Wie big ist BIG: Kai-Uwe Bergmann

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Text: Jeanette Kunsmann & Stephan Burkoff, Foto: David von Becker, 18.10.2016

Einer wie er ist entschlossen, erfolgreich und: überraschend sympathisch. Entspannt sitzt BIG-Partner Kai-Uwe Bergmann auf einem der gemütlichen Sofas im Hotel Stue – nach dem Interview will er noch kurz ein paar ehemalige „Bigster“ treffen, die jetzt in Berlin wohnen, bevor er am Abend im Rahmen des Weltkunstsalons über das Projekt für die Schweizer Luxusuhrenmanufaktur Audemars Piguet reden wird. Im Hintergrund erklingt die heisere Stimme von Bob Dylan, Kai-Uwe Bergmann hustet manchmal laut – und er lacht viel. Sein Deutsch sei ein bisschen unscharf, meint er, weil er bereits im Alter von sechs Jahren in die USA eingewandert ist. Stimmt doch gar nicht.

Herr Bergmann, Sie arbeiten seit 2006 für Bjarke Ingels und sind als einer von 12 Partnern bei BIG ziemlich präsent. Was hat sich in den letzten zehn Jahren verändert?
Das Allergrößte ist vielleicht, dass wir die Ideen, mit denen wir in Kopenhagen und Skandinavien angefangen haben, jetzt auf Weltebene bearbeiten können. Wir haben ja vor sechs Jahren ein Büro in New York eröffnet und vor ein paar Monaten eins in London. Das gibt uns eine stärkere Bandbreite für Themen wie Wohnungsbau, Städtebau und Infrastruktur.

Sie sagen, dass Sie die Ideen aus Skandinavien in die Welt tragen: Was ist denn dann der Kern der Architektur von BIG?
Wenn man Bjarke als Person betrachtet: Er ist in Dänemark geboren und dort aufgewachsen, zum Studium dann nach Barcelona gegangen und hat dort gearbeitet, danach kam dann seine Zeit bei OMA und die Zeit in Seattle, wo er die Bibliothek entworfen hat. BIG und Bjarke sind für mich eine Mischung aus dem skandinavischen „Sozialsein“, mediterranem Schwung und amerikanischem Can-Do-Spirit. Da ich auch europäisch, aber in Amerika aufgewachsen bin, ist mir diese Arbeitsweise sehr nah. Es ist interessant zu sehen, wie wir nun in den Welten von Europa und Amerika unseren Weg finden. Auf der einen Seite prägt uns eine soziale Verantwortung, die man in den USA so nicht fühlt, und gleichzeitig auf der anderen Seite eine „Can-do-ness“, die in Europa etwas fehlt.

Und was ist die Architektur von BIG nicht – was würden Sie niemals bauen?
Wir haben ja schon in vielen Ländern gearbeitet, auch in Aserbaidschan und im Nahen Osten. Ich glaube, wo wir einen Strich ziehen: Wir sind keine Architekten, die für Megalomanen arbeiten oder für Projekte, an die wir nicht hundertprozentig glauben. Wir haben an einer Bibliothek in Kasachstan gearbeitet, weil wir eben denken, dass die Bibliothek eine Typologie ist, die die Menschen dort brauchen. Aber wir bauen keine Monumente für Despoten.

Welche Rolle spielt Ihrer Meinung nach heute gute Architektur?
Also, gute Architektur entsteht natürlich immer mit einem guten Bauherren. Ich nenne das einen „perfect storm" von Menschen, die zusammenkommen, um etwas zu bewegen. Da ist Skandinavien wieder ein interessanter Ort. Die letzten 16 Jahre waren eine Zeit, in der man sich „billiges Geld" leihen konnte, es mutige Bauherren gab, die bereit waren, etwas zu wagen, und man hatte den politischen Willen, etwas zu bewegen. Das hat zu einer wirklichen starken Architekturszene geführt: Viele skandinavische Architekturbüros sind gerade im Aufschwung. Und wenn wir uns nun ein Projekt wie BIG U anschauen, das durch ein fruchtbares Erlebnis, den Sturm Sandy mit 20 Milliarden Dollar Schaden zustande kam... Da sieht man, wie in einer Katastrophe plötzlich auch die Möglichkeit für etwas Neues entsteht. In New York arbeiten jetzt 30 Organisationen zusammen. Der Bürgermeister von New York hatte vorher niemals das Wort Klimawandel benutzt, geschweige denn diesen berücksichtigt.

