Ross Lovegrove

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Text: Norman Kietzmann und Hannah Bauhoff, 20.05.2009


Ross Lovegrove steht auf der spirituellen Seite des Designs. Geboren 1958 in Cardiff, Wales, studiert er bis 1980 Industriedesign an der Polytechnischen Universität von Manchester und macht 1983 seinen Master am Londoner Royal College of Art. Bereits in den frühen 80er Jahren beginnt er für Frog Design in Deutschland zu arbeiten und ist an der Entwicklung von Designklassikern wie dem ersten Sony-Walkman sowie dem ersten Apple Computer „SE/30“ beteiligt. Nach einem Aufenthalt als Berater für Knoll International in Paris wird er Mitglied des Designbüros Atelier de Nimes und entwickelt zusammen mit Jean Nouvel und Philippe Starck Designstrategien für Kunden wie Hermès, Louis Vuitton oder Dupont. 1986 gründet er mit Julian Brown sein erstes Designbüro in London und macht sich schließlich 1990 mit „Studio X“ selbstständig. Seine Produkte folgen mit ihrer organischen Formensprache dem computerbasierten „Blobdesign“ – lassen zugleich aber auch konkrete ergonomische Erfordernisse einfließen. Neben dem Umgang mit neuen Materialien und Produktionsmethoden spielen auch ökologische Aspekte eine immer stärkere Rolle in seinem Werk. So entwickelte er solarbetriebene Straßenlaternen für Wien, eine Solarfahrzeug-Studie für Swarovski sowie eine dank Wind- und Solarenergie autarke Bergstation in den italienischen Alpen. Wir trafen Ross Lovegrove in Köln und sprachen mit ihm über denkende Designer, experimentelle Bäder sowie seinen Sinn für Spiritualität.



Herr Lovegrove, mit Ihrem Londoner Büro gehören Sie zu den meist beschäftigten Designern unserer Zeit. Wie würden Sie jemanden beschreiben, was Sie tun?


Ich bin ein Bildhauer, ein Künstler. Aber ich arbeite technologisch. Wenn Leute zu mir kommen, bekommen sie mehr von mir als nur Design. Ich bin auch ein guter Stratege, weil ich mittlerweile sehr genau weiß, wie die Designwelt funktioniert. Als ich einmal mit Philippe Starck in Miami war, sagte ich ihm, dass ich kein Designer sei. Ich wollte seine Reaktion darauf sehen. Als er mich fragte, was ich sonst sei, bat ich ihn, es mir zu sagen. Und dann schaute er mich an und meinte: „Du bist ein ‚Evolutionary Biologist‘! Und weißt Du warum? Weil Du das Gesicht dafür hast.“ (lacht) Natürlich war das eine Provokation. Denn jeder ist heute ein Designer und alles ist plötzlich Design. Ich bin daher auch nicht ganz sicher, ob ich ein Designer sein möchte. Ich bin ein Denker. Ich mache mir Gedanken darüber, warum diese oder jene Dinge existieren sollen. Für die Öffentlichkeit ist es in Ordnung, wenn sie mich nur als Designer sehen. Aber ich für mich persönlich möchte mehr als das. Ich möchte den Dingen, die ich mache, einen Sinn geben.

Was macht den Sinn des Design für Sie aus?

Ich denke, gutes Design ist immer Bildung für die Menschen. Und es steht am Ende eines komplexen Prozesses. Designer wie Achille Castiglioni, Vico Magistretti oder Dieter Rams waren in erster Linie Denker und haben erst viel später aus ihren Überlegungen dreidimensionale Formen entwickelt. Diese Betrachtung ist fundamental. Doch darin liegt auch das Problem der heutigen Designausbildung. Den Studenten wird nicht mehr beigebracht, zu denken, sondern nur noch zu machen. Sie kopieren dann bei diesem oder jenen Designer. Aber sie kopieren etwas, das sie überhaupt nicht begreifen. Designer wie ich sitzen sehr lange, bevor sie zum Stift greifen und etwas aufzeichnen. Es geht um die Frage, warum man etwas entwerfen möchte. Und es geht darum, nicht abzuheben mit den Dingen, die man macht. Die Wissenschaft, die neue Medikamente entwickelt, ist viel wichtiger ist als die Welt des Designs. Mit dieser Einstellung bleibe ich sehr einfach, beweglich und zufrieden. Das ist sehr wichtig, wenn man Menschen überzeugen muss.

Liegt darin Ihr Erfolgsrezept: auf dem Boden zu bleiben?

