur ist ganz einfach: Es besteht aus Aluminiumwänden, die mit Holzpanelen verkleidet sind und an denen Kletterpflanzen bis zum Dach hinauf ranken. Diese Pflanzen lassen die Struktur des Hauses unter ihren Blättern verschwinden und schotten den Bewohner von Außen ab. Das Haus hat eine Fläche von circa 110 Quadratmetern, die nicht direkt in einem Wohn- und Arbeitsbereich gegliedert ist. Es ist noch nicht fertig, soll aber noch in diesem Jahr auf der Seine schwimmen.
Warum sind Sie Designer geworden?
Ich war schlecht in der Schule, aber begann früh zu zeichnen. Ich habe Design gar nicht gewählt, es fiel mir einfach zu. Mit 18 besuchte ich eine sehr schlechte Designschule, aber ich beschwerte mich nicht, da ich nicht der Typ bin, der sich beschwert. Ich machte mir nichts aus Gruppenarbeit und begann für mich selbst zu arbeiten. Ich zeichnete sehr viel, ich wollte ergründen, warum mir das Design der Professoren, ihre Art zu entwerfen, die Art und Weise, wie sie über Design redeten, nicht gefiel. Also entwickelte ich meine eigenen Entwürfe und stellte sie recht bald auf Ausstellungen aus. Die ersten kleinen Erfolge kamen ziemlich schnell. Und dann half mir Erwan, mein jüngerer Bruder. Er war sehr gut in der Schule und machte immer sehr viele Dinge. Nachdem er die Schule beendet hatte, arbeitete er bei mir als Assistent. Er war damals 20 und ich 25 Jahre alt. Auch er wählte nie Design als seinen Beruf, sondern kam zu mir, um mir zu helfen.
Geben Sie in der Zusammenarbeit den Ton an?
Nein, gar nicht. Wir beiden treffen sämtliche Entscheidungen gemeinsam und führen jedes Projekt bis zum Schluss zusammen durch. Zum Beispiel gehen 70 Prozent unserer Zeit gerade für ein Projekt drauf, das noch in der Entwicklung steckt. Dabei geht es uns nicht nur um das Endprodukt, sondern um die Forschung und die Faszination des Neuen. Wenn ein Prototyp fertig ist, gehen wir gleich in die nächste Phase über und treiben uns gegenseitig an.
Habe Sie ein Ziel als Designer?
Nein [lacht], außer dass ich mein Bestes versuche zu geben und dass ich dabei glücklich bin. Oft bin ich nicht sehr glücklich, mit dem was ich tue. Ich versuche interessante Dinge zu machen und bin mit den meisten zu frieden. Ich mag meine Arbeit.
Sehen Sie sich auch als Künstler?
Ich denke nicht, ich habe keine Ahnung. Für mich zeichnen wir alle an einem Skizzenbuch: Journalisten, Schriftsteller, Wissenschaftler, Architekten, Designer, Köche und im Moment kreieren wir viele Dinge, und nur wenige davon sind interessant. In zehn Jahren wird nur eine geringe Anzahl dieser Dinge überlebt haben. Mich beeinflussen einige Menschen, aber mir ist es gleichgültig, ob sie Künstler, Wissenschaftler oder Schreiber sind. Mich interessieren Menschen, die sich etwas Besonderem und Großartigem widmen. Sehr oft wird die Arbeit eines Designers mit der eines Kochs verglichen. Wir müssen uns mit sehr vielen Fragen beschäftigen, wie ein Koch. Auch wenn er die besten Zutaten nimmt, gibt er nach dem kochen zu viel Salz ins Essen, dann taugt es nicht mehr. Design ist genau das gleiche: auch wenn du eine schöne Form gestaltest und dabei gutes Material verwendest, kann die Überraschung groß sein, wenn der Komfort schlecht ist. Es sind viele kleine Dinge, die du zusammenbringen musst, wie ein Dirigent - um einen anderen Vergleich zu verwenden - der ein Stück mit 50 Musikern in einer guten Balance halten muss.
Vielen Dank für das Gespräch.
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