Ludloff + Ludloff

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Text: Cordula Vielhauer und Jasmin Jouhar, 03.12.2010


Seit ihrer Bürogründung im Jahr 2007 haben Ludloff + Ludloff bereits einige bemerkenswerte Projekte realisiert. Jens Ludloff, Jahrgang 1964, war vorher Geschäftsführer bei Sauerbruch Hutton Architects (Berlin/London). Laura Fogarasi-Ludloff, geboren 1967, arbeitete unter anderem bei Anderhalten, Chipperfield und Ortner + Ortner. Große Beachtung fand bereits ihr Haus FL in Berlin-Mitte, das mit dem Häuser-Award 2010 ausgezeichnet wurde. Für den Möbelhersteller Sedus entwarfen die beiden ein Forschungs- und Entwicklungszentrum in Dogern bei Waldshut. Der textil verkleidete Baukörper nimmt im Erdgeschoss eine Forschungswerkstatt auf, während sich darüber – belichtet durch ein umlaufendes Fensterband – Designer und Verwaltung einen großen Raum teilen. Er wird überspannt von einem gefalteten Dach, das so hoch ist, dass in seine Spitze noch ein Wolkenkuckucksheim hinein passt. Wir sprachen mit den Architekten über unsere Sehgewohnheiten, Überraschung und Irritation, Großraumbüros, Zelte, Höhlen und die richtige Akustik.

 
In Ihren Projekten spielen Sie gerne mit unseren Wahrnehmungsgewohnheiten. Womit überraschen Sie uns beim Forschungs- und Entwicklungszentrum von Sedus in Dogern?
 
Jens Ludloff: Wenn Sie sich dem Gebäude nähern, denken Sie vermutlich zunächst: Was steht denn da auf der Wiese? Ist das ein Pavillon? Oder ein Zelt? Von außen haben wir das Gebäude komplett in Textil gehüllt, dies nimmt dem Gebäude zunächst die Strenge, es entsteht eine „optische Leichtigkeit“. Diesen Effekt kennen Sie von der Reichsstagsverhüllung: Christo hatte es damals geschafft, dem Reichstagsbau die "geschichtliche Schwere" zu nehmen. Danach erst konnten die Deutschen und das Ausland damit leben, dass wieder deutsche Politik im Reichstag gemacht wird. Gleichzeitig steigert eine Verhüllung die Spannung, die spekulative  Erwartungshaltung, wie bei einem verpackten Geschenk. Dies schien uns für ein Zentrum zur Erforschung neuer Produkte eine passende Analogie.
Der Stoff entmaterialisiert das Gebäude in besonderer Weise, das liegt auch daran, dass die Bahnen einen gewissen Abstand zur eigentlichen Gebäudehülle haben. Die Kubatur erscheint dadurch semitransparent. Zudem steht das Haus genau am Übergang von einem Gewerbegebiet zum Ortsrand von Dogern, wo eine kleinteilige, fast analog zu nennende Struktur mit Sattel- und Walmdachhäusern zu finden ist. Hier schließt sich das Firmengrundstück von Sedus mit seinem riesigen Hochregallager unmittelbar an. Das sind ganz ungewohnte Maßstabssprünge. Es gibt wunderbare Fotos von Jan Bitter, auf denen man sieht, wie das Hochregallager in der Landschaft steht und jeden Maßstab zu verlieren scheint. Sauerbruch Hutton haben es so verkleidet, dass es zu einer bildhaften Erscheinung kommt, zu einer ganz dünnen Oberfläche, wie bei einem Gemälde. Und zwischen diesem „Gemälde in der Landschaft“ und der klassisch „analogen" Dorfrandstruktur haben wir das Forschungszentrum geplant. Da stellt sich natürlich die Frage, wie man sich zu diesen Polen verhält.
 
Und wie verhalten Sie sich?
 
Laura Fogarasi-Ludloff: Einerseits versuchen wir zu vermitteln, beispielsweise in der Höhe mit einem ansteigenden Dach. Andererseits spielt unser Haus mit einer Ambivalenz aus Vertrautheit und Fremdheit: Zunächst hat es dieses merkwürdig Zeltartige, dann wieder erinnert die Kubatur an ein gewöhnliches Satteldach. Damit verweisen wir auf die örtliche Architektur, wir befinden uns hier ja schon fast im Schwarzwald. Erst die Infragestellung unserer Sehgewohnheiten, die bewusste Irritation, lässt uns sensibel werden für räumliche Zusammenhänge, macht uns zugänglich für das Erleben, also die Raumwahrnehmung mit allen Sinnen. Eine ähnliche Vorgehensweise finden Sie auch bei unserem Haus FL, da gibt es eine Brüstung, die sich perspektivisch eigentlich verkürzen müsste, dies aber nicht tut, weil sie im Grundriss trapezförmig ist. Dieses Spiel mit Atmosphären, Farbräumen und perspektivischen Irritationen stellt unser „gelerntes Erleben“ in Frage. Wir wollen die Sinne schärfen, das ist es, was uns antreibt.

