Peter Cook

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Text: Norman Kietzmann, 07.10.2008


Sir Peter Cook wurde 1936 in Southend-on-Sea in der englischen Grafschaft Essex geboren. Schon während seines Studiums an der Londoner Architectural Association sorgte er als Mitbegründer
und führender Kopf der Architektengruppe „Archigram“ für Aufsehen, der er von 1963 bis 1976 angehörte. Gemischt mit einer reichlichen Prise Pop sprengten ihre Entwürfe die bis dato geltenden Vorstellungen von Architektur und erhoben Veränderlichkeit, Beweglichkeit und Interaktion zum obersten Prinzip. Während ihre Entwürfe selbst kaum mehr als Utopien blieben, ist ihr Einfluss auf die Entwicklung der Architektur unbestritten. Cook, der in den folgenden Jahren als Professor an verschiedenen Architekturschulen tätig war (unter anderem an der Bartlett School of Architecture in London, der Städelschule in Frankfurt am Main sowie Stationen am MIT, der UCLA und Harvard) brachte seine Architekturauffassung vor allem in seinen zahlreichen Publikationen und Ausstellungen zum Ausdruck, wie dem 2004 veröffentlichtem Buch „The City, Seen As a Garden of Ideas“. Das 2003 fertig gestellte Kunsthaus in Graz zählt bis heute zu den wenigen realisierten Arbeiten und fand als „friendly alien“ international Beachtung. 2007 wurde Cook, der derzeit auch an den Planungen für das Stadion der Olympischen Spiele in London beteiligt ist, für seine Verdienste auf dem Gebiet der Architektur von der Queen zum Sir geschlagen. Wir trafen Peter Cook in den Giardini von Venedig und sprachen mit ihm über die Architekturbiennale 2008 , die dunkle Seite des Debattierens und die mühevolle Suche nach Talent.


Sir Peter Cook, was ist Ihr Eindruck von der diesjährigen Biennale von Venedig? Die gezeigten Arbeiten müssen Sie doch reichlich gelangweilt haben, verglichen mit den Ideen, die sie einst in den Magazinen von Archigram publiziert haben.

Ich denke, es ist sehr schwierig in diesem Jahr. Alles ein wenig uneindeutig. Bei der großen Ausstellung im Arsenale sind schöne Dinge dabei. Greg Lynns Spielzeugsachen zum Beispiel sind einfach wunderbar. Als ich Wolf Prix vor ein paar Tagen traf, sagte er mir, dass seine Wolke nun so geworden ist, wie er sie sich immer erträumt hatte. Doch nun ist sie so perfekt, dass sie schon fast ein wenig steril ist. Sicher, sie ist größer und besser geworden als auf den früheren Modellen. Doch die Diskussion ist schon lange vorbei. Das gilt für die Biennale ebenso: Es ist eine gewisse Statik zu beobachten, denn schon vor zwei, drei Biennalen waren dieselben Dinge zu sehen. Was ich daher kritisiere, ist die Faulheit der Biennale-Organisatoren und in gewisser Weise ihr Konservatismus. Denn Arbeiten von MVRDV zu zeigen, hat mit Avantgarde nichts zu tun. Man entdeckt dabei gar nichts mehr. Über sie wurde schon so viel publiziert, dass man schon halb tot sein müsste, um noch nicht von ihnen gehört zu haben. Die Biennale ist vielleicht ein wenig zu langsam, um neue Talente tatsächlich zu bemerken. Dabei wäre es notwendig von den Biennale-Organisatoren, sehr viel Zeit damit zu verbringen, sich nach neuen Köpfen umzuschauen und mehr Risiko einzugehen.

Also weg von den altbekannten und immergleichen Namen?

