Wiel Arets

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Text: Katrin Schamun, 02.04.2008

Das Wohnen auf dem Mond interessierte Wiel Arets schon immer. Deshalb entschied sich der 1955 in Heerlen geborene Niederländer nach drei Wochen Physikstudium für die Architektur, die zu seiner Leidenschaft wurde. Nach Abschluss seines Architekturstudiums an der Technischen Universität Eindhoven gründete er 1984 das Büro Wiel Arets Architects, das heute seinen Sitz in Maastricht hat. Zu seinen bisher wichtigsten Bauten gehören die Kunst- und Architekturakademie in Maastricht (1990 - 1994) und die Universitätsbibliothek in Utrecht (1998 - 2004). Wiel Arets dozierte als Professor an verschiedenen Instituten, beispielsweise an der Architectural Association in London, der Cooper Union Columbia University in New York und am Berlage Institute in Amsterdam. Seit 2004 lehrt er auch an der Universität der Künste Berlin (UdK). Wir trafen Wiel Arets in der UdK und sprachen mit ihm über den Zusammenhang von Architektur und Design, sein Verhältnis zum Element Wasser und seinem neuesten Designentwurf, dem „Il Bagno Alessi dOt“.

Herr Arets, Sie sind einer der bekanntesten niederländischen Architekten, Ihre Bauten finden sich auf der ganzen Welt. Was fasziniert Sie an der Architektur, warum ist Architektur Ihre Leidenschaft?

Die Geschichte begann so: Nach der Schule habe ich angefangen Physik zu studieren, allerdings nur drei Wochen lang. Das Wohnen auf dem Mond hat mich schon immer fasziniert und mein Wunsch war es, daran mitzuarbeiten. Mein Großvater schenkte mir zum Geburtstag ein Buch über die „Die Geschichte des holländischen Wohnhauses“, das ich gleich las. Beim Lesen habe ich gemerkt, dass ein Physikstudium eigentlich gar nicht zu meinen Ambitionen passt. Obwohl Physik theoretisch ist und ich Theorie mag, wollte ich eigentlich doch Produkte und Häuser für den Mond entwerfen. Eines Morgens früh um 8.10 Uhr im Hörsaal habe ich zu mir gesagt, ich steh jetzt auf und gehe zum Dekan und sagte: Ich habe das Falsche angefangen zu studieren. Nachdem ich diesen Entschluss gefasst hatte, begann ich Architektur zu studieren und habe mich nie wieder gefragt, ob es das Richtige ist oder nicht. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht und das macht es immer noch. Ich finde, egal was man in seinem Leben macht, man braucht etwas, um über die Welt und die Dinge nachzudenken und für mich ist dies die Architektur. Vielleicht hätte ich auch Schriftsteller werden können, möglicherweise wäre das viel einfacher gewesen.

Aber das Handwerk der Schriftstellerei ist auch nicht einfach.

Ja, aber Architektur ist eines der komplexesten Themen überhaupt, es hat mit Stabilität und Sicherheit, oft mit viel Geld, aber auch mit Kunst und Verantwortung für die Gesellschaft zu tun. Ein Buch kann man schreiben und auch wenn niemand es liest, kann es trotzdem ein großes Buch sein. Aber wenn man ein Gebäude baut und es ist nicht gut, weil es Baumängel ausweist oder es einstürzen könnte, dann spielt Sicherheit eine große Rolle. Dieser Beruf bringt eine sehr große Verantwortung mit sich. Es ist vielleicht einer der verantwortlichsten Berufe der Welt.

Wie kamen Sie dazu Badprodukte für Laufen und Alessi zu entwerfen?