Wie bewegt man sich durch das Gebäude?

Ludloff: Betritt man das Gebäude durch die leichte, umhüllende Textilfassade, wird man im Foyer mit einer schweren, scharrierten Betonwand konfrontiert, deren verletzte Oberfläche einen bewussten Kontrast zum äußeren Erscheinungsbild des Gebäudes darstellt. In der rauen Oberfläche klingt der Lärm ihrer Bearbeitung nach. Erst hier wird bewusst, dass man sich nicht in einem leichten Pavillon befindet, sondern ein festes Haus betreten hat. Der leichte Kokon birgt einen massiven Kern. Realer als hier kann die Welt kaum sein, wo sich Oberfläche, Materialqualität und Erscheinungsbild zu entsprechen scheinen. Wobei der massive Sockel auch einen ganz banalen Grund hat: Im Erdgeschoss befindet sich einen großen Maschinenpark, den wir vor allem akustisch in den Griff bekommen mussten.
 
Fogarasi-Ludloff: Das Erdgeschoss bildet eine „Stuhlfabrik im Kleinen“ ab.
 
Ludloff: Wenn Sie nicht die Versuchslabore direkt aufsuchen, sondern als Besucher aus diesem fast „höhlenartigen“ Foyer die Treppe hinaufsteigen, gelangen Sie in einen Raum mit einer himmelblauen Decke, in der Sie die Faltung wieder erkennen, die Sie im Außenraum erlebt hatten. Dieses gefaltete Dach besteht aus einer leichten Holzkonstruktion. Das Dach wird als Baldachin empfunden. Der rote Fußboden unterstützt diesen Eindruck, weil das Obergeschoss dadurch wie ein Plateau erlebt wird. Wir zitieren also ganz unterschiedliche, grundsätzlich aber traditionelle, ja vielleicht sogar archaische Elemente: das Zelt, die Höhle. Dann steigen Sie auf das Plateau, auf dem die durchgängige Verglasung des Fensterbandes wie ein Landschaftsfries wirkt.
Mittig auf dem roten Kautschuk steht ein Gebäudekörper aus hellgrauem Textil, dessen Volumen sich nur schwer abschätzen lässt, da die bündig umspannten Textilflächen unterschiedliche Tiefen aufzuweisen scheinen.
Dieser Ausstellungs- und Veranstaltungsraum in der Mitte des Hauses, im Kern, besitzt ein über den Dachraum belichtetes Seitenoberlicht. Der Raum ist zweigeschossig. Hier spielen wir wieder mit der Erwartungshaltungen der Besucher: Man geht tiefer in das Gebäude hinein und erwartet, dass es dunkler wird. Das tritt aber nicht ein. Vielmehr wird es heller durch das diffuse, weiße Tageslicht von oben und den gekreideten, fast weißen Holzboden.
 
Der Kern ist hier auch wieder mit einer Textilmembran bespannt.
 
Fogarasi-Ludloff: Ja, damit zitieren wir uns gewissermaßen selber. Die Öffnung des Projektraums besteht aus drei kiemenartigen Flügeln, die auch zur großen Fläche des Raumes geöffnet werden können, wenn hier zum Beispiel Präsentationen stattfinden.
 
Ludloff: Es stellt sich wieder die Frage: Wie betritt man so einen Raum? Es gibt einen Stoffkern, die Türen sind ebenfalls mit Stoff bespannt. Diese drei Türen sind jedoch eher  „Kiemenöffnungen“: Wenn Sie eine Tür bewegen, bewegen sich die anderen mit, sie stehen immer parallel. Dieser Raum wird daher nicht so betreten wie ein Raum mit einer „richtigen“ Tür mit einem „richtigen“ Griff, die Sie zuschlagen können. Sie gehen hier wie durch einen Vorhang. Das macht die ganze Situation viel weicher. Ihre Aufmerksamkeit wird herausgefordert, Sie tauchen ein. Das beginnt schon vorher, wenn Sie von der Betontreppe auf den weichen Kautschukfußboden treten. Da merken Sie schon: Hier herrscht eine andere, viel ruhigere Atmosphäre. Dieses Empfinden wird auf der Schwelle zum Ausstellungsraum nochmals gesteigert.
 
Der textile Kern birgt auch eine kleine Treppe…
 
Ludloff: Ja, die Treppe führt in einen Dachraum, der zunächst die natürliche Belichtung des Projektraumes im ersten Obergeschoss sicherstellt. Der Dachraum – bei Sedus heißt er Denkraum – besitzt ausschliesslich ein Oberlichtband. Man kann nicht hinausschauen, hat aber dennoch natürliches Licht. So entsteht eine introvertierte Situation, in die sich die Designer zurückziehen können, wenn sie Konzentration und Ruhe wünschen.
 