Ich denke schon. Ich komme aus einer Kultur, an deren Spitze der Poet steht und nicht der Hedgefonds-Manager. Ich habe eine keltische Seele. Ich bin mit der Erde verbunden. Als Designer muss man in einer Firma mit jedem arbeiten können und nicht nur mit denen, denen die Firma gehört oder die sie leiten. Auch wenn sie es sind, die über die Strategie und Zielsetzung bei einem Projekt entscheiden. Ohne einen Draht zu denen zu entwickeln, die weiter unten in der Hierarchie sitzen und die Produkte herstellen, bekommt man rein gar nichts produziert. Man kann vielleicht ein verführerisches Rendering entwickeln, aber mehr nicht. Der Test ist immer die Realität. Ich versuche daher, meine Produkte in der Realität noch besser zu machen als auf den Renderings zuvor.

Ein Projekt, an dem Sie bereits seit knapp fünf Jahren arbeiten, ist Ihre Kooperation mit dem türkischen Badhersteller Vitra-Bad. Wie verlief dort der Prozess der Zusammenarbeit?


Ich hörte ihnen erst einmal zu. Die Firma ist einer der größten Keramikproduzenten weltweit, doch was ihr noch fehlte, war so etwas wie ein guter Freund. Jemand, der ihr hilft, zu wachsen und das Design zu verstehen. Sie waren unglaublich motiviert, ein gutes Designunternehmen zu werden. Ich kam dann für neun Monate regelmäßig nach Istanbul, allein um zu verstehen, wie man Keramiken und Bäder herstellt und auf welche Aspekte es zu achten gilt. Danach wußte ich sehr genau, was ich machen sollte und habe in den folgenden neun Monaten insgesamt 176 neue Produkte entwickelt. Das hat bisher niemand getan. Die meisten Designer wissen oft nicht, was sie machen sollen und beißen sich gerade deswegen am Thema Bad die Zähne aus. Der Grund für ihr Scheitern ist, dass Keramik eine ganz eigene Wertigkeit, Erinnerung und Leben besitzt, die man zuerst verstehen muss.

Was haben Sie in dieser Zeit über Keramik gelernt?

Dass das Material das Plastische mag, die Form. Darum habe ich sehr intensiv an ihr gearbeitet. Keramik ist eine Art Gestein, das durch einen Kochprozess verflüssigt und anschließend wieder erhärtet wird. Ich habe als Designer vielleicht nicht alles technische Wissen, aber ich habe einen guten Instinkt dafür, was möglich ist und was nicht. Als ich mit dem Direktor der Produktion sprach und ihm meinen Entwurf für eine Badewanne zeigte, sagte er mir, dass es nicht möglich sei. Ich bat ihn, es dennoch zu versuchen. Er sagte: „Herr Lovegrove, Sie verstehen nicht. Es ist nicht möglich, diese Form herzustellen.“ Und ich bat ihn wieder aufs Neue. Das ging fast 80 mal auf diese Weise hin und her, bis ich dachte, dass er mir noch eine runter haut. Als ich sechs Wochen später wieder in der Fabrik war, hatten plötzlich alle ein Lächeln auf den Lippen. Sie hatten es geschafft und waren unglaublich stolz darauf. Ich denke, dass dies auch ein wichtiger Teil meiner Arbeit ist. Ich bringe die Menschen dazu, stolz auf ihre Arbeit zu sein. Und dieser Stolz ist später auch in den Objekten spürbar. Sie bekommen eine andere Qualität. Darüber hinaus habe ich sie so dazu gebracht, Dinge herzustellen, die andere Firmen nicht kopieren können. Die Istanbul-Kollektion zum Beispiel lässt sich nicht kopieren.

Das klingt sehr zielgerichtet. Sind Sie bei Ihrem eigenen Designprozess ebenso streng mit sich?

Zu mir kommen immer wieder Leute, die sagen, dass man bei all meinen Projekten immer meine DNA erkennt. Egal ob es Produkte für ein Unternehmen in Japan, Frankreich, Italien oder die USA sind, sie erkennen immer mich. Ich denke, Firmen sollten das auch von den Designern fordern, mit denen sie arbeiten. Das erfordert aber auch eine präzise Organisation. Ich arbeite mit der neuesten Software, den am weitesten entwickelten 3D-Druckern und Methoden. Wir sind derzeit 15 Personen in meinem Büro. Es braucht drei bis vier Jahre für mich, um meine Mitarbeiter so auszubilden, dass sie mich verstehen. Ich arbeite dabei wie ein Bildhauer mit seinen Assistenten. Wir laufen wie ein gut geölter Mechanismus, bei dem mich mein Team unterstützt. Auf diese Weise schaffe ich es, alle Produkte immer noch selbst zu entwerfen. 

Sie sprachen gerade den Umgang mit neuen Technologien an. Arbeiten Sie selbst auch am Computer?