BIG realisieren zusammen mit Atelier Brückner und den Ingenieuren Lüchinger + Meyer das „Maison des Fondateurs“, einen Neubau für die Luxusuhrenmanufaktur Audemars Piguet im schweizerischen Vallée de Joux.
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Auf der einen Seite sprechen Sie darüber, dass BIG nie für Despoten bauen würde, und auf der anderen Seite reden Sie über Projekte wie BIG U und den schnellen Zusammenschluss. Braucht Architektur eigentlich einen Grund?
Architektur spiegelt immer die Zeit wider, in der sie stattfindet. Noch ein anderes Beispiel aus Paris: Natürlich spielt dort der Wohnungsbau gerade eine große Rolle, aber auch die Landwirtschaft ist wichtig. Die Bauern haben in Frankreich sehr viel politische Macht. Mit der „Europa City“ im Triangle de Gonesse bei Paris versuchen wir einen gemeinsamen Weg für diese zwei schwer miteinander vereinbaren Interessen zu finden, indem wir die landwirtschaftlichen Flächen auf den Dächern planen. Wir versuchen, durch die Architektur neue Wege zu finden. Das entsteht meistens durch Hybrid-Ideen, die zwei Komponenten aufnehmen. Ähnlich ist es auch mit unserem West 57th in Manhattan, das ein Hochhaus ist und gleichzeitig einen Innenhof hat: Es verbindet die besten Qualitäten von zwei verschiedenen Wohntypologien, um eine neue Typologie zu schaffen.

Nun ist die Idee begrünter Dächer nicht ganz neu – sind solche Ideen einfacher zu verkaufen, wenn man so erfolgreich ist wie BIG?
Begrünte Dächer ja, aber Agrarflächen auf dem Dach sind etwas Neues. Da stellt sich schnell die Frage, wie man die Bauern darauf vorbereitet, ihren Acker zukünftig in der sechsten Etage zu haben. Solche Prozesse werden niemals leichter, nur weil man einen Namen hat. Wenn man die Meerjungfrau von Kopenhagen nach China transportieren will, ist es nicht unser Name, der das erlaubt. Nein, Bjarke geht zum Parlament von Dänemark und muss dort die dänische Tea-Party überzeugen, dass diese Idee ein Zeichen von Offenheit und kulturellem Austausch ist. Denn wenn wir den Chinesen zeigen möchten, dass sie unser intellektuelles Eigentum nicht kopieren sollen, was ist besser, als einfach die echte Meerjungfrau dorthin mit zunehmen? Mit einer Kopie würden wir das Problem nur unterstützen. Die echte Meerjungfrau berührte die Seele, und das haben die Chinesen auch verstanden: Der Pavillon hatte über sechs Millionen Besucher: mehr als die Bevölkerung von ganz Dänemark!

Wie gewinnt man als Architekturbüro Wettbewerbe?
Das Geheimnis würde ich auch gerne wissen! Es gibt immer verschiedene Phasen und wir haben in letzter Zeit sehr viele zweite Preise bekommen. Ich glaube, das ist der Optimismus von einem Architekten, der immer Hoffnung behält.

Bei dem Wettbewerb der Schweizer Luxusuhrenmanufaktur Audemars Piguet haben Sie sich 2014 mit Ihrem Entwurf für den Museumsneubau der Firmenzentrale, das „Maison des Fondateurs“, gegen Konkurrenten wie Snohetta, Group 8 und Caruso St John durchgesetzt. Was ist das Besondere an dem Entwurf von BIG?
Ich würde sagen, dass man unseren Entwurf zeitgenössisch und gleichzeitig zeitlos fand. Das passt zur Marke, die gleichzeitig Innovationen präsentiert, sich aber auch auf tief verwurzelte Traditionen beruft. Mit der Doppelspirale versuchen wir, einen offenen Blick durch das Museum zu ermöglichen. Es gibt keine Säulen in dem Gebäude, allein die gebogene Glasfassade trägt das Dach. So entsteht dieselbe Spannung, die man auch in einer Uhr hat. Was sich in diesem kleinen Körper alles abspielt, wollten wir in ein Gebäude übersetzen.

Die Uhrenindustrie ist eine besondere Industrie. Wie lange beschäftigt sich denn ein Team bei BIG mit so einem Bauherren, bevor Sie anfangen zu konzipieren?
Die Frage geht zum Fundament des Wettbewerbes zurück: Wenn man einen Wettbewerb wie diesen bearbeitet, macht man zunächst eine Recherche vom Büro aus, das findet alles in einem Vakuum statt und man trifft dann auch Entscheidungen, die entweder ins Schwarze treffen oder komplett daneben liegen. Den Bauherren und seine DNA lernt man erst im nächsten Schritt kennen. Es gibt aber auch andere Wettbewerbe, bei denen man den Bauherren schon vorher trifft und sich der Entwurf eher anpassen kann. Und im dritten Fall bekommt  man eine Aufgabe direkt vom Bauherren ganz ohne Wettbewerb. Da sitzt man erst lange Zeit und lernt alle Zusammenhänge des Unternehmens kennen. Ganz unterschiedliche Wege also. Im Fall von Audemars Piguet haben wir in einem Wettbewerbsvakuum gearbeitet und erst im Nachhinein viel über den Bauherren, seine Geschichte und Uhrmacherei gelernt.