Welche Rolle spielt die Akustik in Ihrer Architektur?
 
Ludloff: Der Großraum ist stark gedämpft. Diese Dämpfung steht wieder im Widerspruch zur Erwartung, denn der Raum hat einen sehr großen Luftraum. Sie erwarten – wie in einer Kirche –, dass es hallig ist. Das ist aber nicht so. Hier gibt es vielmehr einen riesigen Raum, dessen Nachhallzeit sehr reduziert ist. Das führt dazu, dass Sie nach Verlassen des bewusst wesentlich schallhärteren Foyers ein typisches Komfortgefühl erleben, das Sie aus Hotels kennen. Ein teures Hotel hat sehr dicke Teppiche, damit Sie das Gefühl haben, es ist alles wunderbar luxuriös. Stellen Sie sich ein teures Hotel vor mit einer harten Akustik; Sie würden sofort sagen: Was ist denn hier los? Ich will Rabatt! Und so ähnlich ist es auch hier – nur umgekehrt: Es gibt viele Erwartungshaltungen, die wir haben, die für uns selbstverständlich sind und derer wir uns nicht bewusst sind. Das Interessante für uns ist das Spiel mit der Erwartung und dem real Erlebten. Sie müssen natürlich bei einer starken Bedämpfung aufpassen, dass die übergreifende Sprachverständlichkeit nicht zu gross wird, daher arbeiteten wir von Beginn an mit Akustikern zusammen, mit denen wir den Raum richtig austarierten.
 
Die übrigen Arbeitsbereiche werden offen um den Kern herum organisiert. Kommen sich die verschiedenen Berufsgruppen – Einkäufer, Designer, Konstrukteure nicht in die Quere?

Ludloff: Nein, das ist eigentlich das Schöne: Es gibt einen Raum, da sitzen Designer, Konstrukteure und der Einkauf zusammen. Und im Erdgeschoss gibt es die Werkstätten, da sitzen Polsterer, Lackierer und Holzverarbeiter mit dem entsprechenden Maschinenpark und einer „Teststrecke“. Es war ja gerade die Idee von Sedus, diese „Kleinproduktion“ zusammenzufassen, um Synergieeffekte zu erzielen. Damit nicht die Einen wunderschöne Sachen entwerfen, die dann keiner verkaufen oder bezahlen kann. Deshalb haben wir als Architekten im wörtlichen Sinne alle „unter ein Dach“ gesetzt. Trotzdem sind die Ansprüche unterschiedlich, beispielsweise was die Bürotiefen angeht. Wenn wir Büroräume planen, denken wir auch immer verschiedene Tisch- und Möbelkonfigurationen mit. Designer haben allein von der Tischgröße her einen ganz anderen Bedarf als Einkäufer, die letztendlich nur einen klassischen Büroarbeitsplatz benötigen. Daher gibt es hier auch verschiedene Tiefen der Büros, während ganz vorne der Empfangsbereich und eine Bar angeordnet sind. In diesem Bereich werden auch Möbelneuheiten von Sedus präsentiert .
 
War denn dieses Großraumkonzept ein Wunsch von Sedus?
 
Ludloff: Ja, denn hier kann Sedus seine Möbel direkt dem Kunden präsentieren: So sehen unsere Möbel im Großraum aus – und so funktionieren sie. Doch wenn Sie diesen Raum mit einem Großraumbüro aus den sechziger Jahren vergleichen, ist etwas ganz anderes entstanden. Nicht eine neutrale Fläche mit tausend Quadratmetern stand im Vordergrund, vielmehr ein fließendes, seine Qualitäten veränderndes Raumkontinium.

Es gibt hier ja auch ganz unterschiedliche Bereiche, bedingt durch die Grundrissform und den eingestellten Kern.
 
Fogarasi-Ludloff: Ja, dieses Großraumbüro hat sehr intime Zonen. Das liegt auch an dem alles überspannenden Dach, das unterschiedliche Traufhöhen ausbildet. Diese Konstruktion erzeugt im Innenraum verschiedene Scheinperspektiven, die Raumteile optisch strecken oder verkürzen. Der blaue Himmelsfarbton unterstützt die nur schwer fassbare Weite des Deckenraumes. Beim klassischen Großraumbüro ging man ganz anders an die Planung heran. Da hatte man eine relativ neutrale Fläche, die man bespielen musste. Wir glauben, dies ist genau der Fehler, den man nicht machen darf. Es geht nicht darum, mit Uniformität maximale Flexibilität zu erzeugen, sondern um einzelne Situationen. Das Obergeschoss in Dogern ist ja gerade aufgrund seiner vielen verschiedenen räumlichen Situationen so flexibel bespielbar und gleichzeitig „individuell".

Vielen Dank für das Gespräch.

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