Ulrike Brandi

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Text: Nina C. Müller, 24.02.2014

Flughäfen und Bahnhöfe, Museen und Bibliotheken, aber auch Einkaufszentren oder Kirchen: Das Portfolio der Lichtdesignerin Ulrike Brandi ist so vielfältig wie umfangreich. Sie ist verantwortlich für die Beleuchtung von mehr als 500 nationalen wie internationalen Großprojekten. Doch was sind die zukünftigen Aufgaben von Lichtplanern? Wir sprachen mit der Hamburgerin über ihr kürzlich gegründetetes Institut, Lichtverschmutzung und Dieter Rams.

Was fasziniert Sie am Thema Licht?
Licht ist ein wunderbares und vielschichtiges Gestaltungsmittel. Maler verwenden Farbe, Architekten schaffen Räume, Bildhauer gestalten mit Materialien. Das Licht betrifft alle, und insofern arbeite ich mit einem übergeordneten Medium oder Material. Das ist ein Geschenk. Mich reizt außerdem, dass Lichtdesign eine angewandte Kunst ist, ich schaffe Lichtsituationen für Menschen, die darin leben und arbeiten. Das Licht hat bestimmte Funktionen zu erfüllen, und so lerne ich in meinen Projekten über Museen und Ausstellungsinhalte, über Abläufe in Flughäfen und Krankenhäusern immer wieder dazu. Ein großes Thema in meinem Beruf ist die Wirkung von Licht auf die Gesundheit.

Ihr Professor war Dieter Rams. Was haben Sie von Ihm gelernt? Lassen sich seine Thesen des guten Designs auf Ihre Gestaltung mit Licht übertragen?
Von Dieter Rams habe ich gelernt, dass ein tolles Konzept und ein großer Entwurf nur im Zusammenhang mit der Liebe zum Detail wirklich gut ist. Das hat er uns vorgemacht und auch von uns abgefordert. Ja, natürlich lassen sich viele seiner Thesen auch auf das Lichtdesign übertragen. Aber es ist jetzt 30 Jahre her, dass Dieter Rams seine Thesen formulierte. Manche seiner Begriffe erscheinen aus einer anderen Welt zu stammen, überaus friedlich, andere, wie "innovativ" und "umweltfreundlich" wurden allgemein vereinnahmt und durchgekaut. Wer sie benutzt, versucht sich auf eine moralisch sichere Seite zu stellen. Ich mag Dieter Rams' Verständnis von Ästhetik, er verbindet damit das Wohlbefinden von Menschen. Oder seine Forderung nach Unaufdringlichkeit: Menschen soll der Raum zur Selbstverwirklichung gegeben sein. Das wünsche ich mir eins zu eins für eine gute Lichtplanung!

Licht ist ein immaterieller Stoff, den man weder haptisch noch akustisch erfahren kann. Was ist die Kunst, das Licht zu bändigen?
Gerade das Immaterielle, Vergängliche des Lichtes macht so viel Spaß. Morgens ist der Blick aus meinem Büro auf den Oberhafen und die HafenCity ganz anders als mittags, nachmittags und abends. Das genieße ich! Mir gefällt Ihre Frage nach der Kunst, das Licht zu bändigen. Heutzutage müssen wir das Licht der LEDs bändigen. Der große Lichtstrom, der aus kleinsten Lichtpunkten kommt, blendet uns. Jeder hat das schon mit dem Licht entgegenkommender Autos erfahren. Tja, wie bändigt man das? Indem man Prioritäten setzt: indem man nicht nur auf Effizienz achtet, sondern auch auf das Wohlbefinden des Menschen. Das betrifft nicht nur die Blendung, sondern ebenso die Farbtemperatur und Farbwiedergabe von Lichtquellen und natürlich die für bestimmte Raumfunktionen angemessenen Helligkeiten.

Sie konzentrieren sich auf den Bereich Lichtplanung. Warum gestalten Sie so wenige Leuchten?
Ich hätte Lust zu mehr Leuchtendesign, aber ich habe zu wenig Zeit dafür.

