Werner Aisslinger

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Text: Norman Kietzmann, 09.11.2016

Werner Aisslinger ist rastlos unterwegs. Er gestaltet Hotels, Restaurants und Büros. Und nebenbei findet er noch Zeit fürs Entwerfen von Möbeln und Einrichtungsgegenständen. Wir trafen den Berliner Designer in Köln und sprachen mit ihm über luftige Büromöbel, farbige Arbeitswelten und warum seine bevorstehende Soloausstellung in der Münchner Neuen Sammlung von Robotern mit Strickpullovern bevölkert wird. 

Herr Aisslinger,  auf der Büromesse Orgatec haben Sie Ihren jüngsten Entwurf vorgestellt: Das Möbelsystem Mesh von Piure. Worin unterscheidet es sich von herkömmlichen Kastenmöbeln auf dem Markt?
Wir wollten bei diesem Programm etwas komplett anderes machen. Und das hieß in diesem Fall, die Flächen aufzulösen. Alle Hersteller von Regalen und Schränken arbeiten mit Plattenmaterialien wie MDF oder Pressspan, die einfach zusammengeschraubt und mit Scharnieren bestückt werden. Das ist praktisch und funktional. Doch über die Jahrzehnte kann das niemand mehr sehen. Darum haben wir ein Rahmensystem aus Aluminium verwendet, das sich mit unterschiedlichen Materialien wie Glas oder Lochblech bestücken lässt. In Zukunft können wir auch andere Werkstoffe einbringen wie Textilien, die für die Schallabsorption sehr wichtig sind. Als Hybridmöbel funktioniert Mesh für den Contract-Markt genauso wie für den Wohnbereich.

Glas und Lochblech bringen Transparenz ins Spiel: Eine Qualität, die bei Büromöbeln eher selten anzutreffen ist. Was ist der Grund für diesen Wandel?
Ein Arbeitsthema für dieses Programm ist das durchlässige Büro. Man schaut überall hindurch. Es gibt keine Wände, keine Barrieren. Große Regale können ja auch Trennwände sein. Damit Teamarbeit und offene Kommunikation gefördert werden, müssen auch die Möbel transluzent sein. Darum war es bei Mesh wichtig, dass es eine osmotische Stimmung gibt und man überall durchgucken kann. Ich glaube, dass Mobbing in offenen, durchlässigen Büros weit weniger stattfindet als in abgeschirmten Hinterzimmerchen und schwarzen Löchern, wo einer den anderen anmachen oder zusammenstauchen kann.

Mesh für Piure, 2016
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Ein Nebeneffekt davon ist, dass auch die Arbeitsutensilien stärker ins Blickfeld geraten. Was hat es damit auf sich?
Es gibt im Wohnen schon länger die Tendenz, dass Menschen zu Sammlern werden und nicht mehr zu Bücherlesern. Die Menge an Büchern, die man im Regal zuhause unterbringen muss, nimmt tendenziell ab – selbst wenn man zum Bildungsbürgertum gehört. Daraus ergibt sich der Wunsch, Objekte, Sammelstücke oder Mitbringsel von Reisen in Vitrinen auszustellen. Ein anderer Grund ist der Bezug zur Architektur: Gebäude lösen sich mit Glasfassaden und gläsernen Trennwänden zunehmend auf. Wenn die Möbel in solchen transparenten Räumen als schwere Blöcke stehen, wirkt das ziemlich altbacken. Indem das Licht durch Schränke und Sideboards hindurch scheint, schließen die Möbel zur Architektur auf. 

Eine weitere Besonderheit von Mesh ist der Einsatz kräftiger Farben wie rot, gelb oder einem hellen blau. 
Mesh gibt es natürlich auch schwarz und grau. Doch es ist mir wichtig, dass wir auch knackigere Signalfarben haben. Selbst im Büro, wo alles rationaler ist, haben die Möbel etwas Subjekthaftes. Sie besitzen eine eigene Identität und Persönlichkeit und bilden ein Interface zu dir als Mensch. Ich glaube, dass Farbe im Büro wichtiger ist als zuhause, wo es sehr viele dekorative Objekte gibt. Darum muss man sich dort mit Farbe zurücknehmen. Im Büro hingegen ist es wichtig, die rationale Atmosphäre zu brechen. 