Ja, ich kann Ihnen ein Beispiel davon geben: Vor einigen Jahren ist der frühere Redakteur der japanischen Zeitschrift A+U, Toshi Nakamura, die ganze Zeit um die Welt gefahren, um neue Leute zu entdecken. Er hatte ein ausgezeichnetes Netzwerk und sich ständig erkundigt, wo neue Architekten zu finden wären. Wenn zwei von ihnen denselben Namen genannt haben, ist er sofort losgefahren. Sein Magazin hatte zu jener Zeit – es existiert nun schon lange nicht mehr – eine enorme Sorgwirkung auf neue Talente. Ich denke, dass die Biennale-Organisatoren mit einem zu engen Kreis von Leuten zusammensitzen. Die Kuratoren der Länderpavillons, die sich in ihren eigenen Ländern viel intensiver umschauen, fragen sich dann, was dort los ist. Natürlich ist es schwierig und beansprucht eine Menge Arbeit. Doch ich denke, es gibt eine Menge Talent da draußen. Aber man muss hart daran arbeiten, um es auch zu finden.

Wird nicht auch in den Medien der Fokus zu sehr auf die großen Namen gesetzt?

Ja, das ist bedauerlich. Ich hatte ein sehr interessantes Beispiel davon vor ein paar Tagen. Ich traf eine junge Redakteurin, die einen Artikel für ein lokales Architekturmagazin über die Biennale schreiben sollte. Ihr Chefredakteur hat ihr zuvor gesagt, dass sie nur über Zaha Hadid zu schreiben brauche und der Rest unwichtig sei. Das ist unglaublich. Ich meine, Zaha war auch einmal eine junge, unbekannte Architektin – wobei sie unter uns gesagt schon als Studentin ziemlich bekannt war. Doch ich glaube fest daran, dass es in jeder Generation von Architekten gute Ideen gibt. Bei der letzten Biennale zum Beispiel gab es eine faszinierende Ausstellung im ungarischen Pavillon, aber niemand hat sie wirklich wahrgenommen. Ein paar Typen haben eine Installtion aus interaktiven Robotern und chinesischem Spielzeug entworfen, daran erinnere ich mich noch heute. Mittlerweile habe ich sie auch ein wenig kennengelernt. Das Spannende dabei ist doch, dass Ungarn ein Risiko eingegangen ist und ihnen den Pavillon überlassen hat.

Wie ist es mit Ihnen, haben Sie auch etwas auf der Biennale gezeigt?

Ich habe unter anderem den Pavillon von Zypern kuratiert. Auch wenn es ein sehr kleines Land ist, gibt es dort dennoch eine ganze Reihe von Architekten, von denen allerdings noch niemand über internationales Profil verfügt. Ich musste also sehr viel Zeit dafür verwenden, mich umzuschauen und suchen. Daneben habe ich einen Wettbewerb gemacht, wo junge Architekten aus der ganzen Welt eingeladen waren. Der Gewinner war ein Russe. So habe ich in dieser Runde herausgefunden, was für talentierte Leute es in Russland gibt. Ich denke, es sollte viel mehr solcher Dinge geben. Die Biennale sollte in erster Linie dazu da sein, neue Richtungen und neue Talente herauszufinden. Hinzu kommt, dass es besser wäre, ein nicht ganz so präzises Thema vorzugeben, um mehr Freiheit zu lassen.

Was halten sie von Länderpavillons? Haben Sie schon einen Favoriten?

Über den britischen Pavillon war ich sogar ein Stück weit bestürzt. Viel zu historisch und rückwärtsgewandt. Was mir sehr gefallen hat, war der belgische Pavillon. Es war sehr „cute“, ihn wie nach einer Party aussehen zu lassen und mit einer Gerüststruktur zu umhüllen. Die das gemacht haben, haben ein gutes Gespür für Ausstellungen. Der deutsche Pavillon war in diesem Jahr ein wenig müde, wie auch der österreichische. Ich denke, der deutsche Pavillon vor vier Jahren, den Francesca Ferguson kuratiert hat, war deutlich interessanter mit all diesen Projekten in den deutschen Vorstädten. Ich kann mich sogar heute noch daran erinnern wie auch an den ungarischen Pavillon vor zwei Jahren. Die Bilder davon habe ich noch immer in meinem Kopf.

Was denken Sie eigentlich über die derzeitige Architektenszene in Deutschland?