Nein, ich rühre keinen einzelnen Knopf an. Dafür habe ich auch gar nicht die Zeit. Ich bin allein in dieser Woche jeden Tag in einem anderem Land. Gerade gestern war ich noch in New York, heute in Köln, morgen geht es weiter nach London. Ich zeichne in meinen Notizbüchern aus Papier, da sie ohne Batterien funktionieren. Wenn ich fertig bin, editiere ich meine Arbeit, bevor ich mit meinen Assistenten spreche. Sie scannen meine Bücher und dann schauen wir sie uns am Computer an. Auf diese Weise entwickeln wir die Ideen weiter. Anschließend gebe ich ihnen die Freiheit, die Projekte separat voran zu bringen.

Haben Sie eigentlich schon als Kind gedacht, später einmal Designer zu werden?


Als ich jung war, habe ich in der Schule kochen gelernt. Ich wollte Chefkoch in einem Restaurant werden. Ich war zu der Zeit 14 Jahre alt. Keiner von den anderen Jungs in meinem Alter hat sich damals für Kochen interessiert. Aber ich habe das sehr genossen, da mich die Transformation der Materialien fasziniert hat. Man nimmt ein Ei oder eine Kartoffel und macht etwas ganz Wundervolles aus ihnen. Wäre ich wirklich Koch geworden, würde ich heute wahrscheinlich auch Äpfel machen, die wie Orangen schmecken – all diese Dinge, die derzeit so angesagt sind. Die Ironie dabei ist, dass ich prätentiöses Essen gar nicht mag. Denn es gibt so viele Menschen, die überhaupt nichts zu essen haben. Prätentiös zu sein in Bezug auf Essen, das tut mir weh. Ich kann alles essen. Selbst Toast, das eine Woche alt ist, wenn es sein muss. Ich hätte damit kein Problem. Ich mag das Prätentiöse nicht. Aber ich mag das Experimentelle. Ich denke, man muss auch ein wenig herum spinnen, um Dinge zu finden, die andere nicht finden. Das braucht Zeit, Geduld und auch die richtige Unterstützung. Das Gute ist, dass man mir mittlerweile vertraut bei dem, was ich mache.

Sind Sie eigentlich religiös?

Nein, ich bin Atheist. Ich bin ein Mann der Fakten und Zahlen. Aber ich bin ein sehr spiritueller Mensch. Und ich versuche das in meine Arbeit zu tragen. Auch wenn das ein wenig verrückt klingt: Aber die Form eines Ellenbogens und die Weise, wie sich ein Arm bewegt, sind für mich eine sehr schöne, weiche, sinnliche und spirituelle Idee. Die Plastiken von Henry Moore sind auch auf ihre Weise eine religiöse Erfahrung. Sie sind etwas sehr Kraftvolles, das die Energie nach außen trägt, die in sie hineingesteckt wurde. Ich denke, dass gilt auch für andere Bereiche. Wir sollten aus allem Negativen etwas Positives machen können. Aber dafür müssen wir das Leben von den unnötigen Dingen befreien. 5000 Euro für eine Handtasche zu bezahlen, ist nicht richtig, wenn Menschen in anderen Ländern sterben. Ich sage immer, die erste Welt braucht Hilfe. Die dritte Welt sicher auch. Aber häufig sieht man dort glücklichere Menschen, weil sie nicht all die Dinge besitzen wollen, mit denen wir uns umgeben. Aber da wir es sind, an denen sich die Dritte Welt orientiert, müssen wir uns verändern.

Welchen Beitrag können Designer hierbei liefern? Sie selbst haben ja auch bereits ein solarbetriebenes Auto entworfen...

Ich mag die Welt der Wissenschaft, da man dort auf Menschen trifft, die wirklich etwas bewegen. Das Projekt mit dem Solarfahrzeug entstand, als ich auf einer Konferenz in Cambridge eingeladen war, um über den Klimawandel zu sprechen. Ich bin dort immer der einzige Designer. Das macht mich zugleich auch immer sehr nervös. Denn ich möchte nicht dumm erscheinen. Ich traf dort Menschen wie die Assistentin von Stephen Hawking oder den Mann, der den 3D-Drucker erfunden hat. Zum Schluss kam die Cambridge-Universität auf mich zu und fragte, ob ich nicht ein Solarauto entwerfen könnte. Sie hatten natürlich kein Budget für dieses Projekt zur Verfügung. Also sprach ich mit mehreren Leuten, um genügend Geld einzusammeln, damit es ein wirklich ernstzunehmendes Projekt wird. 2006 haben wir das Ergebnis dann in Mailand präsentiert. Natürlich kann man das Leben immer nur in kleinen Schritten weiterentwickeln. Es gibt nicht den großen Sprung von einen Tag auf den anderen. Dennoch ist es wichtig, weiter nach vorne zu schauen und einen Beitrag zu leisten. Wenn sich die Welt gerade jetzt verändert, weil sie sich verändern muss, ist dies doch der beste Moment, ein Designer zu sein.

Vielen Dank für das Gespräch.
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