2013 haben Sie das Brandi Institute for Light and Design in Hamburg  gegründet. Dort können Absolventen der Disziplinen Architektur, Design, Innenarchitektur, Ingenieurwesen und Marketing ein dem Master entsprechendes Studium in Lichtdesign absolvieren. Warum, glauben Sie, braucht das Licht ein eignes Institut? Und warum gerade jetzt?
Ich musste feststellen, dass Studienabsolventen und junge Bewerber für mein Büro oft nur einen Aspekt der Lichtplanung kannten, entweder die technische Seite oder die gestalterische. Für mich gehört beides untrennbar zusammen. Außerdem gehören Kommunikationstechniken und - sehr wichtig - wirtschaftliche Aspekte dazu. Wir vermitteln all diese Aspekte in fünftägigen Kursen zu spezialisierten Themen. Wir, das sind wichtige und bekannte Lichtplaner-Kollegen und ich, die den Studierenden ihr Wissen praxisnah und lebendig vermitteln. Die Kurse können als ganzes Curriculum und auch einzeln besucht werden. Warum ich das jetzt wichtig finde: So viel Halbwissen, wie derzeit über Licht und Lichttechniken kursiert, ist schädlich für unseren Berufsstand! Starke Lichtplaner sind gut für den Planungsprozess und für eine schöne und gut funktionierende Architektur.

Welche Aspekte der Lichtgestaltung vermitteln Sie Ihren Studierenden? Und wie?
Wir verknüpfen die verschiedenen Aspekte der Lichtplanung wie Technik, Gestaltung, Planungsprozess, Kostenberechnungen miteinander. Wer Beleuchtungsstärken berechnet, erzeugt sie mit einer Musterleuchte, misst den Effekt und nimmt ihn sinnlich wahr. Wer in der Gruppe ein Konzept entwickelt, plant es mit vorhandenen Leuchten und berechnet die Kosten. Das hat einen direkten Bezug zur Realität. Außerdem geben Experten zum jeweiligen Thema kompakten Input. Als wir beispielsweise das Thema „Beleuchtung von Arbeitsplätzen" behandelten, gab es Expertenwissen über die Auswirkungen von Licht auf die menschliche Gesundheit.

Was macht einen guten Lichtplaner aus?
Ein guter Lichtplaner beobachtet Lichtphänomene ausgiebig und kann sie beschreiben, danach auch einsetzen. Er entwickelt ein klares Konzept, das mit der Architektur, der Landschaft, dem Ort und den Benutzern des Gebäudes korrespondiert.

Sie arbeiten an Projekten in der ganzen Welt. Gibt es kulturelle Unterschiede im Umgang mit Licht und Beleuchtung?
Ja, der wichtigste Unterschied im Umgang mit Licht beruht auf den verschiedenen Tageslichtsituationen an verschiedenen Orten der Erde. Auf der nördlichen Hemisphäre haben wir einen langen Sonnenuntergang mit einer lange dauernden Dämmerungsphase. Orangerote Sonnenuntergänge sind emotional sehr beeindruckend. Die Augen haben sich an die Dunkelheit gewöhnt und die Menschen empfinden warmweißes, dunkleres Licht als angenehm. Nah am Äquator verschwindet das Tageslicht abends schnell, wie „ausgeknipst" innerhalb von ein paar Minuten. Da „knipst" man das künstliche Licht „an" und bevorzugt es möglichst genauso hell wie unmittelbar vorher.

Wo Licht ist, ist auch Schatten: Wo sehen Sie Verbesserungsbedarf in der Beleuchtungsindustrie?
Ach, da greife ich nur ein Thema auf: Ich wünsche mir LEDs mit hoher Lichtqualität, also guten Lichtfarben und guten Farbwiedergaben, Techniken zur Entblendung der LEDs und manchmal auch Standardisierungen der Leuchtmittel.

Thema Lichtverschmutzung: Was denken Sie, wie können Lichtdesigner dieser Problematik entgegentreten?
Präzise dorthin strahlen, wo man das Licht wirklich braucht. Nicht blenden, dann sehen wir auch bei weniger Licht.

An welchem Projekt arbeiten Sie gerade? Und worauf kommt es Ihnen dabei an?
Am Satellitenterminal des Flughafens München setzen wir die großzügige und beiläufige Lichtatmosphäre des Terminals II fort. Auf einem Wohnhochhaus in Kuala Lumpur signalisiert das Licht auf dem riesigen Dachgarten das Leben, das dort oben stattfindet. Die Bäume darauf kann man dann sogar vom benachbarten Hauptbahnhof aus sehen. In einer Privatwohnung in Kaliningrad möchte der Bauherr mit möglichst wenigen Möbeln auskommen: Das Licht ist in die Möbel integriert und erzeugt eine gemütliche Stimmung. Im Museum für Naturkunde in Berlin betont das unprätentiöse Licht die Menge der aneinandergereihten Exponate der Sammlung. Apropos Ausstellung: Ich gehörte zum Beirat für Lightopia im Vitra Design Museum. Über tolle Designklassiker hinaus stellt sie die Auswirkungen von Kunstlicht auf unser Leben unter sozialen, architektonischen und städtebaulichen Aspekten dar. Diese Seiten von Licht sind mir wichtig.

Frau Brandi, wir danken Ihnen für das Gespräch.

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