Woraus entstehen denn für Sie die besseren Projekte: aus dem Vakuum, aus dem Dialog mit dem Bauherren oder der direkten Aufgabe?
Das ist schwer zu sagen – es hat alles seine Stärken und Schwächen. Im Grunde finde ich es immer gut, wenn eine Diskussion entsteht. Mit dem Vakuum trifft man es oder nicht – so wie mit der Verbrennungsanlage in Kopenhagen, die eine Skipiste auf dem Dach haben wird. Die eigentliche Aufgabe war der Entwurf einer Hülle. Wir dachten: Wenn man ein wenig mehr ausgibt, kann die Hülle, die gar nichts macht, ein Dach sein, das etwas macht. Bei Wettbewerben von der Art gewinnt man einen von zehn.

Solche extraordinären Ideen entstehen wahrscheinlich weniger im Dialog und sind auch nie Teil der Aufgabe?
Nein, es sind Ideen aus dem Vakuum.

Der Neubau für Audemars Piguet ist nicht das erste Projekt von BIG, in dem eine Spirale die Hauptrolle spielt.
Ja, das stimmt: Der dänische Pavillon in Shanghai hatte einen Loop, aber das war ein temporärer Bau. Er hat ja die Bewegung zelebriert: Es war der einzige von 200 Pavillonbauten, durch den man durchradeln konnte. Für Audemars Piguet wird die Spirale ein Weg, wie man die Geschichte, das Handwerk und die Zukunft ausstellen kann. Gleichzeitig auch das Konzept einer Uhr und ihrer Spannung. Eigentlich ist das Gebäude eher eine Architektur der Uhrmacherei.

Das Konzept gab also die Form vor?
Genau.
Schleife in Shanghai: Dänischer Pavillon für Expo 2010 von BIG, Arup und 2+1, © BIG
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Was sind die Anforderungen an die heutige Museumsarchitektur?
Jeder würde da wahrscheinlich als erstes Stichwort Flexibilität nennen – aus kuratorischer Perspektive möchte man in einem Museum immer wieder neue Exponate zeigen und lebendig bleiben. Ich glaube aber, entscheidend ist die Interaktion zwischen dem Besucher und dem, was ausgestellt wird. Man muss etwas ermöglichen, das nicht nur den Menschen anspricht, sondern auch Erlebnisse erzeugt: entweder im Außen- oder im Innenraum, dass man etwas schafft, was es im Alltag nicht gibt. Deswegen geht man ins Museum.

Wie big ist BIG?
Momentan sind wir um die 400 Mitarbeiter – aber ich würde es so sagen: Wir würden gerne unter den 10–20 Büros sein, die man anruft, wenn man eine große Challenge hat: ein Projekt, für das viele Gedanken und Intelligenz gefragt sind.

Aber das ist BIG doch schon?
Na ja, ich weiß nicht… Was meinen Sie, wie viele fertiggestellte Gebäude wir haben?

Gute Frage, schwer zu schätzen: 50?
Nein, es sind nur 16!

Da kommen aber im nächsten Jahr eine Reihe vieler neuer Bauten hinzu.
Ja, es kommt viel im nächsten Jahr und Anfang 2018 wird auch die Skianlage in Kopenhagen eröffnet! Aber man muss sehen, dass wir in den letzten Jahren unser Potenzial sehr gut kommuniziert haben. Es gibt Bauherren auf unserem Weg, denen wir einfach sehr sympathisch waren. Ein Larry Page, der 43 Jahre alt ist, trifft Bjarke Ingels, der 42 ist, und beide verstehen sich. Das ist nicht so wie bei dem 32-jährigen Mark Zuckerberg und dem 80 Jahre alten Frank Gehry. Da gibt es einen Generationsunterschied!

Zum Schluss nochmal zurück zur Uhr: Welche Rolle spielt für Sie der Faktor Zeit?
Auf der einen Seite gibt es heute viele Möglichkeiten der Kommunikation, nicht zuletzt durch das Smartphone. Der Supercomputer der Achtzigerjahre passt heute in unsere Hosentasche. Das beschleunigt Entscheidungsprozesse, bedeutet aber nicht, dass die Arbeit besser wird – denkt man nur an das Sydney Opera House. Der Computer hätte diese Arbeit nicht schneller gemacht. Wir arbeiten heute viel, aber um gute Dinge zu bauen, so wie eine Uhr, das dauert einfach seine Zeit.

Tragen Sie denn eine Armbanduhr?
(lacht laut und schüttelt den Kopf) Nein! Ich trage gar keinen Schmuck außer meinen Ehering! Ich habe irgendwie meine innere Uhr, ich stehe morgens auch ohne Wecker auf. Für mich ist die Zeit in meinem Körper.


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