Ich weiß nicht wirklich, wie die Tendenzen derzeit in Deutschland sind. Doch was für die Deutschen frustrierend sein muss, ist, dass sie zwar eine Vielzahl von Architekten haben, doch niemand von ihnen bekannt geworden ist. In den ganzen Jahren, seitdem ich Architekt geworden bin, gab es höchstens Behnisch oder Ungers, die jedoch nur „Beinahe“-Stars waren. Das muss wirklich irritierend sein für ein so großes Land wie Deutschland. Die Österreicher haben mit nur einem Zehntel der Bevölkerung all diese großartigen Architekten hervorgebracht. Das ist sehr seltsam. Ich habe mehrere deutsche Freunde und mehrfach in Deutschland unterrichtet (etwa an der Städelschule in Frankfurt am Main, für die er auch 1992 den Neubau der Hochschulmensa entwarf, Anm. der Red.). Jedes mal, wenn ich zur Biennale komme, warte ich darauf, dass von Deutschland etwas kommt, das über das Regionale hinausgeht. Vielleicht möchte München ja nicht, dass Hamburg groß raus kommt oder umgekehrt. Ich verstehe es nicht. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass sich die Deutschen selbst ein wenig zu ernst nehmen. Doch das natürlich eine sehr einfache Erklärung.

Mit dem von Ihnen initiierten Dark Side Club haben Sie die interessanteste Off-Veranstaltung der diesjährigen Biennale ins Leben gerufen, wo zu nächtlicher Stunde Arbeiten gezeigt und anschließend lautstark diskutiert wurde. Wie kam dieses Projekt zustande?

Ich denke, dass Dark-Side-Phänomen ist wirklich notwendig. Es ist zwar nicht Teil des offiziellen Biennale-Programms, aber es ist da und man weiß, dass es da ist. Wir kamen auf die Idee, als ich Odile Decq and Paul Finch von einem Club in Melbourne erzählt habe, dem „Halftime Club“. In diesem konnten junge Architekten ihre Arbeiten präsentieren und haben darauf extrem harte Kritiken bekommen, die sie beinahe zerstört haben. Erst dann wurden sie als Mitglieder aufgenommen. Wurden die Mitglieder eines Tages zu erfolgreich, müssen sie aus dem Club wieder austreten. Das passierte übrigens auch allen drei Mitgliedern, die den Club einst gegründet haben (lacht). Ich fand das sehr interessant und sprach mit Rob und Odile darüber. Odile sagte dann: „Warum nennen wir ihn nicht den „dark side club“?“ Natürlich waren auch ein paar Flaschen Wein im Spiel, doch so fing das Ganze schließlich an. Ich denke, es ist nun ein wichtiger Teil der Biennale geworden. Als wir es vor zwei Jahren den ersten „dark side club“ gemacht haben, war er noch sehr englisch und London-dominiert. Diesmal hatten wir Leute auf New York, Los Angeles und Wien mit dabei. Die Diskussionen, die wir dabei hatten, waren sehr böse und spitz. Ich mache etwas Ähnliches übrigens jeden Montag in London.

Einen Debattierclub über Architektur?

Ja, ich lade Leute von allen möglichen Orten her ein. Vor allem Architekten, aber neulich war auch ein Science-Fiction-Autor dabei oder ein Akustiker, der zugleich auch Jazz-Musiker war. Einige waren sehr berühmt, andere noch vollkommen unbekannt. Anfangs war ich froh, wenn 30-50 Leute kamen. Zwei Jahre später waren es schon 200, vier Jahre später konnten wir sie nicht mehr in den Saal bekommen. Das passiert. Vor zwei Jahren hatte ich Zaha Hadid und Lebious Woods zusammen da. Ich wusste, dass sie alte Freunde waren. Beide haben zehn Minuten lang ihre Arbeiten gezeigt und dann habe ich sie wie in einem TV-Studio zusammengesetzt und sie befragt und zu einer Diskussion gebracht. Es ist also weniger eine Lesung als vielmehr eine polemische mit reichlich Tratsch und Spitzfindigkeiten beeinflusste Sache. Auch hier gibt es Wein. Vielleicht ist das die englische Art, über Architektur zu sprechen. (lacht)

Vielen Dank für das Gespräch.
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