Schon während meines Studiums habe ich Objekte entworfen. Mein kleines Studentenzimmer richtete ich vollständig selbst ein und entwarf dafür Tisch, Stühle und alles andere. Bei meinen allerersten Projekten habe ich auch immer den Großteil des Mobiliars selbst entworfen. Die erste große Produktserie, trägt den Namen „Stealth“ und ich gestaltete sie für die Möbelfirma Lensvelt. Das ist eine schöne und interessante Reihe, mit Schränken und Tischen. Sogar Prinz Claus, der verstorbene Ehemann der niederländischem Königin Beatrix hat an meinem Tisch gesessen (lacht). Nachdem ich „Stealth“ entworfen hatte, rief mich eines Tages Alberto Alessi an und fragte mich, ob ich für das „Tea & Coffee Towers“- Projekt einen Entwurf machen würde. Natürlich wollte ich das und so entwarf ich ein Kaffeeservice mit Tee-, Kaffeetassen und einer Milchkanne sowie einer Zuckerdose. Danach fragte mich Alberto bei einem gemeinsamen Mittagessen, wie es mit dem Entwurf einer Espressokanne aussähe und auch die habe ich dann entworfen. Irgendwann während eines erneuten gemeinsamen Essens, stellte er mir die Frage, ob ich auch ein Badezimmer entwerfen könne. Ich gebe stets die gleiche Antwort auf eine solche Frage: „I don`t know“. Denn um etwas zu entwerfen, braucht man zunächst eine Idee, man kann sich nicht einfach hinsetzen und loszeichnen. Zu Beginn entstanden ein Waschtisch, eine Toilette, ein Bidet und ein Wasserhahn – heute umfasst die gesamte Serie 72 Einzelelemente.

Ihr Entwurf „Il Bagno Alessi dOt“ ist geprägt von klaren Linien und geometrischen Formen. Wie kam es dazu?

Eigentlich ging es darum, große Waschtische zu entwerfen – das war die Anfrage von Laufen. Die erste Idee war eine flache funktionale Fläche, wie sie bei der Untertasse des Alessi-Kaffee-Service verwirklicht wurde. Wenn Sie sich diese anschauen, dann sehen Sie, dass sie im Verhältnis zur Tasse recht großzügig bemessen ist: Und wenn man darauf ein Schokobonbon platziert, kann dieses nicht schmelzen.
Doch dann entschieden wir uns für kubische Formen mit glatten Seitenflächen, von denen jeweils eine schräg angeschnitten ist. Diese Schräge ist eine Besonderheit dieser Linie. Eine zweite Besonderheit sind die abgerundeten Ecken – die Objekte haben zwar eine geometrische Form, sind aber trotzdem nicht eckig, da alle Kanten und Ecken leicht abgerundet sind. Ein drittes Detail ist der Kreis, der dOt, den jedes Objekt enthält. Als die Formen feststanden, haben wir etwas Kurioses festgestellt: Unsere Visitenkarte, die wir seit Jahren in unserem Büro verwenden, hat ebenfalls abgerundete Ecken und die dazugehörige Vorlage war eine Kreditkarte. Unser Waschbecken hat genau diese Form mit den gleichen Proportionen – wir entdeckten diese Beziehung erst nachdem die Serie fertig war.

Was hat es mit der Aussparung auf sich, dem „dOt“?

Der „dOt“ ist für mich gleichbedeutend mit einem Tropfen Wasser. Das Buchstabenspiel kleines „d“, großes „O“ und kleines „t“ steht symbolisch für die gesamte Serie. Wasser ist für mich etwas sehr weiches. Ich habe immer das Gefühl mit etwas Rundem zu tun zu haben, deshalb der dOt.

Was verbinden Sie noch mit dem Element Wasser? Was bedeutet Wasser für Sie?

Es ist weich und entspannend. Ich glaube so empfinden es die meisten: Schwimmen möchte man eher in kaltem Wasser, in der Badewanne hingegen soll das Wasser eher warm sein. Wenn man Wasser trinkt, dann möchte man es kühl haben, als Tee soll es heiß sein, im Dampfbad ist es wieder anders. Wir haben eine ganz interessante Beziehung zum Wasser, wir trinken Wasser, wir entspannen im Wasser, wir reinigen uns mit Wasser. Als ich mit Alberto Alessi anfangs über das Thema Wasser geredet habe, wurde mir bewusst, dass es noch nicht lange üblich ist, eine eigene Toilette in der Wohnung zu haben, in Mitteleuropa erst seit Mitte des letzten Jahrhunderts. Und wer hatte schon eine eigene Badewanne oder Dusche im Haus? Die gesamte Badekultur ist erst seit kurzem mit dem privatem Haus oder der Wohnung verbunden. Früher gab es in jeder Nachbarschaft ein gemeinsames Waschhaus, in dem sich die Leute wuschen – heute entwickelt sich das private Bad zu einem immer wichtiger werdenden Raum. In Japan sitzt man beim Reinigen des Körpers auf einem Hocker und reinigt sich gründlich, bevor man sich unter eine Dusche begibt. Danach steigt man in eine mit heißem Wasser gefüllte Badewanne, die oft aus Holz gefertigt ist. In Europa dagegen begibt man sich in eine Badewanne, um sich zu reinigen und verharrt dann darin. Das ist ein sehr interessanter Unterschied zwischen den Kulturen. Für die Japaner war Wasser schon immer mit Entspannung verbunden, für uns Europäer hatte es bisher eher mit Reinigung zu tun.

