Zaha Hadid & Patrik Schumacher

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Text: Norman Kietzmann und May-Britt Frank, 06.06.2007


Zaha Hadid wurde 1950 in Bagdad geboren und zählt heute zu den bekanntesten und einflussreichsten Architekten der Gegenwart. Nachdem Sie ihr Studium 1977 an der Londoner Architectural Association beendet hatte, wurde sie Partner im Office for Metropolitain Architecture (OMA) von Rem Koolhaas und gründete schließlich 1987 ihr eigenes Studio mit Sitz in London. Erste Bekanntheit erlangte sie durch ihre Teilnahme an der von Philip Johnson und Mark Wigley 1988 im New Yorker Museum of Modern Art inszenierten Ausstellung „Deconstructivist Architecture“, bei der die damals neue Stilrichtung des Dekonstruktivismus erstmals einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Nach anfänglich eher zurückhaltender Auftragslage gelang ihr schließlich 1993 mit dem Feuerwehrhaus für Vitra in Weil am Rhein der internationale Durchbruch. Zu ihren seitdem realisierten Entwürfen zählen unter anderem das Phaeno Science Center in Wolfsburg, das BMW-Werk in Leipzig, eine Skischanze bei Innsbruck sowie das Contemporary Arts Center in Cincinnati. 2004 wurde Zaha Hadid als erste und bisher einzige Frau mit dem Pritzker-Preis, der weltweit höchsten Auszeichnung für Architektur, geehrt. Ihr Büro betreut heute zahlreiche Großprojekte rund um den Globus und engagiert sich zunehmend auch auf dem Gebiet des Designs. Wir trafen Zaha Hadid und ihren Büropartner Patrik Schumacher in Köln und sprachen mit ihnen über das Zusammenspiel von Architektur und Design, den spielerischen Umgang mit Raum und die Macht des Zufalls.

Frau Hadid, mit der dynamisch expressiven Formensprache ihrer Gebäude haben Sie sich weltweit einen Namen gemacht. Wie fühlt es sich an, auf dem Höhepunkt Ihrer Karriere zu sein?

Zaha Hadid: Ich versuche darüber nicht allzu viel nachzudenken. Ich gehe ja nicht jede Nacht mit dem Gedanken ins Bett: „Wow, ich bin eine sehr wichtige Architektin!“. Denn die tägliche Routine eines Architekten ist auch immer ein Stück seltsam. Wenn ich darüber nachdenke, muss ich vor allem feststellen, dass sich die Zeit und die langwierige Suche gelohnt haben, die ich in meine Arbeit investiert habe. Anfangs dachten ja viele, dass ich einer überaus sinnlosen Beschäftigung nachging. Aber jetzt im Nachhinein weiß ich, dass es die Anstrengungen wert war und wir im Laufe der Zeit einige sehr wertvolle Dinge entdeckt haben.

Können Sie eine Evolution in Ihrem Werk beschreiben?

Zaha Hadid: Nun ich denke, es gab sehr ähnliche Momente in den frühen Jahren, als der Fokus vor allem auf Zeichnung, Fragmentierung und Abstraktion lag. Anschließend ging es um das Vorantreiben von Ideen, woraus schließlich auch gebaute Architektur wurde. Auch ist die Organisation von Form viel flüssiger geworden. Es gab also weniger einen Wechsel als vielmehr eine Entwicklung über die letzten zehn bis fünfzehn Jahre.

Neben Ihren Projekten auf dem Gebiet der Architektur beschäftigen Sie sich immer stärker auch mit Design. Worin besteht dabei der Unterschied im Entwerfen eines Stuhls oder eines komplexen Gebäudes wie dem Phaeno Center in Wolfsburg?

Zaha Hadid: Die Projekte in der Architektur sind natürlich viel komplexer. Dennoch können Sie eine sehr ähnliche Idee zu einem Möbel und einem Gebäude haben. Der Schwerpunkt im Design liegt jedoch viel stärker auf der Art und Weise, wie die Dinge gemacht sind. Außerdem glaube ich, dass es heute im Design eine viel stärkere Verbindung zwischen Computer gestütztem Entwerfen und der Fabrikation gibt. Es ist faszinierend, wie die Industrie mittlerweile durch diese Technologien miteinander vernetzt ist. Für uns bedeutet dies, die Dinge viel schneller und direkter umsetzen zu können. Es eröffnet auch eine ganz andere Bandbreite an Ideen in Bezug auf Formen und Materialien.