Was wird in der Bürowelt überwiegen: Eine Einrichtung aus einem Guss durch flexible Baukastensysteme oder doch eher die Collage, wie sie am Stand von Vitra zu sehen war?
Eine Bürowelt ist ohnehin eine Collage. Man stellt zu Tischen und Schränken ebenso Stühle, Leuchten und Accessoires hinzu. Es ist also niemals eine monochrome Welt, es sei denn, man richtet alles mit einem Unternehmen ein. In diesem Falle ist die Collage eine gute Lockerungsübung. Doch ich glaube, dass es schlau ist, wenn Basismöbel wie Schränke oder Tische in ein System eingebunden werden. So lassen sich ganze Landschaften bauen. Im Zusammenspiel mit allem, was sich in der Architektur bewegt, kommt am Ende sowieso eine Collage zustande. Sie entsteht auf ganz natürliche Weise und muss nicht artifiziell erzeugt werden.

Büros sind heute auch ein Stück weit Erlebnisorte geworden. Genauso wie Hotels. Gibt es hierbei eine Verbindung?
Die Leute wollen in Hotels inspiriert und überrascht werden. Es geht dort um ganz reale Erfahrungen und Erinnerungen. Der Hospitality-Bereich ist an dieser Stelle weit vorne. Doch überträgt sich das auf andere Bereiche. Weil die Hotels angefangen haben, immer großzügigere Bäder zu bauen, haben sich auch die Erwartungen an unser eigenes Zuhause verändert. Heute sind Bäder aufwendig inszenierte Reiche und keine Funktionszellen. Umgekehrt haben die neuen Hotellobbys und Bars auch die gemeinschaftlichen Bereiche in Büros beeinflusst. Ich bin im Moment sehr viel in der Innenarchitektur unterwegs. In Paris entwerfen wir gerade die Büros für eine junge, coole Start-up-Firma. Das wird irrsinnig spannend. Sie haben im einzigen Parkhaus am Montmartre die obersten Stockwerke gemietet mit Blick über die ganze Stadt. Ihr Briefing war sehr eindeutig: Sie wollten ein betont wildes und experimentelles Büro. Dass sie sich an uns gewandt haben, hat sicher auch mit unseren Hotelprojekten zu tun.  

Inwieweit übertragen sich Erfahrungen aus der Innenraumgestaltung auf die Planung einzelner Möbel und Systeme? 
Die Inneneinrichtung ist natürlich immer ein Feedback zum Produktdesign. Als junger Produktdesigner habe ich oft Tische oder Stühle gemacht. Als ich dann mit dem Hersteller gesprochen habe, waren sie nicht sicher, ob man das so braucht oder ob es seinen Platz findet. Aber wenn ich den Testfall mit einer Inneneinrichtung mache, kann ich immer sagen: „Ich brauche einen solchen Stuhl in meinen Hotel oder Bürokonzept.“ Wenn man zwischen Anwendung und Produktdesign Pingpong spielen kann, lässt es sich nicht nur gut argumentieren. Man kann Dinge vorschlagen, die anwendertauglicher sind. 
House of Wonders, Neue Sammlung München, Foto: Anna Seibel
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Einen Ort zum Wohnen, Leben und Arbeiten inszenieren Sie für Ihre Ausstellung House of Wonders, die ab 10. November in der Paternoster-Halle der Neuen Sammlung in München eröffnet. Was wird dort zu sehen sein?
Für die Ausstellung haben wir uns richtig ins Zeug gelegt. Wir wollten mehr als nur ein paar Stühle aus den letzten zwanzig Jahren ausstellen. Das House of Wonders ist eine analoge Wohn- und Lebensvision: ein bewusster Gegenentwurf zum Smart-House. Kühlschränke, die selber einkaufen und mit der Waschmaschine kommunizieren oder Steuerungssysteme, mit denen ich die Heizung vom Auto aus anschalten kann, sind sinnlose Zielvorstellungen, die sich die Industrie selbst auferlegt hat. Natürlich werden diese Dinge früher oder später sowieso Alltag werden. Aber dann eher als Haustier. 

Inwiefern?
Wir haben eine Drohne, die einen programmierten Weg fliegen und beim Wäscheaufhängen helfen wird. Frei nach dem Motto: Die Drohne ist zwar Hightech. Doch wir nutzen sie als Haustier und sie bekommt eine Arbeit zugeteilt. Vor ein paar Jahren haben wir das Projekt Chair Farming gemacht und angedeutet, dass Stühle künftig aus Pflanzen wachsen können. Darum gibt es auch einen Gartenroboter, den wir in unserem Büro entwickelt haben und der in der Ausstellung an Ackerfurchen entlangfahren und Product Farming betreiben wird. Der Roboter trägt einen Strickpullover als Zeichen domestizierter Technik. Wir machen ihn zum sympathischen Maskottchen, das der Technikeuphorie ein wenig Wind aus den Segeln nimmt. Statt vor den Robotern Ehrfurcht zu haben oder sie zu glorifizieren, verleiben wir sie einfach in den analogen Alltag ein.

Vielen Dank für das Gespräch.

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