Hat die Architektur Einfluss auf Ihr Design und umgekehrt?

Für mich gibt es da keine Grenze. Man entwickelt ein Konzept für etwas und dann fängt man an. Ob es eine Idee für einen Film ist, das Konzept für eine Ausstellung, ein Text oder ein Produkt – das Problem besteht eher darin, ob man in der Lage ist, das Konzept in ein Produkt umzusetzen. Als ich eine Uhr für Seiko und Alessi entworfen habe, bin ich diesbezüglich erstmals an meine Grenzen geraten. In der Architektur redet man von Metern, Zentimetern und Millimetern, aber beim Entwurf einer Uhr redet man von Zehntel Millimeter, wobei ein Zehntel Millimeter schon sehr viel ist. Ich würde nicht sagen, dass ich grundsätzlich alles entwerfen kann. Ich bin sehr interessiert an Mode, aber ich würde nicht sagen, dass ich Mode designen könne. Jedes Mal, wenn ich etwas entwerfe, weiß ich vorher nie, ob ich das kann und ob es das Produkt wirklich geben wird: „I`m always in doubt.“ Ich weiß nie, ob ich etwas kann, bevor ich es nicht probiert habe. Das Interessante an jedem Entwurf ist, dass man immer wieder bei Null anfängt. Und dabei bleibt stets der Zweifel. Ich glaube, man sollte immer Dilettant oder Amateur bleiben, bei allem was man tut. Denn sobald man sich als Profi in einem Metier fühlt, kommen die Schwierigkeiten, da man nicht mehr wirklich offen der Aufgabe gegenüber ist. Mich begeistern Filme sehr, aber ich bin kein Filmemacher, obwohl ich Filme gemacht habe. Einmal habe ich einen Film auf einem Fischmarkt in Tokio gedreht. Bei einem Vortrag, den ich hielt – als mir der holländische Architekturpreis verliehen wurde – lief der Film im Hintergrund. Mein Vortrag hatte nichts mit dem Film zu tun, die Leute haben den Film gesehen und mir dabei zugehört. Interessant dabei war, dass die Leute meinen Gedanken über Architektur folgten und gleichzeitig diesen Film über den japanischen Markt gesehen haben.

Und der Film hatte mit Architektur zu tun?

Mich haben dieser Raum, die Atmosphäre des Fischmarktes und die Geräusche der Menschen sehr fasziniert. Dort werden ganze Thunfische gefroren feilgeboten. Von außen sehen sie alle gleich aus – na gut, einer ist mal größer, der andere etwas kleiner –, aber eigentlich sehen sie alle gleich aus. Und doch kann der eine Fisch fünf Mal so teuer sein wie der andere. Um die Qualität der Fische zu testen, nehmen die Käufer – das sind richtige Experten – immer einen winzig kleinen Teil aus dem schwarzen Rumpf heraus und können dann an diesem Stückchen die Qualität des Fleisches erkennen. Ich finde diesen Ort unheimlich interessant. Der Film vermittelt viel von der Atmosphäre dieses Ortes. Der Unterschied zwischen Film und Architektur ist, dass man beim Zuschauen des Films passiv und den Experimenten des Filmemachers ausgeliefert ist, während man Architektur live erleben und sich dabei einem Kameramann ähnlich durch das Gebäude bewegen kann. Aber Film und Architektur können beide Geschichten erzählen.

Welchen Rat würden Sie der nachfolgenden Architekten- und Designergeneration geben?

Ich glaube, dass man als Architekt ein Autodidakt sein muss und jeden Tag daran denken sollte, ein Autodidakt zu sein. Architektur ist wie Sport: Um ein guter Fußballspieler zu sein, muss man den ganzen Tag trainieren. Es gibt nur sehr wenige Leute, die nicht viel trainieren brauchen. Mit nur acht Stunden Training am Tag kann man kein Architekt werden. Und ganz wichtig: Es sollte viel Spaß machen, jede Sekunde.

Vielen Dank für das Gespräch.
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