Wie gehen Sie beim Finden der Formen vor. Steht schon vorab eine konkrete Idee oder entwickelt sie sich eher während des Prozesses?

Zaha Hadid: Es ist wie eine Art Ping Pong im Raum. Sicher, gibt es schon vorab eine Idee. Aber es kommt auch immer das dabei heraus, auf was wir zu jenem Zeitpunkt sehen, was gerade um uns herum passiert. Es ist also keine Isolation von unserer übrigen Arbeit sondern immer auch Teil der Untersuchungen, die wir gerade führen. Ich meine, manche denken ja, wir sitzen wie Künstler in einem Raum und haben irgendwelche verrückten Ideen, die jemand dann für uns umsetzt. Aber so funktioniert das nicht bei solch komplexen Projekten. Aber schön wäre es ja (lacht).

Sie betonen immer wieder, wie wichtig für Sie ein Entwerfen ohne festgelegtes Ziel erscheint. Sind Spiel und Zufall die entscheidenden Parameter in Ihrer Arbeit?

Zaha Hadid: Absolut, Entwerfen ist ein reines Spiel. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: vor zwei Jahren konzentrierte ich mich besonders auf ein sehr kleines Projekt in der Größe eines Apartments. Es ging darum, zu sehen, wie viele verschiedene Möglichkeiten sich in einem vorgegebenen Raum unter denselben Parametern ergeben können. Durch fast tägliches Wiederholen und Verändern kamen dabei ungefähr 700 Optionen heraus, und das auf einem unglaublich beschränkten Raum. Das gab uns eine ungefähre Vorstellung davon, wie man die Organisation eines Raumes interpretieren kann. Zwar sind die Möglichkeiten nicht unendlich, aber doch unglaublich vielseitig. Und stellen Sie sich vor, Sie übertragen dies auf einen viel größeren Maßstab wie etwa den einer Stadt. Das ist enorm und überaus spannend! Es ist, als wenn jemand intensiv auf dem Piano übt oder ein Wissenschaftler lange herumexperimentiert. Auf dem gleichen Level an Intensität vergrößert man dabei das eigene Repertoire auf immense Weise.

Aus dem Spiel folgt also die Erkenntnis?

Zaha Hadid: Ja, denn viele haben immer nur dieselbe Doktrin, arbeiten mit dem gleichen Diagramm. Wir machen sehr viele Diagramme, darum haben wir ein sehr großes Repertoire, nicht nur formal sondern auch in Bezug auf Organisation. Wenn ich das Apartment von jemandem betrete, dann wundere ich mich immer, warum sie nicht über all die unterschiedlichen Möglichkeiten nachgedacht haben, den Raum zu nutzen. Das gibt Ihnen mehr Übung und mehr Möglichkeiten und bringt Ihnen bei, Dinge anders zu machen.

Viele Ihrer Möbelentwürfe wirken wie Miniaturen Ihrer Gebäude. Doch wonach finden Sie die Form Ihrer Möbel? Ist es ein ergonomischer Aspekt oder doch eher ein emotionaler?

Zaha Hadid: Nein, es ist keine emotionale Entscheidung. Übrigens ist das eine typisch deutsche Sache, zu unterscheiden: Sind sie emotional oder rational? Wir arbeiten vielmehr an der Idee einer fließenden Landschaft. Es geht darum, dass Möbel nicht mehr als einzelne Objekte nebeneinander stehen, sondern man sich vom Stuhl zum Bett und von dort zum Sofa bewegen kann als wären sie ein großes durchgehendes Gebilde.

…Bei dem eine spezielle Form eine Bank oder ein Tisch sein kann. Die Funktion ist also nicht an ein festes Objekt und damit eine Form gebunden...

Zaha Hadid: Nun, Sie können nicht auf einem Tisch schlafen – Wobei (lächelt leicht verlegen), einige Leute in meinem Büro können auch auf dem Tisch schlafen. Nein, aber im Ernst, es hängt auch immer von den jeweiligen Kulturen ab, Dinge auf unterschiedliche Weise zu benutzen. Viele Leute mögen es heute, auf einem Futon nahe dem Boden zu schlafen, andere dagegen auf einem sehr hohen Bett. Es ging bei uns vor allem um die Idee, Möbel als Inseln im Raum zu platzieren anstatt wie sonst immer nur entlang der Wände. Sonst sieht man den Raum nur auf eine sehr beschränkte Weise.

Patrik Schumacher: Es stimmt, wenn Sie sagen, dass sich viele unserer Entwürfe von den streng typologischen Definitionen wie Beistelltisch, Sofa oder Esstisch unterscheiden. Diese Diagramme sind sehr streng und haben sich leider auch allzu fest auf das formale Repertoire an Gewohnheiten vieler Menschen übertragen. Wir spielen zunächst nur mit Formen und entwickeln dann aus den Resultaten eine Anzahl von unerwarteten Nutzungen. Es gibt daher etwas, auf das man steigen, sitzen oder auch liegen kann.

Wie stellen Sie sich den Raum vor, in dem Ihre Möbel zusammentreffen? Auf der Kölner Möbelmesse haben Sie ja Ihre Vorstellung eines „ideal houses“ präsentiert.

Zaha Hadid: Ich mag die Idee eines Hauses, das sehr offen und transparent ist. Es ist die Idee, Raum zu Bilden durch das Abtragen von Material, wie durch eine Erosion, die Löcher in einem großen Volumen hinterlässt. Schon vor einigen Jahren haben wir uns darum mit dem Abtragen von Form auseinander gesetzt. Es erlaubt dem Licht, tief in den Raum hinein zu scheinen. Das führte dazu, dass wir uns stärker mit Geologie, Archeologie und auch Topographie beschäftigen. Unsere Projekte sind daher stark von Landschaften beeinflusst und der Weise, wie die Erosion sie verändert.

Wie sieht das Leben in diesem Raum aus? Sind die organisch gekurvten Wände und Decken nicht manchmal allzu festgelegt und können nur schwer auf Veränderungen reagieren?

Patrik Schumacher: Nur weil es eine besondere Form ist, bedeutet es nicht, dass sie fix ist. Während des Designprozesses entwickeln wir unzählige Versionen davon, das ist ein Aspekt. Ein weiterer ist, dass die Evolution von Formen niemals vollständig ist. Bei den organischen Formen benutzen wir kaum Symmetrien, ebenso wenig den Ansatz von etwas Abgeschlossenen oder Fertigen. Man kann also immer etwas hinzufügen.

Zaha Hadid: Oder alles wieder rauswerfen. Es ist ja ein offener Raum, kein geschlossener. Ich denke, mit dem Privathaus von jemandem ist es so, dass man ihm niemals sagen kann, wie er darin zu leben hat. Man muss Möglichkeiten bieten, sie immer wieder zu verändern. Ein Stück Unvorhersehbarkeit und ein gewisses Maß an Flexibilität.

Heißt dies auch, die Grenzen des Raumes stärker in Frage zu stellen?

Zaha Hadid: Ich denke, wenn sich die Technologie noch weiter entwickelt, können irgendwann auch die Wände beweglich sein oder vielleicht auch die Küche oder das Bad. Sicher, die Anschlüsse und Leitungen sind nach wie vor das einzige festgelegte Element in einer Wohnung aber das muss nicht für immer so sein. Es gibt dann keine festgelegten Verortungen mehr. Sie können heute an der einen Stelle schlafen und morgen etwas ganz anderes dort tun. Ich denke, es hängt aber letztendlich von den Anforderungen der jeweiligen Person ab, von ihren eigenen Prioritäten. In den Siebziger Jahren haben die Leute in New York diese großen rohen Lofträume für sich entdeckt und lebten frei im Raum. Heute gibt es wieder mehr Unterteilungen.

In welche Richtung, denken Sie, wird sich die Architektur in Zukunft entwickeln?

Zaha Hadid: Nun, wir beschäftigen uns ja bereits seit einiger Zeit mit Fluidität. Ich denke, dies könnte bereits im Haus beginnen und sich dann durch ein immer größeres Interieur bewegen und schließlich einen fließenden Raum in der Stadt kreieren, der zwischen Innen und Außen liegt. Es könnte ein sehr öffentlicher und städtischer Bereich sein, der einer größeren Masse zugänglich wird. Das sind für mich sehr wichtige Ambitionen für die Stadt. Aber insgesamt zögere ich eher, über einen sehr langen Zeitraum hinaus zu planen. Denn ich habe gelernt, dass man die eigenen Prognosen an die Veränderungen und Wahrnehmung der jeweiligen Zeit anpassen sollte.

Vielen Dank für das Gespräch.
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